Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 Vr. Vloch'r Wochenschrift Seite 95 steigen; vergeblich versuchte es schon im Jänner vorigen Jahres der jüdische Schneider John D y ch e im - Contemporarj' Review« zu beweisen und ziffermäßiz zu belegen, daß die Löhne der Juden höher sind, als die der Christen, weil sie in ihrem Hauptgewerbe, der Schneiderei, geschickter sind, daß England den Juden den Aufschwung in der Damen-Confection und die große Concurrenzfähigkeit gegenüber Deutschland zu verdanken bat — die conservative Partei brachte es leicht über sich, die öffentliche Meinung auf Kosten der Juden für ihre auswärtige Politik zu gewinnen. Das Einwanderungsverbot ist natürlich nicht ausdrücklich gegen die Juden gerichtet. So weit wird man sich doch in England nicht vergessen. Sein Tenor besteht in der Zurückweisung von „paupers, d. h. Personen, die der öffentlichen Wohlthätigkeit zur La st fallen könnten". Bei der zweiten Lesung verlangte Earl G r e y mit Unterstützung Lord R i b b l e s d a l e's die Weglassung dieser Clausel (3). Bude wiesen darauf hin, daß es schwer sein werde, die einzelnen Einwanderer daraufhin zu untersuchen. Lord H e r s ch e l l meinte gleichfalls : „Wie wird es dem Inspektor möglich sein, zu constatiren, ob ein Einwanderer der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen wird oder nicht? Das erkennt man doch nicht einem Manne am Gesicht? Hat er nnr einen gesunden Körper und Geist, so wird er sich selbst ohne alle Mittel eine Existenz gründen können. Wo soll denn das Beweismittel vorhanden sein?" Da trat ihnen der Saatssecretär des 6oard ot Trade (Handelsministerium), Earl of D u d l e y, entgegen: „Als Beweismittel, ob der Einwanderer die Wohlthütigkeit in Anspruch nehmen wird, hat der Mangel an Geldmitteln zu dienen. Die Beweislast trifft den Einwanderer, und wer dem Jnspector nicht Nachweisen kann, daß er über „genügende" Mittel zum Lebensunterhalt verfügt oder Freunde besitzt, die ihm solche zur Verfügung stellen, der soll im Sinne des Gesetzes als »p-luper« betrachtet und zurückgewiesen werden." Somit soll der Fremde, mag er ein tüchtiger Handwerker sein, trotzdem keinen Einlaß finden, wenn er über keine Geldmittel verfügt. Zur Bekräftigung seiner Ausführungen berief sich der Staatssecretär auf. die Vereinigten Staaten, wo für die Zurückweisung von Einwanderern ein gleiches „Beweismittel" gelten soll. Natürlich hat dadurch der Staatssecretär eine mit seinem Amte keineswegs zu vereinbarende Unkenntniß des amerikanischen Materials an den Tag gelegt. Noch steht vielmehr in Aller Erinnerung der Fall des österreichischen Tischlers Feinkopf. der bei der Landung vom Jmmigration-Commissionär wegen Mangel an Mitteln zurückgewiesen wurde, aber über Anordnung der höheren Behörde doch freien Einlaß erhielt, weil er als tauglicher Handwerker Niemanden zu belästigen brauchte. Trotzdem stimmte die Majorität des englischen Senats der Interpretation Lord Dudle y's bei und in der dritten Lesung beantragte sogar die Commission die Einschiebung dieses Commentars: „Personen, die keine Mittel zum Lebensunterhalte haben", statt „pauper8", damit sich nicht, wie Lord D u d l e y ganz rückhaltlos erklärte, „die Einwanderer, wenn sie keine Mittel besitzen, auf die zahlreichen jüdischen Wohlthätigkeitsvereine berufen können". Damit wurde auch klar gesagt, wer in erster Linie gemeint ist. Das Gespenst der „Fremden-Einwanderung" hat selbst die geborenen Gesetzgeber Englands um ihre kühle Besonnenheit gebracht. Der sonst in England so große Respect vor Zahlen ist in dieser Frage vor der Popularitäts-Hascherei zurückgewichen. Deshalb würde es sich verlohnen, die ziffermäßigen Resultate der Fremden-Einwanderung zusammenzustellen, um die Angstmeierei der „Großengländer" gebührend zu würdigen. Nach den seit dem Jahre 1890 von Board of Trade heraus gegebenen Tabellen über die Einwanderung sind an „fremdem" Menschenmatei ial zugekommen: 1890 .... . . 849 91 ... . . . 9839 92 ... . . . 10.083 93 ... . . . 5753 94 ... . . . 1946 95 ... . .A 96 ... . . . 8300 97 .... . . 1700 Zusammen . . . 38.470 Ab . . . 32 Summe . . . 38.438 Dividirt man diese Summe durch 8, so erhalten wir einen Jahreszuwachs der Fremden von 4804 Das würde in zehn Jahren ausmachen 48.040. Allein im Zeiträume von 1881—1890 sind in England zugekommen 83.833 „Fremde". Im Ganzen gab es bei der letzten Volkszählung im Jahre 1891 219.523 „Fremde" unter einer Bevölkerung von 37.732.922 Seelen. Von jenen „Fremden" waren aber nur 47.695 Russen und Polen, die wohl nicht alle, aber bis vier Fünftel Juden sein dürften. Die Russen und Polen, gegen die nunmehr so ein großer Apparat von Unduldsamkeit und Menschenfeindlichkeit zur Anwendung gebracht werden soll, bilden somit 0T43 Percent und im „verjudeten" Whitechapel 2 53 Percent der Bevölkerung. Und vor diesen drei Russen, die in ganz England auf 2000 und in Whitechapel ans 100 Einwohner entfallen, hat das britische Volk Angst, daß sie ihm, wie sich der alte Salisbury noch recht demagogisch ausdrückte, „das Brot vom Munde wegnehmen". Im Februar vorigen Jahres hat das Unterhaus eine ähnliche Bill des Sir Howard Vincent abgelehnt; es kommt unglaublich vor, daß jetzt eine Annahme erfolgen könnte. Denn die Einwanderung nimmt eher ab, die wirthschaftlichen Verhältnisse haben sich keineswegs verschlimmert und die niedrigen „Schwitz"-Löhne herrschen auch in Industriezweigen, die gar keine jüdischen Arbeitskräfte heranziehen. Mit banger Ahnung sieht die Judenschaft, auch die „einheimische", der Eröffnung des Parlaments entgegen. Die Ehre des britischen Namens steht vor einer schweren Probe und den von ihrer heimatlichen Scholle vertriebenen Juden soll wieder ein rettendes Eiland verschlossen werden. Goethe und die Inden. Ueber seine hebräischen Sprachstudien berichtet Goethe selbst in „Dichtung und Wahrheit". Sein Prolog zum „Faust" ist ein Spiegelbild der Einleitung des alttestamentarischen Laokoon: „Hiob". Seine Beschäftigung mit dem „Hohen Liede", wie seine Bewunderung dieser Liebesdichtung sind bekannt. Wie schön sind die Verse, die er dichtete auf: M o s e s' L e i ch n a m. Ueber Moses' Leichnam stritten Selige mit Fluchdämonen; Lag er doch in ihrer Mitten. Kannren sie doch kein Verschonen. Greift der stets bewußte Meister "Nochmals zum bewährten Stabe. Hämmert auf die Pnstrichs-Geisrer, Engel brachten ihn zu Grabe. Der böhmische Edelmann Simon von L ä m e l befand sich gleichzeitig mit Goethe in Karlsbad und pflegte auf einer im Walde einsam situirten Bank auszuruhen. Goethe, der vorüber kam und müde sein mochte, gesellte sich grüßend zu ibm. Goethe fand an dem lebenserfahrenen Gespräche des feingeistigen Mannes, der in seiner Aussprache die jüdische Abkunft nicht verleugnen konnte, Gefallen. Sie fanden sich ohne Verabredung mehrere Tage hintereinander an derselben Stelle. „Erst jetzt," äußerte nach wiederholter Begegnung Herr von Lämel, „weiß ich, daß ich die hohe Ehre habe, mit Sr. Excellenz dem Herr Minister von Goethe zu sprechen." Dabei stand er ans und verneigte sich tief. „Ich bin der Banqnier Lämel aus Prag." Goethe erwiderte: „Eine ausnehmend merkwürdige Stadt," ohne auf die Vorstellungsscene einzugehen und sich niederlassend. „Die Altneu-Synagoge," fuhr er fort, „ist ein intereffanter gothischer Bau, nicht so uralt, wie er bezeichnet wird, vielleicht nur aus dem zwölften Jahrhunderte stammend. Merkwürdig und malerisch zugleich ist der Friedhof mit seinen ehrwürdigen Monumenten! Er verdiente gezeichnet und die Inschriften der Grabsteine erhalten zu werden. Im Laufe der Zeit geht so Denkwürdiges doch verloren"*-. *i Diesem Wunsche Goethe's ist entsprochen: Ter Actuar der israel. Beerdigungs-Bruderschaft in Prag, Mos. Jeiteles, war der Erste, der einige Epitaphien copirte, jedoch nicht der Oeffentlichkeit übergab. Nach ibni edirte Koppelmann Lieben eine Anzahl der hervorragendsten Anschriften in dem Werke: «Gal Ed", für welche der Oberrabbiner Salonion Nappaport eine Vorrede geschrieben und Simon Hock die ventschcn biographischen Notizen geliefert hat. Ter Custos David I. Podiebrad copirte und edirte die hervorragendsten Inschriften. In neuester Zeit hat der Vorstand der Beerdigungs-Bruderschaft s ä m m t l i ch e Inschriften copiren lassen und bereitet dieselben zum Truck vor.