Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 stimmig ab. Somit — aufgesessen! Es wäre den Herren freundschaftlich zu rathen, nie einen Versuch zu machen, in eine Sphäre überzugreisen, in der sie nie und nimmer einen Einfluß gewinnen können. Sie sind nun lange genug an der Herrschaft, um sich überzeugt zu haben, daß sich eine Notabilität oder auch nur eine Notorietät der Kunst oder Wissenschaft in ihrem Kreise so wenig je zeigen wird, als sich eine solche bisher dort gezeigt hat. Die Grenzen dieses Gebietes sind der Partei der Herren Gregorig und Vielohlawek unüberschreitbar. Was haben die mit classischer Musik, mit Kmrst überhaupt zu schaffen? Schreit Euch heiser mit dem „alten Drahrer", aber laßt Mozart, Beethoven und Wagner in Ruhe! Jcsuitcnprovinzial Graf Baden: über jüdische Armuth und Barmherzigkeit. Krakau, 8. December. Der in den letzten Tagen im schönsten Mannesalter verstorbene Pater B a d e n i hat sich in seinen zahlreichen Schriften auch wiederholt mit den Juden beschäftigt. Seine letzte Publikation: „Skizzen vom Krakauer Elend" (1887) enthält ein besonderes Capitel über die Juden. Es heißt: „I u d e n n o t h." Mit einer seltenen Genauigkeit hat uns hier Pater Badeni auf Grund persönlicher Untersuchungen und mehrfacher Interviews mit jüdischen Gewährsmännern die ungeheure Noth, das Bettelwesen und die Wohlthätigkeits-Anstalten unter den Juden geschildert, wie es selbst von jüdischer Seite bisher nicht geschehen ist. An mehreren Stellen findet er nicht genug Worte der Anerkennung, wie er auch in einer anderen Broschüre: „Der Sonntag in Krakau" seinen Glaubensgenossen die Samstagsheiligung der Juden als Muster vorweist. In seinen Ausführungen über die jüdische Barmherzigkeit, denen eine genaue Liste aller 42 jüdischen Wohlthätigkeitsvereine in Krakau nebst Zweck und Mitgliederanzahl beigefügt ist, heißt es: „Neben der katholischen fließt auch die jüdische Barmherzigkeit in einem weniger bekannten, aber sehr merkwürdigen und oft — sagen wir es offen und ohne Einschränkung — raschen und tiefen Bett. Die jüdischen Wohlthätigkeitsvereine, Spitäler, Kinderasyle, Altersversorgungshäuser sind eines besonderen eingehenden Studiums würdig und ,ich bin fest überzeugt, daß, wer diese uns ganz unbekannten Gebiete untersuchen und auf Grund dessen ein ausführliches Bild uns vorführen würde, keinen geringen Dienst der Sache der Barmherzigkeit leisten könnte. Cs imponirt geradezu die Zahl der Vereine, ihrer Mitglieder und jener praktische Sinn, durch den uns die Juden wie im Handel, auch bei Verwaltung und Vertheilung der Humanitären Fonds überragen. Einer der Krakauer Beamten, der die Gelegenheit hat, mit zahlreichen jüdischen Vereinen und Institutionen in Berührung zu kommen, stellt sie ohneweiters, obwohl er durchaus kein Philosemit ist, als Muster hin. „Es ist mir unangenehm zu bekennen, aber ich muß es sagen, weil es wahr ist: Die Juden verstehen es, jede Organisation viel praktischer und schlauer durchzuführen als wir. Bei uns gibt's viel Lärm, Comites, Comitetchen; jeder Herr, der sich für diesen oder jenen Verein interessirt, ist tief überzeugt, daß ihn nur menschliche Bosheit zur Präsidentenwürde nicht zuläßt; jede Dame posirt auf eine kleine Fürstin Marceline (Czartoryska). Bei den Juden bilden sich und wachsen die Vereine ruhig, ohne B l a g u e, ohne j o urn a li stis ch e R e c l a m e. Auch sie sind ja nicht frei von menschlichen Fehlern, aber diese Eitelkeiten und Ambitionen treten bei ihnen nicht so grell zutage und schaden weniger. Folgen wir z. B. unserem höflichen und einflußreichen Führer in das Waisenhaus in der Dietelsgasse. Unser Entschluß, diese Anstalt zu besuchen, ist erst im letzten Augenblicke entstanden; es kann daher von besonderen Vorbereitungen und Zurichtungen nicht die Rede sein. Umsomehr fällt daher diese selbst in musterhaften Anstalten seltene Reinlichkeit und Ordnung in der Küche, in den Lehr- und selbst in den Schlafsälen auf. Die älteren Kinder besuchen die Gemeindeschule, zu Hause lernen sie hebräisch, und nach Absolvirung der Schule werden sie in Geschäften oder Werkstätten untergebracht, rvo man sie noch einige Jahre beschützt. Im Vorstand sitzen mehrere jüdische Damen; die Verwaltung des Waisenhauses ruht in den Händen zweier Frauen, einer Mutter und einer Tochter. Das Altersversorgungshaus gewährt 30 Greisen Unterkunft und Verpflegung. Unter den Greisen, die ich gesehen hatte, befinden sich gewesene Handwerker, Portiere, Lehrer. Zu betteln ist ihnen streng verboten „bei sofortiger Entfernung". Bald soll auch ein eigenes großes Gebäude entstehen. Bald wird es also schöne Mauern, alltägliches Brot und ein warmes Kleid geben, und doch wird das fehlen, was eigentlich ähnlichen katholischen Anstalten den echten Stempel aufdrückt — barmherzige Schwestern. Denselben Mangel finden wir auch im jüdischen Spital. Es ist hier rein, nett, aber so leer, frostig, und man verfällt in einen Zweifel: Sind alle diese bezahlten Aufseher und Krankenpflegerinnen auch wirklich barmherzig? Das jetzige Spital ist übrigens zu klein und soll vergrößert werden. Im Namen der Katholiken will ich die Hoffnung ausdrücken, daß der Magistrat entgegen vielfachen Besiirchtungen diese Action unterstützen wird." In seinem Capitel über das Bettelwesen bei den Juden charakterisirt Pater B a d e n i dasselbe in einem Satze am besten: „Man muß es gestehen, daß die Juden nur in der ärgsten Noth betteln." Der Verstorbene war kein besonderer „Philosemit", aber er war gerecht, und darum durfte er uns in vielen Fällen seine Anerkennung nicht versagen. Er arbeitete übrigens auch in der letzten Zeit an einer Schrift über die Judenfrage und den Zionismus, von der ihn der unerwartete Tod wegriß. Ein Besuch bei Frau Embden-Heine. Die gewesene Primadonna des Brünner Stadttheaters, Fräulein Sophie Kollar, welche gegenwärtig in Hamburg thätig ist, schreibt in einem an eine Brünner Dame gerichteten Briefe unter Anderem über einen Besuch bei der hochbetagten Schwester Heinrich Heines, Frau Embden-Heine. Wir entnehmen diesen: Schreiben, welches dem „Mährischschlesischen Correspondenten" zur Einsichtnahme überlassen wurde, die folgenden Mittheilungen: Fräulein Kollar erzählt: „Trotz ihres Alters von 98 Jahren ist Frau v. Embden ungewöhnlich körperlich und geistig frisch und nimmt ungemein regen Antheil an allen öffentlichen Vorgängen, von denen viele gar nicht nach ihrem Geschmacke sind. Ich saß aus dem Fa::teuil, aus dem unsere arme Kaiserin — deren Bild in kostbarem, vom Kaiser gespendeten Rahmen vor ihr auf dem Tische stand — während ihres seinerzeitigen Besuches gesessen hat . . . Ich kann Ihnen nicht sagen, wie aufgeregt ich im ersten Moment war, wo ich in diesem historischen Milieu — möchte ich sagen — stand. Und vollends, als ich Frau v. Embden selbst vorgestellt wurde und sie mich mit leiser Stimme in liebenswürdigster Weise willkommen hieß, da konnte ich vor Erregung kaum antworten. Ueber das fluchwürdige Verbrechen, dem unsere arme Kaiserin zum Opfer gefallen ist, konnte Frau Embden nicht genug Worte des Abscheues finden, sowie sie nicht aufhören konnte, von der Schönheit und Güte der Kaiserin zu erzählen. Als die Kaiserin anläßlich ihres erwähnten Besuches bei Frau v. Enrbden ins Zimmer trat, war es, als ob die Sonne eintrete, sagte sie, noch ganz erfüllt von der Erinnerung. Auch von dem feinfühligen, liebenswürdigen Brief, mit dem Prinzessin Gisela die Rücksendung des ungedruckten Manuscripts von Heine begleitete, erzählte sie. E s sind ihr für das Manuscript bereits 20.000 Mark geboten worden, aber sie will es, so lange sie lebt, nicht veröffentlichen lassen. Baron v. Embden, ihr Sohn, der auch zugegen war, sagte, daß in diesem Manuscript Heine die Bibel „den Arzneischrank der leidenden Menschheit" nennt. Idyllisches aus dem Reiche der christlich-germanischen antisemitischen Junker. Der Schmied aus Ruhla kommt einem in den Sinn, wenn man sieht, wie der gnädige Herr Junker häufig seine Bauern, das heißt Landarbeiter behandelt. „Landgraf werde hart!" Wie machte es doch der thüringische Herr? Er kehrte den Spieß um und spannte seine edlen Junker, die die Bauern als Zugvieh betrachteten, zur Abwechslung einmal selbst an den Pflug. Ueber ffolche Roheiten sind wir Gott sei Dank hinaus. Aber ist es vielleicht Menschen-