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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5 Vr Bloch'» Wochenschrift Seile 98 Jncongruenzen, zwei handgreifliche Ungleichheiten aufeinanderstoßen, rasch und plötzlich zum Bewußtsein gebracht werden, so wirkt dies unfehlbar komisch. Ein einfaches Exempel: ein kleines Männlein mit einem sehr großen Hut oder umgekehrt ein Riese mit einem winzigen Hütlein auf dem Kopf — das wirkt komisch. Jedermann lacht darüber, sogar der ernsteste Cato schmunzelt wenigstens mit. Gewöhnt man sich aber an den Anblick, oder wird man darauf vorbereitet, dann büßt das Komische an seiner ursprünglichen Kraft und > Wirksamkeit sehr erheblich ein und verliert sie schließlich ganz. In jedem Witz sind die zwei Jncongrnenzen verborgen und sind auch leicht herauszuschälen. Und worin besteht es, das unwiderstehlich Komische und Pudelnärrische der Dreyfus-Sache? Jetzt ergibt sich die Lösung fast ganz von selbst: in dem gewaltigen Unterschiede zwischen der Erhabenheit, Unnahbarkeit, Unantastbarkeit und Heiligkeit der Justiz und jener jämmerlichen Farce, die an der Seine im Namen der Gerechtigkeit von ihren wohlbestallten Hanswürsten aufgeführt wurde und wird — in dem Unterschied, der zwischen einem Märtyrer und einem Verräther besteht und daß derselbe von Verschiedenen für Beides gehalten wird, in dem Conirast zwischen einem Zola und einem Eszterhazy u. s. w. in infinitum. Das Dreyfus-Bilderbuch ist lehrreich und ergötzlich durchzublättern. In scherzhaft drolliger Form predigt es die schärfsten Wahrheiten. Die witzigsten Köpfe und Hände des Erdballes haben daran mitgearbeitet, Künstler allerersten Ranges, wie die Franzosen Caran d'Ache, Forain, Leandre, der Budapests Farago, die Wiener Grätz, Koystrand, Laci v. Frecskay, Zajaczkowski, unzählige andere reichsdeutsche, belgische, holländische, englische, italienische Meister des Stiftes. Der witzige Berliner Jüttner hat gleich die erste Zeichnung zu folgendem Text geliefert : „Generalstäbler zum Präsidenten F a u r e: „Herr Präsident, wenn das so weiter geht, müssen wir vom Leder zieh'n", worauf Faure tiefbekümmert und kleinlaut entgegnet: „Und ich sage Ihnen, wenn das so weiter geht, werde ich bald wieder zum Leder zieh'n". Er war bekanntlich früher Lohgerber, ehe er Präsident wurde. Ein anderer witziger Kopf behauptet, D r e y f u s habe sich erst nach seiner Deportation eine Subordination zu Schulden kommen lassen, denn er nehme offenbar einen Platz ein, der Gene r ü l e n gebühre. Ein bitterer Narr fürwahr'! Auf einem der nächsten Blätter hält der Regisseur in dem Kleide eines Jesuiten den als Kartenkönig ausstaffirten Philipp von Orleans gewaltsam am Auftreten zurück: „Noch nicht! Gedulden Sie, Sire, Sie kommen bald d'ran!" Die Caricaturen von Leandre: Zur linden, Labori, Leblois und GeneralBoisd effre sind geradezu köstliche Chargen. Dieser Zeichner übertreibt und verzerrt unübertrefflich. Er zieht die Gesichter, als wären sie aus Gummi, in die Länge oder in die Breite. Daß die Herren Handschriften-Experten ziemlich übel durchgehechelt werden, versteht sich ganz von selbst. Sie haben es, der famose Bertillon namentlich, gar nicht besser verdient und sich unsterblich gemacht, unsterblich lächerlich! Auf einem Bilde spricht ein General in glänzender Uniform mit Epauletten und Federhut einen blinden Bettler auf der Straße an. Der arme, alte Mann hat die erloschenen Augen durch einen grünen Schirm geschützt. „Sapristi, Alter! Sie werden nicht mehr betteln müssen, habe für Sie glänzendes Engagement." — Bettler: „Für mich, einen Blinden?" — „Jawohl, engagire Sie als Schrift-Sachverständigen des Kriegsgerichtes". — Das Witzblatt „Life" in New-Mrk faßt die Sache ernster und läßt doch die Geißel der Satyre ingrimmig durch die Luft sausen. Madame la France wird als nachtwandelnde Lady Macbeth gezeichnet und sie spricht die Worte Shakespeare's (Macbeth, 5. Act, 1. Scene): „Noch immer riecht es nach Blut; alle Wohlgeri'i che Arabiens würden diese kleine Hand nicht wohlriechend machen!" — Die „Wiener Humoristischen Blätter" stellen Zola als Wilhelm Tell dar, der in seinem Köcher statt der Bolzen scharfe Federn führt. Ein Generalshut schwebt auf der hohen Stange. „Z o l a: Nein, der Mann der Feder wird sich nie vor dem Federhut beugen." Ein Anonymus singt dicht daneben: „Man fragte Zola neulich an, Ob es sich wohl ereignen kann, Daß Frankreich unter'n Säbel kam';" Der Dichter meinte: „Je nachdem, Der Anfang ist bereits gescheh'n, Ein Theil der Presse, wie Sie seh'n, Ist nämlich heut' schon zweifelsohne Entschieden unter der Kanone!" Das in Amsterdam erscheinende „Weekblad voor N e e r l a n d" äußerte sich: „Wegen Aufgabe des Geschäftes und Verzug nach außerhalb werden zur Ueberuahme angeboten ein Schwert, eine Binde und eine Wagschale. Sehr brauchbar für Komödienvorstellungen. Briefe unter Chiffre Z. .. Justizpalais, Paris." — „Pasquill o" in Turin zeigt Madame la France mit der Reinigung ihres defecten Unterrockes beschäftigt: „Je mehr man reibt, desto schmutziger wird die Geschichte." Die Berliner „L u st i g e n B l ä t t e r" moquiren sich gar nicht schlecht über den großen Consum an Kriegsministern an der Seine, lassen den Club der ehemaligen Kriegsminister im gemüthlichen Beisammensein am Stammtische sehen und sogar der sonst so ziemlich antisemitische Wiener „Figaro" heißt den arg zerzausten und zerrauften gallischen Hahn krähen: „Gib nur auch ein Rasirmesser. daß ich mich abkrageln kann." Wiederum die „Lustigen Blätter" bringen den eingeseisten sranzösischeu Generalstab in der Barbierstnbe und der Herr Raseur vertröstet die hohen Militärs: „Nur Geduld, meine Herrschaften, Sie kommen Alle d'ran!" Im „Kladderadatsch" exercirt Madame Justitia im Stechschritt nach dem scharfen Commando der Herren Generäle. Ein geradezu glänzendes Blatt von Caran d'Ache ist dem leider antisemitischen „Psst", Paris, entlehnt. Wir deuten es uns nur im entgegengesetzten Sinne aus, als es gemeint wurde. E^ gewinnt dadurch erheblich an Schärfe und Witz. Die Unterschrift lautet: La verite est cn marche‘; (die Wahrheit ist unterwegs). Eine alte Landkutsche ist mitten im kothigen Fahrweg mit gebrochener Achse stecken geblieben und der struppirte Gaul sieht sich verlegen um, was denn wohl da rückwärts passirt sein mag . . . Gemeint ist offenbar die Wahrheit Zola's und seiner Freunde, aber eigentlich dargestellt der verfahrene, im Koth und Schmutz festgerannte französische Staatskarren, der nicht weiter kann. Daß der Vollständigkeit wegen auch die jammervollen Schaudbilder und verblödeten „Pointen" des Wiener „Kikeriki" ausgenommen wurden, ist gleichwohl nicht zu bedauern. Wenigstens erkennt man auch in weiteren Kreisen, auf welch' niedrigem Niveau der albernste und zugleich gemeinste aller Sudelwische bereits glücklich angelangt ist. Zum Beschlüsse geben wir noch als Probe des echten satyrischen Humors, an dem das empsehlenswürdige, tron des ernsten Themas überaus amüsante Buch reich ist: „T i e s r a n z ö s i s ch e n K l a u b e n s arti k e l s ii r ch a n v i u i st i s ch e P a t r i o t e n. iBon K. T.> Ich glaube an Boisdessre. an iämintliche Kriegsminister, an .'öenrn, Patn de Elam und Eszterhazv; Ich glaube an ein deutsches Shndicat zu Knusten Drenfns'; Ich glaube an die Echtheit der Briefe Kaiser Wilhelms: Ich glaube an Nochefort, Deroulede und an Jeden, der ,,Yive l’armüe!-1 schreit; Ich glaube, daß Zola ein unbedeutender Schriftsteller ist; Ich glaube, daß Picqnart in deutschem Solde handelt: Ich glaube, das; Scheurer-Kestner Jude ist: Ich glaube an die Methode Bertillon: Ich glaube an die verschleierte Dame: Ich glaube an das Rasirmesser Henrn's und an den Papierkorb der deutschen Botschaft: Ich glaube an den geheimen Dossier: Ich glaube an die Schuld des Excapitäus Dremns. — Ainen!" I. Sascha r. Friedrich der Große und die Juden. Selten wohl läßt eine der machtvollen Persönlichkeiten, welche einem ganzen Zeitalter den Stempel ihres Geistes ausgeprägt haben, aus jeder einzelnen Willensäußerung so deutlich den Nerv ihrer Eigenart herausfühlen, wie Friedrich der Große. Bei allen Regierungshandlungen, allen Verordnungen blickt unverkennbar der Corporalstock des Königs durch. Besonders scharfe Umrisse zeigt seine Herrscherindividualität in dem neugewonnenen Schlesien. Einige charakteristische Züge, welche Dr. M. Grunwald nach bisher unbenütztem Actenmaterial des Breslauer Staats- und Stadtarchivs entworfen hat, mögen dies beleuchten. Das Erste und Wichtigste, woraus Friedrich sogleich nach der Besetzung Schlesiens sein Augenmerk richtete, war die Regelung der Rechtsverhältnisse in der Provinz. Bereits in dem „königlich preußischen Notificationspatent wegen Stiftung zweier zur Wohlfahrt des Landes wohl eingerichteten Kriegs¬ und Domainenkammern in Mederschlesien" vom 25. November 1741 heißt es: so haben „Wir nun bey diesen Landes-Collegiis die hinlängliche Verfügung gemacht, daß sowohl die sämmtlichen Nieder-Schlessischen Landes-Revenuen . . mit aller Treu, Ord-

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