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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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la-Tnra—l« Seite 14 Dr. Blockes Wochenschrift. Nr. 1 Fehler hat der Abgeordnete Laster außer Acht gelassen, daß das Judenthum, in dem man nach dem Austritt der Gemeinde angeblich und nach dem Buchstaben des Gesetzes bleibt, staatlich gar nicht existirt oder wenigstens nicht organisirt ist. — Hier muß Wandel geschaffen werden, hier muß die Gesetzgebung eingrcifen, und an den Juden ist es, dahin zu wirken, daß dies geschehe. Wir haben im Reich sür einen sehr großen Theil der Bevölkerung Zwangsorganisationen schaffen sehen, die gegen Unfall, Invalidität und Erwerbslosigkeit durch Alter versichern:. Nichts steht im Wege, eine jüdische Gemeindebeamten-Verufsgenossenschaft von Reichs- oder Staatswegcn ins Leben zu rnfen, die alle jüdischen Gemeinden umfaßt sie alle zwingt, ihre Beamten nach den erwähnten Richtungen zu versichern und für die nöthigen Aufwendungen die gesannnten Gemeinden solidarisch haftbar macht. Diese zwangsweise Solidarität fordert nichts Unbilliges, denn chatsächlich sind es die großen Gemeinden, die durch die von ihnen geübte Anziehungskraft den kleineren Gemeinden mehr und mehr die Lebensfähigkeit nehmen und die wirthschaftliche Potenz untergraben. Auch ist es nicht unbillig, daß die Glaubensgemeinschaft für ihre Glaubensgenossen in der Diaspora sorgt, es ist sehr schön, wenn das freiwillig geschieht; doch praktisch liegt in der Freiwilligkeit eine fortgesetzte Willkür, während man bei den, Zwang höchstens einmal über Willkür klagen kann. Der Berbandstag nahm schließlich die vorgeschlagenen Statuten en bloc an. Das war das klügste, was geschehen konnte, auch ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die Verbandspensionscaffe bis auf bessere Zeiten Gutes leisten und mancher Noth Abhilfe bringen wird. Der Beschluß des Lehrerverbandstages, den Vorstand mit der Ausarbeitung einer den Provinzialverbänden mitzutheilenden Denkschrift über die Bedeutung der jüdischen Volksschule und Mittel zur Verhütung ihres weiteren Rückganges zu beauftragen, war ein Verlegenheitsbeschluß. Man getraute sich nicht recht, zu den eigenen Herzenswünschen sich offen zu bekennen, und ließ sich namentlich durch die Besorgniß bestimmen, die Forderung nach Ausdehnung der jüdischen Volksschule möchte den Bestrebungen der Antisemiten dienlich sein, die auf thunlichst confessionelle Sonderung der Bolksschulkinder gerichtet sind. In solcher Besorgniß griff man zu der Denkschrift, die zu' nichts vn-pflichtet und eine feste Stellungnahme zu der wichtigen Frage auf Jahre hinaus verschiebt. Wir können die erwähnte Besorgniß begreifen, den Beschluß aber nicht billigen. Gerade die jüdischen Lehrer wären unseres Erachtens in vorderster Reihe berufen gewesen, offen nnd laut zu bekennen: Unter den gegenwärtigen Verhältnissen wünschen wir jüdische Volksschulen, auf die Gefahr hin, daß die Antisemiten uns unterstützen. Dabei sollten die jüdischen Lehrer nicht einmal an ihr persönliches und ihr Berufsinteresse denken. Wir haben vielmehr zu ihnen das Zutrauen, daß die Sache, zu deren Pflege sie berufen sind, ganz allein sie bestimmen sollte, sogar die Gefahr des Verdachtes auf sich zu laden, sie dächten zunächst an sich. Wir gehen nicht so weit, von den jüdischen Lehrern eine Art jüdischer ultramontaner Gesinnung zu verlangen; aber wir zögern nicht, von ihnen zu fordern, daß das jüdisch-religiöse Interesse ihnen vor allem am Herzen liegen soll, daß sie den selbstbewußten Stolz hegen sollen: sie würden die jüdischen Volksschulen zu Mustervolksschülen gestalten, den besten ebenbürtig, die irgendwo in der Welt existiren. Aus dem Berbandstage kam zur Sprache, daß der Unterricht, der nicht in unmittelbarer Beziehung zur Religion steht, einer religiösen Beeinfluffung vielfach unterliegt, um nicht zu sagen: eine religiöse Färbung trägt. Die Thatsache ist nicht zu leugnen. J'.u deutschen Unterricht ist die Auswahl der deutschen Lcsestücke in weitem Umfang von religiösen Rücksichten bestimmt; im Geschichtsunterricht gibt es weite Gebiete, die für den Volksschüler nicht mit wissenschaftlicher Objcctivität, sondern mit herzlicher Parteilichkeit vorzutragen sind; selbst der Gesangsunterricht läßt bei der Auswahl der Lieder confessionelle Richtungen begünstigen. Auf dem Berbandstage ist anerkannt worden, daß selbst in den Simultanschulen die Juden nicht zu ihren: Rechte kommen, nicht die jüdischen Lehrer und noch weniger die jüdischen Kinder. Immerhin wollen wir gelten lassen, daß die Simultanschuleu verhältnißmäßig erstreb enswerthe Einrichtungen sind. Aber wir Juden haben ani wenigsten Ursache, uns für eine Einrichtung zu begeistern, bei der wir unter allen Umständen den Kürzeren ziehen. Hier dürfen wir uns an den Katholiken ein Muster nehmen, die überall, wo nur die Möglichkeit vorliegt, katholische Schulen verlangen und schaffen. Der Einwand, man solle schon die Kinder an confessionelle Verträglichkeit gewöhnen, man solle die confessionelle Zwiespältigkeit nicht schon der Jugend vor dingen führen, die Jugend selbst in diese Zwiespältigkeit nicht hineinzuversetzcn, liegt nahe genug. Wir haben ihn zum Ueberdruß oft gehört, und die täglichen Erfahrungen sind es, die ihn wiederlcgen. Das Geschlecht, dem wir die freiheitliche Gesetzgebung und die Anerkennung unserer Rechte verdanken, ist in den konfessionell streng gesonderten Schulen erzogen worden — das Geschlecht, das der antisemitischen Seuche widerstandslos zum Opfer gefallen, ist aus den gemeinschaftlichen Schulen hervorgegangcn. Das beweist wenigstens so viel mit aller Bestimmtheit, daß die gemeinschaftliche Schule kein unbedingt sicheres Mittel zur Erhaltung des confessionellen Friedens ist. Abgesehen von dieser allgemeinen Erwägung, haben wir tagtäglich vor Augen, wie der confessionelle Unfriede zum augenblicklichen schweren Schaden für unsere Kinder, zum dauernden Schaden für die Kinder der Anderen sich in den Schulen in den häßlichsten Formen zeigt, nicht blos da, wo Lehrer von offenkundig antisemitischer Gesinnung wirken dürfen. Ist es etwa ein Gewinn für unsere Kinder, daß sie in solchen Schulen ihre Jugendjahre verbringen müssend Ist es nicht Gift für ihre empfänglichen Gemüther, daß Ungerechtigkeit, Schmähung ihnen entgegentreten, das; sie Abneigung da finden, wo Liebe ihnen begegnen sollte?! ' . Wir haben die Trennung nicht gewollt, aber wir können recht gut auch allein stehen, und um Älles möchten wir uns nicht aufdrängen. Wir gestehen auch ohne Rückhalt ein, daß der Entschluß, eine Erweiterung der jüdischen Schulen zu empfehlen, uns nicht unwesentlich erleichtert wird durch den Hinblick auf den jüdischen Lehrerstand. Was dieser in rühmlicher Selbstverleugnung unbeachtet lassen durfte, das können wir mehr in den Vordergrund rücken. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist der jüdische Lehrer in den staatlichen Schulen, wie sie jetzt sind, auf den Aussterbeetat gestellt und in den jüdischen Schulen, wie sie jetzt sind, verkümmert er. Das soll nicht sein, das darf nicht sein, einmal um der jüdischen Lehrer selbst willen, sodann aber um der jüdischen Jugend willen! Jüdische Kunst in Paris. N. A r a n f o n. Weitn wir die Ausstellung vom Champ de Mars betretet!, so steht nicht weit von der Eingangsthür in der Nähe eines kleinen Gebüsches eine Marmorgruppe, welche, äußerst einfach, die Augen des flüchtigen Besuchers kaum aus sich zieht. Effecte, welche die jungen Künstler so gern in ihre Arbeiten hineinlegen, fehlen hier gänzlich. Man sieht zwei Körper aus dem Piedestal hervortreten, das ist beim ersten Blick Alles. So kommt es denn, daß der Durchschnittsbesucher von der Menge der übrigen Statuen, meist in reizender Nacktheit prangend, geblendet, an Ar ans o ns Gruppe vorbeigeht,, ohne sie anzusehen, ja ohne sie zu bemerken. Wer sie aber ansicht, der wird vor ihr stundenlang stehen bleiben. .. Was den Beschauer festhält, das ist zunächst ein undefinirbares, drückendes Gefühl, das Auge magnetisirend rurd den Fuß an den Boden wurzelnd. Die Sonnenstrahlen, welche durch die Zweige des Gebüsches fallen, geben den herben Linien der Gruppe ein Relief, das unser Herz mit stiller Melancholie erfüllt. Das ist die „Wiege der Liebe" (Bereeau d’Amour), ein Werk, das seinem Schöpfer dieses Jahr den Titel eines Associe de la Societe Nationale des Beaux Arts verschafft hat. Wiewohl sein Gegenstand nicht neu, so ist er doch einer von jenen Gegenständen, welche ihres Alters ungeachtet einen starken Reiz der Neuheit bewahren, besonders sür jung Künstler, welche soeben in den Kamps des Lebens eingetreten, ihren ersten Versuch machen, den Schleier des Lebens zu lüften, zum erstenmal der fleischigen Materialität sich gegenüber finden. Wenn nun ein Arier eine Wiege der Liebe schafft, so wird er, wenn ein Optimist mit heißem Temperament, uns ein Werk Herstellen, iit welchem jede Linie ein Loblied ist auf die Genüsse der starken Liebe, der wollüstig siedenden Liebe, die mit ihrer Lavagluth den Menschen berauscht und verzehrt, und wenn er ein Optimist ist mit ruhiger, beschaulicher Gemüthsart, so wird er uns eine Idylle malen der stillen, ruhigen Liebe, welche Schäferlieder flötet und in Schlummer wiegt. Ein Arier, pessimistisch angelegt, wird uus eine Wiege der Liebe geben, in welcher wehklagende Entrüstung sich ausdrückt über die Unzahl der Opfer, welche die Liebe fordert, über die uferlose See der Leiden, welche sie bringt, und seine Composition wird ein bitterer Protest der Verzweiflung sein, der Seufzeraufschrei einer gequälten Seele, der Klageruf eines leidgeprüften Herzens. So würden arische Künstler die Wiege der Liebe darstellen, Arier, deren Race hier länger heimisch und deren Temperament daher mehr aus einem Stück ist. Der Jude, der Stiefsohn der Geschichte, den sie wiederholt mit wichtigen Arbeiten betraut und hinterher grausam gezüchtigt hat; der Jude, welchem, seit er irrt, niemals ein goldiger Sonnenstrahl ins Fenster der Kammer schien; der Jude, der seit der Zerstörung des Tempels das frische, fröhliche Lachen vergessen hat, und dem auch vor allzu großem Weh der Thränenquell versiegt ist; der Jude, dem das Leid ein so vertranter Begleiter geworden ist, daß er sich über dessen ewige Plackerei nicht mehr entrüstet: er empfindet die Liebe, ihre Seligkeit und ihr Weh nothwendig anders als die Arier. Sie schlägt einen andern Accord in seinem Herzen; sie zieht sich bei ihm scheu ins innerste Herzkämmerle nt, ins

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