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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Date
1899-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 66 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 4 das, was auszcichncn soll, selber zu bestimmen. Daun werden sie die Erfinder und Wegweiser der Europäer beißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke? Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird; dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf — und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freuen." In seinem tiefsten Buch, dem „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft", genannt „Jenseits von Gut und Böse", kommt Nietzsche auf die Ursachen des Antisemitismus zu sprechen und führt ihn auf ein Schwächegefühl der europäischen Völker zurück, die noch durch die Juden in ihrer Eigenart verwischt zu werden fürchten. Denn die Juden sind nach Nietzsche heute die stärkste Race, die in Europa lebt. „Sie verstehen es," sagt er im 252. Aphorismus (8. Hauptstück, S. 211 f.), „selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, — dank vor Allem einem resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, — als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist; — nämlich nach dem Grundsätze „so langsam als möglich". Ein Denker, der die Zukunft Europas auf seinem Gewissen hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Factoren im großen Spiel und Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine re8 lacta als nata ist (ja mitunter einer re8 facta et picta zum Verwechseln ähnlich sieht), ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares, noch keine Race, geschweige denn ein solches aera perenniu8, wie es die Judenart ist: Diese „Nationen" sollten sich doch aber vor jeder hitzköpfigen Concurrcnz und Feindseligkeit sorgfältig in Acht nehmen! Daß die Juden, wenn sie wollten — oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen — jetzt schon das Uebergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest, daß sie nicht darauf hinarbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und anfgesaugt zu werden, sie dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen; — und man sollte diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Jnstincte ausdrückt) Wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht cntgegenkommen, mit Auswahl; ungefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand, daß am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlasien könnten, zum Beispiel der adelige Officier aus der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Beschleus und Gchorchens — in Beidem ist das bezeichnete Land heute elastisch — das Genie des Geldes und der Geduld (und vor Allem etwas Geist und Geistigkeit, woran cs reichlich an der bezeichnetcn Stelle fehlt) hmzuthun, hinzuzüchten ließe. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: dem: ich rühre bereits an meinem Ernst, an das „europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen über Europa regierenden Kaste." Friedr. Nietzsche wirft einmal die Frage auf: „Was Europa den Juden verdankt?" und er antwortet: „Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor Allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jeuer Farbeuspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Eultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden dankbar." In seiner glänzenden Aphorismen-Sammlung „Menschliches — Allzumenschliches" Nr. 474 heißt es: „Ueberdies: in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und Aerzte, welche das.Banner der Ansklärnng und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange sesthielten und Europa gegen Asien vertheidigtcn; ihren Bemühungen ist es nicht am wenigsten zu danken, daß eine natürlichere, vernunftgemäßere und jedenfalls unmythischc Erklärung der Welt endlich wieder zum Siege kommen konnte, und daß der Ring der Eultur, welcher uns jetzt mit der Aufklärung des griechischrömischen Alterthums zusammenknüpft, unzerbrochen blieb. Wenn das Christenthnm Alles gethan hat, um den Occident zu orientalisiren, so^ hat das Judenthum wesentlich mit dabei geholfen, ihn immer wieder zu occidcntalisiren: was in einem bestimmten Sinne so viel heißt,, als Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zu machen." Im „Jenseits von Gut und Böse" heißt es (S. 12): „Die Juden sind cs gewesen, die gegen die aristokratische Werthschätzung, mit einer fnrchteinflößendcn Folgerichtigkeit die Umkehrung gepredigt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses sestgehalten haben, nämlich die Elenden allein sind die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niederen allein sind die Guten u. s. w. Dagegen Ihr Vornehmen und Gewaltigen, Ihr seid in aller Ewigkeit die Bösen unb Grausamen. Das aber ist der „Sclavenaufstand in der Moral." -i- * * Das ist die Auffassung Friedrich N i e tz s ch e's von dem großen „Judenproblem", dem er sein tiefes Studium und Nachdenken gewidmet hat; belehrend und aufklärend nicht blos für unsere Hasser, sondern auch für die modernen Pessimisten in unserer eigenen Mitte. Die österreichischen Juden und die konfessionelle Serufsstatistik (BI). (Eine Aufgabe für den neugegründeten Gemeindebnnd.) Von Dr. S. N. Landau. Es ist .bereits gesagt worden, daß die österreichische Berufsstatistik eine Differenzirung nach Confessionen nicht kennt. Darum ist auch das Bild der jüdischen Criminalität, soweit wir uns lediglich auf die crimiual-statistischen Tabellen beschränken müssen, vollkommen ungenügend. In Deutschland wurde diese Lücke zum ersten Male gelegentlich der im Jahre 1895 vorgenommenen Berufszählung, die eine Ergänzung zur Volkszählung vom Jahre 1890 bildete, ausgefüllt; bei uns ist es noch immer fraglich, ob selbst das bei der nächsten Berufszählung vom Jahre 1900 gewonnene Material nach dieser Richtung bearbeitet werden wird. Denn bei uns liegen auch die Verhältnisse ganz anders als in Deutschland. Dort stehen sich zwei große Confessionen, die katholische und evangelische, mit 35 Percent und 62 Percent der ganzen Bevölkerung gegenüber und die Regierung hat ein lebhaftes Interesse daran, die Auftheiluug beider Confessionen auf die verschiedenen Berufssphären und socialen Schichtungen festzustellen. Darum wird die neue Combination Beruf-Confession gemacht, wobei man auch die jüdische „Confession" berücksichtigt. Aber in Oesterreich mit seinen 91 Percent Katholiken hat die Regierung bisher die Nothwendigkeit einer confessionellen Statistik noch nicht eiuzusehen vermocht. Wohl enthält auch die bei unserer Volkszählung zur Anwendung gelangende Zählkarte beide Rubriken, „Confession" und „Beruf", aber die Bearbeitung des Materials mit der Combination Cvnfession-Beruf kostet viel Arbeit und Geld, viel Geld, 25—30.000 Gulden. Nützen dürfte sie jedoch eigentlich nur den Juden. Den Katholiken, die 91 Percent der Gesammtbevölkerung bilden, gibt die Berufsstatistik schon an und für sich im Großen und Ganzen ein Bild ihrer beruflichen Gliederung und socialen Schichtung und damit ein Bild ihrer wirthschaftlichen Verhältnisse, soweit man sich ein solches auf Grund der bloßen Statistik schaffen kann. Für die Juden hingegen, die mit ihren 4*8 Percent der Bevölkerung in allen Ländern ungleichmäßig vertheilt

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