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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 88 Dr. Vloch's Zionismus nicht fördern, und für die er den Namen Protestrabbiner erfand. Max Itordau begann feine Rede mit der Präcisirung der Zwecke des Zionismus, die er dahin zusammcnfaßte: „für die in beiden Welten verstreut lebenden Juden, die in ihrer Volksumgebung nicht aufgehen können oder nicht aufgehen wollen, und die darunter leiden, daß sie von Landesgenossen an Glauben und Art verschieden sind, eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Paläst i n a zu schaffen, wo sie sich national und individuell ausleben können". Er nahm für die Zionisten das Recht in Anspruch, im NannN des gesammten jüdischen Volkes zu der ganzen Welt zu sprechen, deshalb. weil viele Tausende Juden den Zionismus fördern, und weil Millionen anderer Juden schweigend ihn billigen und — qui tacet consentire videtur Nach dieser Einleitung kam Nordau zu dein ersten Capitel seiner Rede: Capitalrsinus. Er wandte sich so scharf, wie es sonst nur Angehörige der extremsten politischen Parteien thun, gegen die jüdischen Reichen, die durchwegs dem Zionismus feindlich gegenüberständen. „Sie verspotten uns und unsere Bewegung von der Höhe ihres Geldsackes herab und gebrauchen gegen uns Ausdrücke des Zornes.' Das beraubt den Zionismus der Geldmittel, auf die er gehofft habe, in ernpfindlicher Weise und zwinge die Zionisten, auch bei Christen um materielle Hilfe zu bitten. Die maßgebenden christlichen Kreise, diejenigen, an deren Meinung den Zionisten liegen müsse, wissen von den inneren Verhältnissen des Judenthums nichts oder so gut wie nichts. Die einzigen Juden, die sie kennen, und mit denen sie umgehen, sind die großen Finanzjuden. In den jüdischen Millionären erblickt der Christ, selbst der geistig vornehme Christ, gleichsam die Blüthe des jüdischen Stammes und die ideale Verkörperung der jüdischen Eigenschaften und er muß glauben, daß das jüdische Volk selbst seine Anschauungen theilt, denn er sieht den jüdischen Millionär nicht blos an der Spitze des Verwaltungsrathes der Banken und der Acticngesellschasten, sondern auch an der Spitze der Gemeinden und aller jüdischen Organisationen. Der christliche Aristokrat sieht im jüdischen Millionär ein verkörpertes Vermögen, eine Ziffer auf zwei Beinen, und vor einer Ziffer habe jeder Realist Respect, aber andererseits sehe im gesellschaftlichen Verkehr der Christ auch, in dem reichen Juden nur den „Bündeljuden in Salonausgabe". Und darin liege die Gefahr auch für die reichen Juden. Wie die Trojaner auf die Ruse Kassandras nicht hörten, so hören auch die Juden nicht auf die Prophezeiungen Derer, die ihren Nachkommen das Schicksal der armen polnischen Juden weissagen, deren Vorfahren in Spanien oder anderen Ländern „angesehen" und reich waren. Das treffe auch auf diejenigen reichen Juden zu, die noch „einen kleinen Funken jüdischen Sinns unter einem dicken Aschenhaufen besitzen. Die Reichen sind keineswegs die berufenen Wortführer des Judenthums, das müsse den Christen klargemacht werden". Denn die reichen Juden wollen im Wohlleben untertauchen, und der Zionismus legt sich ihnen wie eine sonderbare Verbindung von Schwimmgürtel und Zwangsjacke um den wohlgenährten Leib." (Beifall und Zischen.) Stürmischen Widerspruch fand der Redner neben dem Beifall seiner speciellen Anhänger, als er sich gegen diejenigen Rabbiner, welche den Zionismus nicht fördern, wendete. „W a § diese wackeren Gemeindebedien steten sagen oder nicht sagen, das hat genau den nämlichen Werth, ihre Bedeutung im Judenthum ist gleich Null. (Stürmischer Widerspruch und Beifall) Lehrer und Führer des Volkes sind sie längst nicht mehr. (Zischen.) Den aufgeklärten Juden sind sie ein Spott, den strenggläubigen ein Aergerniß. (Großer Lärm.) Ob sie selbst an irgend etwas, außer an ihren Gehalt, glauben, das weiß ich nicht, ich habe auch kein Recht, es zu untersuchen. Jetzt machen diese „wackeren" Männer den Reichen dadurch den Hof, daß sie ihre salbungsvolle Stimme im Namen der jüdischen Religion gegen den Zionismus erheben. DieserZug der Feindschaft gegen die echteste und tiefste Bewegung, die das jüdische Volk je gekannt hat, fehlte unsbisherim Charakterbilde derProtestrabbiner. Jetzt ist das Bild vollständi g." (Großer Lärm.) Als sich der Kampf der mit Beifall und Zischen auf das Heftigste kämpfenden beiden Parteien gelegt hatte, ging Nordau zum zweiten Theil seiner Rede über: Socialismus. Wenn die Reichen vom Zionismus nichts wissen wollen, so sei dies für die Zionisten nicht so schmerzlich, wie die Ablehnung, welche die j ü d ischen Proletarier in Deutschland dem Zionismus zeigen. Wenn dieser Standpunkt bei Denen, die der Zionismus erlösen will, allgemein würde, so sei seine Aufgabe gescheitert; dann müsse er sein Haupt verhüllen. Und doch sollten die jüdischen Arbeiter, statt sich dem Socialismus in die Arme zu werfen, lieber Zionisten werden. Das Judenthum und der Zionismus werde sich für sie, die in der schlimmsten Lage von allen Proletariern seien, als wirksamer gegen die Uebermacht der Unternehmer beweisen, als die Socialdemokratie. Demi derZionismus umfaffeAlles.was im socialdemokratischenProgramm nicht u t o p i sch sei. (Gelächter mrd Beifall) Der Redner geht dann auf die Theilnahme der Juden an der Bewegung von 1848 ein, erirmert an Lasfalle und Marx, und die Thätigkeit vieler Juden in Wochenschrift Nr. 5 der jetzigen Socialdcmokratie. Aber er warnt die jüdischen Arbeiter, den Verlockungen zu folgen, denn im „Znkunftsstaat" werden sie ebenso unterdrückt bleiben ihrer R a c e wegen, wie bisher. (Widerspruch.) Im Zionismus dagegen könne der jüdische Proletarier sittlich und thatkräftig seinen Idealen nachleben. Lebhafter Beifall folgte der Rede, und nach einer Danksagung an den Redner eröffnet«: der Vorsitzende die Discussion. Mehrere Redner, wie Pastor F a b e r und Dr. Klee, traten recht wirksam für die zionistischen Ideale ein, aber geradezu frenetischen Beifall entfesselte ein junger Herr, 8tuck med. Ewer, der den Juden zurief, sie sollen nicht vergessen, daß sie Deutsche sind. Ein Sturm von Begeisterung erhob sich, als der junge Mediciner in höchst gewandter Dialektik daran erinnerte, daß Juden die keutsche Einheit auf dem Schlachtfeld mit erkämpft haben, daß sie daher jetzt in Deutschland, das ihr Vaterland sei, mitrathen und mitthaten sollen. In ihrem Vaterland sollen sie Mitarbeiten und Glück und Zufriedenheit suchen. Anf die Verbesserung der Verhältnisse im Vaterlande solle man sein Streben richten und nicht den Juden die Angriffswaffe in die Hand geben, daß man e st und zu allererst Jude sei und dann erst Deutscher. Nach diesen in ihrer Wirkung nicht zu übertreffenden Ausführungen hatten es die Zionisten schwer, die Schlachtreihe in Ordnung zu halten. Um Mitternacht wogte die Schlacht noch hin und her. * * Der Berichterstatter der „Oesterreichischen Wochenschrift" schreibt uns über diesen Berliner Vortrag Dr. Nordau's: K. Berlin, den 30. Jänner. Vorgestern Abend hat Herr Dr. Max Nordau aus Paris in dem mehrere Tausend Personen fassenden und gefüllten Saale des Feenpalastes über „Capitalismus, Socialismns und Zionismus" gebrochen. Es war wörtlich genau derselbe Vortrag, den er am Mittwoch zuvor in Wien gehalten und dem er dort den Titel „Strömungen im Judenthum" gegeben hatte, derselbe Vortrag, den er heute in Cöln wiederholt als eine Antwort auf die Frage: „Wem will der Zionismus helfen?" Es ist unzweifelhaft das gute Recht des Dr. Max Nordau wie das jedes Wanderredners, mit einem und demselben Vortrage von Ort zu Ort zu ziehen, oder, man gestatte den Ausdruck, „auf die Walze" zu gehen. Wer dieses Bild zu despectirlich finden sollte, dem wollen wir gern das Zugeständniß machen/ Herrn Dr. Max Nordau mit einem Theatervirtuosen zu vergleichen, der Stadt um Stadt mit der Vorführung einer und derselben wohleinstudirten Rolle beglückt. Originell ist dabei nur, daß Herr Dr. Max Nord au den Anschein zu erwecken sucht, als ob er die Hörer mit einer für sie besonders hergerichteten oratvrischen Leistung regalire, während er sich in Wirklichkeit nur den Luxus einer wechselnden Etiquettirung gestattet. Will er dadurch den Glauben an Improvisation und Fruchtbarkeit erwecken^ so hat die Genauigkeit des Berichtes in der „Oesterreichischen Wochenschrift" ihm einen üblen Streich gespielt und einen Truc offenbart, der in unerfreulicher Weise an Komödiantenthum erinnert. Die Thatsache selbst überhebt mich der Nothwendigkeit, bei dem Bericht über den vorgestrigen hiesigen Zionistenabend die Nordauschen Auslassungen selbst zu wiederholen. Ich darf mich darauf beschränken, das wiederzugeben, was an jenem Abend der Nordauschen Rede gefolgt ist. Vorweg sei bemerkt, daß der große Zudrang zu der Versammlung nicht etwa einer entsprechenden Zahl der hiesigen Anhängerschaft des Zionismus zuzuschreiben ist. Unter den Hörern bildeten die Zionisten, die den letzten Mann aufgeboten hatten, eine kleine Minderheit. Das ließ sich selbst dadurch nicht verdecken, daß die anwesenden Zionisten der Tiefe ihrer Ueberzeugung durch den vollen Aufwand ihrer sehr respectablen Lungenkraft Ausdruck gaben, sei es in dem claquenhaft wohlorganisirten Beifall, der jedes tönende Wort ihres Vortragenden quittirte, sei es in den lärmenden Mißfallenskundgebungen, mit denen sie jede kräftige Erwiderung zu unterbrechen versuchten. Die Stimmung und Meinung der großen Mehrheit wurde unzweifelhaft offenbar in der minutenlangen stürmischen Begrüßung, die nach dem Nordau'schen Vortrage der Ankündigung folgte, daß Redacteur M. A. Klausner gegen Herrn Dr. Nordau das Wort nehmen werde. Der Inhalt der Klausner'schen Ausführungen sei hier kurz wiedergegeben: „Herr Dr. Nordau hat in der Einleitung seines Vortrages unter Berufung auf den römischen Rechtsgrundsatz, daß die Vermuthung die Zustimmung erwecke, wer schweigt, wo er hätte reden können und reden sollen, als Anhänger des Zionismus alle Juden augesprochen, die nicht ausdrücklich gegen den Zionismus sich erklärt hätten. Ich muß verneinen, daß der Zionis-

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