Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 90 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 5 es auch, daß ich Herrn N o r d a u mir dem Zionismus identificirt hätte. Ich habe im Gegentheil genau gesondert zwischen der Verantwortung des Dr. N o r d a u und der des Zionismus und die Unterscheidung zwischen beiden scharf betont. Den sympathischen Ausführungen des Herrn Dr. Klee habe ich entgegenzuhalteu, daß er im Jrrthum ist, wenn er in dem Zionismus den Erwecker der jüdischen Jugend sieht. Er verwechselt Ursache und Wirkung. Der Zionismus ist nur eine Form des Ausdruckes des wieder erwachenden jüdischen Bewußtseins; das Verdienst dieses Erwachens aber hat der Antisemitismus, haben die Stöcker und A h l w a r d t." Nach 1 Uhr war die Versammlung beendet. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffeu zur Tagesgeschichte. (Dipauli und Schneider. — Vom Bankett der Handelskammer. — Sitte und Bildung. — Siegfried mit dem Abendblatt. — Ein lobender Zeitungsausschnitt. — Aerztliche Hilfe zur Nachtzeit.) Der berühmte „kleine Mann", den Herr Ernst Schneider seit Jahrzehnten rettet, ist entrüstet über Freiherrn von Dipauli. Unser Handelsminister galt bisher hinsichtlich seiner wirthschastlichen Ansichten als Parteigenosse der christlichsocialen Zünftler. Die Reden aber, die er im Gewerbeausschuß des Parlaments über die Gewerbereform hielt, ist eine entschiedene Absage an Herrn Ernst Schneider und sein Programm. Der Mechanikus war denn auch ganz verstört, als Herr von Dipauli den Befähigungsnachweis nach Schneider'schem Recept und den Kampf gegen die Großindustrie als wcrthlos und schädlich erklärte und darüber Klage führte, daß das Genossenschaftswesen zur politischen Agitation mißbraucht werde. Das haben die Antisemiten von dem clericalen Tiroler nicht erwartet. Die psychologische Erklärung dasür, daß Herr von Dipauli als Minister an das Programm der Partei vergessen hat, die alle ihre Hoffnungen auf ihn setzte, ist sehr einfach, sie liegt in der hiemit loyal anerkannten Thatsache, daß Herr von Dipauli seiner Verantwortlichkeit als Staatsmann sich bewußt ist. Die Schlagworte, die der Parteimann gelten lassen konnte und die das Glaubensbekenntniß des Herrn Ernst Schneider darstellen, sind unvereinbar mit den Aufgaben der Staatsverwaltung. Die moderne Wirthschaft ist unvereinbar mit dem reactionären Zunftwesen, und der Handelsminister eines modernen Staates könnte die Ideen des Ernst Schneider auch dann nicht durchführen, wenn er den Willen dazu hätte. Freiherr von Dipauli scheint aber mit dem Einblick in die wichliqen Agenden seines Refforts auch erkannt zu haben, daß jene Wege des „politischen und nationalen Irrwahns", aus die er beim Bankett der Handelskammer hinwies, zur wirthschaftlichen Zerrüttung des Reiches führen. * -i- Herc von Dipauli hat dem kleinen Mann Dinge gesagt, die in einer antisemitischen Versammlung Niemand Vorbringen dürfte, ohne augenblicklich gelyncht zu werden. Ec wies darauf hin, daß die Gewerbetreibenden auch selbst an ihrer Lage Schuld tragen. Im Genossenschaftswesen fehle es an der richtigen Einsicht und an der äußeren Anregung. Seit Jahrzehnten hat sich die Ausgestaltung des Genossenschaftswesens unter Führung des Ernst Schneider und seinen Parteigenossen vollzogen. Die „strammsten" Antisemiten stehen an der Spitze fast fämmtlicher Genossenschaften in Wien und der überwiegenden Mehrzahl in der Provinz. Und da fehlt es an der richtigen Einsicht und an der äußeren Anregung? Und da wagt es ein strenggläubiger, echt christlicher Minister zu sagen, daß nicht im Rückschritte, nicht im An klammern an starre Formen, sondern im Fortschritte die Rettung des Gewerbes zu erblicken sei? Dann haben ja die antisemitischen Führer des Kleingewerbes, die Bekämpfer der Großindustrie, seit 20 Jahren nutzlose Arbeit gethan! Darin liegt die Bedeutung der Rede des Freiherrn von Dipauli, die den Kleon von Sechshaus tief in feiner sogenannten Seele verwundet hat. So lange das nur die „Judenblätter" und die „verjudeten" Handelskammern sagten, konnte man dem kleinen Mann vorschwindeln, es sei Alles Lug und Trug. Nun sagt's aber nicht blos der Minister, sondern der Tiroler Katholik, der Führer der katholischen Volkspartei, der Inhaber einer judenreinen Weinstube. Woran soll man noch glauben, wenn auch der Freiherr von Dipauli ein Judenknecht geworden ist, der ungeachtet der vom „Deutschen Volksblatt" ausgegebenen Parole, sich vom Jubiläum der verjudeten Wiener Handelskammer fernzuhalten, bei der Festversammlung und beim Bankett derselben erschienen ist? * * * Es ist aber noch mehr geschehen. Auch der Bürgermeister von Wien, Herr Dr. Ln eg er, hat dem von den berühmten zwei Ernsten, nämlich dem Ernst Schneider und dem Ernst Bergani, erlassenen Verbot zuwider gehandelt. Wo ist die Disciplin und die Einmüthigkeit der antisemitischen Partei? Die beiden Ernste erklären die Handelskammer als eine gewerbefeindliche, gemeinschädliche Institution. Und was müssen sie nun erleben? Der Kaiser hat die ältesten und verdienstvollsten Mitglieder dieser Körperschaft, darunter den Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, durch hohe Auszeichnungen geehrt, der Handelsminister beglückwünscht sie zu ihrer segensreichen Thätigkeit und rühmt ihren Eifer für das wirthschaftliche Wohl der Allgemeinheit. Und an diese Stellungnahme der höchsten officiellen Kreise schließt sich noch die Theilnahme des antisemitischen Bürgermeisters. Wenn er sich noch mit der frostigen Repräsentation begnügt hätte, wenn er es dabei hätte bewenden lassen, die Vertretung der Stadt Wien einfach zu markiren. Herr Dr. Lueger betonte aber in seiner Bankettrede, er sei gerne zu dieser Feier gekommen, sowohl als Bürgermeister wie als Privatmann. Das „Deutsche Volksblatt" hat freilich die ganze Jubiläumsfeier und damit auch die Rede des Bürgermeisters seinen Lesern vorenthalten. Es kann doch die Blamage nicht zugestehen, die darin liegt, daß ein Bankett förmlich als „koscher" denuncirt wird, bei welchem dann der antisemitische Bürgermeister eine begeisterte Rede hält. Als Bürgermeister, sagte Herr Dr. Lueger, sei er verpflichtet gewesen, zur Ehrung d e r K a m m e r zu erscheinen. Wie hätte das „Deutsche Volksblatt" das abdrucken sollen, nachdem es doch in einer ganzen Serie von Artikeln die gesummte antisemitische Welt, namentlich die Genossenschaftsvorsteher von jeder Theilnahme an dieser Ehrung abcommandirt hatte. Da hätte es ja etwas gethan, was es sonst nur unfreiwillig thut, wenn es nämlich eine der vielen Berichtigungen und demüthigenden Abbitten veröffentlichen muß, zu denen es durch seine Lügen und Verleumdungen tagtäglich gezwungen wird; es hätte seine Leser zum Nachdenken angeregt. Herr Dr. Lueger faßte sein Erscheinen beim Bankett und seinen Toast als den Ausdruck seiner Achtung vor der ehrlichen Arbeit auf. Gibt es also doch noch ehrliche Arbeit in einer so „verjudeten Körperschaft"? -I- -i- Und noch etwas hat Herr Dr. Lueger gesagt, wofür ihm vor dem antisemitischen Richterstnhl unmöglich die Absolution ertheilt werden kann. Bei allem Widerstreit politischer und wirthschaftlicher Ueberzeugungen sei es doch möglich, daß die Träger verschiedener Meinungen sich die Hand reichen, weil der Fortschritt stets nur aus dem Kampfe der Meinungen entspringe. Voraussetzung sei nur, daß dieser Kampf sich innerhalb der Grenzen der Sitte und Bildung bewege. Herr Dr. Lueger gestatte uns zunächst die bescheidene Anfrage, ob er nicht oft genug seinen politischen und wirthschaftlichen Gegnern gegenüber die Grenzen der Sitte und Bildung verlassen hat. Und wie steht es mit seinen Generalstäblern, mit den Partisanen des Antisemitismus? Was wissen die Strobachs und die Gregorigs, die Purschte und die Schneider von Sitte und Bildung? Wenn es sich darum handeln würde, die Unbildung und die Roheit durch eine Statue zu veranschaulichen, es ließe sich kein geeigneteres Modell dafür in ganz Oesterreich auftreiben, als die Figur des dermaligen ersten Vicebürgermeisters von Wien, nämlich des Josef Strobach. Fast jedes Wort, das er öffentlich spricht, ist ein brutaler Schimpf, jeder Satz eine Ordinärheit, im allergünstigsten Falle eine Dummheit. Und alle die anderen Größen der antisemitischen Galerie, was wissen die von Sitte, was wissen die von Bildung? Freilich kann man von einem Gegensatz der Meinungen nicht sprechen, wenn die Meinung des Einen darin besteht, daß er dem Anderen das Recht der bürgerlichen Existenz bestreitet. Zwischen dem Räuber und dem Ueberfallenen gibt es auch keinen Unterschied der Meinungen in dem Sinne, wie Herr Dr. Lueger davon sprach, und nur in den „Fliegenden Blättern" nimmt der Ausgeplünderte von dem Wegelagerer durch einen Händedruck versöhnenden Abschied. Wenn der Gegensatz der Meinungen darin besteht, den Anderen zu entrechten, so kann daraus ein Fortschritt nicht entstehen und da gibt es auch kein Händereichen. Die Sitte und die Bildung widerstreiten eben den Grundprincipien des Antisenlitismus. Auch