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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 56 Dr. Bloch's Wochrnfchrrft. Nr. 3 Ungarisch-Brod, 16. Jänner. Wie alljährlich, veranstaltete der Obmann des Vereines „Choreb", Herr Rabbiner Dr. M. Jung auch im heurigen Winter einen Eyklus von Vorträgen. Äm 15. d. M. eröffnete diese interessanten Vorlesungen Se. Ehrwürden Herr Dr. S. .Kulka, gewesener Rabbiner zu Rausburg in Böhmen, welchen die Berliner Universität aus Grund seiner wissenschaftlichen Arbeiten zum vr. Iionoris eausa ernannte. Rach einigen allgemein wissenschaftlichen Betrachtungen kam Redner auf die Entwicklung und den Werdeproceß der jüdischen Literatur im Allgemeinen und dann auf den Jad Chafaka und Schulchan Aruch zu sprechen. Er schilderte kurz die bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit auf jüdischem Gebiete, besonders der aus der spanischen Epoche, specificirte den Inhalt des Schulchan Aruch und erzählte auch den Lebens- und Entwicklungsgang des Verfassers (14X8—15 /5), der von Geburt aus ein Spanier war und sich als Erulant infolge der großen Judenaustreibung unter Ferdinand den Katholischen nach Nicopolis flüchtete: später ging er nach Zcphath, wo er zuerst Schüler des berühmten Rabbiners Jacob Berab und dann dessen Nachfolger wurde. Bewundernswerth ist sein Commentar Beth Joses zu den 4 Turim des Rabeuu Jacob ben Ascher, an welchem er 20 Jahre arbeitete und weitere 12 Jahre zur nochmaligen Revision verwendete. Nicht minder bedeutungsvoll ist sein Commentar Keseph Mifchne zum Jad Chasaka. Tann schritt er an die Ausarbeitung seines Riesenwerkes, mit welchem er sich ein unvergängliches Monument setzte. Er wollte damit allen Schwankungen und Ungewißheiten ein Ende machen und den späteren Geschlechtern das mühselige, selbstständige Forschen aus dem Gebiete der Halacha entbehrlich machen. Ter Redner zog nun eine Parallele zwischen Maimonidcs, dem großen Denker und Philosophen, und Joses Caro, den Kabbalisten, dem Freunde des R. Salomon Molcho und des ausgezeichneten Dichters R. Sal. Alkabez Halewi, des Verfassers von Lcho Todi. Ein Enkel Joses Caros war der berühmte Jedidja Caro zu Salonichi, ein anderer Enkel Rodrigo ben Venisti, Geheimsecretär des berühmten Josef Naßi, Herzog von Naros. Er ging auch in dessen Auftrag nach Tiberias, um dort in der Umgebung la.ndwirthfchaftliche und industrielle Colonien durch jüdische Einwanderer zu gründen. Trotz großer Geldsummen prosperirte das Unternehmen nicht. Mit Erwähnung der bedeutendsten jüdisch-spanischen Forscher, Poeten, Geschichtsschreiber rc. schloß der Redner seinen sünsviertelstündigen Vortrag, welcher außerordentlich intcressirte. Die geistige "Regsamkeit des Mannes ist umso bemerkenswerther, als der Redner ein siebzigjähriger Greis ist, dem man freilich die Spuren des Alters nicht anmerkt. Das Auditorium lauschte gespannt seinen herrlichen Ausführungen, und als nach Schluß des Vortrages Oberlehrer Riefenfeld den Dank votirte, erfolgte allgemeiner Applaus. Besonders die Stelle: „Hier ist ein Bild jüdischer Tüchtigkeit, jüdischen Fleißes, jüdischen Streben?. Wir legen Ihnen unsere tiefste Verehrung zu Füßen und wünschen Ihnen noch recht viele Jahre froher Gesundheit" war jebem aus dem Horzen gesprochen. Am 20. d. M. spricht Ehrwürden Dr. Stern sin Triesch) über „Jonathan Eibenschitz". Berlin. Nach des Kaisers Willen, wie er ihn in dem Dankschreiben aus die Neujahr swünfche des Magistrates zum Ausdruck gebracht, sotten die städtischen Behörden und daher natürlich auch die staatlichen Behörden das Gemeinwohl der Bürgerschaft ohne Rücksicht ans politische und c o n s e s s i o n e l l e Gegensätze zu fördern bemüht sein. Fast scheint cs, als sei diese Mahnung auch ein Gewinn der Orientreise und als solle das Wort -ex Oriente lux“ für uns eine nie geahnte Bedeutung gewinnen, denn der Freiherr von Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, der, wie bekannt, in drei Vorträgen zu Potsdam seine Eindrücke aus dem Morgenlande geschildert hat, erzählte über einen Besuch im Kaiserswerther Erziehungshause in Beirut Folgendes: „Besonders iniercssant, schön und bedeutungsvoll in seiner Art ist der gemcin'ainc Religionsunterricht, an welchem Kinder sammtlicher christlichen Eonfessioncn und selbst Mohammedanerinnen und Jüdinnen sich mit Freude bclheiligcn. Bon den evangelischen Geistlichen wird die liblische Geschichte und Alles, was die christlichen Confessionen Gemeinsames haben, gelehrt; nur zum Consirmandenunterricht gehen die Kinder zu den ei enen Geistlichen. Hier zwingen die Verhältnisse und lehrt die Noch alle Christen ohne Unterschied gemeinsam beten. Sollte dies nicht mahnen und könnten wir nicht daraus lernen. Gleiches zu thun und anzustreben, auch wo uns keine Noth drängt?" Der preußische Cultusminister Herr Bosse war auch in Beirut. Hat ihn das nicht gemahnt und kann er nicht daraus lernen. Gleiches zu thun und anzustreben, auch wo uns keine Noth drängt? Vielleicht redet ihm einmal der Freiherr von Mirbach ins Gewissen oder sendet ihm wenigstens diese Stelle seines Vortrages roth angestrichen zur Kenntnißnahme zu. Berlin. Das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin bringt über die Criminalität der Juden manch interessanten Aufschluß. Wir entnehmen demselben die folgende Tabelle, in die aber nur diejenigen Verbrechen, resp. Vergehet: ausgenommen sind, wegen deren 10 oder mehr Juden bestraft worden sind. Hausfriedeilsbruch.... 915 Personen, davon 18 Verletzung derWehrpflicht 442 „ „ 48 Vergehen gegen die Vorschriften bez. der Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern.... 75 23 Vergehen gegen die Concessionspflicht. 659 13 Vergehen gegen die Sonntagsruhe . 1877 181 Vergehen gegen die Vorschriften bezüglich der Jmpfgesetze, Krankenversicherung, * Unfallversicherung rc. .... 142 23 Kuppelei. 652 „ „ 14 Beleidigung. 2163 „ „ 103 Einfache Körperverletzung 1330 „ „ 29 Gefährliche „ 1831 „ „ 30 Einfacher Diebstahl. . . 3421 „ „ 66 „ „ im wiederholten Rückfalle 665 14 Unterschlagung. 1753 „ „ 47 Betrug .. 1005 „ „ 51 Fälschung öffentlicher Urkunden .. 404 29 Einfacher Bankerott. . . 42 „ „ 15 Unter allen Rubriken zusammen wurden verurtheilt. 17.376 Personen, davon 695 Juden Da die Juden in Berlin 5 Percent der Bevölkerung bilden, so hätte man erwarten dürfen, daß von ihnen 1101 Personen wegett Verbrechen oder Vergehen bestraft worden wären, es sind nur 695, das Resultat ist also sehr günstig. Sieht man obige Tabelle durch, so fällt sofort auf, daß die Juden den Durchschnitt übertreffen nur bei den kaufmännischen Vergehen, die die Beschäftigung voll Arbeiterinnen, ferner die Sonntagsruhe, endlich die Versicherungsvorschriften betreffen. Sonst noch bei einfachem Bankerott, doch ist hier die Zahl der Fälle überhaupt sehr gering und bei Verletzung der Wehrpflicht, und in detn letztere:: Falle erklärt es sich durch die starke Auswanderung der Juden. Vorbestraft waren von diesen 695 Juden 291 Personen während überhaupt 11.451 Personen, d. h. 52 Percent unbestraft waren. Die Zahl der gewohnheitsmäßigen Verbrecher ist also bei den Nichtjuden viel größer als bei den Juden. Noch mag hinzugefügt werden, daß im städtischen Arbeitshause in Rummelsburg 6 Juden als Corrigende:: unter 970 Corrigetlden sind. Berlin, 9. Jänner. An: 3. d. M. sprach im Verein fürjüdische Geschichte und Literatur vor einem dichtgedrängten und auserlesenen Publicum der rühmlichst bekannte Professor Dr. Ludwig Stein aus Bern über den religiösen Optinüsmus. Der Vortrag war von philosophischer Tiefe und doch von durchsichtiger Klarheit, voll von geistvollen Ideen und neuen, überraschenden Gedanken, von tiefem Einblick in das Wesen der Religion an sich, in den Geist des Judenthums im Besonderen und endlich von inniger Liebe zu unserem Glauben durchglüht — also in jedem Betracht eine glänzende und

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