Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Date
- 1899-01-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.M [©eite 4? Dr. Bloch's Wochenschrift. vorgemerkt. Er wird in der Aussage desMotar^Ojbmiuskji neues,^wichtiges Material finden. Herr Obminsti erzählt die Geschichte der Excesse in Alt-Sandec und bestätigt, daß sich die Bevölkerung der Stadt schon früher hiezu vorbereitet hat. Hievon wußle die Gendarmerie schon um 2 Uhr Nachmittags, und obwohl Bahn und Telegraph zu ihrer Verfügung standen, wurden keine Schritte unternommen, um die Excesse zu verhindern. Dadurch befestigte sich auch in der Stadt die Meinung, daß es gestattet sei, die Juden zu berauben. Und als das Wirrhshaus in Kamienica beraubt und verbrannt, aber die Excedenten nicht verhaftet wurden, kam es zu antisemitischen Ausschreitungen in Cyganowice, einer Vorstadt von Alt-Sandec. Zwar sind in der Nacht von Freitag aus Samstag 25 Uhlanen und Samstag Früh eine Compagnie des 20. Infanterie-Regiments nach Alt-Sandec gekommen, aber ihre Thätigkeit beschränkte sich nur daraus, daß sie das beraubte Wirthshaus in Poczetaj inspicirten, und da sie Allemanden voil den Excedentell trafen, den Schnaps zum Bahnhof transportirten. Der Lieutenant erzählte mir, daß er im Wawe 00—80 sei n ge kleideten Herren und Frauen bei einem Gelage begegnete, die ihm jedoch erklärten, nur einen Ausflug unternommen zu haben. Ich bin aber überzeugt, daß es dieselben waren, die bei Nacht das Wirthshaus geplündert und selbst während des Militärtransportes ein Fäßchen Schnaps zu entwenden verstanden haben. Voll diesem Gelage wußten Alle in Alt-Sandec, der Magistrat, die Gendarmerie und die anderen Behörden; sie haben trotzdem nichts verfügt. Angesichts dieser Apathie der Behörden herrschte allgemein die Ueberzeugung, daß es gestattet sei, die Juden zu plunderrl, und diese Alachricht verbreitete sich blitzschnell in der ganzen Umgebung. Infolge dessen versammelten sich schon um 2 Uhr Nachmittags himderte von Bauern in der Stadl mit Körben, Säcken und Leintüchern, obwohl weder ein Marktnoch ein Feiertag war. Das machte mich stutzig. Ich lenkte daraus die 'Ausmerks amkeit der Gemeinderalhe G l l n s k i und K u m o r, dle beide zum Bürgermeister gingen und von ihm die Entfernung der Massen verlangten. Der Bür g er m e ist e r antwortete nichts, s o n d e r n verließ sein B u r e a u u n d w a r nicht mehr zu sehen. Um 4 Uhr Nachmittags wurde mit Trommelschlag verlautbart, daß die Angekommenen um 8 Uhr Abends die Stadt zu verlassen hätten. Es verblüffte mich die Bestimmung, daß dies erst um 8 Uhr Abends zu geschehen habe, umsomehr als mit jedem Augenblicke neue Mafien heranrüctten. Da der Bürgermeister lllcht zu finden war, so wendete ich mich an seinen Stellvertreter Przybhlski. Dieser aber meillte, daß der Hauptmann diese Verfügung getroffen habe, und er könne nichts dagegen thun. So rückte die achte Stunde heran. Ich glaubte, daß Polizei und Militär sofort daran gehen weiden, die Stadt zu raumen. Ich täuschte ulich. In der ll ä ch st e n Al äh e der Militarabtheilung rief ein Bauer, einen Dreschstegel schwingend, aus: „Leute, nun an die Arbeit. Sobald ich „Hurrah" ruse, geht's los." Gleichzeitig gingen auch zwei Lieutenants hart vorüber und die Bereitschaft saß auf den Bänken. Da erscholl der Nus: „Hllrrah, los aus den Holländer!" Ein Lieutenant schrie: „Hall!" Die Excedenten Überstelen aber trotzdem mehrere Läden und erbrachen sie. Die Soldaten stürzten ihnen nach. Bald aber zogen sie sich zurück und hinderten die Excedenten, die unter ihrer Nase plünderten, in keiner Weise. Aus dem Verhalten der Plünderer war zu entnehmen, daß sie in der Ueberzengung handelten, es sei ihnen dies gestattet. Hörte ich ja selbst, wie einExeedent zum anderen sagte: „Siehst Du, Johann, sagte ich Dir nicht, daß es erlaubt ist, wenn das Militär ruhig z u s i e h t." Auf offener Straße wurden die Waaren auSgebreiter und den einzelnen Plünderern ellenweise zugemessen. Viele Waaren wurden dann angesichts der Polizei und des Militärs aus mitgevrächte Wagen geladen, mit einer solchen Kühnheit, daß ich gar nicht fassen konnte, wie ähnliche Dinge in einem Rechtsstaate möglich wären. Da konnte ^man sich nicht wunderii, daß tags daraus am helllichten Tage Bauern aus entfernteren Gegenden herbeieilten, um noch sur sich etwas zu erwischen." Der Landmarschall hatte wirklich Recht, wenn er bei der Eröffnung des galizischen Landtages vorige Woche mit Bedauerii constatirre, daß man der eigentlichen Anstifter nicht habhaft werden konnte. Allein es hat außerdeni auch verantwortliche Factoren gegeben, die sehr leicht den Brand Hütten im Keim ersticken können. Sie sind nicht weniger strafbar. Darum ist es auch nothwendig, ihr Verhalten etwas mehr ins rechte Licht zu setzen. .Die Juden und die österreichische Statistik. (Eine Aufgabe für den neugegründeten Äemeindebnnd.) Bon Dr. S. R. Landau. 2. Eriminalstatrstik. (Fortsetzung.) Alts Grund dieser zwei Tabellen gibt Herr Dr. Hoeg l einen „Commentar". Er lautet (S. 558 der eit. Mon.): „Was die Juden anbelangt, so sind sie mit Verbrechen w e n i g e r belastet als die Katholiken. Es ist dies vorwiegend aus die Gewaltthätigkeitsftrafen zurückzusühren, wühretld ihre um 2-5 geringere Belastung beim Diebstahl durch die höhere Belastung beim Betrug mit 2-7 und bei der Veruntreuung mit 0-3, zusammen mit 3-0 überholt wird. Stärker belastet als alle anderen Beketintniffe sind die Juden bei den Vergehen, und unter diesen insbesondere sind es Crida, Wucher, Thierseuchengesetz- und Wehrgesetzvergehen, die den Ausschlag geben. Da sich von 1,141.615 Juden 770.408 in Galizien, 82.717 in der Bukowina befinden, so dürsten, abgesehen vom Vergehen der Crida, die polnischen Juden, in Bezug auf letzteres die 128.784 Juden in Niederösterreich und 149.845 Juden in den Sudelenländern den Ausschlag geben, weil das Vergehen der Crida in Galizien und in der Bukowina verhältnißmäßig nicht häufig pv Verurtheilnng kommt." Wenn wir dies in das Alltagsdeutsch übertragen, so heißt es: Die Juden sind im Allgemeinen percentuell an den Verbrechen weniger betheiligt. Und zwar deshalb, weil sie sich weniger auf Gewaltacten beruhende Verbrechen zu Schulden kommen lassen. Hingegen sind sie bei Verbrechen, wo die dolose Absicht durch andere Mittel als die Gewalt verwirklicht wird, schwerer belastet. Doch siehe, das ist nicht wahr. Beim Diebstahl (3 Percent), dann bei der Munzverfälschung (3-4 Percent) und bei der Verfälschung öffentlicher Creditpapiere (4 Percent) stimmt's ja doch nicht. Der Criminalist würde da den Gründen dieser Erscheinung nachsorschen. Herr Dr. Hoegl sagt ja an einer Stelle (S. 547): „Untersucht man die Straffälligkeit nach Strasthaten und Ländern, so stellt sich heraus, daß, abgesehen von den in Dalmatien austretenden Morden, nur die vorsätzliche Körperbeschädigung national ist. Hier sind Polen, Südslaven und Ruthenen stärker belastet. In Bezug aus alle anderen Strasthaten von Bedeutung sind nicht nationale, sondern gesellschaftliche und volkswirthschastliche Ursachen ausschlaggebend." Diese Ursachen müßte daher der Verfasser auch bei der jüdischen Criminalität suchen und in der Berussthätigkeit der Juden finden, wenn er consequent wäre. Statt dessen begnügte er sich damit, das Gewaltmittel als Markstein zwischen den höheren und niederen Percentsatz hineinzuschieben. Beim Diebstahl bekam dieser Markstein einen Sprung und so hals sich der neueste Criminalstatistiker damit, daß er nachwies, wie die Juden das, was sie beim Diebstahl einbringen, wieder beim Betrug ausarbeiten. Die Lorbeeren des „Deutschen Volksblatt" find sehr billig zu haben. Nun kommen die polnischen Juden an die Reihe. Herr Dr. Hoegl constatirt, daß die Juden bei Vergehen stärker belastet sind, und daß hiebei mit Ausnahme der Crida die polnischen Juden den Ausschlag geben „dürften". Man gebraucht dieses Zeitwort bekanntlich, wenn man seiner Sache nicht ganz sicher ist. Ernste Männer meiden es gewöhnlich, zu bloßen Muthmaßungen ihre Zuflucht zu nehmen. Aber im vorliegenden Falle sino solche Muthmaßungen auch ganz überstüssig. Die unsinnige Sucht, die angebliche „niedere Stufe cultureller Entwicklung bei den Juden in Galizien", wie es sonderbarerweise auch in der genannten Publication des Berliner „Abwehr-Comites" (S. Yiii u. XVI) heißt, als Erklärungsgrund für die Percenthöhe der Criminalität der