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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Vloch's Wochrnschrrfl Seite 71 wortung für das Leben Dreyfus'. Was ist zu thun?" Und die Antwort: „I h n e i n b a l s a m i r e n, wenn erstirbt, und uns den Leichnam schicke n." Und mit dem nächsten Schiff kam reiches Material an Salzen, Instrumenten, Flaschen mit Flüssigkeiten, kurz mit Allem, was zu dieser Arbeit benöthigt würde. Denn Dreyfus hätte nicht in's Meer versenkt werden dürfen, wie alle anderen verstorbenen Deportirten, sein Leichnam hätte als Beweisstück nach Frankreich gebracht werden müssen. Doch Dreyfus dachte nicht im Geringsten daran, auf diese Weise nach Frankreich zurückzukehren. Mit aller Kraft klammert er sich an das Leben und will gesund sein um jeden Preis. Denn, so folgerte er ganz richtig, wenn man ihn mit so viel Vorsichtsmaßregeln umgab, wenn man ihn in Eisen spannte, einmauerte und so viel Werth auf ihn legte, so mußte in Frankreich irgend etwas Vorgehen, was für ihn Gutes bedeutete. So erhielt er sich am Leben und befindet sich wohl, so wohl, als sich eben ein Europäer, der in Cayenne gefangen sitzt, befinden kann. Er reinigt sein Zimmer, kocht seine Mahlzeiten, bürstet und ordnet seine Effecten, macht seinen Spaziergang innerhalb der Palissade. Dann setzt er sich an den Tisch und zeichnet architektonische Pläne — denn die Lieblingsbeschäftigung dieses Gefangenen, der nur einige Meter Bewegungsfreiheit hat, ist, phantastische Architekturen von riesenhaften Palais zu entwerfen — raucht seine Pfeife und von Zeit zu Zeit hört man ihn ausrufen: »La ne va pas tarder« („Es kann nicht ausbleiben"). Dies sind die einzigen Worte, die man seit langer Zeit aus seinem Munde vernommen hat. Denn auch er spricht nichts, hat aufgehört, Antwort zu geben. Wie früher erwähnt, muß sich Dreyfus seine Mahlzeiten selbst bereiten. Er kocht daher sehr wenig und ißt meistens Conserven. Die Strafverwaltung liefert ihm nur Brot, Ziegenmilch, alles Uebrige wird auf Kosten und Anordnung Dreyfus' gekauft aus dem Fonds, der von seinen Verwandten erlegt wurde. Seine Ausgaben sind unbedeutend, er hat sogar Ersparnisse gemacht. Am Ende jedes Monats stellt er eine Liste jener Gegenstände und Lebensmittel auf, deren er bedarf. Im October vorigen Jahres enthielt die Liste folgende Posten: 1 Liter Spiritus, 2 Flaschen Orangenblüthenwasser, 3 Töpfe Kunstbutter, 1 Kilo Chocolade, 2 Schachteln Camembertkäse. 6 Flaschen Sodawasser, 2 Flaschen Hunyady Janos-Bitterwasser, 6 Paar feine färbige Socken (Fußlänge 27 Cm.), ll/2 Kilo Stohltabak, 1 Holzpfeife, 50 Cigarren, 2 Schachteln Zündhölzchen, 2 Buch Papier, 2 Pakete Kerzen, 1 Flacon Kola- oder Kola-Chocoladetabletten, 5 Kilo Seife, 2 Beinkleider aus weißem Leinen (am liebsten aus weißem Zwilch) ä 10 Francs (Länge T08 M., Gürtelweite 80 Cm.), 6 weiße Leinentaschentücher. — In den vorhergehenden Monaten wurden außerdem noch Parfüms und Eau de Cologne gewünscht, dann Fleisch- und Gemüseconserven und Pasteten. Seit vier Monaten verlangte er keinen Wein mehr, während er früher eine Kiste mit 12 Flaschen Medoc zu bekommen pflegte. — Bei Durchlesung der Liste fällt dem Verfasser auf, daß nach dem Maße, welches für das Beinkleid angegeben wurde, Dreyfus um einige Centimeter zugenommen habe. Er ist also nicht abgemagert, hat zugenommen und scheint sich wohl zu befinden. Und das kann bei den sanitären Verhältnissen in der Guyanv beinahe ein Wunder genannt werden. Denn das Leben des Europäers daselbst ist ein beständiger Kampf seines Organismus gegen die beiden Krankheitselemente, die dort herrschen, das Sumpffieber und das abnorme Klima. Und doch ist dieses noch schwerer zu ertragen als das Fieber. Die Hitze wirkt weniger durch Jntensivität als durch Beständigkeit. Mit stetiger Kraft zerstört sie die Widerstandsfestigkeit, die Muskel- und Verstandeskräfte. In einem wissenschaftlichen Werke wurde statistisch nachgewiesen, daß im Jahre 1855 die Lebensdauer auf den Heilsinseln ein Jahr, sieben Monate und sechs Tage betrug. Außer seinen Zeichnungen und Berechnungen hat Dreyfus auch literarische und wissenschaftliche Lectüre, allerdings von der Controle stark gesichtet, zur geistigen Nahrung. Seine einzige Freude und Erholung aber sind die Briefe seiner Frau oder, besser gesagt, die Bruchstücke dieser Briefe, die ihm, von einem Specialisten copirt, der die Aufgabe hat, die Wörter umzusetzen und die Sätze zu verändern, zukommen. So wachsam die Verwaltung auch ist, war es doch nröglich, an Dreyfus Briefe gelangen zu lassen, die Niemand sah und controlirte. Sie wurden in das Futter der frisch geputzten und gestärkten Wäsche, der Manchetten und Kragen, eingenäht. An Hilfe zur Flucht und Complicen würde es Dreyfus nie fehlen. Man weiß in Cayenne, daß seine Familie über reiche Mittel verfügt, und das Wort: „Man gebe mir eine Million und ich verhelfe ihm zur Flucht", ist dort drüben zur stehenden Redensart geworden. Ein Wagemuthiger unternahm sogar die Reife nach Paris, um Madame Lucie Dreyfus seine Pläne zu unterbreiten. Er wurde aber von ihr ebenso zurückgewiesen, wie von Dreyfus selbst, der mit Hilfe eines Feldstechers, den er damals besaß, als er noch frei auf der Insel wandeln konnte, sich mit ihm verständigt hatte. Die Familie Dreyfus hat aber stets versucht, das Leben des Deportirten erträglicher zu gestalten und übertrug zu diesem Zwecke einem Kreolen, einem Bäcker, Ziegelbrenner und Kaufmann — in den französischen Colonien find solche Berufsanhäufungen nicht selten — eine Art von Vertretung. Er übernahm dieselbe auch aus Nächstenliebe und Gutmüthigkeit, doch er sollte dafür übel belohnt werden. Damals war man in Cayenne von der Schuld des Dreyfus überzeugt und der Mann, der sich seiner so warm annahm, wurde ebenfalls zum Verräther gestempelt. Er verlor seine Kundschaft und wurde von der Verwaltung so chicanirt, daß er feine Bäckerei liguidiren und seine Ziegelbrennerei aufgeben mußte. Heute allerdings macht sich auch in Cayenne eine starke revisionistische Strömung fühlbar, die Discussion, die das Gespräch aller Gesellschaftskreise ganz Europas beherrscht, hat sich auch in die Kaffeehäuser, die Cercles und Boulevards von Cayenne verpflanzt und das Blatt „Le Combat" führt die beredte Sprache der Pariser Revisionistenblätter. Was aus vorstehenden Auszügen ersehen werden kann, ist das Ergebniß der Reise des M. Jean Heß. Er hat mit Reporterfindigkeit und Geschicklichkeit gearbeitet, mit Reporteraugen gesehen und ein Werk geschaffen, daß er selbst als Reportagewerk bezeichnet, das aber als das erste wirklich wahrheitsgetreue Document in die Dreysus-Literatur eingereihr werden muß. J. P. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Zweierlei Maß. — Eine historische Erinnerung. — Die Nibelungen von heute. — Teutschvolklicher Humor. — Die Wiener Eommunalbilan;. — Das Recht im Rathhause. — Dr. Lueger und Herr Purscht. — Kleingewerbe und Lchandgewerbe. Wir lesen in der „Ostdeutsch. Rundfch." vom 23. Jänner 1800: „Wie in Oesterreich mit zweierlei Maß gemessen wird, und wie unverfroren man in dieser Beziehung bereits vorgeht, beweist folgende Meldung: Saaz, 21. Jänner. Der hiesigen Stadtgeineinde ist heute das Erkenntnis; der politischen Behörde zugekommen, durch welches die S t a d t g e m e i n d e v e r p f i ch t e t wird, in allen Fällen, wo der Thäter nicht ermittelt werden kann, allen Personen und Eorporalionen den Schaden, der ihnen durch die nächtlichen 'Ausschreitungen vom 28. November 1897 an ihren Häusern und sonstigem Hab und Gut zugefügt wurde, zu ersetze n, sowie die Kosten der Schadenerhebungscommissionen zu tragen. Der Stadtgemeinde P r a g, woselbst sich bekanntlich Ende November und Anfangs December 1807 großartige, nnifassend organisirte Pöbelausschreitungen mit Gewaltthätigkeiten gegen Personen und Gebäude, mit Plünderung, Raub und Brandstiftung zutrugen, ist eine solche Verpflichtung bekanntlich nicht auferlegt worden, sondern Gautsch als Minister des Innern und C o u d e n h o v e als Statthalter haben die bezüglichen Bitten rundweg abgelehnt. Steht das czechische Prag Dr. P o d l i p n y's außer und über dem Gesetze, oder besteht für das deutsche S a a z ein Ausnahmszustand? Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, Saaz, wo ein kleiner Krawall stattfand, zur Schadloshaltung zu verdonnern, während Prag mit seinem schändlichen, von oben organisirten Pöbelaufruhr frei ausgeht! Diese Thatsache beleuchtet mit grellem Scheine die herrschende Parteilichkeit und wird ihre Wirkung auch auswärts, im Deutschen Reiche, wie in der ganzen gebildeten Welt nicht verfehlen." Die Herabkömmlinge der Cherusker beklagen sich über „zweierlei Maß". Sie empfinden es als ein himmelschreiendes Unrecht, daß die deutsche Gemeinde Saaz für den Schaden, der

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