Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 5 ü*r. Vloch's Wochenschrifl veite 103 W i e d e n s k i - Sie wollen doch nicht Ihr ganzes Leben hier znbringen? Malta: Mein Leben könnte von kürzerer Dauer sein, als Sie glauben. W i e d e n s k i: Jeder Mensch bildet sich ein, daß er nie sterben wird, darum sollten auch Sie sich das Leben für eine längere Dauer einrichten. Ich will Ihnen dabei behilflich sein. Wir miethen eine Wohnung, veranstalten Abende, Unterhaltungen ... M a l k a (steht sich in ihren Winkel zurück. Sie zündet ein Licht all und beginnt ein Buch zu lesen.) Wiede n s k i: Sie wollen mir also gar nicht zuhören? Schade. Sie haben gar keinen jüdischen Typus und es würde Niemand glanben, daß Sie überhaupt eine Jüdin sind. Sie schauen so wie andere Menschen aus, so wie wir Alle. Malka: Sind Sie denn kein Jude? Wiedenski: Was fällt Ihnen ein? Ich, Kolumna Wiedens ki, ein Schlachziz von uraltem Adel, noch aus den Zeiten Lokieteks! Meine Urgroßmutter war vom Hause eine Fürstin Czärloryska und eine Wiedenska war sogar mit Manuel, dem Fürsten von Venedig, verheiratet. 5. Scene. Vorige, Jenta. I e n t a (eine junge Jüdin, trägt allerhand alte Kleider mit sich. Beim Anblick des Wiedenski ruft sie freudig ans): Moische, was is Du es? W i e d e u s k i (springt (entsetzt auf, läßt Hut und Stock fallen). Jenta: Moische, e so a feiner Pnriz ist ans Dir geworden! Ich Hab' Dich sofort erkannt. Du und Dein Bruder, mein lumpiger Mann, seid so ähnlich wie zwei Tropfen Wasser. W i e d e n s k i: Was will denn das verrückte Weib von mir haben? Jenta: Wie heißt Moische, Du willst mich gar nicht erkennen? Ich bin doch Jenta Wiedenska, Deines eigenen Bruders Srul eheliches Weib, und das sind meine Kinder. Er selbst ist irgendwo nach Amerika geflüchtet. Trifft ihn der Schlag! Hast Du nicht Moische von ihm welche Nachrichten? Fünf Kinder, aber keinen einzigen Groschen hat er zurückgelassen und schickt mir gar nichts. Kommt's doch her! Berele, Srulek, Golde, Chaimel, Abrumek, das ist Euer Vetter. W i e d e n s k i: Aber, meine Iran, Sie sind verrückt geworden! Ich bin doch ein Schlachziz, aber kein Jude. (Ergreift statt des Hutes die Kanne und begießt sich mit Wasser. Zu Malka.) Was soll ich also dem Moriz berichten? Werden Sie ihn auch fernerhin so grausam behandeln? Er ist sogar bereit, Sie um Verzeihung zu bitten. M a l k a: Vielleicht möchte Moische schon lieber gehen, denn es könnte sich noch eine zweite Schwägerin melden. W i e d e n s k i: Ich gehe, aber überlegen Sie sich's. (Beim Fortgehen stößt er noch an einen kleinen Buben.) A, Pardon! — ab. 6. Scene. Vorige, ohne Wiedenski. Jenta: So gesund soll ich sein, wie das Moische war. Aber er ist jetzt ein Herr, und wir sind Bettler, die er nicht kennen will. Sza, Kinder, ich Hab' jedem von Euch einen Beigel gebracht. Chaimel, warum bist Du so ein Nascher? Nimm doch nicht Deiner Schwester den Kuchen. (Zn Ryfke.) Wie geht's Dir, Mutter? Schläfst Du? Möchtest Du vielleicht Milch, Mamele? Ich will Dir sofort bringen. Siebenundzwanzig Groschen habe ich heute an einer alten Lampe verdient und zwei paar Gamaschen dazu. Fräulein Malka liest.wiederum. Sie werden sich die Augen verderben. Malka: Nein, meine liebe gute Jenta, ich bin schon gewöhnt, bei Nacht zu lesen. Jenta: Aber Sie haben immer bei einer hellleuchtenden Lampe gelesen. (Tritt näher.) Fräulein Malka ist heute schlecht gelaunt. Malka: Es ist wahr, nicht gut. Jenta: Ich begreife das. Wir sind wohl nicht die richtige Gesellschaft für Fräulein Malka. Wir sind nur arme, dumme Jüdinnen und Fräulein Malka ist so gebildet. Malka: Und doch, liebe Jenta, hast Du mit Deiner Unwissenheit einen größeren Werth als ich. Du arbeitest schwer und kannst Deine Mutter und Deine fünf Kinder ernähren. Ich suche Arbeit, ohne welche zu finden. Jenta: Zu welcher Arbeit würden denn solche delicate Hände taugen? Fräulein Malka hat eine bessere Erziehung genossen und sollte lediglich am Divan ruhen, Meth trinken und Kuchen essen. Nu, so alte Jüdinnen, wie wir, können herumlaufen und Handel schreien. Ich werde Ihnen, Fräulein Malta, was sagen : Ich komme in verschiedene Häuser, in alte und neue, zu armen und zu reichen Leuten, zu Juden und auch zu Schauspielern. Aber nirgends habe ich ein so schönes und schlichtes Mädchen gesehen, wie Sie es sind. Ach, ach, wie schade ist es, daß so ein goldener Vogel in so einem schmutzigen Neste sitzen muß. Malta: Also, was soll ich denn anfangen? Mit dem Kopf durch die Wand rennen, kann ich nicht. Jenta: Ich will Ihnen noch etwas sagen. Der alte Schwarzeukopf läßt nicht umsonst die Pake Rosenthal Herkommen. Sie wissen nicht, daß Pake Rosenthal die berühmteste Heiratsvermittlerin in unserem Bezirke ist. Sie wird Ihnen schon, Fräulein Malka, einen Mann verschaffen. Malka: Einen Mann? Mir? Jenta: Sie muß dort schon einen, mit Respect zu sagen, krummen Juden haben, den sonst Niemand will und den sie nun jetzt dem Fräulein Malka vermitteln möchte. Ich Hab' schon was davon gehört. Er heißt Jojne Firulkes und hat einen halben Tabakladen in der Marschalkowskagasse. Er ist klein, hinkt und hat große, sehr große Ohren. Malka: Aber davon hat mir der Vater noch gar nichts gesagt. Jenta: Fräulein Malka kennt noch gar nicht unsere Gewohnheiten. Bei uns fragt man die jungen Leute gar nicht um ihre Zustimmung. Sobald das Geschäft abgeschlossen ist, wird Herr Schwarzenkopf Ihnen Alles mittheilen. Auch mich hat man nicht um meine Meinung gefragt, ob ich den Wiedenski heiraten wollte. Sie habendes so beschlossen und mich dann verheiratet. So ist es schon «Litte. Ich muß Milch holen. «Nimmt einen Topf und spricht zu den Kinder-: Seid still, Mama kommt sofort zurück! Ach, ach, meine Füße. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Budapest, 22. Jänner. Ein interessantes Werk ist dieser Tage erschienen. Herr Rabbiner Dr. B. B e r n st e i n-Steinamanger sammelte seit Jahren Daten über die Theilnahme der Juden an dem Freiheitskampfe von 1848 49 und veröffentlicht nun das Ergebniß in einem kostbaren Studienwerk. Kein Geringerer als unser Altmeister Dr. Mciurus I o k a i schrieb das Vorwort, welches lautet: „Es wäre eine traurige Erscheinung, wenn man in Ungarn noch jetzt darüber streiten müßte, daß die menschlichen und bürgerlichen Rechte zum Gemeingut aller Bewohner des Vaterlandes werden sollen. Das bestimmen schon unsere Gesetze, aber der Gemeingeist steigert ihre Wirksamkeit. Nun aber sichert außer den ewigen Regeln der Logik und der idealen Auffassung der Wahrheit auch die in's Blut übergegangene Thatsache die Dauer der geschriebenen Gesetze. In Ungarn war das Volk der Religion Mosis, _ der hebräische Stamm stets der eifrigste Anhänger der ungarischen Staatsidee und der Freiheit, und so ist es auch geblieben. In der Zeit der schwersten Prüfungen, während des Freiheitskampfes von 1848.49, wurde dafür der sicherste Beweis geliefert. Als alle