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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-13 · 2 (13.1.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
2 (13.1.1899)
Date
1899-01-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 32 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 2 Zehn Jahre vergingen. Der Antisemitismus war in Preußen vollends regierungsfähig geworden. Da kam die preußische Gewerbezählung, und diese ergab, daß die Fremdbürtigen den Einheimischen in vielen Gewerben eine Eoneurrenz machten, die von diesen als lästig empfunden wurde. Ein Fremdbürtiger aber braucht nur „lästig" zn werden, um der Ausweisung anhcimzusalleu. Eine zweite Ausweisungsära begann, diesmal von Herrn v. Koller geleitet und vorzugsweise gegen die galizischen Juden gerichtet. Nicht als ob Herr v. Koller die Galizianer besonders gehaßt hätte, sondern weil die Reihen der russischen Juden durch die vorige Ausweisungscampagne zu sehr gelichtet waren. Alle Vorstellungen blieben — von Einzelsällen abgesehen — vergeblich. Das; Deutschland als ein Industriestaat und bei seiner starken Volksvermehrung darauf angewiesen ist, Maaren und Menschen in das Ausland zu schicken, daß also Repressalien des Auslandes sich ihm sehr empfindlich machen würden, fand keine Beachtung. Inzwischen ist Herr v. Koller, der nur ein Jahr Minister des Innern war, nach der üblichen Respeetfrist Oberpräsident von Schleswig-Holstein geworden und hat dort die Ausweisungspraxis wieder ausgenommen. Diesmal waren nicht Juden, sondern Dänen die Betroffenen, Auch handelte es sich um eine verhältnißmäßig kleine Zahl von Personen. Weder 18S5 noch 1895 haben die. liberalen Blätter sich geregt. Selbst die „Jndenblätter", die so heißen, weil sie von Juden geleitet werden, die vom Judenthum nichts wissen, blieben stumm. Jetzt aber stießen sie mächtig ins Horn, jetzt plötzlich besannen sie sich auf die Pflichten der Menschlichkeit, die sie für nichts geachtet hatten, als es sich um die hundertfache Zahl von Juden gehandelt hatte! Man mag daraus entnehmen, was die Fabel von der „Berjudung der Berliner Presse" werth ist, man mag daraus entnehmen, was diese „verjudete Presse" werth ist. Vor Allein mag mau daraus entnehmen, wie sehr der Liberalismus seine Principien vergißt, sobald Juden in Frage stehen. Und trotz alledem verharren die Juden Deutschlands in der Mehrzahl in der Verstrickung eines Liberalismus, der ihnen gegenüber sich selbst verleugnet, der ihrer nur gedenkt, um sie zu mißbrauchen, der in Wahrheit längst aufgehört hat, liberal zu sein, und dem Tode an geistiger und sittlicher Abzehrung unrettbar verfallen ist. Der Sündenbvck. Ein Roman aus Marokko von Hall C a i«e. Autorisirte Uebersetzung aus dem Englischen und Vorwort von Robert König. (Vertag von Velhagen Ar Elasing, Bielefeld und Leipzig.) „Und Ahron lege seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes und bekenne über ihm alle Vergehen der Kinder Israels und alle ihre Misscthaten in allen ihren Sünden, und er lege sie auf den Kops des Bockes und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann fort in die Wüste. Und der Bock trage aus sich alle ihre Vergehen." Dieser Bibelstelle entnahm der englische Dichter Hall Eaine den Titel für seinen Roman, der das Leben der Juden und Mohammedaner in Marokko schildert. Marokko ist ein Land, „in welcher Regierung soviel bedeutet wie Unterdrückung, Gesetz soviel wie Tyrannei, in dem die Gerechtigkeit gekauft und verkauft wird, in dem es ein Schrecken ist — reich, und eine Gefahr, arm zu sein; . . . ein Land, das eine Schande für Europa, eine Schmach des Jahrhunderts, eine Beleidigung der Menschlichkeit, ein Mehlthau auf der Religion!" So sagt Hall Eaine in der Einleitung, und wenn wir das Buch le'en, in dem Land und Leute so anschaulich geschildert werden, begreifen wir den Rothschrei unserer armen gequälten Glaubensbrüder, den wir zuweilen aus Marokko vernehmen, wo sie nicht nur den unmenschlichen Druck der Regierung wie die anderen Bewohner des Landes, sondern noch dazu Geringschätzung und Verachtung der Andersgläubigen zu tragen haben. Doch dies schildert Hall Caine mir nebenher. Er ist freilich auch hierin ein Künstler, der ohne Vorurthcil, ohne Voreingenommenheit das zeichnet, was er gesehen hat. Die Erniedrig,mg durch den Druck, den Aberglauben, die geldgierige, blutgierige und lüsterne Despotie der Paschas und des Sultans, wo das einzige Schutzmittel der Unterthanen der Objecte der Aussaugung, Bestechung und Lüge sind. Wer diese Mittel nicht anwcnden kann, ist das Opfer, und wer diese Mittel nicht genug lange anwenden kann, ist wieder das Opfer, und so ist das Leben Aller die Hinopferung Aller für die Gelüste des Sultans. Der Dichter will auch nicht schildern, wie die Gesamnitheit der Juden der Sündenbock für die Sünden und Vergehen der marokkanischen Gesellschaft ist, wie etwa den Juden zugeschricben wurde, den schwarzen Tod verursacht zu haben, oder daß sie den Niedergang des Kleingewerbes verschulden, denn dies wäre kein Roman aus Marokko, dies wäre ein großes Capitel aus der Geschichte geistiger Verirrungen auch europäischer Nationen. Hall Caine wählt sich einen Juden als Helden seiner Erzählung aus, einen Obersteuereinnehmer des Paschas von Tetuan, einen jener Menschen mit starkem und doch so mildem Herzen, die inmitten allgemeiner Verderbtheit, in der die Gerechtigkeit kein Heim und das Mitleid keine Stätte haben, vereinzelt dastchcn und die höchste Tugend zu erringen suchen, indem sie den abgrundtiefen Sumpf durchwaten und auf erhabene Höhe gelangen. Es ist ein mühseliger Weg, man trägt Pein und Schmerzen, es ist ein harter Kampf 'mit allen bösen Leidenschaften des eigenen Herzens, ein wildes Ringen der guten und bösen Geister, die im eigenen Gcmüthe wohnen; wer aber das Ziel erreicht, der genießt die höchste Freude wenigstens einmal im Leben. Durch eigene Schuld war er der Sündenbock, er trug seine und der Anderen Sünden und wird durch eigenes Verdienst entsündigt, wird rein und frei von jeder Schuld, er gehört nicht mehr Asasel,' der Wüste des Lebens, sondern dem Ewigen. Israel ben Oliel, der Sohn eines jüdischen Banqniers in Tanger und einer englischen Jüdin, ist ein solcher Held. Als mutterlose und vom Vater kaum beachtete Waise, der ihn als Kind mit der Mutter nach Europa gehen ließ, verlebt er nach dem Tode der Mutter eine lieblose Jugend in London und wird, 23 Jahre alt, an das Sterbebett des Vaters nach Tanger zurückberufen. Dort trifft er einen Tag nach dem Begräbniß des Vaters ein; weitläufige Verwandte hatten sich aber vorher eilfertig das reiche Erbe Oliels zugeeignet. Da er nun nichts besitzt, unr den Kadi zu bestechen, konnte er auch kein Recht finden. Der Kadi erklärt ihn als Betrüger und der Pascha sackt nun das reiche Erbe Oliels ein. Wie Jephta vom Baterhause verdrängt, besitzt der Verbitterte nichts als seine Tüchtigkeit und die Bedingungen zu einem tragischen Lebensschicksal. Israel wird mm ein umgekehrter Jephta mit Bezug auf seine Glaubensgenossen und mit Bezug auf seine einzige Tochter. Verstoßen von seinen Glaubensgenossen, wird er ihre Geißel; sie fühlen seine eherne Hand, da er Steucrabschätzer in Tetuan wird. Erst nur rücksichtslos gerecht, wird er später auch mitleidslos und grausam. Dadurch wird er aber Sündenbock des Pa'chas, denn auch alle Grausamkeiten des Paschas werden ihm zugeschrieben. Er wird gehaßt und verflucht von Juden und Mohammedanern, und Haß vergilt er mit Haß, Flüche mit unbarmherzigen Strafen, denn als Günstling, der dem Pascha die Taschen füllt, vermag er gar Vieles. Fällt der Fluch der Gequälten auf sein Haupt? Es scheint ihm und Allen so, denn sein Schwiegervater stirbt in der Brautnacht, das Weib seiner Liebe schenkt ihm ein schönes, aber ein blindes, stummes und taubes Töchterchen. Er hat sich, sein Weib und sein Kind unglücklich gemacht. Einige Jahre nach der Geburt des Kindes Noömi stirbt sein Weib Ruth. Hier beginnt die Erzählung mit wunderbaren, fast unglaublichen Ereignissen, sie sind aber ourch die große Kunst des Dichters so glaubhaft dargestellt, daß man nach deren Wahrscheinlichkeit gar nicht fragt. „Das Unbegreifliche, hier wird's Ereigniß." Noömi erlangt im Laute der Jahre infolge aufregender, den Vater in Lebensgefahr bringender Ereignisse erst das Gehör, dann die Sprache, zuletzt als Israel, der Wuth des Paschas trotzend, sein Amt als Steuereinschätzer und Sündenbock niederlegt, auch das Gesicht. Ob die Aerzte und Physiologen dem Dichter bcist'immen werden, weiß ich nicht, das thut aber auch nichts, da wir Leser dem Dichter glauben, wie wir auch glauben, daß Israel mit Gott spricht und von ihm erhört wird. Das taube, stumme und blinde Mädchen war die Strafe für die Sünden, die Israel auf sein Haupt laden ließ, und für die Sünden, die er selbst gethan hatte, er will aber nicht wie der Sündenbock für alle Ewigkeit in die Wüste, in die Verzweiflung geschickt werden, darum sucht er gutzumachen, was er verbrochen hat. Ein neuer Mensch will er werden, ein neues Leben führen um seines Kindes willen. Nicht wie Jephtas Tochter soll seine Tochter durch die Schuld des Vaters zugrunde gehen, für Noomi führt er den gewaltigen Kampf in seinem Innern und siegt. Wie schwer ist nur der Sieg, Schritt für Schritt muß er erkämpft werden, und jeder Schritt bedeutet die Hingabe eines Stückes vom alten Menschen. Er opfert die Rachsucht, den Hochmuth, das stolze Selbstbewußtsein, im Geheimen, verkleidet und im nächtlichen Dunkel streut er unter die Armen sein ganzes Vermögen aus, um nur etwas wieder gutzumachen. Am Ende seines Lebens ist Israel ein kranker, gebrochener Bettler, aber Noömi ist geheilt und auf seinem elenden Sterbelager hört er, in das glänzende Auge seiner Tochter blickend, nicht nur ihre süße Stimme, er hört auch die Segenswünsche der jüdischen und mohammedanischen Armen Tetuans, die ihm früher so grausig fluchten. Der Fluch ist von ihm genommen, die Sünde ist von ihm genommen. Gott hat ihm verziehen.' Sein Kind übergibt der Sterbende dem Schutze des Mahdi, genannt Mohammed III., eine der prächtigsten Gestalten der Erzählung, ein mohammedanischer Mann wilder Tugenden, ohne Furcht und Tadel, die Hoffnung und die Stütze aller Gebeugten. Der Mahdi Mohammed hat auch Israel auf den rechten Weg zur Umkehr geleitet. Das ist der Rahmen der Erzählung aus Marokko, grandios in ihrem Aufbau, voll Kraft und Farbe in ihren Schilderungen des marokkanischen Lebens, voll Zartheit in der Durchführung, voll duftender Poesie in ihren Einzelheiten. Man höre nur, wie Israel seiner Tochter erklärt, was eine Mutter ist, die sie nie gekannt hat : „Ach, du weißt nicht, was eine Mutter ist, mein Herzenskind. Wie solltest du auch? Uno wie soll ich dir das sagen? Höre! Sie ist die eine, die dich zuerst und zuletzt und immer liebt. Sie säugt ihr Kind, wenn es ganz klein ist, und nährt cs und kost mit ihm und wartet auf sein

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