Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'Jir. 5 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 87 Staat hat weder Las Recht noch irgend einen anderen Grund, die Inden nur als Bürger zweiter Classe mit beschränkten Rechten zu behandeln.. . „D a s wird aber anders, wenn sie in Palästina einen wohlgeordneten, eigenen und selbstständigen Staat bilden . .!!" „Dann kann man auf einen Tag die Juden vor die Option stellen niit der Frage, wollt ihr Juden sein, Bürger Palästinas, dann werdet ihr nur d i e R e ch t e u u d P f l i ch t e n v o u Ausländischen, Niedergelassenen bei uns haben und euere Consule werden wachen, daß ihr in keinem dieser Rechte gekränkt werdet; oder wollt ihr echte volle Deutsche sein, dann werdet ihr es ganz und voll werden müssen, dann müßt ihr die B e s ch n e i d u n g, das u n a u s l ö s ch l i ch e M e r k m a l des I u d e n st a m m e s und der jüdischen Nationalität, a u f g e b e n. Desgleichen die Speiscverbote, welche euch mit Deutschen zu essen und zu trinken verbieten; desgleichen werdet ihr euch mit den deutschen Todten in gleicher Reihe und nicht an gesonderter Stätte begraben lassen miissen, dann müßt ihr auch den S a b b a t h ausgeben, der euch hindert, mit den Deutschen zu arbeiten und zu ruhen. Dann sollt ihr aller Deutschen Ehre und Ehrenstellen, falls ihr euch würdig zeigt, theilhaftig sein, dann werdet ihr allmälig euer jüdisches Temperament, euere jüdische Körperconstitution und Physiognomie verlieren und in der deutschen Race aufgehen und dann seid ihr Deutsche, gegen die wir keine Antipathie mehr hegen. Das wird eine gründliche, zwangsloseLösung der I u d e u f r a g e sein, denn es wird in jedes Juden freiem Willen gelegen sein, das Judenthum und die jüdische Nationalität oder das Deutschthum und deutsche Nationalität zu optireu." Anderthalb Jahrtausende haben wir unser Heimatsrecht im Vaterlande mit dem Märtyrerblut unserer Ahnen heldenmüthig vertheidigt, an den Fortschritten und der Entwicklung der nationalen Cultur^und Literatur unser redlich Antheil mitgewirkt, um schließlich vor die Wahl gestellt zu sein: entweder unter den Schutz des Fremdenrechts uns zu begeben oder die Taufe zu nehmen! Ob das problematische Staatengebilde von Bestand bleibt und die Bürgschaften der Dauer enthält, — die Bodenfläche bietet nach H e m a n blos für eine Million neue Einwanderer Raum — der restirende Theil der derzeitigen jüdischen Bevölkerung von sechs Millionen, welcher in Europa verbliebe, würde zu optiren haben zwischen dem Fremdenrecht und der Taufe. Da ist es geboten, einmal zu fragen, was dieses mystische „Fremdenrecht" bedeutet und wie es aussieht? Ein arabisches Sprichwort lautet: „Die Söhne Sems sind Propheten, die Söhne Hams sind Sclaven, die Söhne Japhets sind Könige." Das heißt, die Semiten sind Stifter und Künder von Religionen, die Japhetiten Eroberer, Krieger, Herrscher. In der That sind alle Religionssysteme im Orient erstanden, während Europa mit Waffengewalt sich die Erde unterwirft. Bedeutende Forscher, wie Schäffle, Peschel, theilweise auch Döllinger (Akademische Vorträge, III. S. 46) haben die Fähigkeit des Orientalen für Religionsbildung anerkannt. Die Religion setzt die Idee der Gerechtigkeit, der Milde und Versöhnung voraus, während die Politik der Eroberer dagegen Ungerechtigkeit nicht umgehen kann. Diese psychologische Verschiedenheit drückt sich am reinsten in dem Verhältniß zum Fremden, dem Nicht-Einheimischen aus. Bei dem Europäer hat schon der bloße Begriff „Fremdenrecht" etwas Herabwürdigendes an sich, der berühmte Sprachforscher Max Müller weist darauf hin, daß ihm Fremder und Feind (hostis) gleiche Begriffe sind. In der Schwächung des Rechtsgefühls, die jede Eroberungspolitik zur uothwendigen Folge hat, liegt es nun, daß der Europäer das Fremdenrecht verschieden betrachtet, je nachdem er selbst Fremder ist oder Fremde bei ihm wohnen. Während der Fremde in Europa rechtlos ist, mindestens jeder Zeit des Landes verwiesen werden kann, tritt der Europäer im Ausland als Herr auf. Hiesür einige Beispiele. China wurde durch einen Krieg gezwungen,' die Vergiftung seiner Unterthauen durch Einfuhr von Opium zu gestatten. Die Civilisation, so hieß es, dulde keine chinesische Mauer. Wollten aber chinesische Auswanderer in der englischen Colonie oder in Amerika sich niederlassen, so wurde ihnen dies verwehrt, und dies Verbot vertrug sich vortrefflich mit der sogenannten Civilisation. In Tokio, der Hauptstadt Japans, beriethen die Angehörigen der Fremdencolonie ganz ernsthaft, ob sie die Gnade haben sollten, sich den Gerichtshöfen der Eingeborenen zu unterwerfen. Ihre verneinende Antwort war, psychologisch betrachtet, verständlich, aber vom Standpunkt des '„Wirths- und Gastrechtes" einfach eine Anmaßung, ein Beweis ihrer ungeschwächten europäischen Herreninstincte. In der Türkei berauben die Culturstaaten Europas den Sultan einfach seiner Hoheitsrechte. Mit der naiven Begründung, die türkische Pvst tauge nichts, errichteten sie eigene Postämter. Die Türkei hat.gegenüber dem Fremden weder das Besteuerungsrecht noch Strafgewalt. Diese Ungerechtigkeit rächt sich allerdings, sie bietet Rußland, das seine schützende Hand über Mörder und Banditen hält, die Möglichkeit für seine Umtriebe. Die Karte Afrikas bewerft, welch ein geringer Bruchtheil des Continents noch den Eingeborenen, den natürlichen Eigenthümern, gehört. Immer mehr werden sie von dem europäischen Herrscherwillen zurückgedrängt und die unaufhörlichen Colonialkriege und -streitigkeiten zeigen den Kampf zwischen der „Herrenmoral" der Europäer und dem Selbsterhaltungstrieb der Eingeborenen. Wie gering das Gefühl für Gerechtigkeit ist, geht, abgesehen von diesen Fällen, daraus hervor, daß in der Berliner geographischen Gesellschaft ein Redner, ohne Widerspruch zu erfahren, den classischen Ausspruch wagen konnte: „Auf dem Tschadsee muß die deutsche Flagge wehen, getreu dem Ausspruch unseres Herrscherhauses: .,5uiim cuique“." Hier ist überhaupt von dem Rechte der Eingeborenen nicht mehr die Rede, sondern es erscheint selbstverständlich, daß Deutschland nimmt, wo Andere nehmen. In Europa sieht es im Grunde genommen nicht anders aus. Grundsatz aller Politik ist, daß sie nicht auf Ehrlichkeit Anspruch macht. In Europa liegen die Verhältnisse ja allerdings nicht so offen zu Tage. Der gegenseitige Neid hat das sogenannte europäische Gleichgewicht zu Stande gebracht, und wenn es gestört wird, kann jede der streitenden Parteien die andere als Friedensstörer hinstellen. In den Colonien ist es anders, da laßt sich die Thatsache einer Eroberungspolitik und einer Mißachtung fremder Rechte nicht bemänteln. Spricht also der christliche Zionist davon, den Juden unter Fremdenrecht zu stellen, so müßte man billig fragen: Soll es das Recht sein, das der „Arier" dem Fremden gewährt, oder das Recht, das er als Fremder beansprucht. Dr. Max Nordau in Berlin. (Bericht des Berliner Tageblatt.) Die Ankündigung, daß Dr. Mar Nordau einen Vortrag über E a p i t a l i s m u s, Socialismus und Zionismus zu halten gedenke, hatte genügt, die weiten Räumlichkeiten des Feenpalastes in der Burgstraße bis auf das letzte Plätzchen zu füllen. Schon kurz nach 8 Uhr mußten polizeilich die Eingänge zu dem Etablissement geschlossen werden. Kopf an Kopf standen auf den Galerien und im Saal die Tausende der Zuhörer, Herren und Damen aus allen Lebensaltern und Ständen, und wie man aus den Gesprächen vor Beginn der Versammlung hören konnte, recrutirte sich diese vieltausendköpfige Zuhörerschaar keineswegs nur ans den jüdischen Bewohnern Berlins. Tiefe Stille trat ein, als Maie Nordau das Wort ergriff. Mit lauter Stimme, die an jeder Stelle des großen Saales deutlich verständlich war, begann der Redner. Mit Interesse betrachtete man die kraftvolle Erscheinung mit dem von weißem Haupthaar und weißem Bart umrahmten Kopf. Ans den Veröffentlichnngen der Zeitungen ist es weit und breit bekannt geworden, daß Nordau, ein unabhängiger und allgemein hochgeachteter Mann, mit selbstloser Begeisterung den Gedanken des Zionismus vertritt, und da inan außerdem weiß, daß Nordau ein überaus wirksamer Redner ist, sah man seinen Ausführungen mit großer Ertvartung entgegen. Es sei jedoch nicht verschwiegen, daß Derjenige, der mehr verlangte als eine stilistisch und rhetorisch vorzügliche Rede, wenig auf seine Rechnung kam. Man merkte dem Inhalt der Ausführungen an, daß Nordau zumeist im Auslande lebe und daher kein campetenter Beurtheiler deutscher öffentlicher Verhältnisse mehr ist. So klang das, was er über „jüdische Millionäre" sagte, stellenweise fast grotesk, so beispielsweise, als er ansführte, daß „jüdische Millionäre" durch Adelsverleihungen, Ordensverleihungen und Berufungen in's Herrenhaus mit den bestehenden Verhältnissen ausgesöhnt wurden und in Folge dessen für den Zionisnius nicht zu haben seien. Die Schilderung der „Reichen" wirkte darum auf die Versammlung wenig. Tenn wohl jeder Besucher der Versammlung hat schon einmal Gelegenheit gehabt, mit einem Millionär oder auch sogar mit einem „jüdischen Millionär" in Berührung zu kommen. Und daß diese Personen gerade besonders faul, herzlos und ihren Glaubensgenossen gegenüber, wie Nordau behauptete, geizig seien, hatte offenbar noch Niemand bemerkt. Den Gipfel des Seltsamen erstieg der Redner jedoch mit den Worten: „Tie jüdischen Millionäre leiden an der graulichen jüdischen Erbkrankheit, der Schnorr s n ch t. Sie verlangen von ihren ärmsten Glaubensgenossen ein Almosen, nämlich Resignation und Ruhe, damit ihre — der Reichen — Ruhe nicht gestört werde. Aber der arme Jude gibt sein höchstes Gut, das Streben nach Erlösung, nicht als Almosen an die Reichen weg." Weiterhin wendete sich Nordau auf das Allerschärfste gegen diejenigen Rabbiner, die den