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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Rr. 4 Ißv. Vloch'r Wochenschrift Sette 77 Cultusvorstandes, Herrn jur. et phil. Dr. Markus Spitzer, in Vorschlag zu bringen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung gelangten mehrere Referate über Stiftungen zur Annahme, und zwar: der Oberrabbinnerin Fanny Güdemann-Stiftung für weibliche Kranke (Ref. Herr Dr. Grünfeld), der Ignaz Theumann'schen Ausstattungsstiftung (Ref. Herr Vertreter Dr. Steiner), desgleichen der Antrag auf Subventionirung des Vereines „Beth - Hamidrasch - Talmud - Thora" im II. Bezirke (Referent Herr Dr. Berger), und erfolgte endlich über Vorschlag der 111. Section die Nominirung von externen Comitemitgliedern für das Altersversorgungshaus. Nach Erledigung mehrerer Steuerreclamationen wurde die Sitzung um 9 Uhr Abends geschloffen. Wien. (Die Wiener Gemeindewirt hschuf t.) In der im Hotel Continental unter dem Vorsitze des Gemeinderathes Stiaßny abgehaltenen Versammlung des „Dona u-C l u b s" hielt Gemeinderath Dr. Stern einen Bortrag über die finanzielle Lage der Stadt Wien. Er wies an einer Reihe von Beispielen nach, daß die Ziffernansätze des Budgets nur Fiction seien; man habe Alles gethan, um nur halbwegs ein Gleichgewicht im Budget zu erhalten. Für Straßenherstellnngen, Pflasterungen und Säuberung sei eine minimale Post angesetzt, für Schulbauten in den neun inneren Bezirken, mit Ausnahme eines Schulbaues im II. Bezirke, auch nicht ein Kreuzer präliminirt. In der Gemeinde herrsche derzeit die ausgesprochenste und einseitigste Parteiwirthschaft. Das Avancement anläßlich des Regierungs-Jubiläums habe dies auf unzweideutige Weise bestätigt, indem alle jüdischen Beamten ausnahmslos präterirt wurden. Ein Commissär, der von allen Instanzen vorgeschlagen war, wurde von 26 Hintermännern präterirt, darunter von solchen, die minder qualificirt waren, ja sogar von solchen, die nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungen abgelegt hatten. Dasselbe geschah zweien im Conceptsfache beschäftigten Beamten. In der Buchhaltung ist ein alter Rechnungsbeamter, welcher derart qualificirt war, daß sich dessen Hintermänner nicht einmal an der Concurrenz betheiligen wollten, abermals überlangen worden. Im Stadtbauamte wurde ein Adjunct mit 26 Dienstjahren, der auch Hauptmann in der Landwehr ist, übergangen, im Conscriptionsamte wurde ein Official, der Vater von 6 Kindern ist, mit 26 Dienstjahren von 25 Hintermännern, darunter von solchen, die eine um 10 Jahre geringere Dienstzeit haben, übersprungen. (Entrüstungsrufe.) Im Stadtphysikate wurden 24 graduirten Aerzten sogar Wundärzte vorgezogen, und da man die erforderlichen Stellen nicht alle mit Christen besetzen konnte, ließ man sogar sechs Stellen unbesetzt, nur um Juden nicht befördern zu müssen. Dr. Stern besprach sodann das Finanzprogramm des Stadtrathes H r a b a, der sich noch vor zwei Jahren rühmte, das Gleichgewicht im Staatshaushalte hergestellt zu haben und nun im letzten Voranschläge gleich eine Anleihe von 120 Millionen verlangt hat, um jene Investitionen und Auslagen bestreiten zu können« welche von der liberalen Mehrheit fast gänzlich aus den laufenden Einnahmen besorgt wurden. Den Ausführungen des Gemeinderathes Doctor Stern folgte lebhafter, anhaltender Beifall. Ortsschulrath K l e b i n d e r forderte die fortschrittlichen Gemeinderäthe auf, eine kräftige Agitation in der Wählerschaft einzuleiten, damit endlich dieses unfähige und jedes Rechtssinnes bare Regime beseitigt werde. Die Versammlung beschloß einstimmig eine Resolution, wodurch der Donau-Club der gegenwärtigen Gemeindevertretung seine Empörung und Mißbilligung ausspricht. Daszynski über die Lage der Juden in Galizien. Im Saale „Zur Ressource" hielt Reichsrathsabgeordneter Daszynski vor einer zahlreich besuchten Versammlung des socialwissenschaftlichen Bildungsvereines einen Vortrag über die Lage der Juden in Galizien. Redner gab einleitend einige statistische Daten über die Verbreitung der Juden in diesem Kronlande. Demnach bilden sie daselbst zwölf Percent der aütochthonen Bevölkerung und wohnen hier relativ in geschlossenen Massen, welche gesellschaftlich ebenso wie die anderen Völker geschichtet sind. Das historische Verhältniß, in welchem die Massen des Judenthums zu den beiden Classen des mittelalterlichen Polens gestanden, war dasjenige, daß sie auf Grund der Concession, die sie vom Adel im Mittelalter erreicht hatten, auch alle Geschäfte des Adels besorgten und ein Bindeglied zwischen diesem und dem leibeigenen Volke bildeten. Der moderne Capitalismus brachte auch für die Juden die Befreiung aus diesem untergeordneten Verhältniß und die Juden traten in's öffentliche Leben. Aber der Capitalismus hat das Judenthnm genau so zersetzt und aus dem Gleichgewicht gebracht, wie die anderen Völker in Europa. Schon die Entwicklung der formalen Seite des Capitalismus wirkte hier mit größerer Kraft, da das sonst wesentliche Moment der capitalistischen Entwicklung — die Steigerung der maschinellen Kräfte und die Großindustrie — in Galizien fehlt. Dieser Umstand hat auch dem Judenthum großen Schaden gebracht. Ebenso hat die Erleichterung der Geldcirculation eine Menge von Existenzen an den Bettelstab gebracht, während der scharfe Concurrenzkampf der fabriksmäßigen Industrie das jüdische Kleingewerbe total untergraben hat. Die Uebermacht der großen Bankcapitalien hat die Existenz einer Unzahl von Geldagenten vernichtet. Die Politik des Judenthums spaltet sich nun in zwei Richtungen, eine oppositionelle und eine regierungsfreundliche, und so sehen wir auch hier, daß die durch den modernen Capitalismus zersetzte jüdische Gesellschaft die Erscheinungen des Claffenkampses zum Vorschein bringt, und dieser Proceß wird in der Zukunft sich noch klarer und deutlicher gestalten. Die ärmeren Schichten des Judenthums haben auch eine weit größere treibende politische Kraft gezeigt, als die satten oberen paar Tausend. Wir sehen eine Volkspreffe in dem galizischen Judenthum aufleben, welche ganz selbständig vorgeht. Die Orthodoxen, die Zionisten und die Socialdemokraten sind jetzt schon in dieser Volkspreffe vertreten und es entbrennt unter unseren Augen ein frischer Kampf der Meinungen und der politischen Gegensätze; ein Kampf, der tausendmal besser ist, als der frühere Stumpfsinn. Ohne sich den Träumereien der Zionisten oder dem Conservatismus der Orthodoxen hinzugeben, haben sie das weite Feld der Agitation und Organisation sich geöffnet. Sie müssen die Massen der jüdischen Proletarier — und diese bilden achtzig Percent des gesammten Judenthums in Galizien — zum modernen Kampfe erziehen, sie müffen ebenso wie es bei den anderen Völkern geschehen, die Jnstincte der Classensolidarität unter diesen Proletariern wecken, sie müssen die Juden Galiziens der europäischen Welt näher bringen, damit die Losungen des Zionismus, die nur ein Ausfluß der Verzweiflung sind, dieses arme Volk nicht unnützerweise irreführen. Wien. Samstag, den 14. d. M., Abends, hielt Professor Benedikt einen Vortrag über anderswerthige und minderwerthige Menschen. Er leitete damit den Cyklus der von der jüdisch-akademischen Lesehalle veranstalteten Borträge ein. Professor Benedikt stellte unter den Begriff der Anderswerthigkeit die Reihen Mann und Weib, die einzelnen Nationen, Völker und Racen untereinander. Als minderwertig bezeichnete cr Epileptiker, Schwachsinnige, Alkoholisten, Verbrecher und erblich Belastete. Den Vortragsabend eröffnete der Präses der Lesehalle, cand. phil. Salo Deutsch, mit einer Ansprache an die Gäste, indem er ihnen die Ziele und Zwecke der Lesehalle auseinandersetzte nnd sie bat, dem Vereine Wohlwollen entgegenzubringen. Der nächste Vortrag im Cyklus findet am 28. d. M. statt und spricht hiebei Dr. I. S a d g e r über das Thema: War Goethe eine pathologische Erscheinung? Am 5. Februar spricht Redacteur Hermann Bahr, am 11. Februar Heinrich G l ü ck s m a n n und Frau v. Türk-Leuthold, am 19. Februar Dr. Rudolf Lothar. Die restlichen Plätze ä 2 fl. und 3 fl. sind im Locale des Vereines, IX.. Berggaffe 4, zu erhalten. Wien. (K r a n k e n - U n t e r st ü tz u n g s- und Humanitätsverein „Gomle Chesed".) Löbliche Redaction! In der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes war die Notiz enthalten, daß seitens der Leitung des Vereines „Wohlthätigkeit aus Pietät" zu Gunsten desselben ein Costumefest im Hotel Continental veranstaltet werde. Um nun etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, wie solche sich aus dem gleichen Anlaffe bereits im Vorjahre ereigneten und die ans der Namensgleichheit obigen Vereines mit dem Kranken-Unterstützungsverein „Gomle Chesed" (Wohlthätigkeit aus Pietät) resultirten, erlaube ich mir im Aufträge des Vorstandes dieses Vereines an eine löbliche Redaction die Bitte um Constatirung der Thatsache zu richten, daß der „Gomle Chesed "-Verein niemals weder ein Costumefest noch ein Kränzchen veranstaltet hat. Der derzeit fungirende Vorstand, dessen Mitglieder durchwegs in religiöser Beziehung der conservativen Richtung angehören, erachtet die Veranstaltung derartiger Feste zu Gunsten des Vereines insolange für nicht opportun, als es der Wiener Judenschaft nicht gegönnt ist, ffir humanitäre, wissenschaftliche und politische Zwecke ein e i g e n e s Heim, verbunden mit einer den rituellen Anforderungen auch

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