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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Är. 8 Br. Blvch's Wochenschrift. Seite 63 Schwarz c it f' o y f: Ei, ei, was soll ich jetzt mit Dir anfangell? Ich bin ja so ein gewöhnlicher Jud' und Du schaust aus wie eine Gräfin. Wohin soll ich Dich setzen und wovon soll ich Dich ernähren? Ei, ei! Malta: Das ist schwer, mein Vater. Du mußt mich welligstens vorläufig zu Dir nehmen. Schwa rzenkopf: Nu, nu. vorläufig. Ich will Dir einen Mann verschaffen, soll er Dich lieber zu sich nehmen. Malta: Das kommt später. Jetzt gehen wir, Vater. Jacob (za Malta): Wollen Sie wirklich mit Ihrem Vater mitgehen? Es erwarten Sie ja mir Noth und Entbehrungen in dieser neuen Umgebung. Malta: Ich weiß es. Aber es erwartet mich wenigstens nicht das, was am schmerzlichstell brennt, die Beleidigung der Frauenehre. Lebell Sie wohl, Herr Löwy. Wir haben uns kaum einigemale im Leben gesehen und Sie waren mit mir inlmer so gut. Ich werde Ihnen das nie vergessen. Gehen wir, Vater. M o r l z: Denn . . . vielleicht könnte ich mich eines Anderen besinnen, und wenn Sie nicht so wild wären, dann . . . Malta: Schweigen Sie! — Jetzt kann ich es Ihnen befehlen, denn mein Vater ist bei mir und er wird mich, wenn es Noth thut, auch vertheidigen. Gehen wir! Schwa rzenkopf: Schon gut, schon gut, wir gehen. (Wendet sich um.) Vielleicht kaufen Sie mir, meine Herren, Zündhölzchen ab. Schöne, gesunde, trockene, schwedische, gailz wie in ben Trafiken. Malta: Komm', Vater! (Zieht den Bater mit sich fort. Ihnen jolat Jacob.) (Der Borhang fällt.) (Fortsetzung solgt.) Morris Rvsenfrld. Der Dichter, welcher in einem Dialect schreibt, schafft naturgemäß nur für einen engeren Kreis seiner Sprachgenossen, aber dieser versteht ihn dafür vollkommen; die Ausdrücke, welche, dem gewöhnlichen Leben entnommen, in die Poesie hinübergeführt werden, blicken den Leser so lieb und urvertraut an. Er erkennt sie — es sind dieselben, die ihm so geläufig sind — und nun doth so ganz anders. In reinen Wohllaut getaucht, vom rhythmischen Strom getragen, von tieferer Bedeutung erfüllt, grüßen sie den Leser. Den herrlichen Erdgeruch der heimischen Scholle strömen sie aus und erwecken — in der Fremde vernommen — unendliches Sehnen nach den Gefilden des Vaterlandes, den heißen Wunsch, wieder den Rauch aussteigen zu sehen aus einem Schornstein des Landes, in welchem man geboren ist, wo nlan erzogen wurde, gespielt ilnd gelernt hat. Liebes und Leides erlebte und erlitt. Die Plattdeutschen weit drüben in Amerika halten an dem Idiom ihrer Fritz Reuter und Klaus Groth weit fester als die Hochdeutschen, an ihrem Schriftdeutsch und Literatur-Deutsch. Sogar die russischen Juden reden in der neuen Welt ihr Russisch-Judendeutsch fort, auch sie gedenken sehnend des Landes ihrer Väter, obwohl sie dort zumeist nur Haß, Verfolgung und Bedrückung erfahren haben. Nicht nach Zion, nur nach Rußland begehren sie heim. Zion ist eine Fata m organa für sie, die in frommen Psalmen und heiligen Gebeten austaucht, rosig, goldig, flimmernd, die aber teine faßbaren Formen annimmt, ein liebliches Spiegelbild fantastischer Wünsche, ein Hauch, ein Duft, ein herrlicher Traum . . . Und nun ist diesen russischen Juden drüben in Amerika gar ein echter Poet erstanden, welcher in ihrer Sprache dichtet und seine Lieder in das Gewand eines „Jargons" kleidet, welcher selbst von hochgebildeten Glaubensgenossen verächtlich über die Achsel angesehen wird. „Verderbtes Judendeutsch!"— Für grotesk-komische Zwecke, für gesungene Caricatur, das Tingeltangel-Couplet - mag es ja, nach der Meinung Vieler überaus ivirksam sein, aber für mehr gewiß nicht. Da kommt nun ein Dichter und belehrt sie Alle eines Besseren. Er schlägt den breiten Ton des verachteten, auch von vielen Glaubensgenossen verachteten, polnisch-russischen Juden an und holt eine Menge echter Poesie aus den verborgenen Schachten dieses angeblich armseligen, lächerlichen Jargons heraus. Ist das nicht wunderbar? Die Damen werden zwar die Lorgnons vor die Augen führen, damit sie besser hören und näschenrümpfend sprechen: „Ach, warum sagt der gute Mann denn das nicht Alles hochdeutsch, das wäre doch gewiß viel schöner und feiner und vornehmer?!" Gewiß wäre es das. Aber Morris Rosenfeld - so heißt der Poet — will nicht fein und zart und vornehm und elegant sein. Er schreibt für seine Stammes- und Glaubensgenossen und die würden ihn dann weder lesen noch verstehen. Er steigt zu den Elenden, zu den Armen und Geknechteten, zu den rücksichtslos Ausgebeuteten, zu den traurigen Enterbten des Glückes hinab und sagt milde zu ihnen: „Ich verstehe Euch. Ich kenne Eure Leiden. Ich fühle mit Euch. Und den Großen und Mächtigen will ich sagen, wie bitter die Brosamen von der Tafel des Glückes schmecken — und ich will es ihnen in Eurer Sprache sagen!" Den Arbeiter, vom Getöse und Gepolter der Maschine umbraust, den selbst zur Maschine gewordenen Menschen, sucht er aus und enthüllt seine geheimste Kümmerniß, seinen ergebenen Stumpfsinn, seine müde Verzweiflung. Die Lichteljüdin vor dem Tempel belauscht er und schafft aus ihrem Schmerz und Jammer eines seiner ergreifendsten Gebilde. Doch weiß er auch die zartesten lyrischen Töne erklingen zu machen. Und Alles in diesem Dialect, in diesem Jargon, in dieser entsetzlichen Arme-Leut'-Sprache, in diesem Tonfall von der Kleinen Schiffgasse und der Judengasse, wie man in Wien sagen möchte. Und seine Sachen erweisen sich beinahe als unübersetzbar. Der intimste Reiz verfliegt, ihr Bestes muß unwiederbringlich verloren gehen. So reden eben diese Menschen, so und nicht anders. Deswegen redet auch so ihr berufener Dichter. Die wunderschön ausgestattete Ausgabe seiner „Songs from the Ghetto“, in Boston bei Copeland and Day 181)8 erschienen, ist eigentlich eine sogenannte Parallel-Edition, der gegenüber steht immer die genaue englische Uebertragung in Prosa. Die Gedichte haben auch bei dem christlichen Publicum sich zahlreiche Freunde erworben, obgleich sie dieses nicht so kennen lernen konnte, wie der Dichter sie geschaffen. Ein paar Proben mögen zeigen, welcher Art diese Gedichte sind, wie sie fühlende Herzen zu ergreifen und zu bewegen vermögen: Wuhin? Zu a Mädele. Wuhin, wuhin, du schönes Kind? Die Welt is noch nicht offen! 0, seh’, wie still da is’ arum! Var Tag — die Gassen stehen stumm — Wuhin, wuhin aso geschwind? Jetzt is’ doch gut zu schlafen: Die Blumen träumen doch noch — sehst? Es schweigt noch jedes Vogelnest — Wuhin, fort treibt es dich azünd? Wu läufst du, sag’, beginnen? „ich geh’ vardienen!“ Wuhin, wuhin, du schönes Kind, So spät bei Nacht spazieren? Allein durch Finsterniss und Kalt’! Un’ Alles ruht, es schweigt die Welt — Wuhin fort tragt es dich der Wind? Du west doch noch varirren! . . . Kaum hat der Tag dir nit gelacht, Was känn dir helfen denn die Nacht? Sie is’ doch stumm un’ taub un’ blind! Wuhin mit leichten Sinnen? „Ich geh’ vardienen!“ Wie rein trifft er den innigen Ton jüdischer Elternliebe : „Nor selten, selten seh’ ich ihm, .Mein Schönem, wenn er wacht; Ich treff’ ihm immer schlafendig. Ich seh’ ihm nor bei Nacht.

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