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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 68 Vr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 4 Wir ersehen daraus, wie die Juden in Deutschland, wo sie ri5 Procent der Bevölkerung bilden, mit 1-01 Perceut an den Erwerbsthätigen überhaupt und mit 5 71 Percent beim Handel participiren, wir ersehen daraus, daß von 100 erwerbsthätigen Juden 154'56 sich mit Handel, 18*8 mit Industrie und 1*38 mit Landwirtschaft beschäftigen. Andere detaillirte Tabellen zeigen uns wieder in Bezug auf die sociale Schichtung der Juden, daß von 100 erwerbsthätigen Juden 57'61 der Classe der Selbständigen, 11'29 der Classe der Angestellten und 311 der Classe der Arbeiter angehören, daß aber von diesen 100 erwerbsthätigen Juden nur 9*20 industrielle Arbeiter find. Alle diese Dinge sind für uns in Oesterreich ein Räthsel. Wir wissen und empfinden es Alle — so weit sind wir denn doch schon gekommen —, daß die 700.000 galizischen Juden jetzt eine schwere wirthschaftliche Krise durchmachen, die mit ihren socialen Folgen auch die sonstige österreichische Judenschaft nicht verschonen wird *). Und trotzdem ist es uns noch nicht einmal gelungen, die Natur der Krankheit zu erfassen und ihre Grenzen genau zu bestimmen! Denn eine Enquete ohne eine statistische Unterlage ist nichts als Dilettanten-Arbeit. Die' Statistik bleibt immer das Primäre. Die Frage einer Massen-Emigration oder Ueberleitung zur Landwirthschaft von Tausenden bisheriger „Luftmenschen" ist so epochales Problem, daß man es mit romantisch-sentimentalen Phrasen oder vagen Deductionen aus allgemeinen Verhältnissen nicht lösen wird. Die competenten Persönlichkeiten der k. k. statistischen Central-Commission sind der Sache, wie ich mit Befriedigung constatiren will, geneigt. Das nothwendige Material wird bei der nächsten Volkszählung vorhanden sein, es handelt sich also um nichts Anderes, als um die Bearbeitung. Anders steht es aber mit der G e w e r b e- und l a n d w i r t hschastlichen Betriebszählung, die einige Monate nach der mit der Volkszählung zusammenhängenden Berufszählung vor sich gehen soll. Die Zählkarte für die Betriebszählung wird die Rubrik „Consession" nicht enthalten. Und dadurch wäre von Vorneherein jede Möglichkeit einer consessionellen Combination ausgeschlossen. Nach beiden Richtungen also, sowohl wegen der consessionellen Bearbeitung des berufsstatistischen Materials, als auch wegen Ergänzung der Betriebs-Zählkarte müßte von jüdischer Seite eine entsprechende Action eiugeleitet werden, damit die maßgebenden obersten Instanzen, das Ministerium des Innern und die statistische Central - Commission, zur Kenntniß gelangen, welch' großen Werth die gesammte Judenschast im Interesse ihrer eigenen und damit auch der allgemeinen wirthschastlicheu Wohlfahrt auf die Erfüllung dieser Postulate legt. Die angebliche „Solidarität". Berlin, den 23. Jänner. In der Gesellschaft, die sich zum Antisemitismus bekennt, und in der Gesellschaft, die sich ihm innerlich verwandt fühlt, ohne ein ausdrückliches Betonen der Zugehörigkeit anders als ausnahmsweise für nothwendig zu halten, gilt es für ein Axiom, daß die Juden von einem unverwüstlichen Solidaritätsgesühl beseelt sind. Dieses jüdische Solidaritätsgesühl bedinge, daß unermeßliches Geschrei sich erhebe, sobald irgendwo in der Welt einem Juden ein Haar gekrümmt werde, während von schwerem Unrecht, einem Nichtjuden zugefügt, kein Aufhebens gemacht werde. Wir wollten, die Nachrede wäre so wahr, wie sie es nicht ist. Die Solidarität, die man uns Juden nachsagt, ist eine passive. Man macht die Juden solidarisch haftbar für alles Böse oder Ungünstige in ihrer Mitte, so zwar, daß man jeden Einzelnen für den vollen Betrag in Anspruch nimmt. Die natür¬ *) Vergleiche mein Buch: „Unter jüdischen Proletariern". Reiseschilderungen aus Ostgalizien und Rußland. Verlag von L. Rosner in Wien. liche Folge davon ist, daß jeder Einzelne unter uns gegen einen falschen Vorwurf, der gegen einen unter uns, erhoben worden, sich wehrt, als gelle er ihm selbst. Begeht irgendwo e i n Jude ein Verbrechen, so wird es gegen d i e Juden fructificirt. An dieses Unrecht sind wir bereits gewöhnt. Aber wir werden uns nicht daran gewöhnen, die Sünden aus uns zu nehmen, die man einem unter uns nachlügt. In allen Ländern wird jahrein, jahraus das Verbrechen des Landesverraths begangen, und Mitglieder des bevorzugtesten Standes sind von diesem Verbrechen nicht frei geblieben. Ein französischer Officier, der Jude ist, wird desselben Verbrechens bezichtigt, und ehe er noch schuldig gesprochen, ertönt der Ruf durch die antisemitische Presse der ganzen Welt: „Was war von einem Juden Anderes zu erwarten!" Man bedachte nicht, daß bis dahin das Verbrechen des Landesverraths — um im Antisemitenjargon zu reden — „arisches Monopol" gewesen, und folgerte: Nun sei erwiesen, wie Recht Die hatten, die Juden nicht Officiere werden lassen. Eine wunderbare Fügung hat inzwischen zu Tage gebracht, daß dieser jüdische Officier zu Unrecht verurtheilt worden, daß er das Opfer von Infamien gewesen, die seine nichtjüdischen Kameraden begangen hatten. Selbstverständlich herrscht bei den Juden aller Welt Freude über diesen Sieg der Wahrheit. Und nicht blos bei den Juden herrscht diese Freude, sie findet überall Ausdruck, wo man menschlich empfindet. Die Antisemiten aber, diesnlal ganz besonders die „Vornehmen", erklären es für unangebracht, daß man von der Sache so viel Wesens mache. Was gehe denn uns Deutsche an, ob die Franzosen einen Unschuldigen verurtheilt hätten? Das habe uns gar nicht zu kümmern, und wenn wir uns darum kümmerten, so bewiesen wir Mangel an nationalem Stolz und Takt und beleidigten überdies die Franzosen. Woher aber komme der ganzs Lärm? „Wir sind überzeugt, daß wir das ganzeGerede von dem „Solidaritätsgefühl der civilisirten Menschheit", die durch die unschuldige A^Wtheilung des französischen Hauptmanns verletzt worden sei, nWk oder doch wenigstens nicht entfernt in dem Maße zu hören bekommen hätten, wenn es sich nicht eben um Herrn „Dreyfus", sondern um einen beliebigen Jacques Bonhomme gehandelt hätte." Das ist wörtlich in den „Hamburger Nachrichten" zu lesen, die den „Dreyfus-Jnteressenten in Deutschland" einen „guten guten Rath" zu ertheilen versichern, wenn sie „ihnen wiederholt empfehlen, sich etwas mehr Enthaltsamkeit aufzuerlegen, wofür nicht nur Gründe des deutschen Nationalgefühls, sondern auch Klugheitsrücksichten sprächen, da die Zeit in der sich der deutsche Zeitungsleser über die wahren Beweggründe des Feuereifers seines Blattes für Dreyfus täuschen ließ, sich doch stark ihrem Ende zuzuneigen scheine". — Aus dem Gewundenen in's Ehrliche übersetzt, heißt das: Die deutschen Zeitungen, die aus Paris über den Fortgang der Affaire Dreyfus ausführlich berichteten und demgemäß sagen mußten, daß an diesem der nichtswürdigste Justizmord begangen worden, haben ihrer Genugthuung nicht über den Triumph der Gerechtigkeit, sondern über den Sieg des Juden Dreyfus Ausdruck gegeben, und sie würden über die Geschichte nicht so wortreich gewesen sein, wenn nicht Dreyfus Jude wäre. Da nun die Peripetien der Affaire Dreyfus — was heute Jedermann weiß — für das Schicksal der französischen Republik, ihren Fortbestand oder ihre Zerstörung bestimmend sind, da ferner das Schicksal Frankreichs für Deutschland unter allen Umständen von hoher Bedeutung bleibt, so handelte der Berichterstatter wie ein Blödling oder gewissenlos, der über den Fortgang der Affaire Dreyfus nicht genau berichten wollte. Das wissen natürlich die „Hamburger Nachrichten" so gut wie wir, und deshalb muß ihr fehlgehender seltsamer Rath eine besondere Ursache haben. Sie sagen, daß die ausführliche Behandlung der Affaire Dreyfus „mit der Zeit auch Leuten auf die Nerven falle", die sonst nicht leicht antisemitischen Gesichtspunkten Einfluß auf ihr Urtheil gestatten. Auch hier ist eine Erläuterung in's Deutliche nothwendig: Das angeführte Blatt meint, es falle auf die Nerven und stimme antisemitisch, wenn man so viel von der Unschuld eines Juden und den Unthaten der Judenfeinde reden höre. Wir sind so ausführlich auf das Märchen von der activen jüdischen Solidarität eingegangen, weil der vorliegende Fall besonders typisch ist: Dreyfus wird angeklagt — der „Jude" ist natürlich schuldig — der „Jude" ist ein Landesverräther — so sind die Juden! Dreyfus ist das unglückliche Opfer von Niedertracht, seine Verfolger sind die Antisemiten und die Antiprotestanten, die Fälscher und wirklichen Vaterlandsverräther — wie kann man davon so viel Aufhebens machen. Wäre nicht ein

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