Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 JPr. Vloch's Wochenschrift Sette 109 die Massen aus ihrer Lethargie, zog sie hinauf an das geistige Licht, pflanzte in ihre Brust das Berständniß für Fortschritt und Freiheit und zeigte ihnen den Weg zur Erlösung durch die eigene That. Und hat man sie auch verspottet, verachten durfte man sie nicht. So war es einst. Ich sehne mich zurück nach jenen Zeiten. Denn heute? Meine Feder sträubt sich, Alles niederzuschreiben. Der Zionismus befindet sich in einer schweren Krise. Wann werden sich endlich alle ehrlichen und unabhängigen Zionisten ermannen, dem jetzigen Stadium, das schon allzulange dauert, ein Ende zu machen? Die neueste „Wahlreform" ist für sie eine so unerhörte Provocation, daß ihnen aus dem inneren Conflict, den sie jetzt durchmachen, nur ein Ausweg übrig bleibt: nicht zu schweigen, sondern zu sprechen und zu handeln. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Vergarrismus einer Sparcasse. — Lauter Arier. — Die Justiz der Straße. — Preismauscheln bei Wimberger.) Die geschichtliche Mission, die der Antisemitismus zu erfüllen berufen ist, besteht augenscheinlich darin, bei allen Lumpereien, die groß genug angelegt sind, um nicht blos bei den Zeitgenossen Aufsehen zu machen, sondern ihren Eindruck und ihr Andenken auch auf die Nachwelt zu überliefern, die Mauer zu machen. Diese Mission erfüllt er in Frankreich in der beispiellosen und in der Geschichte des Rechtes noch niemals dagewesenen Campagne der politischen Agitation gegen die Justiz, und er erfüllt sie soeben mit verblüffender Schamlosigkeit in Galizien anläßlich der stattgefundenen Verschleppung von Millionen aus der galizischen Sparcasse. Der kleine Mann ist das mouopolisirte Rettungsobject des „wirthschaftlichen" Antisemitismus, uud die Leute, die der Galizischen Sparcasse ihre Einlagen anvertrauten, das waren fast durchwegs kleine Männer. Es sind zumeist galizische Bauern, welche man den Juden als den gefährlichsten Feind betrachten lehrte, den man gelegentlich auch plündern darf, den Juden, der sie ausbeuten und ihr Hab und Gut ergattern will. Die Herren von der Galizischen Sparcasse sind durchwegs Arier, der Generaldirector, der die Millionen ohne jede Sicherstellung an seine Freunde von der Schlachta hergab, die Naphtaspeculanten, Allen voran der große Parlamentarier Szcepanowski, die den Director zu immer neuer Creditgewährung uöthigten, weil sonst das Kartenhaus schon früher zusammengebrochen wäre, die Beamten, darunter der eigene Sohn des Generaldirectors, deren Wechsel und Bons in den Cassen der Sparkassen anstatt des baaren Geldes gefunden wurden, und schließlich jener wahrhaft kleine Mann, der bei Gericht einen reinen Manifestationseid ablegte, daß er nichts besitze, von der galizischen Sparcasse aber doch 80.000 fl. geborgt erhielt. Mit dem Generaldirector Zima hat „unser" Bergani eine gewisse Aehnlichkeit; nämlich Herr Zima ist ebenfalls Ehrenbürger. Im Uebrigen ist Bergani Herrn Zima gegenüber wirklich ein kleiner Mann. Was ist eine Mühldorfer Gemeindeobligation im Nominalbeträge von 100 fl. gegenüber sieben Millionen Gulden, gleich 70.000 Mühldorfer Gemeindeobligationen? Allerdings hat Vergani die eine kleine Obligation sich selbst „geliehen", während der galizische Generaldirector das Geld anderen Leuten borgte und im Vergleich zu Vergani eigentlich noch als uneigennütziger Ehrenmann dasteht. Als die Gerüchte von den Unterschleifen bei der Sparcasse in's Publicum drangen und ein Run auf die Cassen des Instituts entstand, da war es die antisemitische Presse, Allen voran das Blatt des Mühldorfer Defraudanten, welche die entstandene Beunruhigung der Einleger auf ein Manöver der Juden zurückführte, in der Absicht veranstaltet, den geängstigten dummen Bauern ihre Sparcassebücher zu einem billigen Preise abzulisten. Das Blatt des Herrn Szcepanowski, „Slowo Polskie", verwandelte sich schleunigst in ein Antisemitenblatt und denuncirte die Juden als Betrüger, welche die Verleumdung der mustergiltig verwalteten Sparcasse geschäftlich fructificiren wollen. Diese Hetze wurde von den galizischen und von den Wiener Antisemiten so lange betrieben, bis sich die geschehene Verganisirung der galizischen Sparcasse mcht länger vertuschen ließ, und bis es klar zu Tage lag, daß die SpareinlagenvoneinerGesellschast arischer und adeliger Strauchritter zu waghalsigen Speculationen verwendet worden waren. Nunmehr kann man freilich den unverhüllbaren finanziellen Scandal nicht mehr zur weiteren Fortsetzung der Judenhetze verwerthen, aber die Lügen, durch welche man mittlerweile den Haß gegen die Juden gesteigert hatte, wurden selbstverständlich nicht mit einem Worte widerrufen, und nur deshalb muß ausdrücklich festgestellt werden, daß die Gaunereien bei der galizischen Sparcasse ausschließlich von Glaubens- und Gesinnungsgenossen Vergani's begangen worden sind und daß aus diesem Anlasse gegen die Juden gehetzt worden ist, um die geschehenen Unredlichkeiten, wenn möglich, zu vertuschen. * * * Nach allen officiellen Kundgebungen des französischen Cassationshofes war es zweifellos, daß die Strafkammer bereits von der Schuldlosigkeit des Capitäus Dreyfus, zum Mindesten aber von der ungesetzlichen und beweislosen Berurtheilung des Unglücklichen vollständig überzeugt war. Mittlerweile ist bekanntlich ein Mitglied des Obersten Gerichtshofes, Herr Quesnay de Beaurepaire, unter die antisemitischen Journalisten gegangen und hat gegen seine Collegen von der Strafkammer die infamirendsten Beschuldigungen in die Oeffentlichkeit geschleudert. Abermals soll die Rechtssache der Entscheidung durch den zuständigen Richter entzogen und in die politische Arena gezerrt werden. Die Regierung brachte einen Gesetzentwurf ein, durch welchen nicht mehr die nach denk geltenden Gesetze conrpetente Strafkammer, sondern die Plenarversammlung des Cassationshofes über jedes Revisiousbegehren, also auch schon über die Revision des Processes Dreyfus entscheiden wird. Zur Erledigung der Affaire sollte also ein Gerichtshof ad hoc gebildet werden. Die Berathung über diesen Gesetzentwurf wurde einem Ausschuß überwiesen und diesem wurden auch die Acten über die Disciplinaruntersuchung vorgelegt, welche gegen die durch Beaurepaire verdächtigten Mitglieder der Strafkammer eingeleitet worden war. Mittlerweile war auch diese Disciplinaruntersuchung Gegenstand einer publicistischen Campagne, an deren Spitze der nunmehrige antisemitische Journalist Beaurepaire stand, und dieser wagte u. A. gegen die Richter vom Cassationshofe die unerhörte Anschuldigung, daß sie einzelne Aussagen dem Vertreter einer auswärtigen Macht mitgetheilt haben. Nun ist aber ein neuer Zwischenfall eingetreten, aus dem abermals die vollständige Nichtigkeit aller von Beaurepaire vorgebrachten Behauptungen hervorgeht. Der Revisionsausschuß hat mit neun gegen zwei Stimmen sich gegen den Gesetzentwurf auf Abänderung des Revisionsverfahrens ausgesprochen uud gleichzeitig beischlossen, den Bericht über das Disciplinarverfahren gegen die Mitglieder des Verfahrens vollständig zu veröffentlichen. Was geht aus diesen Thatsachen hervor? Daß der Ausschuß die Gründe, welche zur Einbringung des Gesetzentwurfes hätten Anlaß geben können, nicht für stichhältig ansieht, daß gegen die Vertrauenswürdigkeir und Gerechtigkeit der Strafkammer kein Bedenken obwaltet und daß daher eine Aenderung der gesetzlichen Institution, von den Personen ganz abgesehen, unstatthaft erscheine. Welches Armuthszeugniß würde sich die Republik auch durch das Geständniß ausstellen, daß sie über keine Instanz verfügt, welcher sie die gerechte Entscheidung einer Sache beruhigt anvertrauen kann? Immer wieder tritt in der Affaire Dreyfus die Erscheinung zu Tage, daß das Urtheil getrübt wird, wenn der Fall den Gegenstand der öffentlichen und leidenschaftlichen Agitation bildet, und daß es immer wieder zur Nothwendigkeit der regelmäßigen und ordentlichen Revision zurückkehrt und die Ueberzeugung gewinnt, daß an Dreyfus ein Unrecht begangen wurde, sei es durch die Berurtheilung überhaupt, sei es durch die hiebei vorgekommenen Gesetzwidrigkeiten des Verfahrens, so oft die Acten unbeeinflußt durch den Lärm der Straße einer gewissenhaften und unabhängigen Prüfung unterzogen werden. * * * „Wai geschrieen!" rief Herr Gregorig aus, als der Vertheidiger der „Aschanti" den Nachweis führte, daß Herr Gregorig in einem mit zufälligen Vorhängen ausgestatteten Chambre aeparee beim Maskenball im Etablissement Wimberger in Gesellschaft einer zweifelhaften Dame weilte. Herr Gregorig meinte fteilich, es sei eine anständige Dame gewesen, und ein sachverständiger Kellner des sittenstrengen Herrn Wimberger, in dessen Hotel einzelne Zimmer oft für wenige schwache Stunden vermiethet werden, meinte, eine gut situirte Dame. Darin darf man wohl mit dem Vertheidiger übereinstimmen, daß es keine Sternkreuzordensdame war, und auch der Richter war dieser Ansicht, indem er in den Urtheilsgründen sagte, Herr Gregorig könne nicht dadurch sich beleidigt fühlen, daß man