Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 4 Vr. VLoch'» Wochrnschrlst T>e:le 7.7 Gemeindebediensteten sagen oder nicht sagen, das hat genau den nämlichen Werth, ihre Bedeutung im Judenthum ist gleich Null. (Demonstrativer anhaltender Beifall.) Lehrer und Führer des Volkes sind sie längst nicht mehr. Den aufgeklärten Juden sind sie ein Spott, den strenggläubigen ein Aergern iß. Ob sie selbst an irgend etwas, außer an ihren Gehalt, glauben, das weiß ich nicht, ich habe auch kein Recht, cs zu untersuchen. Daß sie aber nicht verstanden haben, den Glauben in ihrer Gemeinde zu bewahren, das lehrt ein Blick in ihre Synagoge, wo das Minjan für den täglichen Gottesdienst in der Regel besoldet werden muß. In der Menge haben sie die Kenntniß der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Gebräuche nicht zu erhalten gewußt, so daß sie den jüdischen Ueberlieferungen vollständig entfremdet ist. Die jüdischen Reichen, die ihnen Amt und Gehalt geben, zeigen, was sie von einem Judenthum halten, dessen Vertreter Protestrabbiner sind, indem sie sich und ihre Kinder der Reihe nach taufen lassen. Jetzt machen diese wackeren Männer den Reichen dadurch den Hof, daß sie ihre salbungsvolle Stimme im Namen der jüdischen Religion gegen den Zionismus erheben.' Ich habe nicht den Berus, die jüdische Religion gegen diese uuvermutheten Vertheidiger in Schutz zu nehmen, aber ich kann nur sagen: Dieser Zug der Feindschaft gegen die echteste und tiefste Bewegung, die das jüdische Volk je gekannt hat, fehlte uns bisher im Charakterbilde der Protestrabbiner. Jetzt ist das Bild vollständig." Schließlich bespricht der Vortragende die Stellungnahme der jüdischen Proletarier, der jüdischen Arbeiter zum Zionismus. Auf ihre Mitwirkung könne der Zionismus nicht verzichten und sie müßte man, woferne sie ihm widerstehen, überzeugen. Redner führt aus, daß die Ideen des Socialismus auch innerhalb des Zionismus Raum finden, und spricht die Befürchtung aus, daß die Juden auch seitens des Socialismus Enttäuschungen erleben können, wie sie sie nach der großen Revolution und mit dem Liberalismus erleben mußten. (Anhaltender Beifall.) Dr. Adolf Silberflein. Gin Gedenk- und Erinnerungsblatt von Dr. H. E. K a n f in a u n, Rabbiner in Virovitica (Slavonien). Am 13. d. M. hat ein Fürst im Reiche des Geistes sein Auge für immer geschlossen, wohl nur sein irdisches Auge, denn was sein Geist geschaffen, seine nunmehr erstarrte Hand niedergeschrieben, iws wird noch lange denkende Geister beschäftigen. Denn Dr. Adolf Silberstein war kein Durchschnitts- Doctor, von denen der lyrische Witzbold Heine sarkastisch sagt: Vom Philosophen herab bis zum Doctor der Philosophie, sondern Philosoph selbst. Den Geist dieses Mannes habe ich in Wien als junger Student durch einen Zufall, wenn es deren gibt, kennen gelernt. Ich und einige meiner Studiengenossen, Kinder armer, galizischer und rumänischer Eltern, waren nämlich in Wien nicht sehr auf Rosen gebettet, so daß wir uns den Luxus, hie und da ein Kaffeehaus aufzusuchen, nicht erlauben durften, wollten wir uns nicht der Gefahr aussetzen, frieren oder hungern zu müssen. Da wir aber dennoch hie und da ein großes Journal, eine Kunstzeitung, ein Literaturblatt lesen wollten, um über die modernen Erscheinungen in Kunst und Literatur im Laufenden zu sein, so beschlossen wir, wenigstens einmal in der Woche ein billiges Kaffeehaus, das die bedeutendsten Blätter bezeichneter Richtung aufliegen hat, aufzusuchen. Da stieß ich auf ein Feuilleton, das mit „Dr. Ad. Silberstein" nnterzeichnet war. Die Schönheit der Sprache, die Vielfältigkeit des Ausdruckes, der philosophische Weitblick, die wahrhaft künstlerische Darstellung der Ideen, die immense Belesenheit in der philosophischen wie in der schöngeistigen Literatur, die der Verfasser des Feuilletons verrieth, nahmen meinen Geist völlig gefangen. Da dicht an neben mir im Kaffeehause einer meiner Studien- und Leidensgenossen gesessen hat, so zeigte ich ihm das Feuilleton. Auf das Urtheil dieses Studenten legte ich viel Gewicht. Denn es war dies kein Anderer, als ein gewisser Moses Lichtenstein aus Rumänien, der in seinen reiferen Jahren am Piaristengymnasium zu Nikolsburg das Abiturienten-Exameu mit Erfolg bestanden hat, um sich hieraus an der Wiener Universität mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. Sein ausgezeichnetes Talent für Mathematik hat dazu beigetragen, daß der berühmte Mathematiker v. Escherich ihm seine Gunst in hohem Maße zugewendet hat. Dieser Studiosus Lrchtenstein konnte, was eben bei einem Mathematiker sehr selten der Fall zu sein pflegt, über Raphael und Michel Angelo ganze Abhandlungen schreiben und sich ebenso an der Schönheit Virgilischer Poesie, wie an der kraftvollen Horazischen Muse ergötzen. Fortab pflegten wir gar oft, vielleicht öfter, als die Zeit es uns gestattet hätte, die Silbersteiu'schen Feuilletons, welche regelmäßig im „Pester Lloyd" zu erscheinen pflegten, zum Gegenstände unseres Studiums zu machen. Das Rad der Zeit jedoch raste in raschem Schwünge davon, die Tage flogen schnell dahin. Bald nahten Tage heran, an denen man für die Zukunft sorgen, zu Examina sich vorbereiten mußte. So vergaßen wir denn an Silberstein, bis ich endlich hier in Amt und Würden war. Da konnte ich wieder au ihn denken. Allein, unsere erste geistige Zusammenkunft war keine friedliche. Eines schönen Tages, es war dies im November 1895, veröffentlichte Dr. Ad. Silberstein im feuilletonistischen Theile des „Pester Lloyd" einen längeren Aufsatz über D. Feuchtinger's Gedichte „Für Israel", in welchem er sich zu der Behauptung verflieg, daß durch seine nähere Berührung mit dem Islam und Christenthum das Judenthum die Unsterblichkeitslehre erst im zwölften Jahrhundert dem Christenthum entlehnt habe. Bei aller Verehrung, die ich dem Dr. Ad. Silberstein als Schriftsteller im Geiste entgegeubrachte, mußte ich ihm da in Anbetracht der Hinfälligkeit seiner mit Nichts begründeten These dennoch ganz entschieden entgegentreten. Dies that ich auch, und anerkennend muß ich hier der Thatsache Erwähnung thun, daß die geschätzte Rcdaction des „Pester Lloyd" meiner Erwiderung, trotzdem sie einem ihrer genialsten Mitarbeiter galt, ihre Spalten gastsreundlichst öffnete und ihr unverkürzte Ausnahme gewährte. Dr. Ad. Silberstein war jedoch von seinem Lesepublicum zu verwöhnt, als daß er eine Widerlegung einer seiner Thesen mit der Seelenruhe eines Wahrheitssorschers geduldig hätte hinnehmen können. Er kam daher in einem daraus folgenden Feuilleton aus meine Ausführungen zurück, wurde aber statt sachlich — persönlich. Das Interessanteste an dieser zwischen mir und Dr. Silbersteiu geführten Polemik über Unsterblichkeitslehre und Unsterblichkeitsglauben ist. daß der Räcz-Kürzer protestantische Geistliche sich als Dritter im Bunde uns zugestllte und in einem Aufsatz?, betitelt „Der Unsterblichkeitsglaube im Judenthum und Christeuthum", der ebenfalls im „Pester Lloyd" erschienen war. unter Anderem ausführte: „ .. . Doch muß ich dem gelehrten Rabbi zu Birovitica Recht geben, denn als das Christeuthum den Schauplatz der Weltbühne betreten hatte, hat es die Unsterblichkeitslehre im Judenthum bereits angetroffen." Im vorigen Jahre hatte ich abermals Gelegenheit, dem zu früh dem Kreise der Lebenden entrissenen Schriftsteller Doctor Silberstein entgegenzutreten. Im Jahr? 1897 ist nämlich von Wolfgang Kirchbach ein Buch erschienen, das den Titel führt: „Was lehrte Jesus?" Dr. Silberstein veröffentlichte darüber im „Pester Lloyd" eine größere Abhandlung und sprach sich über die Gebote der Nächstenliebe des Evangeliums so aus, als wäre diese Lehre dem Judenthum, das das Christenthum aus seinem Schoße hervorgebracht hat, ganz fremd. Wäre damals Lazarus' treffliche Ethik des Judenthums bereits erschienen, so hätte ich es sehr leicht gehabt, Dr. Silberstein zu widerlegen, indem ich auf Lazarus' berühmtes Werk hätte Hinweisen können, so aber mußte ich nolens volens abermals die Gastfreundschaft des „Pester Lloyd" in Anspruch nehmen und, auf quellenmäßige Darlegung und Beweise mich stützend. Dr. Silberstein den Jrrthum Nachweisen, in welchem er sich offenkundig befunden hatte, und die Redaction des „Pester Lloyd" hat mir auch diesmal mit der größten Liberalität ihre angerufene Gastfreundschaft gewährt. Allein diesmal replicirte Dr. Silberstein auf meine diesbezüglichen Auseinandersetzungen nicht. Wenn wir uns nun fragen, wie das komme, daß ein Mann von dem hohen Bildungsgrade eines Dr. Silberstein, dessen Geist, abgesehen von seiner immensen Belesenheit in der philosophischen und schöngeistigen Literatur, durch und durch philosophisch geschult war, solch' schiefe Anschauungen über des Judenthums erhabene Lehre haben könne, wie sie in den angezogenen Feuilletons zum Ausdrucke kamen, so können wir auf diese Frage keine bessere Antwort finden als die, daß das Judenthum nur historisch richtig verstanden werden