Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021282--08535-3032919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 Vr. Vloch's Wochenschrifl Seite 79 dem Verbände des Jndenthums ausgetreten ist, mit dem Geiste des Jndenthums gebrochen. Heine's Leben stand im grellsten Widerspruche zu den erhabenen Sittenlehren des Jndenthums, das auch von seinem Denken und Dichten, ja, an dem erst recht, weil sie mustergebend sind, strengste Moral im Leben fordert, das nur dem Manne den Dichterkranz reicht, der auf der Höhe der Poesie und der Gesittung steht. Indem Heine dem Judenthnnl den Rücken gekehrt, hat er es geehrt. Ob auch durch seine später angeblich erfolgte Rückkehr? Dies ist sehr zu bezweifeln. Wäre diese Rückkehr in der Vollkraft seines Lebens erfolgt, hätte er die erhabenen Morallehren des Jndenthums auf seinen Lebenswandel bestimmend und veredelnd einwirken lassen, wir könnten sodann auf seine Bekehrung, lvenn auch nicht mit Stolz, so doch mit Genugthuung blicken. Allein Heine's Abfall erfolgte in der Jugend, seine angebliche Rückkehr hingegen auf dem Todtenbette, auf dem er gelähmt darniederlag, in einer Zeit also, da das Sinnliche allen Reiz für ihn eingebüßt hatte. Es wäre aber grausam, meint der Herr Vortragende, einen Reuigen zurückzustoßen. Wohl, wenn die Reue eine aufrichtige ist. Ist dies bei Heine der Fall? Auf seinem Todtenbette anerkannte er den Geist des Jndenthums, dieser übte aber selbst jetzt noch keinen Einfluß auf seine Phantasie und seinen Geist. Soll daher Heine, der nie von dem veredelnden Geiste des Jndenthums erfüllt war, zu den Unserigen zählen, dann müssen wir ihn zu jenen Juden rechnen, die mit ihrem schassenden Geiste dem Judenthum Ehre gebracht, nicht aber mit ihrem Charakter. Soll Heine dem Judenthume angehören, so wollen wir dies in Ruhe und Bescheidenheit zur Kenntniß nehmen, keineswegs aber sind wir berechtigt, auf ihn stolz zu sein. Höher als alle Vorzüge des Geistes steht denk Judenthum der Adel der Gesittung. Berlin. In der Berliner Repräsentantenversammlung versucht die zusammengeschmolzene angeblich conservative Schaar ihre nominelle Mehrheit—11 zu 10 — zur Geltung zu bringen. Es gelingt ihr nicht. Bei jeder Abstimmung fehlen einige aus ihrer Mitte, und wenn der glückliche Zufall es will, daß auch die andere Reihe nicht voll besetzt ist, so gibt der Vorsitzende zu Gunsten der sogenannten Liberalen den Ausschlag. In der letzten Sitzung handelte es sich um die Bestätigung der Rabbinerwahlcommission. Mit 9 gegen 8 Stimmen wurde der Vorschlag der Bestätigung abgelehnt, eine Neuwahl beschlossen. In derselben — geheimen — Sitzung wurde der Entwurf einer an den Cultusminister in Sachen der gemaßregelten jüdischen, städtischen Lehrerinnen zu richtenden Eingabe vorgelegt. Die Feststellung des Entwurfes hätte Monate in Anspruch genommen. Inzwischen war die Angelegenheit bereits von anderer Seite gefördert und zur günstigen Erledigung gebracht worden, und nun blieb den Repräsentanten nichts übrig, als der Empfehlung des Vorstandes gemäß die Sache zu vertagen. Doch die Repräsentanten wollten ein Zeichen der Selbständigkeit geben, und so beschlossen sie« die Vertagung auf vier Wochen. Ist die Frist verstrichen, so bleibt natürlich Alles beim Alten. — Diesmal war ein Liberaler, selbstverständlich ein Jurist, der Kluge gewesen, der den klugen Beschluß herbeisührte. Paris. (Vom Oberstlieutenant Picquart.) Es vergeht kein Tag, an welchem der im Militärgefängnisse Cherche-Midi in Paris in Haft gehaltene Oberstlieutenant Picquart nicht Beweise der ihm entgegengebrachten Achtung und Sympathie erhalten würde. Besonders zahlreich waren die Kundgebungen anläßlich des neuen Jahres, wobei unzählige Depeschen und Visitkarten anlangten, darunter auch viele aus dem Auslande. Ueberdies erhielt der Gefangene zumeist von unbekannten Damen prächtige Blumensträuße, die seine Zelle mit den leuchtenden Farben und dem Dufte eines Wintergartens erfüllten. Die Visitkarte, welche die „Comtesse de Pierrefonds" — die Kaiserin Eugenie — freut Gefangenen zukommen ließ, dürfte diesem freudige Ueberraschung bereitet haben. Der „Cri de Paris" knüpft hieran folgende Bemerkung: „Es sind 30 Jahre her, daß die Kaiserin Eugenie ihren Thron verlor, den Umtrieben eines Berräthers und der sträflichen Unfähigkeit und Sorglosigkeit der Armeeleitung zum Opfer fallend. Sie begriff, daß Picquart gegenwärtig dieselben Märtyrerqualen erduldet." Paris. (Das Bordereau.) Aus Paris tvird geschrieben: Das zu welthistorischer Berühmtheit gelangte Bordereau befindet sich, den Aussagen von Personen zufolge, die Gelegenheit hatten, es in letzter Zeit zu Gesicht zu bekommen, in einem höchst jämmerlichen Zustande. Es ist seit seiner Ankunft im Kriegsministerium durch so viele Hände gegangen, daß es ganz zerfetzt ist und in Stücke zu fallen droht. Man ist darüber natürlich in größter Besorgniß, da das Schriftstück für die Revisions-Procedur von allerhöchster Wichtigkeit ist. Es ist bereits vorgeschlagen worden, es in zwei Glas streifen einzuspannen, um es vor völliger Vernichtung zu schützen. Daß es auf einer Art Seidenpapier (pelure) geschrieben ist, das carrirt ist, wurde schon vielfach mitgetheilt; weniger bekannt dürfte sein, daß es einfaches Briefbogenformat hat und auf der Rück-, wie auf der Vorderseite beschrieben ist. Es ist zuerst in der Mitte von oben riach unten und dann zweimal von rechts nach links durchgerifsen worden, so daß es aus sechs zusammengeklebten Fetzen besteht. Die Person, die es zerriß, muß noch eine vierte Durchreißung versucht haben, wie dies aus der Verfaserung des Randes ersichtlich ist. Jüdische Talesweber als — Produelivgenossenschast. London, 23. Jänner. Wie dem hiesigen „I e w i s h C h r o n i c l e" aus Petersburg berichtet wird, steht in den russischen Städtchen D u br o v n o und O r s z a die Gründung von Talesweber- Pro d u c t i v g e n o s f e n s ch a f t e n bevor. Diese Leute befinden sich trotz ihres Fleißes in sehrgroßer Noth, weil sie sowohl das Rohmaterial im Detaileinkauf theuer bezahlen, als auch das fertige Product an den Zwischenhändler billig abgeben müssen. Nun scheinen auch dort in die Ghettos die modernen Gedanken von der wirthschaftlichen Selbsthilfe gelangt zu sein und so beschlossen die paar Hundert jüdischen Talesweber in Dubrovno, es mit dieser Associationsform zu versuchen. Sie arbeiteten einen Plan aus, der ihrer modernen Denkweise alle Ehre macht. Er besteht nämlich in der Errichtung einer Factorei mit Arbeits-, Maaren- und Verkaufsräumen. Hier bekommt der Arbeiter das Rohmaterial zum Selbstkostenpreis, er benützt zu seiner Arbeit die modernsten Maschinen und läßt sohin das fertige Product direct au den Consumenten verkaufen. Für all' dies wird ihm vom Verkaufspreis eine geringe Provision abgezogen. Das nothwendige Geld stellt die Baronin Hirsch unter der Bedingung zur Verfügung, daß Herr Lazar P o l i a k o f f aus Moskau die Durchführung des Planes übernimmt. Herr P o l i a k o f f hat auch zu diesem Zwecke seinen Beamten nach O r s z a und D u b r o v n o geschickt. Wie wär's, wenn sich die Talesweber von K o l o m e a, um einfür allemal dem Streit mit den Unternehnlern ein Ende zu machen, als Productivgenofsenschaft etablirten? Sie könnten's ja versuchen. Jassy. Bon Rumänien sind leider immer nur dieselben bösartigen Dinge zu berichten: Verfolgungen und Chicaneu in jeder Form gegen die armen Juden, die amtlich immer als Fremde behandelt werden. Erst kürzlich hat der Premierminister gelegentlich einer Neuwahl die Parole ansgegeben, Handel und Gewerbe müßten den Händen der Fremden, das heißt der Juden, entrissen werden. Wenn so die höchste Seite der Beamtenhierarchie vorgeht, so darf man sich nicht wundern, daß die niederen Beamten mit Eifer folgen. So sind in der Dobrudscha die altangesessenen Juden noch von der Türkenzeit her zwar Vollbürger, aber man vertreibt sie dennoch rücksichtslos ans den Dörfern. Gewalt geht eben vor Recht! Die Studenten setzen daher ihre Judenhetze mit größtem Effer fort und haben ein Pamphlet in 40.000 Exemplaren verbreitet, in dem sie die Bauern gegen die Juden aufhetzen mit der Lüge, die Juden wollten die christlichen Kirchen zerstören, um alle Rumänen zu Juden zu machen. In Doroboj und Bottufchani fanden von Studenten veranstaltete Volksversammlungen gegen die israelitischen Rumänen statt, an denen selbst die Behörden, der Präfect und Bürgermeister voran, theilnahmen. Aber am schlimmsten sind die Maßregeln, welche die jüdischen Kinder aus den Schulen treiben. Der Unterrichtsminister hat wieder ein Circulär an alle Schulvorsteher versandt, in dem es heißt, daß von der Aufnahme der Kinder Fremder (natürlich Juden) in die Schulen keine Rede sein könne, da die vorhandenen Schulen nicht einmal für die rumänischen Kinder ausreichen. In einem zweiten Circulär droht er den Schulvorstehern, welche fremde Kinder aufnehmen würden, ehe alle Kinder von Rumänen angenommen silkd, schwere Strafen an. Die natürliche Folge dieser Maßnahmen zeigt die Statistik. Schulpflichtige Kinder sind unter den Juden Rumäniens 36.313, davon besuchen 3089 die öffentlichen Schulen, 8290 die jüdischen Gemeindeschulen, 2796 sind in den Kleinkinderschulen, während zwei Drittel, 22.138 Kinder, keinerlei Schulunterricht erhalten. Wahrlich traurige Zustände, ra*>ar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.