Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Date
- 1899-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch’s Jahrgang XVI. Centralorgan für die gesammten Interelfen des Iudenthnms. K. ft. Postsparkayrn-Aml Clearingverkehr Nr. 810.976. »rdartion und Admvttstrstton: »trn N-, Ankere Augarkenstr. Irr. Tslophon-Nr. 6535. Wien, 27. Jänner 1899. Erscheint jeden Freitag. --fr" + - Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstraße 1 a. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. & »rpxgapretB für Vrsterrrlrh: Halbjährig 4 fl. *= 8 Jfr. Einzelexemplare IS fr. Jttr’a Xuvtanb: halbjährig 6 fl. 10 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Znzeigen: Die 4 nol gespaltene Petitzeile 13 kr. f =* Inhalt. Leitartikel: Friedrich Nietzsche und die Inden. — Die österreichischen Inden und die confessionelle Berufsstatistik. — Die angebliche „Solidarität". — Dreyfus auf der Teufelsinsel. — Vom Jahrmarkt des Lebens: (Glossen zur Tagesgeschichte. — Strömungen im Judenthum. — Dr. Adolf Silberstein. — Korrespondenzen: Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Wien, Daszynski über die Lage der Juden in Galizien, Wien. „Vaterland" und „Deutsches Volksblatt", Goetzel Kleinberger, Wien, Prag, Troppau, Prag, Ung.-Brod, Berlin, Paris, Jüdische Takesweber als — Productivgenossenschaft, Jassy, Das Jubiläum des unabhängigen Ordens der freien Söhne Israels, New-York, Teheran. — Vermischtes: Wien, Frauenberg, Wsetin, Berlin, Jassy. — Feuilleton: Malta Schwarzenkopf. — Literatur. - Brieftasten. — Eingesendet. — Inserate. Friedrich Nietzsche und die Juden. Es zeigt von der beispiellosen Unverfrorenheit der antisemitischen Fälscherbande, daß man es in öffentlicher Versammlung wagen darf, Friedrich Nietzsche für den Antisemitismrls zu reclamiren. Ein deutschnationaler Gymnasialprofessor enthüllte seine Gelehrsamkeit, indem er den kühnsten und unglücklichsten Philosophen der Neuzeit als Kronzeugen des Judenhasses vorführte. Wer aber mit den Schriften Nietzsche'» auch nur oberflächlich vertraut ist, der sollte und müßte wissen, daß dieser große Denker in der Juden frage ein politisches Problem von europäischer Bedeutung, im Juden den Vertreter einer für die moderne Fortentwicklung durch Art und Geschichte ganz besonders wichtigen und unentbehrlichen Race erkannt hat. Nach N i e tz s ch e's Auffassung haben die europäischen Völker die Tendenz, ein einziger großer Staat zu werden. In diesem seinen Ideale trifft er mit dem der hebräischen Propheten zusammen, welche mit flammender Begeisterung die Zeit ankündigten, da „alle Völker sich zu einem Bunde einigen". Und zur Verwirklichung dieses politischen Ideals scheinen ihm die in allen Ländern und unter allen Verhältniffen vorgebildeten Juden die wichtigsten Elemente und die geeignetsten Mittler. Wenn man dieses Eapitel seiner Schriften mit Andacht liest, vermeint man die Stimme eines rabbinischen Philosophen über die Sendung Israels zu vernehmen. Nietzsch e zeichnete diesen für eine europäische Zukunftspolitik im großen Stil so sehr geeigneten Charakter der Juden in einem größeren Aphorismus (205) im 3. Buch der unter dem Titel „Morgenröthe" gesammelten „Gedanken über die moralischen Vorurtheile", welchen wir uns nicht entschlagen können, hier zur Kenntnißnahme der Antisemiten und ihrer Bundesgenossen ganz wiederzugeben: „Vom Volke Israel: Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Juden. Daß sie ihren Würfel geworfen, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur noch übrig, entweder die Herren Europas zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Egypten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk aufweisen kann, und zwar so, daß nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebuugszeit zugute gekommen .sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Roth am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zuni Selbstmord, um einer tiefen Gelegenheit zu entgehen — was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im 8psrners ss 8perni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, daß man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu. allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie ansgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ): man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne, diese gelegentliche, angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben Alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten, von Nachbarn und Unterdrückern der Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem größte Erfahrung. Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, daß sie nie, selbst in der bittersten Lage nicht nöthig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausclaven ihr Brot zu erwerben. Ihren Manieren merkt man noch an, daß man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat; etwas Zudringliches wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich von Jahr zu Jahr mehr sich mit dem besten Adel Europas verschwägern, werden sie bald eine gute Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes gemacht haben; so daß sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an! Deshalb ist ein Austrag ihrer Sache für jetzt noch verftüht! Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen»