Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 70 Vr. Vloch's Wochenschrifi Nr. 4 zum dritten Male hat er die Teufelsinsel gesehen, als man nach Osten steuerte, um nach Cayenne zu gelangen. Er ist also in der Lage, uns in seinem Buche eine genaue Skizze der Insel und deren Einrichtung zu bieten. Auf der südlichen Spitze der Teufelsiusel in einer. Höhe von 20 Metern befinden sich, wenn man dem Durchmesser des Eilands von Nordosten bis Südwesten folgt, von Nordwesten aus gesehen, auf einem 50 Meter langen und 10 Meter breiten Plateau: 1. zwei kleine Bauten, in denen Wächter wohnen; 2. ein Aussichtsthurm mit einer Hotchkiß-Kanone, von dem aus ein Wächter die Insel und Alle, die sich derselben nähern, bewacht. 3. Angebaut an diesen Thurm ein Häuschen, die Kaserne der Wächter, ein Holzbau von ungefähr acht Qaudratmetern mit je drei Fenstern oder Thüren an jeder Fagade, und 4. das Gefängniß des Dreyfus. Die Hütte selbst ist nicht zu sehen; sie soll aus Holz gebaut und circa vier Quadratmeter groß sein. Nur der obere Theil des drei Meter hohen Daches leuchtet mit seinen geweißten Ziegeln über den Pfahlzaun, der den Platz um die Hütte einsäumt. Auf jenem Thelle des Daches, das die Ecke bedeckt, in welcher sich stets eine Wache aufhält, ist ein Ventilator. Die Umfriedung ist rechteckig und ungefähr zwölf Meter lang und sechs Meter breit. Sie ist aus zweieinhalb Meter hohen, flachen, oben spitzen Pfählen gebildet, die dicht aneinandergefügt sind und so eine undurchdringliche Mauer bilden. Dreyfus kann also das Meer nicht sehen, die Holzmauern schließen ihn ab von der Außenwelt. Die Ueberwachung ist von raffinirtester Strenge. Unausgesetzt beobachtet der Aufseher vom Thurme aus das Meer rings um die Insel, Jeder, der sich nähert, wird niedergeschossen. Es soll sogar einmal ein Boot, das einige Beamte zur Jnspicirung um die Insel führte, angeschossen worden sein, weil man versäumt hatte, sich bei den Wächtern Dreyfus' anzumelden. Nicht immer waltete gleiche Strenge. Während der ersten zwei Jahre seines Aufenthaltes auf der Teuselsinsel genoß Dreyfus viel mehr Freiheiten, die Ueberwachung war weniger strenge, er bewohnte auf einem anderen Theile der Insel eine Hüte unter Kokospalmen und konnte frei umhergehen, sich bei Ebbe sogar mit einem Manne auf dem gegenüberliegenden Ufer verständigen. Doch seit den ersten Monaten des Jahres 1897 hat sich die Lage des Dreyfus verschlimmert. Aus dem Deportirten wurde ein Zellengefangener. Diese Aenderung hat Dreyfus M. L e b o n, dem damaligen Colonienminister, zu verdanken. Es hieß damals, daß Dreyfus Gelegenheit gehabt hätte, zu entweichen; amerikanische und englische Blätter brachten sogar die Phantastische Nachricht, daß aus Amerika Expeditionen unternommen wurden, um Dreyfus auf Rechnung Deutschlands zu entführen. Daß diese Nachrichten grundlos und falsch waren, wußte die Strafverwaltung ebenso genau, wie die Pariser- Polizei. Denn es war bekannt, daß sowohl die Familie Dreyfus, wie der Verurtheilte selbst jeden Vorschlag zu einer Flucht, die allerdings mit genügenden Geldmitteln zu bewerkstelligen wäre, von vornherein stets zurückgewiesen hatten. Trotzdem wollte sich Lebon absolute Sicherheit verschaffen. Die Erzählung, wie der Director der Strafverwaltung, Mr.Vsrignon, damals die Möglichkeit zur Flucht studirte, hört sich an, wie ein Capitel aus einem Colportageroman. Schauplatz der Tbat: die drei Inseln, stockfinstere Nacht, ohne Mond, ohne Sterne; das Meer ist sturmbewegt, die Wellen brechen sich mit tosendem Geräusch an den Felsen. Alles schläft. Ohne Jemand zu benachrichtigen, ist Mr. Verignon auf der Königsinsel angelangt. Man glaubt, daß auch er zu Bette gegangen sei und fest schlafe. Er aber erhebt sich von seineni Lager, besteigt ein Schiff, ergreift das Ruder, umstreicht die Josefs - Insel und sticht aus der Teufelsinsel an's Land, nicht etwa auf dem Landungsplätze auf der Südseite, sondern im Norden landet er in einem kleinen, gefährlichen Schlupfhafen, den nur wenige Eingeweihte kennen. Bis an die Hütte des Dreyfus gelangt er, ohne daß ihn Jemand aufgehalten hätte, die diensthabende Wache bemerkte ihn erst, als es schon zu spät gewesen, die Flucht schon gelungen wäre. . . . Die Sache an sich wäre schon werkwürdig genug, allein es kam noch schlimmer: ein zweiter analoger Versuch gelang wieder. M. Lebon war also auf das Höchste beunruhigt. Es galt nun, einen Mann zu finden, dem man voll vertrauen könnte. Der Mann ward in der Person des M. D e n i e f gefunden. Um dieses Mannes ganz sicher zu sein, wurde sein Vertrauensamt mit einigen hübschen Titeln ausgestattet. Die Stelle bekam den Namen „Vertrauensposten" und ihr Träger erhielt von seinem Minister die „hohe nationale Mission", dafür zu sorgen, daß Dreyfus nicht entwischen könne. M. Deniel wollte sich dieses Vertrauens, das ihn, wie er zur lebhaften Unterhaltung seiner Mitpassagiere stolz versicherte, zum „Träger eines Staatsgeheimnisses" machte, würdig erweisen. Er fand daher alle Sicherheitsmaßregeln zu geringfügig und, um seines Gefangenen ganz sicher zu sein, ließ er ihn während zweier Monate in Eisen legen. Zw ei Monate lang lag der Ex-Capitän ans einem Holzbette, die Füße in Eisenringe gespannt, wie ein Galeerensträfling. Das war sogar dem Gouverneur und dem Director der Strafcolonie zu viel. Der Minister wurde verständigt und zu Rathe gezogen. Anfangs nahm er seinen Beamten in Schutz und bestätigte die Maßregel. Schließlich aber, nachdem die Angelegenheit großen Staub aufgewirbelt hatte, mußte er seinem willigen Werkzeug kabeln, daß er Dreyfus aus den Eisenringen befreie. Nun glaubte M. Deniel, sich durch alle möglichen Maßregeln gegen die Flucht Dreyfus' schützen zu müssen. Sein Schlafzimmer ward zum Observatorium, von dem aus er stündlich das Gefängniß und die Eingänge übersehen konnte. Zu Häupten seines Bettes war ein telephonischer Apparat angebracht, damit er zu jeder Minute sich mit den Ueberwachern Dreyfus' in's Einvernehmen setzen könne. Wehe, wenn einmal in Folge eines Sturmes die Verbindung unterbrochen war und das Signal nicht gehört wurde. Dann wurden auch alle Diejenigen, die mit der Person des Gefangenen in Berührung kamen, selbst zu Gefangenen gemacht. Aerzte, Wächter, Soldaten, barmherzige Schwestern, Alle werden auf sechs Monate eingesperrt mit aller Strenge, die Verbrechern zutheil wird. Sie dürfen ihre Briefe nicht direct in Empfang nehmen und nicht abschicken, bevor dieselben nicht revidirt werden. Auch die diensthabende Wache führt kein beneidenswertes Leben. Während der ganzen Nacht und der langen Stunden des Tages, da Dreyfus in seine Zelle gesperrt ist, darf sie in einem anstoßenden Gemach, das durch ein Gitter von dem Raum getrennt ist, in dem der Gefangene sich aufhält, diesen nicht einen Moment lang aus dem Auge lassen. Der Fall, daß Dreyfus seinen Wächter gewinnen und ihn veranlassen könnte, ihm die Thüre des Gefängnisses zu öffnen, wurde vorausgesehen und unmöglich gemacht. Wenn die Wache den Dienst antritt, wird sie eingesperrt und der Schlüssel auf den Beobachtungsthurm getragen. Der Wächter selbst aber sperrt die Thür von innen ab, so daß man, um eindringen zu können, die Einwilligung des Wächters, um hinaus zu gelangen, Hilfe von außen haben müßte. Das Mobilar des Gefangenen besteht aus den unumgänglich notwendigsten Einrichtungsgegenständen. Ein einfaches Bett mit Moskitonetz, wie es die Colonialsoldaten haben, ist an die Stelle der Holzbank mit den Eisenspangen getreten. Außerdem befindet sich in dem Raum ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein kleiner Kochherd, etwa sechs Regale für die Wäsche, Bücher, Provision und Geschirr und einige Kleiderhaken. Um 6 Uhr Früh öffnet der Aufseher das Gitterthor, das auf den Hof führt. Dreyfus darf hinaus, um Luft zu schöpfen und den Himmel zu betrachten; ein anderer Ausblick bietet sich ihm nicht. Um 10 Uhr kehrt er in seine Zelle zurück, wo er bis 11 Uhr eingesperrt bleibt. Bon 11 bis 5 Uhr wird die Thür des Hofes wieder aufgemacht und von 5 bis 6 Uhr Früh muß er wieder in die Zelle. So will es Mr. Deniel. Und dieses Leben, dessen einzige Zerstreuung die eilenden Wolken bieten, in das nie, niemals der Laut einer menschlichen Stimme dringt, erträgt Dreyfus mit seltener Seelenstärke. Moralisch besser als physisch. In den ersten Jahren seiner Gefangenschaft war der Deportirte öfter krank. 1895 litt er an Leberleiden, 1896 hatte er einen heftigen Anfall von Dysentrie, der sich im Februar 1897 leichter wiederholte. Die Aerzte von Cayenne ließen ihm eine sorgfältige Pflege angedeihen. Sie waren die Einzigen, die in ihm stets' einen Menschen sahen. Er war noch krank, hatte noch an seinem Dysenteriefall zu leiden, als man ihn in das strengere Gefängniß sperrte. Die Aerzte sprachen damals ihr Bedenken gegen diese Maßregel aus, gaben zu erwägen, daß, wenn zu seinem Leberleiden, seiner Anämie und seinem gegenwärtigen Schwächezustand noch die moralische Depression dieser neuen verschärften Gefangenschaft käme, er sterben könne. Darauf folgte ein Kabelaustausch zwischen Cayenne und Paris: „Die Aerzte übernehmen keine Verant-