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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ütT. 4 Vr. Sloch's WachrnlÄrrN SeUr Parteigenossen Stadtrath Schuh in öffentlicher Gemeinderathssitnmg verhöhnte, weil dieser es wagte, in einer concreten Frage anderer Meinung zu sein als der Generalgewaltige aller Barrierestöcke, ries Herr Pnrscht so laut, daß man es beinahe am Spittelberg hörte: „Bravo! Bravo!" Das officielle Organ des jnerrit Pnrscht, das „Deutsche Bolksblatt", verzeichnete diese ^Bravorufe des Herrn Pnrscht mit großer Sorgfalt, während es die unliebsamen Bemerkungen des Stadtrathes Schuh zum größten Theile unterschlug. Herr Pnrscht ist wieder tonangebend geworden und er rief Herrn Schuh entgegen: „W a s w i l l d e n n d e r T a p e z i e r e r d a?" Nehmen wir einen Augenblick an, es hätte ein anständiger Mensch, nicht Herr Alexander Pnrscht, diesen Zuruf geleistet. Wie lächerlich würde er sich ausnehmen in einer bürgerlichen Versammlung. Im Gemeinderathe einer Stadt sollen ja die Gewerbetreibenden vertreten sein, und die Christlich-Socialen, sie sind ja die patentirten Anwälte des „kleinen Mannes". Und nun erhebt sich ein einfach bürgerlicher Mensch, im bornirten Bewußtsein seiner mehrstöckigen Hausherrnschaft, um in einem Zurufe die möglichste Geringschätzung vor dem „Tapezierer" auszudrücken. Dazu kommt nun noch, daß ein Pnrscht so etwas im Rathhaussaale der Stadt Wien wagen darf. Ein Tapezierer, Herr Pnrscht, der betreibt ein ehrliches und anständiges Geschäft, welches das Tageslicht nicht zu scheuen hat und welches sich nicht in entlegenen Schlupfwinkeln zu verbergen braucht, damit die Kunden, wenn sie ein- und ansgehen, unbeobachtet bleiben. Es ist wahr, die Tapezierer erzeugen auch Möbel, die in Spittelberghäusern verwendet werden, aber für diese Verwendung ihrer Erzeugnisse sind sie nicht verantwortlich. Sie machen auch Draperien, die den Einblick in die Lbambr68 separees verwehren und „zufälligeVorhänge", hinter denen man sich harmlos unterhalten kann, oder auch nicht. Dafür kann der Tapezierer nichts. Allein dafür ist Herr Dr. Lueger und ist sein christlichsocialer Anhang unmittelbar verantwortlich, daß der intime Affiliirte einer Person, die von der Schande verlorener Geschöpfe lebte, im Gemeinderathe der Hauptstadt laut sprechen, ja daß er es sogar wagen darf, nicht blos über ein anständiges Gewerbe zu spotten, sondern auch Aeußerungen des Bürgermeisters durch seinen Beifall in seine Atmosphäre hinabzuzerren. Fühlt Herr Dr. Lueger die eigene Verunglimpfung nicht, die ihm durch den Beifall eines Pnrscht widerfährt? Schon ans Gründen des einfachsten guten Geschmacks sollte Herr Dr. Lueger sich diesen Applaus des Herrn Pnrscht abbestellen und diesem Manne mit den Worten seines so sittenstrengen Parteigenossen W i m b e r g e r einfür allemal erklären : „Freund, das dnld' ich net!" Robert Wolf. Strömungen im Iudenthum, Bortrag des Herrn Dr. Max Nordau, gehalten am 25. Jänner 1898 in Wien im großen Musikvereinssaale. ,>Von Wißbegierigen werden wir oft gefragt: Was gilt der Zionismus für die Juden? Unsere Antwort lautet: Für die in beiden Welten verstreut lebenden Juden, die in ihrer Volksumgebung nicht aufgehen können oder nicht aufgehen wollen und die darunter leiden, daß sie von Landesgenossen an Glauben und Art verschieden sind, will der Zionismus eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen, wo sie sich nationnl und individuell ausleben können. Wir sehen da häufig, wie die Frager den Kopf schütteln und erwidern: Von dem amtlichen Judenthum, von Rabbinern und Gemeindevorstehern, werden Sie verleugnet, von den reichen und den gesellschaftlich angesehenen Juden werden Sie bekämpft, selbst unter den armen Juden sehen wir noch nicht den großen allgemeinen Zug zu ihnen hin. Wo sind denn also die zionistischen Juden? Für welche Juden arbeiten Sie eigentlich? Ja, für welche Juden arbeiten wir eigentlich? Das ist eine Frage, die wir uns in Stunden bangen Zweifels selbst vorlegen. Eine Antwort finden wir sofort, die uns beruhigt und aufrichtet: wir arbeiten für uns selbst. Wir haben ein Ideal, und bekennen uns stolz dazu, ein Lebensziel, und schreiten zuversichtlich darauf los. Wir haben mit der überlieferten leidenden Haltung unseres Stammes gebrochen und sind entschlossen, mit Anspannung aller unserer Kräfte unser Ecdenschicksal selbst zu schmieden. Das Endergebniß mag welches immer sein, wir spüren schon jetzt an uh* den Segen der That. Wir fühlen, daß wir der Nacht den Rücken wenden und dem Lichte entgegengehen, das Morgenroth der Zukunft bestrahlt unsere Stirne, wir haben in der Bethätigung unseres Strebens nach einem menschenwürdigen Dasein Selbstachtung gewonnen und schöpfen aus dieser Selbstachtung das Recht und die Kraft, die Verachtung Anderer, vorausgesetzt, daß es überhaupt noch Jemanden geben sollte, der uns, die lauten, offenen Bekenner des Zionismus zu verachten heuchelt, als einfache Dummheit zu belächeln. Diese Gehobenheit in unseren eigenen Augen, diese sittliche Befriedigung über unsere Diensttreue gegenüber unserem kategorischen Imperativ gewährt uns seelische Genugthuung, die freilich jenseits des Begriffsvermögens unserer persönlichen Feinde liegt, die in ihren eigenen schmutzigen Hundeseelen nach gewöhnlichen Beweggründen unseres Thuns suchen und in solchen schlammigen Pfützen natürlich nichts Reinlicheres finden, als die Eitelkeit. Wir arbeiten also in erster Reihe für uns selbst. Doch nicht für das kleine Häuslein von Zionisten der ersten Stunde allein, auch nicht blos für diejenigen Juden, die sich bereits ausdrücklich für uns erklärten, indem sie einem zionistischen Verbände beitreten und die freiwillige Vvlksabgabe entrichten. Wir sind überzeugt, daß wir auch für die schweigenden Millionen unseres Volksstammes arbeiten, die, wie die Menge immer zu thun gewohnt ist, noch abwarten, noch gleichgiltig bleiben und ihre schwerfälligen Massen erst in Bewegung setzen werden, wenn Regsamere, Entschlossenere ihnen den Weg geebnet und die erste einladende Haltestelle für sie eingerichtet haben werden. Unsere Berechtigung, i m N a m e n de s g a n z e n jüdischen Volkes zu sprechen, Zukunftspläne auszuarbeiten, an Regierungen mit Gesuchen heranzutreten, schöpfen wir ans der geschichtlichen und sittlichen Kraft unseres Gedankens, aus dem förmlichen Austrage der Wähler zu den beiden Baseler Congresfen und selbst aus dem eine Zustimmung in sich schließenden Schweigen der jüdischen Millionen, die man vergebens mit allen Mitteln gegen uns aufzuhetzen sucht. Nachzuweiseu haben wir unsere Berechtigung blos Jenen gegenüber, die uns laut verleugnen, und die den Anspruch erheben, daß man ihre Absage als die Absage der Jndenschast an uns betrachte.- Wir haben hier vor Allem die finanziellen Großen unseres Stammes im Auge. Die jüdischen M i l l i v n ä r e und Milliardäre, falls es solche geben sollte, haben zwar nicht durchwegs, doch zum großen Theile gegen den Zionismus Parrei genommen. Sie verspotten uns und unsere Bewegung von oer Höhe ihrer Geldfäcke herab odee gebrauchen gegen uns Ausdrücke des Zornes. Diese Haltung der jüdischen Neichen kann uns natürlich nicht gleichgiltig sein. Einmal beraubt sie uns der Geldinittel. auf welche wir in unserer Herzenseinsalt bei Beginn unserer Anstrengungen bestimmt rechnen zu dürfen glaubten und ohne die eine große friedliche, zugleich wirthschaitliche und politische Volksbewegung in unseren Tagen nun einmal nicht durchführbar ist. Wir werden die erforderlichen Geldmittel dennoch finden, theils bei jenen jüdischen Millionären, die sich Pflichtgefühl und Idealismus zu wahren gewußt haben, und mit einen! Schwünge, der uns im Herzen bewegte, beim ersten Rufe in den Dienst der heiligen Sache getreten sind, theils bei den mittleren und kleinen Leuten unseres Stammes, theils auch, wenn dies nöthig werden sollte, in der christlichen Welt, die wir zu überzeugen suchen werden, daß sie bei uns eine sichere und einträgliche Geldanlage findet, und zugleich ohne Opfer ein ideales Sühnewerk vollbringen hilft. Wir werden nicht davor zurückschrecken, die christliche Welt anzurufen, wenn die Feindschaft oder Gleichgiltigkeit der jüdischen Finauzgrößen uns dazu zwingen wird. Wir werden dafür vor unserem eigenen Gewissen Entschuldigung genug finden. Es ist übrigens falscher Stolz, das nöthige Geld zur Wiederbelebung eines Landes, das durch den Fleiß und die Kraft des jüdischen Volkes zu neuer Blüthe gebracht werden soll, nicht aus jeder anständigen Hand anzunehmen, die es uns anbieten will. Kein Volk bedenkt sich, bei einem anderen Volke Anlehen zu machen, und es ist nicht einzusehen, weshalb das arme Judenvolk wählerischer sein soll, als das gewaltige Rußland oder als die jungen Völker Amerikas und Australiens. Wenn auch unsere Eigenliebe darunter leiden sollte, so werden

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