Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 110 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 6 ihm nachsagte, er habe sich im cbambre separes mitder„Aschanti" unterhalten, weil es erwiesen sei, daß er die Maskenbälle bei Wimberger besuchte und hiebei der unvermeidlichen Berührung mit Damen von zweifelhaftem Rufe sich aussetzte. Herr Gregorig fteilich rief pathetisch aus: „Mit Russen verkehrt ein Gregorig nicht", und sein Freund Purschr erklärte feierlich: Gr eg orig ist ein Ehrenmann. Zum Danke dafür wurde wieder Purscht von Gregorig zum Ehrenmann ernannt. Sie sind ja lauter Ehrenmänner, die Parteihäuptlinge der christlich-socialen Gilde, die Catone und Sittenrichter von Wien, die Repräsentanten arischer Bürgertugend. Wie sagte so schön und bezeichnend Herr Gregorig? „Waih geschrieen!" Herr Wimberger sollte sich das nicht entgehen lassen, wenn er seinen Maskenbällen erhöhte Anziehungskraft verleihen will. Ein antisemitisches Preismauscheln unter Mitwirkung von Reichsraths- und Landtagsabgeordneten und Gemeinderäthen der Stadt Wien wäre eine zugkräftige Nummer seines Vergnügungsprogramms, ein Bildungsmittel für die christlich-sociale Bevölkerung und ein anregendes Vergnügen für gut situirte Damen. Robert Wolf. Die spanisch-portugiesische Gemeinde in London gegen den Zionismus. London. Sehr viel Aufsehen macht die letzte Versammlung der Elders der spanisch-portugiesischen Synagoge, während sonst die Versammlungen dieser Körperschaft selten von der Oeffentlichkeit bemerkt werden. Aber der Zionismus stört selbst die Ruhe dieser würdigen Körperschaft und lenkt die Aufmerksamkeit auf dieselbe. Die Haltung des Dr. Gaster, des Chachams dieser Gemeinde, der so oft als Vertreter des Zionismus öffentlich aufgetreten ist, hat vielfach den Eindruck hervorgerufen, als wären alle spanischen Juden in England dem Zionismus geneigt. Diese Täuschung hat nun die letzte Sitzung der „Elders" zerstört, denn in derselben wurde mit Dreiviertel-Majorität unter Ablehnung aller milderen Fassungen ein Beschluß angenommen, der folgenden Wortlaut hat: „Da die öffentliche Thätigkeit des Chacham Dr. Gaster in Bezug auf den politischen Zionismus direct der Auffassung und den Ansichten der Aeltesten widerspricht, so werden die Herren vom Machamad gebeten und bevollmächtigt. sich mit Dr. Gaster hierüber in Verbindung zu setzen und ihn mit der nöthigen Achtung zu bitten, daß er sich den Wünschen der „Elders" anbequeme und in Zukunft sich nicht weiter öffentlich an der zionistischen Agitation betheilige, oder doch wenigstens in jedem Fall, wenn er öffentlich auftritt, constatire, daß er nur seine persönlichen Ansichten ausspreche und nicht die der spanisch-portugiesischen Gemeinde, deren geistlicher Chef er ist." Man darf gespannt sein, in welcher Weise sich Dr. Gaster mit dieser Resolution abfinden wird, ob er auf seine führende Stellung in der zionistischen Bewegung Englands verzichten oder dieselbe trotz dieses Beschlusses beibehalten wird. Dr. Max Nordau in Köln. Dr. Max Nordau hielt jüngst in K ö l n seinen Vortrag, in dem er Propaganda für den Z i o n i s m u s macht. Daran schloß sich eine Discuffion, aus der wir — der „Köln. Zeitung" vom 31. Jänner folgend — nachstehende Ausführungen wicdergeben: „Es war vorauszusehen, daß Nordau's kritische Ausführungen, die auf rheinische Verhältnisse nicht durchweg paffen, in der Hauptstadt der Rheinlande eine entschiedene Abweisung erfahren würden. Und diese wurde ihm denn auch unter den verschiedensten Begründungen von mehreren Rednern zutheil. Reichstagsabgeordneter Dr. Mannheim hielt ihm entgegen, daß die deutschen Juden sich mühsam ihre staatsbürgerlichen Rechte erkämpft hätten und mit Leib und Seele Glieder des deutschen Vaterlandes seien, das sie mit erstreiten halfen und das sie sich nicht rauben lassen wollten, worauf Nordau allerdings entgegnete, daß der Zionismus auch Jedem sein Vaterland lasten, dagegen Denjenigen, die ein solches nicht hätten, weil man es ihnen nicht zu besitzen gestatte, ein Vaterland verschaffen wolle; und da handle es sich um acht Millionen Juden. Dr. Med. Apfel erklärte als Kenner der hiesigen jüdischen Gemeinde, daß diese in ihrer überwiegenden Mehrheit dem Zionismus, in dem sie eine Utopie erblickt, ablehnend gegenüberstehe. Sie habe stets eine offene Hand für die bedrängten Glaubensgenossen im Auslände gehabt und einen blühenden und thatkräftig wirkenden Kolonisations-Verein zur Förderung der jüdischen Ansiedlungen in Palästina begründet; eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina nach den falschen Messias-Ideen des Zionismus zu begründen, erscheine unmöglich, denn die Türkei werde einen solchen Staat im Staate nicht dulden, und überdies bestehe noch nicht einmal eine Garantie für den dauernden politischen Bestand der Türkei. Die deutschen Juden aber besäßen eine rechtlich gesicherte Heimstätte. Der Antisemitismus habe ihnen zwar trübe Stunden bereitet, ihn, den Redner, aber nicht gegen sein deutsches Vaterland verbittert. Auch diese Bewegung werde verschwinden, je mehr die Juden in die Verhältnisse ihres deutschen Vaterlandes hineinwüchsen und vollen Antheil an dessen Cultur nähmen. Es waren also im Wesentlichen drei Gesichtspunkte, die die Gegner des Zionismus gegen diesen vorbrachten. Abgesehen davon, daß sie seine Ziele für eine Utopie halten, wollen sie das Schwergewicht darauf gelegt wissen, daß die deutschen Juden in Deutschland, das ihr Vaterland sei, mitthaten und mitrathen sollten; hier sollten sie Mitarbeiten und hier lägen ihre Aufgaben, nicht aber in Palästina, und statt dorthin ihr Interesse zu richten, sollten sie lieber beweisen, daß siezuer st Deutsche und dann, erst Juden seie n." Adolphe d'Errrrery. Hochbetagt, in einem Alter von 88 Jahren, ist vor einigen Tagen in Paris Adolphe d'E n n e r y, einer der fruchtbarsten dramatischen Schriftsteller Frankreichs, zu Grabe getragen worden. D'E n n e r y, dessen Name weit über die Grenzen Frankreichs bekannt ist, stammte, was wohl Wenigen bekannt sein wird, von jüdischen Eltern. Er wurde 1811 in der Rue du Temple zu Paris geboren. Sein Vater Jakob Philipp und seine Mutter Gittel (französisch Guitton) waren aus Ennery im Moseldepartement nach Paris gekommen und besaßen daselbst ein kleines Geschäft. Auch der junge Adolphe, dem seine Eltern trotz ihrer Armuth eine ausgezeichnete Erziehung zutheil werden ließen, sollte sich dem Handelsstande widmen. Das behagte dem etwas phantastisch angelegten Jüngling nicht; er wurde zuerst Maler, dann Journalist, schließlich Dramatiker. Als Theaterschriftsteller (es wurden über 200 Werke von ihm aufgeführt) war er sehr erfolgreich. Am bekanntesten sind von seinen Dramen geworden: „Marie Anna, das Weib aus dem Volke", das auch am Hofburgtheater gegeben wurde, ferner die Sensationsstücke „Die beiden Waisen", „Die Reise um die Erde in 80 Tagen" u. s. w. Auch als Opernlibrettist war er sehr beliebt. Die namhaftesten Componisten Frankreichs bewarben sich um Textbücher von seiner Feder. Seine besten Operntexte sind: „Wenn ich ein König wäre" (Musik von Adam), „Faust" (Gounod), „Tribut von Zamora" (Gounod), „David" (Massenet). D'Ennery hat sich mit seinen dramatischen Arbeiten ein großes Vermögen erworben; man schätzt dasselbe auf 10 Millionen Francs. Ein schönes Zeichen echt jüdischen Wohlthätigkeitssinnes bietet sein Testament, in welchem er seine herrliche Villa in Antibes zu einem Hospiz für alte Theaterdichter und Schauspieler bestimmt hat. Unwillkürlich erinnert man sich an die Affaire des deutschen Dichters Conrad M eher, der kürzlich mit Hinterlassung eines großen Vermögens gestorben ist. — Erkläret mir, Gras Bergani-Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! a. n. Octave Mirbeau, einer der feinsten Geister Frankreichs, der Mitstreiter Zola's, hat von den Antisemiten wiederholt den Vorwurf hören müssen, er sei selbst früher Antisemit gewesen. Er antwortet darauf in der „Furore" vom 15. November mit einer vortrefflichen Auseinandersetzung, aus der folgende interessante Sätze mitgetheilt seien: „Jawohl, ich habe die Juden v rabscheut und diesem Geist in den „Grimaces“ Ausdruck gegeben. Man verstehe mich wohl! Ich kam damals aus der Redaction des „Gaulois“, welche damals Arthur Meyer leitete, wie noch heute. Wie wäre es möglich gewesen — ich wende mich an alle temperamentvollen Herzen —, daß der tägliche Umgang mit Arthur Meyer mir andere Gefühle hätte einflößen können? Man wird zugeben, daß nichts natürlicher, berechtigter und psychologisch verständlicher ist. Obgleich er zuweilen reizend war, hat Arthur Meyer dennoch eine besondere Befähigung, den Antisemitismus wachzurufen. Es lebt in ihm eine solche Kraft der Propaganda für denselben, daß er persönlich dieser Kraft nicht mehr entschlüpfen konnte. Es dürfte rührend und komisch zugleich sein, zu denken, daß in Folge einer heftigen Gefühlsreaction gegen sich selbst Arthur Meyer der heftige Antisemit geworden ist, als den man ihn kennt. Ist es da nicht verständlich, daß ich es auch wurde?.Mein Unrecht, das