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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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fftx. 1 Br. Blvch's Wochenschrift Seite 15 f Allerheiligste seiner Individualität zurück. Ihre Wirkung aus das Leben des Juden ist fast unkenntlich; die Freude über sie lärmend zu verkünden, ihr zuzutrinken, sein Liebesweh elegisch zu beklagen, das ist ihm fremd, und wo jüdische Dichter, den Ariern assimilirt, wie Heine, die Liebe in arischer Weise besingen »vollen, da verräth der plötzliche Riß der Saite, das schrille Ausklingen des Liedes in Ironie, daß sie haben thun wollen, was ihrem Nationaltemperament nicht entspricht. Auch sich zu entrüsten über die Wunde, welche sie ihm schlägt, dafür hat das wundenbedeckte Herz des Juden keinen Platz. Und daher finden wir in unserer gesammten Natioualliteratur, soweit sie wirklich national ist (also abgesehen von der neuen Literatur, die vorläufig aus Nachahmungen besteht), keinen Raum für Liebesgesänge; ein Liebeslied zu schaffen, dazu war Israel nur im Stande, als es in seinem eigenen Lande saß. Damals war sein Gemüth heiter und sein Herz gesund; damals, ja damals konnte er von der Liebe singen, von der Liebe der Sulamith zum Schäfer. Später aber, als er von seiner eigenen Erde vertrieben war, da hing er seine zerschlagene Harfe an den Weiden des Eriks auf, und wenn jetzt der Wind an die zersprungenen und verrosteten Saiten schlägt, so vernimmt man noch dann und wann Liebeslieder, die aber nicht an Frauenliebe gerichtet sind. Zion ist dem Juden die Freude seiner Seele, beschäftigt ihm Herz und Sinn und erlaubt ihm nicht, sie Anderem zuzuwenden. Ihr sind seine Lieder und Compositionen, seine Seufzer imb seine Sehnsucht geweiht. Zion, Zion, von Anderem kann er nichts und will er nichts wissen. Sollte er Lieder der Frauenliebe singen, da er doch diese nicht mit voller Seele genießen kann! Oder sollte er Liebe klagen, da doch der Allgemeinjammer so unaufhörlich ist, daß er von ihm sein individuelles Leid nicht unterscheiden kann? Liebeslieder ohne die Abenteuer? Der Dichter hat geliebt. Nun ja. Ist er erhört worden oder nicht? Die Geschichte ist ihm nicht so wichtig, daß er sein unglückliches Volk mit verletzendem Jubel oder mit kleinlichen Klagen bestürmen sollte, während die schreckliche Allgemeinmisere es von allen Seiten umringt. Ein Liebespoöm, ein einziges, hat das Volk in seinen Legenden verfaßt, und dieses eine nur, um den Eindruck des allgemeinen Nationalunglücks zu vertiefen; und während die wöchentliche Wiederholung des Hohenliedes der Liebe meist ohne Eindruck am Ohr des Juden vorbeigeht, rührt jenes legendarische Liebespoüm allezeit die Grundtiefen seiner Seele. Ueber ein ruhiges, breites Meer mit kräuselndem Wellenschläge führt ein kleines Schiff die Gefangenen Judas auf Sclavenmärkte. Es ist Mitternacht. Das fahle Licht des Mondes liegt auf dem Schiff und ringsum. Die Bemannung schläft; das Schiff treibt still vor den: leisen Winde. Plötzlich bewegen sich viele Schatten an dem Rande des Schiffes, halten inne und bilden, einander die Hände reichend, eine Kette. Sie stehen lautlos, in Gedanken vertieft, ihre Blicke ruhen auf den gekräuselten Wellen. Es sind Jungfrauen Judas und sie gedenken der Zeit, als sie noch ruhig zu Hause saßen, sich vorbereitend, Judas Helden mit Siegeskränzen zu schmücke»». Es sind die Bräute der jungen Männer, die unten im Schiffsräume jetzt mit gezücktem Messer der Schande der Sclaverei zuvorkommen. Aber die Jungfrauen bleiben da. Das Schiff geht vorwärts, sich mehr den Sclavenmärkten nähernd, dem Joch der Schande. Der bleiche Mondschein beleuchtet die Scene mit seinem kalten Lichte und die Schlagschatten des Schiffes fallen breit und schwarz aus den Meeresspiegel. Jetzt bewegen sich die Schatten auf dem Schiffsrand und in einem Augenblick sind sie verschwunden. In diesem Augenblick schwebt Jahreh auf Cherubsfittigen hernieder, um die Musik der Engel zu hören; er vernimmt einen kreischenden Accord von Mädchenstimmen. Es sind die Stimmen der Mädchen Judas, die, in das Meer springend, das Geschrei erheben: Schema Israel! Und Israel hört, Israel lauscht mit Ehrfurcht dem Echo der starken Stimme, dre ihm von der Ferne der Geschichte her, aus dem Abgrunde der Vergessenheit, aus den Tiefen des Meeres zürnst, und wenn Israel ihn hört, diesen Ruf, dann fängt sein Blut an zu sieden und zu kochen, und sein Herz klopft stärker, und dann, legt sich eine stille drückende Schwermut^ auf das ganze Innere seiner Seele; sein Herz fühlt brennend noch, die doppelte Liebeswehmuth dieser tapferen Mädchen, ihre Liebe zu den Auserwählten und ihre Liebe zu ihrem Volk. An dieser Legende hat auch Aransons jüdisches Künstlerherz sich begeistert. In seinem Werke hat er nicht die Legende selber geschildert, aber mit ihren» Geiste seinen Geist erfüllend, ist er über die Legende hinausgegangen und hat geschildert, was sie ungeendet gelassen hat. Tie ruchlose Menschenhand hat im Leben die Liebenden geschieden; die tobende Meereswoge ist erbarmungsvoller, sie vereinigt die Getrennten im Tode. Auf denk Strand, wo die anschwemmende Welle die Tochter Judas zurückgelassen, hat sie die enge Nachbarschaft ihres Geliebten gefunden, und der Arm, nach welchem sie im ganzen Leben strebte, hält sie jetzt im Tode umfangen; an ihn lehnt sich ihr liebliches Todtenhaupt. Das ist die Wiege der Liebe. Wie schon gesagt, ist in der Gruppe nicht die mindeste Spur von Effecthascherei zu finden. Was sie auszeichnet, ist ihre außerordentliche Einfachheit, aber in dieser Einfachheit welch unendliche Kunst und wie viel Geist! Einige wenige Linien, und diese Liebenden treten im einfachen Relief hervor; der Beschauer weiß und fühlt in jeder Ader seines Seins die ganze bittere Geschichte dieses Paares. Keine Tetailmalerei hier, »Selche ja meistens die Wirkung der Composition veräußerlicht und abschwächt, sondern alle Meißelstiche vereinigen sich zur Vertiefung der Allgemeinwirkung. Das graue Colorit und die herben Linier» füllen das Herz des Beschauers mit stiller und tiefer Melancholie, ohne arideren Gefühlen Raum zu lassen. Kalt liegt der Tod auf den Augen und Lippen, die er geschlossen hat, aber in den Gesichtern dieser Liebenden sehen wir auch die letzter» Lebensvibratiorrer», den letzter» Herzdruck, welcher sie zur Wiege der Liebe geleitet hat, und die über die Gruppe ausgegossene stille Wehmuth dringt langsam in unser Herz, rrnd larrge fühlen wir ihren Druck. Noch nachdem wir die ganze Ausstellung gesehen urrd unsere Augen angefüllt haben mit den verschiedenen Gesten der vielen Statuen, der pfeileschießenden Amors, der lachenden Venusse, der verzeihenden Christusse, der rveinbekränzten Bacchanten, schwebt uns noch immer die'Wiege der Liebe vor, welche die Gefangenen Judas, durch barmherzige Weller» vereint, am Strande des Meeres fanden, und wir können den todten Arm nicht vergessen, der von dem a»»f ihn fallenden todten Mädchenkops so gebeugt wird, als ob er den geliebten Körper umarmen und schützen möchte. Aranson ist ein Jude, daher ist seine Auffassungsrveise und Wiedergabe des Vorwurfs, wiewohl im Grunde pessimistisch, doch eine ganz andere als die arische, eigenartig, ohne Lärm, ohne Entrüstr»ng. Diese Gesichter stürmen nicht, sie lesen uns still ihre Leidensgeschichte vor, darum ist der Wehmnthseindruck, de»» sie auf uns machen, anfangs leicht und leise und »vird erst allmälig schlverer und lauter, je länger wir sie betrachten, Aranson stellt zwar im Champ de Mars a»»s, theilt aber nicht die Manier der Uebertreibung, die dort zu Hause ist. Noch ferner ist er von der Manier der Aussteller der Champs Elysees, welche noch stark an der italienischen Routine sesthalten. Wenn »vir ihn analysiren, finden wir ihn zuweilen nachlässig, aber gerade da zeigt cs sich, daß es nicht die Manier ist, welche Formen schafft, sondern einzig und allein das Talent. Das Talent findet in allen Formen, in allen Mitteln den Weg zur Schönheit und den Schlüssel zu den Geheimnissen des Lebens. Bon diesen zeigt uns Aranson nicht immer die traurige Seite. Er ist ein noch junger Mann, voller Hoffnung; ihm genügen ein frisches Lüftchen, eine Blume, ein So»»nenstrahl: dann vergißt er alle düsteren Gedanken und er »vird fröhlich. Er hat eine große Liebe zu Kindern, rrnd während er sich »nit ihnen beschäftigt, packt ihn der Leberrssrohsinn in voller Breite, aber auch dann ohne Tumult, ohne Ungestüm. Welches Gefühl ihn auch dominiren mag, sei es ein bitteres oder fröhliches, er hält sich immer ii» der Mittelstimmung, niemals übertreibend. Als Jude kennt er das Leiden — rrnd wie gründlich — aber immer ohne Verziveiflung. Die Lebe»»skrast ist zu groß in ihm, als daß er den muthigen Hoffnungsausblick verlieren könnte. Aber »rie wird er sich auch, als Jude ans Leben geschmiedet mit aller» Fasern, sich hinreißen lassen zu übermüthigem Freudenausdruck. Ruhig, gesammelt, still säuselnd wie ein Zephyr über Blumenblättern, so spricht sein Gefühl sich aus und so rveckt es sein Echo im Beschauer. Niemals heftig, doch mit sanfter Unwiderstehlichkeit, und je länger wir verweilen, um desto stärker, ja noch lauge nachdem wir gegangen sind.

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