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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wvchenjchrifr. :eue erstes Lächeln nnd horcht auf den ersten Laut feiner Zunge. Wenn es größer wird, fpiell sie mit ihm, fingt ihm vor, erzählt ihm kleine Geschichten und lehrt es sprechen. Und sein Lächeln ist ihr Heller als der Sonnenschein, und sein Kinderlallen süßer als Musik. Wenn sie krank ist, weicht sie nicht von seiner Seite, und ist es gesund, so ist sie ihm nie fern. Wenn es sündigt und alle Menschen es von sich stoßen, sie hält an ihm fest; und wenn cs fromm ist und Gott ihm Gedeihen schenkt, kommt keine Freude ihrer Freude gleich. Ihre Liebe kennt keinen Wechsel, denn sie ist der Born, den der glühende Wind der Wüste nicht austrocknen kann. . . und wenn ihr Kind env hiljloses, kleines Mädchen ist, wie du cs warst — blind und taub und stumm — dann liebt sie es am innigsten. Dir konnte sie keine Geschichten erzählen, weil du nicht hörtest, deinen Augen konnte sie nicht zmächeln, weil du nicht sahst; mit dir konnte sie nicht plaudern, weil du nicht sprechen konntest, aber sie konnte dein ruhiges Gcsichtchen beobachten, die Berührung deiner kleinen Finger jühtcn, und den Ton deines lustigen Lachens hören." Die Schilderung der Charaktere, des Sultans, der Paschas, der Bettler, der Sclaven und der anderen Stände ist meisterhaft, so viele Personen auch in der Erzählung austrcten; die Secuen, auch die, die ans Wunderbare grenzen, sind voll Natürlichkeit. Es wäre schwierig, die beste herauszuheben, wo jede kunstvoll, viele ergreifend sind. Am ergreifendsten ist neben der Schilderung vom Leichcnbegängniß Ruths, das Capitel „Israel im Gesänguiß". es ist nicht rührseli, aber tragisch. Israel mußte seine Tochter allein zurücklassen: fast wahnsinnig wird er durch einen Mitgefangenen, der sich, um i!,n vor Verzweiflung zu retten, mürrisch und wahnsinnig geberdet, zur Vernunft zurückgerufen. Endlich nach langer Zeit, und zwar wieder aus England, eine Erzählung von Juden, in welchem der Jude nicht die armselige Ghettosigur ist, dessen größte Sorge es ist, kleinlicher Eultgerechtigkeit Genüge zu leisten. Diese Ghettosigur ist ein sehr braver, frommer und tugendhafter Mann, die sittliche Gerechtigkeit kostet ihn keinen Kamps, sie ist seine Natur, wie Schwimmen die Natur des Fisches ist, und selbst unter den schwierigsten Umständen tritt er aus seiner Natur nickst heraus. Diele Mustermenschen sind uns aber nicht so interessant, daß wir uns mit deren Schicksalen lange beschäftigen sollten. Daß böse Stunden auch über sie kommen, ist sehr traurig, daß ihnen Gott wieder aus der Noth hilft, sehr erfreulich, aber Kompert verstand es doch anders die Seelenkämpse eines Ghettojuden darzustellen. Zangwill wieder, dieser Fritz Reuter des jüdischen Ostend in London, gehört in ein anderes Capitel. Unsere Ghettodichter erzählen uns heute nicht von erhabenen Seelenkämpfen, von Leuten, die den Satan in ihrer Brust besiegen, sie erzählen mit größerem oder geringerem Talent Gcschichtchen und wir wollen keine Gcschichtchen lesen, sondern ei' Kunstwerk genießen. Daß selbst das enge Ghetto Marokkos der Boden solcher Erzählungen ist, beweist Hall Caines „Der Sündenbock". Wir hoffen, daß die wahren und echten jüdischen Dichter uns bald eine ähnliche Erzählung aus dem an poetischen Motiven reichen Leben der Juden Europas bescheeren werden. Dichter, die noch etwas mitbringen, was dem Nichtjuden Hall Caine abgeht: die Liebe zum Iudenthum und genaue Kenntniß des Judenthums. Freudigst muß aber einwstanden werden, daß der Mangel des ersteren in „Der Sündenbock" kaum, des letzteren höchst selten wahrnehmbar, wie von einer Antipathie gegen Juden und Judenthum keine Spur vorhanden ist. was bei einem Buche im Verlage von Velhagen und Clasing besonders notirt zu werden verdient. S a a z. Dr. Simon Stern. Die neueste Kvhelek-Hypvthcf'e. Von Dr. D. Leimdörfer in Hamburg. Die Zahl der Versuche einer Lösung des schwierigen Kohelet-Räthsels ist in diesen: Jahre von kundiger Hand um einen vermehrt worden. Irr Abth. II der poetischen Bischer, herausgegeben von Prof. Nowak, ist in Göttingen (Vandenhoek nnd Ruprecht, 1898) „ein Commentar zum Prediger Salomonis" von dem Geh. Kirchenrath Professor der Theologie zn Jena, Dr. C. Siegfried, erschienen. Geist und Gelehrsamkeit und ein trefflicher Name verbinden sich bei Siegfried dermaßen, daß man hoffett darf, in seinenl Buche all das zu finden, was die früheren zum Theil ausgezeichneteir Bischer über Kohelet vermissen ließen, insbesondere die Erklärung der Widersprüche in der Persönlichkeit des gewöhnlich als Pessimisten hingestellten Helden dieses heiligen Schriftwerkes. Mit diesem Gedanken begab ich mich an die Lectüre der wichtigen Schrift. Allein ich legte das Buch unbefriedigt aus der Hand, denn ich fand darin lediglich eine neue Hypothese, welche die Einheitlichkeit des Buches, die selbst Siegfried früher zugab, in Frage stellt und die uns arrftatt des einen Kohelet der Bibel fünf Kohelets darbietet. Das ist so zu erläutern: Das Buch Kohelet ist nicht das Werk eines Schriftstellers, sondern ein Sammelwerk, in welchem sich mehrere, etwa fünf bis siebenMänner verschiedener Lebensauffassung wie mannigfacher Geistesversassultg Glaubensrichtung und Weltanschauung, ein Rendezvous geben. Ter e r st e K o h e l e t ist der pessimistische Philosoph. Diesem folgt ein epikuräischer Glossator, Kohelet U, der dritte ist ein glossirender Chacham aus der Gemeinde der Weisen,Kohelet lll, der vierte ein glossirender Chassid,KoheletlV.: endlich tritt einer oder mehrere alldere Glossatoren noch hinzu, ivelche Rathschläge oder Beobachtungen der Lebensklugheit als Zusätze anfügen, Kohelet V. Das ganze Gedicht soll dann von eitlem Redactor zusammengesrellt, mit llebersichr tlnd Schlußform versehen worden sein. Diese Gloffatoren-.Hvpotbese löst nach Ansicht Siegfrieds den ganzen Wirrwarr in Wohlgefallen auf. Doch lassen wir den Herrn Professor selber sprechen. Er sagt S. 10 f.: „Das Buch des pessimistischen Philosophen (ij r) würde mit Abscheu znrückgestoßen nnd von den später im Judenrhum maßgebenden Richtungen völlig vernichtet sein, ivenn nicht der Name Salomos an seiner Spitze gestanden hätte. Das rettete es vor dem Untergänge. Aber es verfiel statt dessen dem Geschick, von den anderen Richtungen innerhalb des dantaligen Judeuthttms eorrigirt, alossirt, ihrem Standpltnkte anbegnemt zu werden. Der nächste Glossator war keilt radikaler Gegner. Er gehörte denjenigeit saddnzäischerr Kreisen an, ivelche dem Epikuräismus huldigten «vgl. Schürer ll, OIO s. König, Einl. istij mit» zwar in einem atlderen Sirttie als dies auch zuweilen bei 1 sich findet. Wenn dieser in schmerzlicher Resignation ansrnft, daß uuccr den obwaltenden Umständen dem Menschen kein anderes Vergnügett übrig bleibe, als esten und trillken, 2o.ta, :>> 12, so wissen wir ans 2 3, lo, 17 s. 20, daß dies in seinem Sinne kein wirkliches Vergnügen ist, noch sein kann. Der epiknräische Glossator dagegen, den: nur st» - nennen wollen, hält dafür, daß essen und trinken tu der Dhat ein sehr reelles Vergnügen sei, iit dem eilte volle Entschädigung für alles Blühen des Menschen liege. st 17, s und er fordert der: Leser ans, sich nach Möglichkeit diese und andere derartige siititliche Freuden ztt bereiten, 9 10 ,>>, 11 7_;» a, 10, ehe die Zeit des 'Alters ultd des Todes herankomme, wo es mit allen Genüssen derart vorbei sec, 9 lL., 12 i_7 a, vgl. besonders ll* ^217 bz Er hängt am Leben und findet es schön. Süß ist es, das Licht der Sonne zu schallen, sagt er ll 7, rvährelld i dafür hält, daß der Tag des Todes besser sei, als der der (9ebnet, 7 1 b. Nach 9 4 «G .,) ist ein lebendiger Hund besser als ein todter Löwe, während u t die Fehlgeburt glücklich preist 0 3 nnd die Tod teil glücklicher hält als die Lebenden, •>. 'Auch ist n •_> nicht der Meinung, daß die Arbeit nur eine völlig nutzlllid zwecklose Plage sei: es mache, meint er, doch viel Freude, thätig zu seilt nnd zu schasten, st 1 ■_>, 9 ln, etwas zu erwerben uub davon zn genießen, st.y. Darum solle man die guten Tage wahrnehmen mit» in die bösen sich eben schicken, 7 u. ----- 'Alich in anderen Punkten zeigt sich der Sadduzäismns dieses Glossators. So 7 1,; in der Opposition gegen pharisäische kultische Uebertreibungen «.Schürer ll, st. Ist.,König, Einl. Isti st l >. Im Ganzen sind G - zlczllschreiben. Die Stiicke: st st 17 -1:*, 7 l l, ll], 8 t:>, ' 1—7 — 10, 12, l l 7, X a, >1 a, 10, 12 1 b-7 .1. Ein anderer Leser von 0> 1 gehörte offenbar der „Gelneinde der Weiselt" alt. Er fühlte sich bewogen, der Herabsetzung der Weisheit dllrch jene entgegenzutreteit. Wir nennen ihil den glossirenden Chacham <g.->. Er macht die Vorzüge der Weisheit geltend. Ihm gehören die Stücke 2 1;!, u 1 0 8, o a, 7 n-12, is>, 8 1, 9 13-18, 10 1-3. i2-i:. all. Dem Rathe voit K i, das vergebliche Bestreben aufzngeben, Eap. I i, t„ s. M. 2 d. St., stellt er die Behauptung entgegen, daß ltur ein Narr so handeln köilice, i Gewichtiger war die Opposition gegen diejenigen Aeußernngen von K i, welche sich gegerc die Grundlehren des Inden - thums von der göttlichen Weltleitnug nnd ihrer Gerechtigkeit wendeten. Da mag in dem Kreis der Frömmelt ein Buch, das Salomos Namen trug, ccicht ohlce Weiteres in die «soll wohl heißen zu tragen wagte, so suchte man es durch Untcorrigirung möglichst unschädlich 311 machen. Wir nennen den Urheber dieser Verbesserungen den glossirenden Chassid utld bezeichnen ihn mit Q i. Bickell nennt ihn U 1, „einen bem Buche feindlichen Zeloten". „'Auch Leimdörfer", so fängt an dieser Stelle Siegfried 2.11 'Note 2 an, „ist dieser wunderliche Heilige ausgefallen. Er sagt in seiner Schrift: „Der Prediger Salomo in historischer Beleuchtung", S, 23: „Die Predigt von der Gottesfurcht nimmt im Verhältnis zum Ganzen nur einen geringen Raum ein. Auch nimmt sie sich ivunderlich aus in

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