Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 92 Vr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 5 ungarisch-jüdischen Literaturgesellschast am 20. März 1897 hielt. Es war seine Ueberzeugung, daß zu einem großen Theile die jüdischen Frauen es seien, die den Niedergang der Religiösität verschuldet haben, und erwartet daher gerade von ihnen die Sanirung der Uebelstände. Auch mit der Wirksamkeit der Rabbiner ist er nicht einverstanden; er verlangt von ihnen eine größere Vertiefung des Judenthumes und eindringlichere Belehrung von der Kanzel; wie er sicb denn auch über die Richtung des Religionsunterrichtes des Eingehenden und Ausführlichen ausspricht. Es läßt sich denken, daß solche und ähnliche Forderungen von einem Manne, wie Silbersteiu es war, nicht wenig Aufsehen in der „besseren Gesellschaft" erregen mußten. Es fehlte auch nicht an Widerspruch Einzelner, doch Silberstein wich nicht zurück und ließ sich in seinem Standpunkte nicht beirren. Gewöhnlich waren es die großen Feste, welche er dazu benützte, um seine Glaubensgenossen zur Würdigung, Hochhaltung und auch Uebung ihrer Religion anzufeuern. Selbstverständlich beschäftigte ihn auch der Antisemitismus und der damit zusammenhängende Zionismus. Letzteren behandelte er vornehmlich vom ungarisch-jüdischen Standpunkte und trat ihm aus das Schärfste entgegen, wiewohl er den Führern und ihrem Eifer mit Achtung und Anerkennung zu begegnen nicht ermangelte. Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, daß der so früh Entrisiene auch an der Gründung eines jüdisch - ungarischen Cultusvereines arbeitete und bereits vor längerer Zeit die Statuten für einen solchen fertig gebracht hat. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich unzweifelhaft, daß mit dem Hintritt von Dr. Adolf Silberstein nicht nur das ungarische Vaterland einen seiner vielverdienten Söhne, die Wissenschaft eine glänzende Kraft, sondern auch das Judenthum einen wackeren und überzeugungstreuen Bekenner und Verfechter desselben zu beklagen hat. Möge sein Andenken gesegnet sein! Dr. I. Steinherz, Rabbiner. S t u h l w e i ß e n b u r g, den 29. Jänner 1899. Jüdische LUerakurprobrn. Das wichtigste Ziel, deffen kein gewissenhafter Religionsunterricht entrathen kann, ist die Begeisterung unserer Jugend zu einem religiös-sittlichen Lebenswandel. Sie bildet gleichsank den Gipfelpunkt, der das Werk krönt, welches der jüdische Religionslehrer zu vollführen hat. Freilich ist es beklagenswerth, daß diesem edelsten, verantwortungsvollsten Zweige der Jugendbildung, dem Religionsunterricht, eine kurze Gnadenfrist von 2 Stunden in der Woche zugemessen ist. Soll nun gleichwohl diese knappe Zeit einen merkbaren Erfolg für den jüdischen Religionsunterricht erzielen, so muß die alte, tiefempfundene Sentenz der Rabbiner zur Geltung gelangen: »Godol schimuscho josser milimudcM, das sinnfällige Muster ist wirksamer als die abstracte Lehre. Doch wir denken uns dieses Muster als eine Auswahl jener goldenen Lehren und Lebenssprüche, jener Weisheitsregeln und Charatterzüge, die uns das rabbinische Schriftthum von seinen Verfassern aufbewahrt hat. Jeder von seinem Beruf wahrhaft durchdrungene jüdische Religionslehrer sollte eigentlich in jede Stunde seinen Hörern eine kurze Blumenlese aus dem Garten der talmudisch-rabbinischen Literatur mitbringen. Wir begegnen uns hier mit der von schätzbarer Seite angeregten Nothmendigkeit einer Sammlung von Proben der jüdischen Literatur. Aber wir können nicht umhin, zu betonen, daß das Judenthum schon seit Jahrhunderten eine solche Sammlung besitzt. Leider geht der Jndifferentismus unserer Zeit achtlos an ihr vorüber. Die glänzendsten Proben der jüdischen Moral und Ethik sind es, die uns da entgegentreten. Es ist das sogenannte »M a’ m o d o s, welches als Erbauungslectüre nach der täglichen Morgenandacht vorgeschriebeu ist. Hier sei eine bescheidene Auswahl dieser jüdischen Literaturproben geboten. Aus dem Ma’ modos vom 1. Tag: „Wir haben gelernt: Es ftagten die Schüler den R. Nehunja ben Hakanah, wodurch erreichtest Du ein solch' hohes Alter? Er antwortete ihnen: Niemals suchte ich Ehre in der Schmach eines Andern, und nie begab ich mich zur Ruhe mit einem Fluche gegen meinen Nächsten. Freigebig war ich mit meinem Gelde".*) Mit anderen Worten, Mitgefühl, Nächsten liebe und Herrschaft über den Mammon versüßten dem R. Ne* hunja das Leben. Ebenfalls aus dem für den ersten Tag bestimmten Ma' modos: „R. Rimon ben Eleasar sagt: Sah'st Du jemals, daß Thiere und Vögel einen Erwerb haben? Und (gleichwohl) ernähren sie sich ohne Roth. Fürwahr sind sie doch nur erschaffen, um mich zu erhalten. Ich (aber), erschaffen, um meinen Schöpfer zu preisen, um wie viel mehr muß ich mich ohne Roth ernähren. Allein ich mißbrauchte meine Fähigkeiten und beraubte mich der Ernährung. Denn es heißt: Euere Sünden verursachten dieses und Euere Vergehen entzogen Euch der Güte."**) Oder aus dem Ma’ modos vom 2. Tage: „Sie lernten in der Schule R. Jsmael’s: Weshalb ist an dem Ohre jeder Theil hart und nur dessen Läppchen weich? Damit, wenn der Mensch eine Sache hört, die nicht rechtschaffen ist, er mit dem Läppchen sein Ohr verschließen könne." (Ktubat 5 b.) Ebendaselbst: „R. Simon, der Sohn Rabbi's, sagt: Es heißt, Du sollst es (das Blut) nicht genießen, damit es Dir wohlergebe und Deinen Kindern nach Dir . . . Und wenn Derjenige, der sich des Blutes, welches der Mensch verabscheut, enthält, einen Lohn bekommt, um wie viel selbstverständlicher ist es, daß es für Denjenigen, der sich von Raub und Sinnenlust, nach welchen des Menschen Seele verlangt und gelüstet, fernhält, ein Verdienst ist; für ihn, für seine Nachkommen bis an's Ende aller seiner Geschlechter. . ."***) So könnten wir die jüdischen Literaturproben noch vielfach ergänzen. Jndeß müßten wir jedes Blatt der 12 Talmudfolianten wörtlich copiren. Denn kein einziges derselben ermangelt dieser und ähnlicher herrlicher Sentenzen. Das Obige dürfte jedoch genügen, zu beweisen, daß ' unsere unsterblichen Väter bereits mit solchen Proben aus ihrem erhabenen Schriftthum einen mustergiltigen Anfang gemacht haben. Immerhin glauben wir im Sinne jenes rühmenswerthen Strebens, die gediegenen Aussprüche unserer großen Lehrer jedem Laien und Lernbeflissenen zugänglich zu machen, gehandelt zu haben, indem wir hier versuchten, ein Muster derselben zu bieten. Kostet. Dr. S. Mandl, Rabbiner. Dreyfus in der Carieaturl-). Manche mag die Ueberschrift wohl befremden. Kann man wirklich Muth und Lust zu Scherzen finden über das tragischeste aller Geschicke, über handgreifliche, empörende Ungerechtigkeit, über unmenschliche Niedertracht und moralische Verkommenheit?! Was kann da eigentlich zu lachen daran sein? Was bietet hier Stoff zur Erheiterung und Ergötzlichkeit? Ist der Antisemitismus, wie er oft genannt wird, der Schandfleck des Jahrhunderts, so ist wahrlich der Fall Dreyfus der Schandfleck des Schandflecks. Und doch haben die Earicaturisten aller Länder und Völker die unsäglich traurige und niederdrückende Dreyfus-Affaire wiederholt zum Gegenstalide ihrer witzigen Darstellungen genommen und die besten davon sind jetzt sogar in einem hübschen Büchlein vereinigt und gruppirt worden — weil nämlich jeder, auch der erschütterndsten Tragödie ein komisches Element beigemengt ist. Fragen wir, was ist und was wirkt komisch, was löst den Lachreiz aus, so wissen die neueren Philosophen und Psychologen diesmal — ausnahmsweise! — eine ziemlich ausreichende Antwort darauf zu geben; zwar in verschiedener Fassung, aber schließlich stimmen sie doch im Wesen der Sache — wiederum höchst ausnahmsweise — überein. Wenn nämlich zwei gewaltige *) Talm. Megillah, Abschn. pag. 28 a **) Ende Tractat Kiduschin. An dramatischer Wirkung gewinnt diese schöne Lehre durch die Worte, die wir hier im Original lesen: .... Niemals sah ich einen Hirsch als Kräutersammler (s. Aruch, Lublin, 1894 s. v.), einen Löwen als Lastträger, einen Fuchs als Krämer, und gleichwohl ernähren sie sich ... . ***) Talmud, Makot, 23b. ff)Dreyfus-Bilderbuch. Earicaturen aller Völker über die Dreyfus-Affaire. Mit 132 Earicaturen. Berlin 1899. Verlag von Dr. Eysler & Eo. (in Wien in Hermann Goldschmid's Zeitungsbureau, I., Wollzeile). Preis 60 Kreuzer.