Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 1 Dr. Bloch»s Wochenschrift. Seite 13 Dritte Sitzung. (2S. December, 10 Uhr Vormittags.) Der Obmannstellvertreter bringt ein Begrünungsschreiben des Obmannes des Vereines „Oesterreichische Mittelschule", k. k. Professors Peter Maresch, zur Kenntniß. Doctor Adolf W e i ß hielt sodann einen Vortrag: „Eine Hebräisch- Stunde". Der Vortragende skizzirt sein Unterrichtsverfahren und den Erfolg desselben in einer alle Fachmänner sehr fesselnden Weise. R a b b i n e r S o r (Wien) anerkennt, daß bei einer eventuellen Trennung des hebräischen Unterrichtes von dem obligatorischen Lehrplan die Frequenz eine sehr geringe wäre. Ferner spricht er sich gegen die Vorausschickung des grammatischen Unterrichtes aus. I nspector Dr. Caro (Lemberg) tritt für den Unterricht in der hebräischen Grammatik ein. Namentlich würde er empfehlen, daß in der ersten Stufe das Gebetbuch vorangestellt werde. Dr. Fink (Wien) wendet sich gegen die veraltete Lehrmethode und stellt ein methodisches Lehrbuch für den hebräischen Unterricht in Aussicht. Dr. G o l d h a m m e r (Wien) schildert seinen Vorgang, der dem des heutigen Vortragenden ziemlich analog sei, das Ausmaß des grammatischen Stoffes jedoch mehr beschränke. Dr. G r ü n f e l d (Brünn) spricht sich grundsätzlich gegen den grammatischen Unterricht aus und empfiehlt mit Rücksicht auf die geringe Zeit, sich ausschließlich mit dem ethischen Gehalte der Bibel zu befassen. Der O b m a n n st e l l v e r t r e t e r bemerkt hiezu, daß man auch dem, der hebräische Grammatik methodisch lehrt, nicht absprechen dürfe, daß er bei passender Gelegenheit in den Herzen der Jugend Begeisterung zu wecken suche. Pros. D r. H e r z e l (Brody) spricht sich unter lebhaftem Beifalle und Heiterkeit über den Erfolg des heutigen hebräischen Unterrichtes sehr skeptisch aus. Rabbiner Reich (Wien) beklagt sich über die mangelhafte Kenntniß des Hebräisch-Lesens, welche die Kinder aus der Volksschule mitbringen. Jnspector K a n i tz (Wien) tritt der Annahme entgegen, als ob die Religionslehrer der Volksschule ihre Pflicht nicht erfüllten. Rabbiner Reich erklärt, er habe nicht beabsichtigt, Jemand anzugreifen. Leetor Fried mann war früher ein Gegner des hebräischen Unterrichtes in der Schule, weil den Eltern ihre Pflicht nicht abgenommen werden solle. Von dem nach Verszahl abgemessenen hebräischen Unterrichte erhoffe er sich nicht viel. Vicepräsident der Cultusgemeinde D r. G u st a v K o h n anerkennt die Ausführungen des Vorredners als geistreich, aber nicht als praktisch. Der Unterricht im Hebräischen ist allein nicht ausreichend, die Jugend für das Judenthum zu begeistern, dazu ist der Unterricht in der Geschichte. Das tebräische ist das einigende Band der Juden, für sie eine xistenzbedingung. Aber der hebräische Unterricht muß den Kindern so angenehm als möglich gemacht werden. Das vollkonunene Studium der Grammatik ist eine U e b e r l a st u u g der Kinder. Redner weist auf die von der Gemeinde geschaffenen Leseübungsschulen hin. Der Obmann D r. A d o l f W e i ß dankt für die vortrefflichen Ausführungen des Herrn Vicepräsidenten Doctor Kohn, der sich um den Religionsunterricht in Wien seit vielen Jahren außergewöhnliche Verdienste erworben hat. (Lebhafter Beifall.) Wir alle fühlen, daß die Allerhöchste Auszeichnung, die diesem Manne kürzlich zutheil geworden, niemals mehr verdient, niemals mehr am rechten Platze gewesen ist. Möge es uns gestattet sein, in Ihrer Person auch dem Vorstände der Cultusgemeinde unseren tiefempfundenen Dank auszusprechen für die Theilnahme, die Sie unserem Verbände erwiesen. (Stürmischer Beifall.) Ebenso sei es mir gestattet, in Ihrem Namen, geehrte College», dem verehrlichen Cultusvorstande in Lemberg für die rege Theilnahme und das intensive Interesse für unsere Bestrebungen herzlichen Dank zu sagen. Jnspector Dr. Caro gedenkt den ehrenden Auftrag mit Freuden zu erfüllen und kehrt mit dem Bewußtsein heim, daß Israel noch nicht verwaist ist, daß es noch begeisterte Männer hat, die für seine Lehre wirken. Der O b mann dankt hieraus den erschienenen Collegen für ihre Ausdauer und Mitarbeit, dem Obmann-Stellvertreter für die so gewandte Führung der Geschäfte und den Collegen im Ausschüsse für ihre getreue, opferwillige Thätigkeit im Interesse der guten Sache. Cr versichert, der Ausschuß werde auch in Hinkunst für das Wohl der Collegen nach besten Kräften wirken. Ter Obmann-Stellvertreter richtet nun noch an den Obmann Worte des herzlichen Dankes, da er es war, der in dieser ganzen Zeit die Last der "Arbeit fast allein getragen, an ihm möge sich der Spruch bewähren: „Die in Thränen säen, werden in Jubel ernten." Im Namen der Versammlung spricht auch Pros. Dr. Herzl dem Obmanne die Anerkennung aus. Hieraus wird unter abermaligen Hochrufen ans Seine Majestät den Kaiser die Versammlung geschlossen. Der Vrrbandstag der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. B e r l i n, 27. December. Ter Berbandstag der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche hat gestern und heute hier seine Sitzungen gehalten. Eine ungewöhnlich reichhhalüge Tagesordnung stellte an den «steiß der erschienenen Delegirten übergroße "Anforderungen, und die völlige Erledigung wäre nicht möglich gewe en, wenn nicht einerseits der Verbandsvorft^nd mit Umsicht und Thatkrast vorgearbeitet hätte, und wenn nicht andererseits die Detegirten bereit gewesen wären, aus diese V msicht und Thatkrast weiter zu rechnen und und ihrem vertrauen dadurch Ausdruck zu geben, daß sie die Mehrzahl der schwierigen Materien zu fernerer Behandlung und Erledigung dem Vorstand überwiesen. In vorderster Reihe der wichtigsten Ge enstände war die Beschlußfassung über die Satzungen der zu gründenden Pension^-, Witwen- und Waisencasse des Verbandes. Stundenwng erörterte man Wünsche und Bedenken und manche Vorschläge, die gut genieint waren, aber den Fehler hatten, nicht ausführbar zu sein. Recht lebhaft wurde der Jnteress ngegensatz zwischen den bereits bestehenden oder in Bildung begriffenen provinziellen Unterstützungscassen und der neuen Berbandseasse betont, und hiebei trat deutlich zu Tage — freilich ohne deutlich erkannt zu werden — daß die Centralcasse wie die Provinzialcassen einer gesunden materiellen Unterlage entbehren und gleichmäßig darauf angewiesen sind, aus dem glücklicherweise nicht versiegenden Quell jüdischer Wohlthätigkeit zu schöpfen. Den Aermsten will man helfen, den kläglich gestellten Lehrern an den kleinsten Gemeinden, die für die Dauer ihrer Arbeitsfähigkeit auch das kärgliche Auskommen nicht sicher haben, die keinen Rentenanipruch für die Zeit ihrer Invalidität besitzen, für deren Witwen und Waisen keine Pension ausgeworfen ist. Die Zahl dieser Aermsten ist beklagenslverth groß und sie ist im Wachsen; denn die Reihen der leistungsfähigen Gemeinden lichten sich mehr und mehr, die großen Gemeinden sorgen nur für ihre Angestellten, und die kleinen Gemeinden sind außer Stande, zuweilen auch nicht einmal des guten Willens, über das Allerdür,tigste hinaus etwasIn thun. So lange diese Verhältnisse bestehen, sind in der That die Lehrer an der großen Mehrzahl unserer Gemeinden, ihre Witwen und Waisen auf eine Unterstützung angewiesen, die im Grunde eine almosenhaste bleibt, auch wenn man zartsinnig eine Form findet, die den Einspruch des lÄnzelnen scheinbar zu eurem Rechtsanspruch macht. Die Roth des Standes aber wird man nicht beseitigen können, auch wenn die hochherzigen Spenden zahlreicher werden, als nach menschlichen Berechnungen sich erwarten läßt. Versicherungstechniker weis.n nach, duß eine Im aliditäts- und Relictenpensionscasse für den jüdischen Lehrerstand ein Capital von 15 Millionen Mark nöthig hätte, ohne deshalb allzu üppig ausgestuttet zu sein. Es gehört eine verwegene Hosfnungsseligkeit dazu, das Zusamnunkommen auch nur annähernd einer derartigen Summe aus sreiwilligen Spenden zu erwarten. Hier kann nur eine Zwangsorganisation helfen, die eine jüdische Solidarität innelhalb des Staates und des Reiches schasst. Dank der andauernden Gleichgiltigkeit der Juden in Deutschland gegenüber der sie selbst betreffenden Gentzgebung hat es feit mehr als 50 Jahren an jedem Ausbau der jüdischen Gemeindeverwaltungs- Gesetzgebung gefehlt. Ein einzigesmal ist durch Vermittlung des Abgeordneten Laster ein Flicken auf diese Verwaltungsge etzaebung aufgesetzt worden, und dieser Flicken war schmähliches Tilettantenwerk. Durch den Einfluß des Abgeordneten Laster kam die Bestimmung zu Stande, daß man „aus Gew ssensbedenken" aus der Gemeinde austreten kann, ohne gleichzeitig aus dem Iudenthum auszutreten. Gewiß war das gut gemeint, und der Abgeordnete Laster h..tte auch Recht, a.s er sagte: „der wäre ein Schuft, der Gewisseusbedenkcn vorschützte, während materielle oder sonstige Rücksichten ihn bestimmten." Ec übersah nur Eines: daß es Schufte gibt, und daß die Gesetz ebung auf ihr Vorhandensein Rücksicht zu nehmen hat. Doch abgesehen von diesem