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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 38 Dr. Bloch's Wochenfchrtft. Nr. 2 Biograph Froschhammer's, vor einem sehr zahlreichen Auditorium einen hochinteressanten Vortrag über den unglücklichen srüh verstorbenen Lyriker S. A. Weiß, der den Lesern der „Oesterr. Wochenschrift" kein Fremder mehr sein dürfte. — Tr. Münz entrollte ein möglichst erschöpfendes Bild des Denkers und Dichters Weiß und zeichnete das wahrhaft Uebermenschliche an ihm. Münz bemerkte in der Einleitung, daß er in der angenehmen Lage sei. Weiß schon einen Auferstandenen zu nennen, da sein Sinnen, Singen und Sagen bereits von der „Coneordia", deutsche Verlagsanstalt, Berlin, unter Dach und Fach gebracht und im Laufe des Monats Februar erscheinen werde. Er. schloß seinen geistvollen Vortrag mit den weihevollen Worten Jphigenie's: „Ein unnütz Leben ist ein früher Tod." Reicher Beifall wurde ihm zutheil. Uirter den Anwesenden bemerkte man: den Caplan der englischen Botschaft Rev. W. Hechler, k. k. Hofschauspieler Lewinsky, Gemeinderath Carl Moriz Mayer, Rector Schwarz, die Schriftsteller Glücksmann und Amster, Secretär des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, Dr. M. Friedländer u. A. m. Der Vortrag wurde im kleinen Saale des Wissenschaftlichen Club abgehalten, weshalb Viele, da sie keinen Platz mehr fanden, sich wieder entfernen mußten. Graz. Die Auszeichnung unseres Rabbiners Herrn Dr. Mühsam mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone hat unsere Cultusgemeinde zu einer solennen Doppelfeier Veranlassung gegeben. Am 25. December war der Vorstand und der Cultusrath und ein großer Theil der Gemeinde im Gemeindesaale versammelt und Herr Dr. Mühsam samnit Gattin und Familie zum Erscheinen geladen. Herr Gemeindepräses Bernhard Biller beglückwünschte in schwungvollen Worten den Herrn Rabbiner im Namen der Gemeinde, bezeichnet^ dessen Auszeichnung durch den Monarchen als eine Ehre für die Gemeinde und das Iudenthum und würdigte die Verdienste unseres Herrn Rabbiners um Gotteshaus und Schule. Tief gerührt dankte Herr Dr. Mühsam und hielt eine Ansprache, die einen tiefen Eindruck machte. Wenn die Gemeinde in seinem Streben Veranlassung zu einer besonderen Ehrung finde, so sei dies ihrer vornehmen Gesinnung und ihrem Wohlwollen zu danken. Dr. Mühsam brachte zum Schluffe ein dreifaches Hoch auf Se. Majestät aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten. — Am 1. Jänner veranstaltete die Chewra Kadischa ein Bankett, an dem sich gegen 60 Personen betheiligten. Herr Marcus Orovan, Präses der Chewra Kadischa, begrüßte die Gesellschaft und eröffnete den Reigen der Toaste mit einem solchen auf den Kaiser. Tann hielt Herr Mar Mayer eine Festrede, in welcher er die Person und das Wirken des Rabbiners feierte. Dieser hielt dann eine Rede über die Bedeutung der Chewra Kadischa auf Grund des Talmuds. In einer zweiten Ansprache feierte der Rabbiner unseren allverehrten Präses Herrn Bernhard Biller. Dieser toastirte auf seinen wackeren Mitarbeiter, den in der Gemeinde beliebten Lehrer-Secretär Herrn Anton Ungar, Herr Dr. Weiß auf den Herrn Rabbiner und Herr Hauptmann Bardach auf die Frauen. An die Cabinetskanzlei des Kaisers wurde ein Ergebenheitstelegramm abgesandt. Schließlich sei noch erwähnt, daß auch der hiesige israelitische Frauenverein eine Ovation für den Rabbiner vorbereitet. Prag. (Vortrag.) „Goethe und die Juden." Ueber dieses anregende Thema sprach unlängst der berühmte Gelehrte Herr Professor Dr. Ludwig Geiger aus Berlin im Centralvereine zur Pflege jüdischer Angelegenheiten. Der Vortragende gliederte seine Ausführungen in drei Theile, indem er den Gegenstand von drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete. Zuerst stellte der Redner das Verhältnis des Altmeisters der deutschen Dichtkunst zur Bibel und der hebräischen Literatur fest, dann faßte er Goethes Verkehr mit einzelnen jüdischen Persönlichkeiten ins Auge und zuletzt unterzog er des Dichters Verhalten gegenüber dem Iudenthum überhaupt einer objectiven Kritik. Der Einfluß der Bibel auf Goethes Sprache ist in einzelnen seiner Gedichte nachweisbar, und im „Prolog im Himmel" des Faustdramas lassen sich deutliche Spuren der Einwirkung des Buches Hiob erkennen, dessen einzelne Capitel der Dichter für den genannten Abschnitt seines Werkes benützte. Andererseits wieder zeigt sich in der Art und Weise der Schilderung, die Gretchen in ihrem Monologe von Faust entwirft, in ihrer lichten Begeisterung für sein Wesen und seine Erscheinung eine Verwandtschaft dieses Monologes mit dem Hohelied. Und diese Annahme erhält durch den Umstand, daß Goethe im Jahre 1775 den Versuch machte, das Hohelied ins Deutsche zu übertragen, ihre directe Bestätigung. In einem Briefe an Frau von Stein aus dem Jahre 1783 schreibt Goethe: „Ich bin so weit, nun auch einen Juden in meinem großen Roman auftreten zu lassen. Es ist „Wilhelm Meister" gemeint, dessen Anfänge in diese Zeit fallen." Diese Stelle ist aber die einzige, in welcher von jenem Plane Goethes die Rede ist. Offenbar sollte der Berliner Jude Ephraim, der erste, der Goethe in Weimar entgegentrat, das Modell bilden. Bemerkenswert^ ist auch Goethes Verkehr mit den literarisch thätigen jüdischen Frauen Henriette Herz, Rahel Levin und Dorothea Schlegel, sowie der Umstand, daß zwei jüdische Schriftsteller an den von ihm herausgegebenen oder unterstützten Zeitschriften mitarbeiteten. Der Maler M. Oppenheim suchte Goethe in Weimar auf, um des Meisters Urtheil über seine Bilder kennen zu lernen. Und die Briefe, die er über den Besuch in die Heimat schrieb, athmen glühende Begeisterung für den großen Dichter und Kritiker. Für Goethes Urtheilsobjectivität spricht auch die Thatsache, daß er eines Abends seine Loge im Theater verließ, um sich einem jungen jüdischen Mediciner, David Veit, zuzugesellen, der ihn kurz zuvor aufgesucht und sein Interesse auf das lebhafteste erregt hatte. Dagegen ftaub er den Emancipationsbestrebungen der Juden nicht ganz vorurtheilsfrei gegenüber. Während Bettina Brentano sich beeilte, Goethe alle Schriften zuzusenden, die für die Inden Partei nahmen, las dieser mit weit größerem Wohlbehagen jene Schriften, die den Bestrebungen der Juden entgcgentraten. Und als der Großherzog Carl August von Weimar seine freiheitliche Gesinnung auch den Juden gegenüber bethätigte, fand er an Goethe keinen bereitwilligen Helfer. Dagegen zollte er Spinoza seine Bewunderung und brachte Moses Mendelssohn eine solche Werthschätzung entgegen, daß er, als er in Berlin weilte, ihn allein unter den dortigen Gelehrten aufsuchte. Im „Jahrmarktfest zu Plundersweilern" geißelt Goethe, namentlich in der späteren Fassung der Satire aus dem Jahre 1789, mehr die Verfolger der Gläubigen als die Juden. In einer Besprechung eines Streites, der zwischen Mendelssohn und einem Badenser Literaten geführt wurde, stellt sich Goethe entschieden auf des ersteren Seite und verurteilt in den Frankfurter „Gelehrten Anzeigen" die rohen unwürdigen Angriffe des Letzteren mit der größten Schärfe. In seinen Sprüchen sagt Goethe einmal von dem jüdischen Volke, daß es war, ist und sein wird. Goethe, der niemals an einem Zufall in der Geschichte glaubte, prophezeit den Juden einen ewigen Bestand, weil er von der Ueberzengung beseelt ist, daß dieses Volk eine bisher noch nicht erfüllte Mission zu erfüllen habe. Ein andermal sagt Goethe: „Die Deutschen gehen nicht zugrunde, sowie die Juden, weil es lauter Individuen sind." Mit der Wiedergabe dieses Satzes schloß Professor Geiger seinen Vortrag. Goethebesaß, führte er aus, für die Juden keine Sympathien, aber er gab seiner Erkenntniß Ausdrnck. Er haßte die Massen, er hatte nur vor dem Individuum Achtung und anerkannte trotz aller seiner Vorurtheile den Vorzug der Festigkeit, der Ausdauer und Hartnäckigkeit im jüdischen Wesen. Die zahlreichen distinguirten Zuhörer spendeten den geistvollen, klaren Auseinandersetzungen des gelehrten Redners reichen Beifall aufrichtigster Anerkennung. Nach dem Vortrage versannnelte sich eine auserwählte Schaar von Herren und Damen um den Vorstand des Centralvereines, um im gemüthlichen israelitischen „Hotel Prinz" dem Prof. Ludwig Geiger zu Ehren einem Banquett anzuwohnen. Wir bemerkten unter den Anwesenden außer dem Vorstand des Vereines mit seinem Obmann kais. Rath Falkowicz, beit Vicepräsidenten Advocat Dr. L. Pick, Geschäftsleiter Advocat Dr. F. Duschenes, die Herren Rabbiner Dr. Kisch und Fischer, Professoren Dr. Alfred Klar, Lederer und Reiter, Intendanten der Prager Theater Teweles und viele Andere. Den Reigen der geistvollen Tischreden eröffnete der Obmann kais. Rath Falkowicz, der in seiner liebenswürdiggeistvollen Weise dem Vortragenden dankte. Da der Redner auch des Vaters desselben erwähnte, dankte Prof. Geiger mit Thränen in den Augen, an eine Anekdote über Diderot anknüpfend, der einst, als der berühmte Encyklopädist in sein Heimatsdorf zurückkehrte und dort vom Maire mit den Worten begrüßt wurde: „Ihr seid ein berühmter Mann geworden;

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