Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seile 76 Dr. Vloch's WochLnschrisi Nr. 4 will und kann. Das moderne Judenthum, wie solches die modernen jüdischen Lehranstalten heranbilden, vertritt daher den richtigen Standpunkt, wenn es sich als auf historischer Basis beruhend erklärt. War nun auch Dr. Silberftein ein allsgezeichneter Schriftsteller, ein seltener Kunstkritiker und ein philosophisch geschulter Geist, so war er trotz alledem kein Historiker, während doch das Judenthum, will man es richtig beurtheilen können, historisch gewürdigt werden muß. Es soll hiemit dem Verewigten, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind, keineswegs irgend welcher Vorwurf gemacht werden. Haben sich doch in Mendelssohn's „Jerusalem" auch Anschauungen über Judenthum eingeschlichen, die uns völlig befremden. Der große Salonphilosoph und Aesthetiker war eben kein Historiker. Wir heben dies hervor, um einen psychologischen Grund dafür zu finden, daß Dr. Silberstein, unrichtige Thesen über Wesen und Entstehung des Judenthums aufgestellt hat. Dann darf man nicht vergessen, daß es eine ganze Reihe moderner Philosophen gibt, die, da sie keine Lösung für das Problem des Lebens finden und trotz des Fortschrittes des zur Neige gehenden XlX. Jahrhunderts des Daseins Zweck und Ziel nicht zu ergründen vermögen, ihre Zuflucht zur Kunst nehmen und sich am Schönen zu betäuben suchen. Zu dieser Elaste moderner Denker, vom Geiste eines einseitlichen Idealismus beseelt und getragen, gehörte auch Dr. Ad. Silberstein. Das Judenthum erblickt aber nicht in der Kunst, llicht im Schönen, sondern im Guten und Wahren das Princip des Lebens. Wie läßt doch der große britische Menschenanalytiker einen seiner Helden in „König Lear" sagen? „Nichts ist so scheußlich als ein schönes Weib, das ruchlos ist." Die zwei nach den Gesetzen der Aesthetik sich sonst gegenseitig ausschließenden Begriffe „schön, scheußlich" Hausen da ruhig nebeneinander und können sich doch wenigstens da vereinigen, wo „ruchlos" das Bindeglied ist. Nicht so aber beim Guten und Wahren. Die Verkennung dieser ewigen Wahrheit war Dr. Silberstein's großer Jrrthum. Gibt es aber überhaupt einen Menschen ans Erden, der nicht irrt? Oder hat etwa der Dichter Unrecht, wenn er in feierlichem Tone kündet: Es iyrt der Mensch, so lang er lebt! Dr. Silberstein hat nicht nur nicht umsonst gelebt, sondern sein irdisches Dasein hat hienieden auch bleibende Spuren für die Nachwelt zurückgelasten; denn was sein Geist geschaffen hat, das wird noch in späten Zeiten auf bessere Geister anregend wirken. Dies ist's eben, was sein Andenken für alle Zeiten segnet. Correspondsnzen. (Sitzung des Vorstandes dcr Wiener israelitischen Cultusgcmei-Lde am 22. Jänncr 1809, u nter Vorsitz des Präsidenten kais. Rath Klinger.) Im Einlaufe gelangen zur Verlesung: die an den Präsidenten gerichteten Zuschriften der ehemaligen Vorstandsmitglieder Hosrath Ritter von Hahn und Karl Kohn, mit dem Ausdrucke des Dankes für die an sie anläßlich ihres Ausscheidens aus dem Vorstande ergangenen Präsidialschreiben; weiters ein Schreiben des Herrn Marcus Bondy. betreffend die Annahme des ihm übertragenen Mandates eines Obmannes der Schiedsgerichte; ein Dankschreiben des Frankfurter Vereines zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina für die von der Wiener Cultusgenreinde für den Baufond der von Lämel'schen Schule in Jerusalem gewidmeten 1000 Francs; endlich eine Zuschrift des Herrn I. R. Benario in Wertheim, betreffend interessante Episoden aus dem Leben Samson Wertheimer's. An eingelaufenen Spenden werden bekanntgegeben: Vom Vereine Bne-Brith für das Siechenhaus fl. 4000.—. Anonymus für einen armen Mann fl. 50.—. Bon Herrn Dr. Leopold Sommer anläßlich eines gerichtlichen Ausgleiches fl. 5.— als Bußgeld des Geklagten für Arme. Von Frau Marie Stern für die Chewra-Kadischa fl. 10.— . Die unter der vorgeschriebenen Controle erfolgte Entnahme der Sammelbüchsen im Gemcindetempel in Fünshaus ergab fl. 83'34 für Arme. Bor Uebergaug zur Tagesordnung überreicht der Präsident Herr kais. Rath Klinger dem ersten Secretär Dr. Theod. Lieben das Deccet, nach welchem demselben mit Allerhöchster Entschließung vorn 30. Noveniber v. I. der Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen wurde, in feierlicher Weise, wobei der Präsident unter lebhafter Zustimmung der Versammlung erneuert der hohen Befriedigung über die dem vielverdienten ersten Secretär gewordene Allerhöchste Auszeichnung Ausdruck gibt. ' Bei der Verlesung der Berichte des Matrikelamtes berührt der Präsident die in einigen jüdischen Wochenblättern des In- und Auslandes verzeichnete falsche Mittheiluug, wonach im Jahre 1898 4000 Personen in Wien aus dem Judenthume ausgetreten wären, und theilt zur Richtigstellung des Sachverhaltes mit, daß nach den vorliegenden amtlichen Daten: 424 Austritte im Jahre 1894 435 „ „ „ 1895 457 „ „ „ 1896 485 „ „ „ 1897 und 468 „ „ „ 1898 stattgefunden haben, was im Verhältniß zur Anzahl der hier wohnenden Israeliten circa s%oo Percent — immerhin bedauerlich genug — darstellt. Nachdem die weitaus überwiegende Mehrheit dieser Austritte Personen treffe, welche nicht Mitglieder unserer Cultnsgemeinde sind, sondern zumeist solche, die aus den Provinzen stammen, so gewinne es den Anschein, als ob dieselben den Austritt oder Glanbenswechsel in ihrer Heimatsgemeinde scheuen. Im Präsidialbericht bringt der Präsident eine Zuschrift des Herrn Statthalters zur Kenntniß, mit welcher der Vorstand um einen Vorschlag, betreffend den zu ernennenden Vertreter des israelitischen Religionsunterrichtes im Bezirksschulrathe, ersucht wird. Nachdem der Vorsitzende mittheilt, daß über seine an den bisherigen Vertreter Herrn Baurath S t i a ß n y gerichtete Anfrage der letztere definitiv erklärte, eine Wiederwahl nicht annehmen zu können, wird beschlossen, diese Angelegenheit, mit welcher sich die Unterrichtssection und das Vertreter-Collegium bereits eingehend beschäftigt haben, in der nächsten, Dienstag den 24. d. M. stattfindenden Plenarsitzung der Erledigung zuzuführen. Weiters berichtet der Präsident über den Stand der Angelegenheit der Spitalserweiterung, wonach dieselbe über znstimmende Aeußerung des Landessanitätsrathes von der Stattholterei bewilligt worden sei, daß jedoch gegen diesen Erlaß der Stadtrath den Recurs an das Ministerium ergriffen habe. Anläßlich des Berichtes des Vorsitzenden über eine Vereinsangelegenheit gibt Herr Dr. G r ü n f e l d die Anregung, sämmtliche jüdisch-confestionellen Vereine in officieller Weise von dem im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890, Reichsgesetzblatt Nr. 57, dem Vorstande der Cultnsgemeinde zllstehenden Aussichtsrechte zu verständigen. Des Weiteren referirt Herr Banrath. Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t im Namen des Vertreter-Collegiums und der Sectionen über die Systemisirung und Regulirung der Bezüge von Functionären, Beamten und Dienern, wobei die durch bisher üblich gewesene Repartirung der Trauungstaxen an die Functionäre entfallenden Antheile in fixe Beträge convertirt werden. Die Anträge werden angenommen und drückt der Präsident dem Referenten für sein Referat, welches das Ergebniß umfassender und gründlichster Vorarbeiten ist und — zum Beschlüsse erhoben — einen wichtigen Theil der Organisation der Verwaltung geregelt hat, unter lebhafter Zustimmung der Versammlung die wärmste Anerkennung aus. (Schluß der Sitzung 2 Uhr Nachmittags.) In der am Dienstag, den 24. Jänner, 6 Uhr Abends, unter Vorsitz des Präsidenten kais. Rath Klinger stattgesundenen Plenarsitzung des Cultusvorst'andes wurde die Subvention des Mädchen-Unterstützungsvereines in Würdigung des sehr ersprießlichen Wirkens desselben und der geschilderten Verhältnisse über Referat des Herrn Bicepräsidenten Dr.' Gustav Kohn auf 200 fl. pro 1899 erhöht und überdies über Anregung des Präsidenten in Aussicht genommen, dem Vereine für Schulzwecke aus dem zu erwartenden Legate des in Paris verstorbenen Dr. S. H. Goldschmidt seinerzeit eine namhafte materielle Förderung der Vereiuszwecke zuzuführen. Betreffend den an den Statthalter zu erstattenden Vorschlag für den in den Bezirksschulrath zu entsendenden Vertreter des israelitischen Religionsunterrichtes wird nach Durchführung, einer längeren Debatte, an welcher sich die meisten anwesenden Vorstandsmitglieder betheiligen, beschlossen, das Mitglied des