Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 69 „Jude" im Spiel, kein Hahn würde in der ganzen verjudeten Presse nach einem Jacques Bonhomme krähen — so sind die Juden! Wir wünschten, wir hätten etwas von der Solidarität, die man uns nachlügt, und die „verjudete" Presse wäre nicht so vollkommen ein Märchen, wie sie es ist. Dann hätten die Dänenausweisungen weniger Lärm verursacht, und die Judenausweisungen wären in helleres Licht gerückt worden. Kein Zweifel: die Judenansweisungen hätten ihre lauten Fürsprecher gefunden. Aber gerade dieser lauten Fürsprecher hätten sich am Ende die Verantwortlichen geschämt. Inzwischen hat eine Debatte im preußischen Abgeordneten hause gezeigt, wie lebhaft es dort zugehen kann, wenn jüdische Interessen in Frage kommen. Man sprach von den Ausweisungen. Herr Eugen Richter mißbilligte die Ausweisungen von Dänen in Nordschleswig. Von den Judenausweisungen sprach er kein Wort. Die existiren nicht für ihn. So gern er bereit ist, irgend etwas, was regierungsseitig geschieht, zu tadeln — hier fand er nichts zu tadeln. Und die jüdischen Abgeordneten, die mit Ach und Krach in die preußische Volksvertretung gelangt sind, „gaben sich nicht zu erkennen". Ihnen waren die Judenausweisungen so wenig wie die Berliner Schulerfahrungen der Juden ein Anlaß, sich von der Rolle der stummen Zuhörer zu entfernen. Herr Eugen Richter brachte die Schulangelegenheiten wenigstens zur Sprache: daß im Westen Berlins Schulvorsteherinnen sich weigerten, jüdische Mädchen als Zöglinge aufzunehmen, und in den Volksschulen die jüdischen Lehrerinnen drangsalirt, in ihrer Stellung als Classenordinarien bedroht würden. Ihm begegnete dabei das Mißgeschick, daß er seine Wünsche mit den Thatsachen verwechselte und die Berliner Communalschulen für paritätische ausgab, während sie confessionelle Schulen sind. Dank dieser Verwechslung durfte er die Fehler und Verstöße ignoriren, die die Berliner städtische Schulddeputation zum Schaden der Juden fortgesetzt begangen, konnte er alle Schuld dem Cultusministerium zuschreiben und — von dem Provinzial-Schulcollegium, dem eigentlichen Sitz der judenfeindlichen Machenschaften, - mit wohlwollender Vorsicht völlig schweigen. Der Cultusminister Dr. Bosse hatte leichte Arbeit. Erlegte dar, was an dieser Stelle schon oft betont worden ist: daß eine Beeinträchtigung der jüdischen Lehrerinnen von ihm nicht gewünscht sei, daß die jüdischen Lehrerinnen recht wohl als Ordinarien da beschäftigt werden könnten, wo jüdische Kinder in einer gewissen Mindestzahl (10) in den Classen seien. Den Vorwurf könnte man höchstens dem Herrn Unterrichtsminister machen: daß er gegenüber den Beschwerden der Antisemiten zu hellhörig wäre. Und selbst diesen Vorwurf wird ein Kundiger nicht erheben; denn diese Beschwerden nehmen einen Umweg, so daß sie unter den obwaltenden Verhältnissen Beachtung erzwingen. In Betreff der höheren Töchterschulen im Westen Berlins erklärte der Herr Cultusminister, daß eine Schulvorsteherin ihm gesagt habe, die christlichen Eltern wollten ihre Kinder aus der Schule sortnehmen, weil dort der jüdische Geist überwiege; und deswegen hätte sie die fernere Aufnahme jüdischer Zöglinge verweigern müssen. Er habe kein Recht, solche Aufnahmen zu erzwingen, und werde gern die Concession für die Errichtung einer jüdischen höheren Töchterschule ertheilen. — Gegen diese angreifbare Ausführung des Herrn Kultusministers kam keine Erwiderung. Niemand antwortete ihm auf die Bemerkung von dem „jüdischen Geist". Niemand sagte ihm, daß nicht die Concessionirung einer jüdischen, sondern die Concessiouirung einer solchen höheren Töchterschule, die keine confessionellen Unterschiede mache, der Billigkeit entspreche. Wird die neuconcessionirte höhere Töchterschule dann thatsächlich eine „Judenschule", d. h. eine im Wesentlichen von jüdischen Kindern besuchte Schule, so ändert das an der rechtlichen Lage nichts. — Bei dieser Gelegenheit hat sich wieder gezeigt, wie bitter nöthig die Juden einen Vertreter im Abgeordnetenhause haben, der nicht blos nebenbei und gewissermaßen zufallsweise Jude ist, sondern Herz und Berständniß für die jüdischen Interessen hat. Ein Vergleich zwischen den Verhältnissen in Oesterreich und in Deutschland erweckt den Eindruck, als ob man es hier darauf abgesehen hätte, allmälig die Wiener und österreichischen Zustände zu copiren. Auch bei Ihnen ist der Liberalismus dahin gelangt, die Juden preiszugeben, sich mit dem Antisemitismus abzufinden und seine Principien der Gleichberechtigung „zurückzustellen." Auch bei Ihnen halten die Juden selbst es für überflüssig, sich im Abgeordnetenhause durch Männer vertreten zu lassen, die ausdrücklich ihre Mission darin erblicken, die rechtswidrigen Angriffe auf die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden abzuwehren. Sie haben Abgeordnete, die zufällig Juden sind, aber keine jüdischen Abgeordneten. Hier scheint die Judenschaft auf jede Vertretung im Parlament überhaupt verzichten zu wollen, während es ihre Pflicht wäre, sich die parlamentarische Tribüne zu sichern, um nicht blos als Abgeordnete, sondern speciell als Juden für die Rechte ihrer Glaubensgenossen einzutreten. Dreyfus aus der Teufelsinsel. Das Geschick des Märtyrers auf der Teufelsinsel hält noch immer die civilisirte Welt in athemloser Spannung. Man erinnert sich noch der Nachrichten voll des widersprechendsten Inhalts über das Befinden und den Aufenthalt Dreyfus', die von officiöser Seite gegeben wurden, als die Frage, Dreyfus von der Teufelsinsel einzuholen, ernstlich in Betracht kam. Bald darauf trat der „Matin" mit einer Reihe der sensationellsten Artikel vor die Oeffentlichkeit, in denen das Leben, das Gefängniß und das Befinden Dreyfus' eingehend geschildert wurde und die in Auszügen und Uebersetzungen ihren Weg durch sämmtliche Zeitungen der Welt genommen haben. Diese Artikel hat deren Verfasser, M. Jean Heß, in einen Band vereinigt, mit Photographien und Zeichnungen erläutert und als authentisches unparteiisches Docnment über die Teufelsinsel und ihren Bewohner bezeichnet*), woraus I. P. im „Fremdenblatt" interessante Auszüge bietet. In Jean Heß hatte der Herausgeber des „Matin" den Mann ermittelt, der am geeignetsten erschien, um die Recherchen in dieser Angelegenheit zu pflegen. Heß vereinigt mit der Findigkeit des Reporters die genaue Kenntniß der französischen Colonien und deren Bewohner, was er als Colonialredacteur des „Figaro" seit vier Jahren Gelegenheit hatte zu beweisen. Nur mit den genügenden Vorkenntniffen, die er besitzt, war es möglich, während des Aufenthaltes von fünf Tagen in Cayenne, den ihm das Schiff ließ, das er zur Hin- und Rückfahrt benützte, so reiches Material zu sammeln und.festzustellen, daß Dreyfus in einer Zelle gefangen sei, daß sein kleines Gefängniß von einer hohen, dichten Pfahlpalissade umgeben ist, daß er streng bewacht wird, sogar eine Zeit lang in Eisen lag und daß er trotz alledem sich relativ wohl befindet und schon damals, also im Oktober vorigen Jahres, als Heß seine Reporterreise unternahm, Kenntniß von dem Kampf um die Revision besaß. Man wollte vor Allem die Wahrheit wissen über das Gefüngniß des Dreyfus. Der Colonienminister Trouillot hatte gesagt, daß sich um die Hütte eine Mauer ziehe, auf der ein Gitter aufgesetzt ist, durch das der Gefangene auf das Meer blicken kann. Es ward ihm also der Anblick des wechselnden Spieles der Wogen gewährt, er durfte auf das Wasser blicken, ihm die Grüße, die Hoffnungen anvertrauen, die es fernhin den Lieben an die Küste Frankreichs bringen sollte. Jean Heß aber hat sich durch Augenschein davon überzeugt, daß diese Darstellung der Wahrheit vollkommen entbehre. Er hat genau gesehen und mit dem photographischen Apparat, mit dem Zeichenstift Alles bis in das kleinste Detail festgehalten. Mehr als zehn Minuten lang konnte er, währenddem das Schiff, von Europa kommend, vom Norden aus auf Cayenne zusteuerte, die Teufelsinsel, die kleinste der drei Heilsinseln, sehen. Dann hat er auch von Süden aus, als das Schiff die Königsinsel verließ, zwischen dieser und der St. Josefsinsel in einer Entfernung von 300 Metern einen sehr klaren Blick auf die Insel gewonnen und damit sogar die offieielle Landkarte dementirt, nach der die beiden anderen Inseln derart gegen einander geschoben wären, daß man von Süden aus die Teufelsinsel nicht wahrnehmen könne. Und *) Jean Hess: A l’Ile du Diable. Librairie Nilsson. Per Lamm Successeur.