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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Date
1899-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Sil. 3 Dr. Vlorh's Wochrnfiärrifk. Seite 49 er auch nicht glauben, daß es für eine Gemeinde, wie die Berliner, ein nobile olllennn ist, sich eine Bibliothek einznrichten. Die Bibliothek wird ja kommen und die Verzögerung der Anschaffungen um einige Wochen wird ihr nicht schaden — aber die Ablehnung der Dringlichkeit strömt einen seltsamen, beklennnenden Duft aus. Darum noch einmal: Absit omen! Dabei darf nicht vergessen werden, daß in der Berliner Repräsentantenversammlung die konservativen nominell noch immer die Mehrheit haben, 11 gegen 10. Nur ist es eine Mehrheit in partibus. die von ihrer Stärke keinen Gebrauch macht uub immer da verspnrlost, wo es auf Geltendmachung ankommt. Das war schon in den vergangenen drei Jahren ebenso, trotzdem die Konservativen damals über eine Zweidrittelmehrheit in der Theorie verfügten. Noch niemals und nirgends hat es eine Mehrheit gegeben, die sich so regelmäßig, so willig und so duldsam majorisiren ließ. Eine ähnliche — Bescheidenheit hat es in der Welt zu keiner Zeit gegeben, nicht einmal in Goethes Tagen. Goethe hätte seinen "Ausspruch über die Bescheidenheit sicher nicht gethan, wäre ihm heute Leben und der "Anblick der antisemitischen Bewegung beschieden gewesen. Tie Antisemiten sind nirgends bescheiden, tun wenigsten in der sächsischen Brutstätte, wo sie so hübsch dicht beisammen und ganz unter sich sind. Im Dresdener Stadtverordnetencollegium haben sie dieser Tage einen stolzen Triumph gefeiert, indem sie eine prineipielle Erklärung gegen die Naturalisation von Juden durchsetzten. Eine solche prmeipielle Erklärung steht keiner Stadtverwaltung zu. Die Naturalisation eines "Ausländers ist überhaupt keine städtische Angelegenheit, sondern steht den Staatsbehörden zu, die nur altem Brauch folgen, indem sie rein formal die Zustimmung der Stadtverwaltungen einholen. Tie Staatsbehörden lehnen ohnehin in der Regel jedes von einem Juden kommende Natnralisationsgesuch ab. Machen sie eine "Ausnahme, so müssen ganz besondere Gründe vorliegen. Tie antisemitischen Dresdener Stadtverordneter: wollen auch die seltenen "Ausnahmen ilicht zillassen. Es bleibt abznwarten, ob die Staatsbehörden den Mißbrauch eines nur formalen und Gewohnheitsrechtes dulden werden. Ta es sich um einen Mißbrauch zu Ungunsten der Juden handelt, so spricht die höchste Wahrscheinlichkeit für die Duldung. Dabei ist das Sperren gegen die Naturalisation von Juden auf die Tauer ganz vergeblich. Ten der Form nach fremdbürtigen, tatsächlich deutschen Inder: in Deutschland kann das Jndigenat nicht versagt bleiben, ja inan wird sie schließlich auffordern nrüsser:, die Naturalisation nachzusuchen, schor: um die Civilstandsverbältnisse eines wenn auch nur kleinen Bruchtheiles der Bevölkerung nicht in Wirrniß gerathen zu lassen. Bis dahin freilich wird sich Elend genug häufen. Doch wen kümmert das? Es sind ja nur Inden, die darunter leider:! Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das verschandelte Parlament. — Beaurepaire und Cavaignac. — Aus der Verjahrungspraxis Verganis. — Der Roman der Ansrufnngszeichen. — Frage und Antwort. — Kein Raum für hungernde Schulkinder.) Ein hilfsbedürftiger Mann hat an das Parlament die Bitte gerichtet, ihm aus Staatsmitteln ein unverzinsliches Darlehen von 1000 fl. zu gewähren. Das Ideal eines Tarleher:s ist zweifellos, wenn es nicht bloß ur:verzir:slich, sondern auch nicht rückzahlbar ist. Weil aber Ideale gar so schwer oder überhaupt nicht erreichbar sind, war der Bittsteller bescheiden; er verlangte bloß die Unverzinslichkeit, während er hinsichtlich der Rückzahlung eine Vereinbarung treffen will. Dieser bescheidene Versuch, den Staat ::::: einen Betrag anzupumpen, welcher bei einen: Budget von mehreren hundert Millionen wirklich keine Rolle spielt, hat den Beifall der Obstrnctionsparteien gesunden. Sie beantragten, die Petition un: dieses Darlehen von 1000 fl. den: stenographischen Protokoll einzuverleiben, und über diesen "Antrag die namentliche Abstimmung. Den: Bittsteller wäre wahrscheinlich mehr damit gedient gewesen, wenn das Haus, anstatt über die Einverleibung der Petition in das stenographische Protokoll, lieber gleich über das Meritorische des Gesuches namentlich abgestinnnt und wenn es dem armen Manne die 1000 st. baar bewilligt hätte. Es wäre hiezu, obgleich so ein blanker Tausender zuweilen eine Verfassungsänderung bedeutet, nävckich eine "Aenderung jener Verfassung, in welcher sich der Mann befindet, der die 1000 fl. braucht, nur die einfache Majorität erforderlich gewesen. Der "Antrag, den Wortlaut der Petition dem stenographischen Protokoll beizuschließen, wurde abgelehnt, während ein Antrag auf Bewilligung des unverzinslichen, jedoch rückzahlbaren Darlehens vielleicht eher Aussicht gehabt hätte, angenommen zu werden, und in diesem Falle hätte das Abgeordnetenhaus wenigstens einem einzigen Menschen in Oesterreich etwas genützt, während dieses Hans, wie es derzeit beschaffen ist, vollständig unnütz ist. Der Scherz, zu welchem die besprochene Petition als Object einer namentlichen Abstimmung mißbraucht wurde, ist die einzige Leistung des wiedereröffneten Reichsrathes in seiner ersten Sitzung. Wenn die Regierung die Diäten für diese Sitzung erspart und jenen: Manne die verlangten looo st. ans Grund des 8 14 gepumpt hätte, so wäre das den: Staate billiger zu stehen gekommen. Wie die Dinge jetzt liegen, wird das Haus schleunigst wieder vertagt, eventuell aufgelöst werden. Wir werden diesen: Parlament, in welchen: der Teutoburger, Cherusker und Markomanne K. H. Wolf den Ton angibt und in welchen: die Chriftlich-Socialen der Schnittlauch auf allen Suppen sind, keine Thräne nachweinen: dieses Parlament war oft genug der Schauplatz antisemitischer Hetzen, die sein "Ansehen vor der Oeffentlichkeit herabsetzten, es wird durch die "Anwesenheit des Ernst Schneider geschändet, durch die Mitgliedschaft eines Josef Strobach unappetitlich, eines Gregorig widerlich und eines Bielohlawek lächerlich gemacht. Die Elite der Bürgerschaft, die Blülhe der "Nation sollte in: Parlamente vertreten sein: statt dessen beherbergt es neben anständigen Menschen nur allzu zahlreiche Freunde und Gesinnungsgenossen des Alexander Purscht, des Nichteigenthümers eines hohen Hauses am Spittelberg. Dem verrätherischen und verleninderischen Neberfall des Senatspräsidenten Quesnay de Beaurepaire auf seine Kollegen vom obersten Gerichtshöfe folgt die Ankündigung des Herrn Cavaignac, daß die Freisprechung des Capitäns Dreyfus den sofortigen "Ansbruch einer Revolution zur Folge haben werde. Dreyfus darf also nicht freigesprochen werden: er :n::ß verurtheilt bleiben, auch wenn er schuldlos ist. Ter Pöbel soll als oberster Richter an die Stelle des obersten Gerichtshofes treten, und an die Stelle der Rechtsprechung die Drohung mit der Revolte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Cassations- Hof sich durch die möglichen Folgen seines Spruches nicht beirren lassen, allein die Regierung scheint denn doch ungeachtet der kürzlich hier gewürdigten Rede des Ministerpräsidenten Dupuy gegen den Antisemitismus mit dieser Stimmung sich abfinden zu wollen. Ter Gouverneur von Algier will Maßregeln treffen, um die Naturalisation der Inden zu beseitigen. Die Revision des Deerets Cremieur sei wünschenswerth unter der Bedingung, daß sie „ohne Haß und ohne Revolution" sowie „nur auf die politischen Rechte beschränkt" erfolge. Man will also die Inden in "Algier der politischen Gleichberechtigung berauben, vorausgesetzt, daß die Regierung mit den Erklärungen des Gouverneurs einverstanden ist. Die Unterdrückung der Juden in "Algier soll die Compensatio:: für die Freisprechung des Dreyfus sein. Ter Judenhaß will sein Opfer haben und die Regierung scheint die Bestie zu fürchten. * * * Eine regelmäßige Begleiterscheinung der Gemeinheit ist die Feigheit. Dieser jämmerliche Charakter des „Deutschen Volksblatt" zeigt sich in einer de- und wehmüthigeu Abbitte, die das mit den: Vertrauen des Dr. Lueger ausgestattete Antisemitenblatt einen: von ihm verlenmdeten Inden <!) geleistet hat. Der Wortlaut dieser Abbitte stellt die größte Demüthigung dar, der ein Blatt sich jemals unterzogen hat. Einen: Kaufmann Namens Moriz G u t t m a n n (!) in Sarvar wurden betrügerische Handlungen angedichtet, und un: der gerichtlichen Züchtigung für die begangene Ehrabschneiderei zu entgehen, bestätigt die famose „Schriftleitung" des „Deutschen Volksblatt" dem Rechtsanwalt des Herrn Guttmann (!), Herrn Dr. Wilhelm S ch n e e b e r g e r (!>, sie sei n i ch t i m Stande, au ch n u r ei n Wort der gebrachten Mittheilungen aufrecht zu erhalten oder gar zu erhärten, daher auch die ans dieser Erzählung abgeleitete Consequenz, „daß

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