Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 50 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 3 sich die Juden auf diese Weise bereichern", hinfällig erscheine. Die ehrenwerthe Schriftleitung ist auch in dieser vorn „Deutschen Volksblatt" veröffentlichter: Abbitte zu dein schamlosen Geständniffe genöthigt, daß sie vor Gericht die Nennung der schuldigen Person vor Ablauf der Verjährungsfrist verweigert hat und spricht über das Erscheirren der für Herrn Moriz Guttmann ehrenrührigen Erzählung das tief st e Bedauern aus. Auch die Kosten des Strafverfahrens hat die wackere „Schriftleitung" dem Kläger ersetzt. Aus dem ganzen Tenor dieser Erklärung kann nicht etwa gefolgert werden, daß das Blatt sich dazu verpflichtet gefühlt hatte, ein zugefügtes Unrecht gutzumachen. Ausschließlich die Furcht vor der Verurtheilurrg spricht aus dieser ihm auferlegten erniedrigenderr Buße, bei deren Festsetzung Herr Dr. Schneeberger (!) grausam genug war, dem vorr der Verleumdung der Juderr sich nährenden Vergani eine Abbitte nicht blos gegenüber den einzelnen Beleidigten, sondern gegenüber den Juden im Allgemeinen zu dictiren. Den Helder: vom Ausrufungszeichen muß dabei gar bitterlich zu Muthe gewesen sein. * * * Ausrufuugszeichen scheinen überhaupt das Einzige zu sein, was Vergani an eigenen Producten seiner Feder jemals zu Papier gebracht hat. Sie haben vor anderen literarischen Leistungen jedenfalls den Vorzug der unvergleichlichen Kürze, und gewähren der Phantasie des Lesers den weitesten Spielraum. Bei gewissen Namen besagen sie freilich nur, daß der Träger des betreffenden Namens ein Jude ist, wie z. B. Perlhefter (!), Knöpflmacher (!), Rubinstein (!). Das sind, wie Jedermann aus dem Ausrufungszeichen schließen kann, Juden. Viel interessanter und anregender ließen sich aber Ausrufungszeichen in anderen Verbindungen verwenden, wie z. B.: Pauschalien (!), Dr. Wähner (!), Gemeindeobligationen (!), Vergani (!), Wahrheitsbeweis (!), Verjährung (!), Christlichsocial (!), Spittelberg (!) :c. Aus solchen Ausrufungszeichen läßt sich ein ganzer kulturhistorischer Roman dichten, der Roman der Ausrufungszeichen. Strobach und Gregorig sind die Ausrufungszeichen unseres Parlaments. * * * Sigmund Goldmann (!). Wer ist Herr Sigmund Goldmann? Wir haben ihn soeben unseren Lesern vorgestellt, und wem: sie es nicht aus den: Namen errather: haben, so sagt es ihnen das Ausrufungszeichen: er ist ein Jude. Herr Goldman:: wohnt im V. Bezirke und hat gleichzeitig mit anderen Bürgern um Abschreibung respective Reducirung von Gebühren für den Mehrverbrauch von Wasser angesucht. Einigen Gesuchstellern nun hat der Bezirksausschuß von Margarethen die Abschreibung, anderen die Reducirung bewilligt. A b g e w i e s e n wurde nur ein Einziger, nämlich Herr Sigmund Goldmann. Fragezeichen: Warum? Antwort:! * * * Genau aus demselben Grunde hat der Stadtrath beschlossen, gegen die Erweiterung des Rothschildspitals in Währing den Recurs an das Ministeriun: zu ergreifen. Man würde aber dem Stadtrathe Unrecht thun, wollte inan daraus ableiten, daß er gegen die Juden nicht human ist. Das ist durchaus nicht der Fall. Der Stadtrath ist überhast nicht human, sondern weiß sich von solchen sentimentalen Anwandlungen freizuhalten. Da hat beispielsweise der Verein für Verköstigung armer Schulkinder dem Gemeinderathe den Vorschlag gemacht, bei dem Bau neuer Schulen auf Localitäten, in welchen man den armen Schullindern zu essen geben kann, Riicksicht zu nehmen. Lächerlich! Was gehen die christlich-sociale Gemeindeverrvaltuug die hungernden Schulkinder an? Die Leute, die ihre Familie nicht selbst ernähren können, sollen halt keine Kinder in die Welt setzen. Und wenn es noch ein clericaler Verein wäre, der sich au den Stadtrath wendet! Aber der Verein zur Verköstigung armer Schulkinder, der hat so einen gewissen liberalen, ja sogar jüdischen Beigeschmack, den hat sogar ein jüdischer Journalist' gegründet, dessen Initiative es zu verdanken ist, daß man sich des Elends der armen Kinder erbarmt hat. Auch so ein Ausbeuter mit Ausrufungszeichen. Robert Wolf. Antisemitische Propaganda. Die Abbitte, mit welcher das „Deutsche Volksblatt" den Kaufmann Guttmann in Sarvar wegen der ihm zugefügten verleumderischen Anschuldigung u:n Verzeihung gebeten hat, lautet wörtlich: Erklärung: In der Numürer 3433 des „Deutschen Volksblatt" vom 2 t. Juli 1868 haben wir eine der ungarischen Zeitung „Alkotmany" entnommene Mittheilung unter der Ueberschrift „Wie die Juden sich bereichern" zum Abdrucke gebracht, die die gegen Herrn Moriz Guttmann, Kaufmann in Sarvar, gerichtete Beschuldigung enthält, daß dieser einen Werthbetrag von 130.000 fl., den eine gewisse Johanna Samu durch Fundverheimlichung sich angeeignet hatte, der Finderin suceessive abgenommen habe, indem er unter Benützung der Unwissenheit dieser Frau Samu, die die T au s e n d g u l d e n n o t e n für Zehnguldennoten gehalten hat, jedesmal eine Tausendautdennote als Zehnguldennote in Empfang nahm und wechselte. Diese Mittheilung war mit weiteren Schlußfolgerungen versehen, die die Ehre des Herrn Moriz Guttmann auf dos empfindlichste zu verletzen geeignet waren. Wir erklären nun, daß wir nicht in: Stande sind, auch nur ein Wort dieser Mittheilungen aufrechtzuerhalten oder gar zu erhärten, und daß daher auch die aus dieser Erzählung in der Ueberschrift abgeleitete Consequenz, daß sich „d i e Juden auf diese Weise bereichern", hinfällig erscheint. Nachdem die gefertigte Schriftleitung des „Deutschen Volksblatt" dem Gerichte gegenüber die Nennung der schuldigen Perlon vor Ablauf der Verjährungsfrist verweigert hat und unser verantwortlicher Redacteur Hans Arnold Schwer die Versicherung gibt, daß dieser Artikel ohne sein Wissen in das Blatt gelangt sei, erklären wir, daß wir die Ausnahme dieser nach unseren Erhebungen vollständig erfundenen, für Herrn Moriz Guttmann ehrenrührigen Erzählung in unser Blatt auf das t i e f st e bedauern. Infolge dieser Erklärung hat Herr Moriz Guttmann seine wider den verantwortlichen Redacteur erhobene Klage zurückgezogen und haben wir die Kosten des Strafverfahrens dem Kläger ersetzt. Die S ch ri f t l e i t u n g des „Deutschen Volksblatt". Die „Arbeiter-Zeitung" sagt von diesen Vorgängen, sie seien ein typisches Beispiel dafür, wie man antisemitische Propaganda macht, und fügt weiters bei: „Diese de- und wehmüthige Erklärung belehrt außerdem noch über den Geisteszustand der Leser des „Deutschen Volksblatt", denen man solche ungeheuerlich dumme Lügen vorsetzen kann, wie, daß ein Mädchen sich durch „Fundverheimlichung" den gewaltigen Betrag von 130.000 fl. angeeignet habe, und daß sie sich nicht einmal, sondern wahrscheinlich hundertdreißigmal einen Zehner für einen Tausender habe geben lassen. Gegen dieses „Deutsche Volksblatt" ist ja der sagenhafte „Arizona-Kicker" der reine Waisenknabe. Doch das nur nebenbei. Auch hier sehen wir aber wieder, :vie sich das „Deutsche Volksblatt" der Verantnwrtung für vorgebrachte Verleumdungen entzieht und dem Beleidigte:: die gerichtliche Genugthuung vorznenthalten weiß." Die erziehliche Wirkung des Antisemitismus. Wir erhalten folgende Zuschrift:' Löbliche Redaction! Ein interessantes Geständnis; über die erziehlichen Eigenschaften des Antisemitismus läßt sich das „Deutsche Volksblatt" (das ich leider hie und da zu lesen in die Lage komme, ohne es zu verlangen) in der Nummer von: 8. Jänner entschlüpfen. Es wäre wirklich schade, dieses Symptom in Vergessenheit sinken zu lassen. Indem es über den bestellten Muttermord der Frau Anna Braune geborenen M ö l d n e r in einer dem Geschmacke seiner Leser entsprechenden eingehenden Weise berichtet, theilt es zum Schluffe noch :nit, daß die gute Tochter dem Manne den sie zur Ermordung ihrer leiblichen Mutter dingen wollte, angab, es wäre die zu ermordende Frau, „ihre Stiefmutter, eine I ü d i::, von derste nur Nachtheiliges zu erfahren hatte". Auf den: Zettel, den das „Edelweib" dem Manne übergab, stand als Adresse „Stumpergasse Nr. 40, 1. Stock rechts, alte Jüdin." Man ersieht also, daß die Dame, welche die Theorien Schneiders, Pfarrer Deckerts, Gregorigs und des Prinzen Liechtenstein gehörig aufgefaßt hat und gründlich verarbeitet zu haben scheint, bei dem Manne Scrupel vorauszusetzen schien, welche durch den Hinweis auf die Bezeichnung „Jüdin" verscheucht werden konnten. Hochachtungsvoll E i n^L e s e r.