Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 108 Vr. »loch', Wochrnschrifl Nr. 6 Die „Federation" ist mit keinem coutinentalen Verein liirt, sie ist lediglich zu Befehl des Wiener Countys. Sie hat sich auch redlich bemüht, einzelne Ortsgruppen von der Association loszulösen; doch nur mit sehr wenig Erfolg. Wenn wir die Namen der wenigen Vereine, die sich der Federation angeschlossen haben, lesen, so erfahren wir, wie gering die Unterstützung ist, die sie findet: Vereine mit hochtrabenden Namen, von denen die meisten kaum ein Dutzend Mitglieder zählen. Und welche Propaganda wird da nicht angewendet! Massen-Meetings, Delegirten-Consereuzen, Diners u. s. w. Die Stellung, die wir gegenüber dem Herzliauismus und der Federation einnehmen, wird lediglich durch unsere z i o n i st i s ch e Gesinnung bestimmt. Wir haben sofort eingesehen, daß die Wiener Taktik zu keinem Resultate führen kann; die Federation scheint dies auch selbst jetzt einzusehen. So hat jetzt der Vorsitzende des Organisations- Comites der Federation die Anregung zum Ankäufe der Maccabäer-Gräber gegeben. Gräber sind wohl ein schlechtes Ding für den Anfang. Vielleicht wird es gut sein, darin auch die größten Versprechungen, die gemacht, die falschen Hoffnungen, die in den armen Massen erregt wurden, das Siebenstern-Banner und den Siebenstundentag zu begraben, dann auch den Ansturm auf die Cultusgemeinden und die verheißene Emigration von Hunderttausenden. Inzwischen aber versucht es unser Pariser Comite, eine Aufhebung des Jmigrations- und des Landesankaufs-Verbotes in Palästina bei der türkischen Regierung durchzusetzen, damit unseren Brüdern, wie cs früher der Fall war, das Recht auf freien Eintritt und Bodenerwerb gewährt bleibe." Josef Prag. Die neueste..Wahlreform". Von einenr Zionisten. Bor mehreren Monaten ist bereits an dieser Stelle der Verlauf des zweiten Basler Congresses geschildert worden. Mit innerer Wehmuth mußte es selbst jeder Zionist zugeben, daß die Leitung dieses Congresses eine ganz willkürliche, allen parlamentarischen Gewohnheiten hohnsprechende war. Auf freiem Schweizer Boden wurde ein neuer Geßlerhut aufgerichtet, und wer sich nicht bücken wollte, wer sich seine freie Meinung und sein unabhängiges Urtheil wahrte, wurde vergewaltigt. Nur eine kleine Schaar hielt Stand. Und sie fällt schwer in's Gewicht. Wenn einmal die Geschichte über den zweiten Congreß urtheilen wird, über das Verhältniß zwischen dem, was dort an oratorischem Feuerwerk, und dem, was an T h a t e n geleistet wurde, so wird sie Derer gedenken, die, weil sie lediglich das Wohl und Ansehen ihres Volkes im Auge hatten, den Muth fanden, in dem schwülen Dunst des Weihrauchs den volksverdummenden autokratischen Gelüsten entgegenzutreten. Sie haben momentan wenig ausgerichtet. Aber sie haben zum Nachdenken angeregt. Die Delegirten und ihre Wähler wurden darauf aufmerksam gemacht, daß sich innerhalb des Zionismus, der ja gerade an die Toleranz seiner Gegner appellirt, ein System der Intoleranz, der Unduldsamkeit, ja sogar der Proscription etablire, das die Reinheit der zionistischen Idee beflecke, daß an Stelle dieser schönen Idee ein widerwärtiger Personencultus getreten ist, der die zionistische Bewegung in den Augen aller vernünftigen, rechtdenkenden Menschen diffamiren muß. Von den intelligenten Zionisten haben sich auch wenige dieser Einsicht verschlosien. Wir sprechen nicht von den Satten, denen nur Ehrenstellen mangeln, auch nicht von Jenen, die — es sind darunter selbst r o t h e Elemente — im Zionismus eine Versorgung sehen, solches Pack schleppen ja alle Parteien mit, sondern von den unabhängigen Männern, die thatsächlich selbstlos, opferwillig und mit Hintansetzung persönlicher Jntereffen nach bestem Wissen und Gewissen für ihre Idee wirken wollen. Und unter diesen Männern mußte angesichts der oberwähnten Parteiverhältnisse eine Gährung entstehen. Aus freien Männern, die sich seit Jahren mit allen geistigen und ökonomischen Mitteln in den Dienst ihres Programmes gestellt haben, sollten sie plötzlich zu blinden Werkzeugen im Dienste eines Mannes werden, der obendrein seine Mittel und Wege hinter einem Schleier von „diplomatischen" Redensarten verbarg. Es mußte also kommen, daß sich gerade die unabhängigsten, fähigsten und eifrigsten Zionisten, die schon lange vor dem „Judenstaat" für die zionistische Idee gekämpft haben, mit der Zeit in eine oppositionelle Stellung gedrängt sehen, und die Parteileitung erachtet es als ihre Aufgabe, diesen Männern den Zugang zum Congresse zu versperren. Auf dem zweiten Congreß hat man sie am Sprechen verhindert, und nachträglich im Leiborgane Herzl's als „Uebelwollende oder Scheinfreunde", ihr Vorgehen als „Böswilligkeit und absichtliche Störung" denuncirt. Nun ist allerdings zu befürchten, daß nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge auch der nächste Congreß von solchen „Uebelwollenden oder Scheinfreunden" nicht verschont bleiben wird. Es ist sogar wahrscheinlich, daß ihre Zahl sehr groß sein wird und sie auch Mittel finden werden, sich Redefreiheit zu erzwingen und damit in den Congreß einen Zug nüchterner Erwägung und praktischer Arbeitslust zu bringen, damit der Congreß der wahre Ausdruck der Gesinnungen in der zionistischen Partei werde. Herr Dr. Herzl scheint dies zu fürchten, er greift daher zu einem radicalen Mittel, er will die unbequemen Parteigenossen gar nicht zulassen. Am zweiten Congreß hat er mit Hilfe der „Geschäftsordnung" die Redefreiheit unterbunden; zum dritten Congreß will er die Wahlen — „resormiren". Wie alle Beschlüsse beider Congresse, so ist auch das Organisationsstatut äußerst dürftig und lückenhaft. Sein Rahmen ist recht weit gezogen, damit eben innerhalb desselben das Actions-Comitö, rücksichtlich der Präsident — die anderen Mitglieder haben ja nicht die böse Gewohnheit zu widersprechen, — ganz nach eigenem Ermessen schalten und walten kann, Darum finden wir auch im Statut gar keine Bestimmung über den Wahlmodus der Delegirten. Die Art der Zusammensetzung des Congresses hat sich das Actions-Comits arrogirt. Vor dem zweiten Congreß wurde auch in gebräuchlicher Form gewählt. Die Schekelzahler eines bestimmten Ortes oder Bezirkes hatten sich zu einer, vom Vertrauensmann des Actions-Comitßs bestimmten Zeit zu versammeln und den Delegirten zu wählen. Diese Vertrauensmänner, eine Art von Regierungscommissären, hatten aber die Aufgabe, nach Möglichkeit nur „verläßliche" Genossen zu poussiren. Das Actions-Comite hatte eine solche Regierungscandidaten-Liste in Bereitschaft, und im „Parteiblatt" wurde aufgefordert, sich wegen der Namen der Candidaten beim Actions-Comits Rath zu holen. Und trotzdem kam doch eine Schaar von „Unverläßlichen" in den Congreß. Diese Wahlreform taugt also nichts; das muß anders gemacht werden. Das Ende Jänner in Wien versammelte große Actions-Comits hat sich damit beschäftigt. Und es hat, wie das. „Parteiblatt" selbst ankündigt, eine „Wahlrefornl" beschlossen. Man würde glauben, daß in einer solchen Frage auch der Congreß selbst dreinzureoen hätte, umsomehr, als am zweiten Congreß über Antrag des Dr. Boden heim er ein neuer Organisationsentwurf ausgearbeitet und nur wegen Zeitmangel die Beschlußfassung darüber dem nächsten Congreß Vorbehalten wurde. Aber darum kümmerte sich Herr Dr. Herzl nicht; er will schon diesen Congreß so haben, wie er ihn braucht. Er verletzt die Privilegien des Congresses und beschließt selbst die neue Organisation, um dann aus Grund derselben die nächsten Wahlen machen zu können. So weit Nachrichten über diese „Wahlreform" in die Oeffentlichkeit dringen, wird sie eine ganz neue Specialität im öffentlichen Leben sein. Es soll nämlich jeder Schekelzahler seinen ausgefüllten Wahlzettel an das Landes-Comits schicken, welches wieder alle Wahlzettel seines Rayons an das Bureau nach Basel sendet. Dort erst findet das Scrutinium und die Feststellung des gewählten Delegirten statt. Natürlich geschieht dies „zur Sicherung der Wahlen gegen etwaige Mißbräuche und Fälschungen" (von wessen Seite?) und damit der Congreß „eine aufrichtige Vertretung der Zionisten" sei. Höher geht's nimmer. * * * Die Zeilen, die ich niedergeschrieben habe, sind der Ausdruck langer Beobachtung, tiefer Erwägung und eines schweren Entschlusses. Was ich sage, durfte ich nicht länger unterdrücken. Die zionistische Partei war einst klein und unansehnlich, aber rein, makellos, getrieben von einem mächtigen Drang nach Freiheit und getragen von einem großen, ethischen Schwung. Mochte sie ihr letztes Ziel verwirklichen oder nicht, sie erweckte ismasB»MjaflagssBSBHS8S