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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrift. Ueber Treitschkes Antisemitismus urtheilt Carl T r o st (Redacteur der „Nordd. Allg. Ztg.") in einem Artikel des „Grenzboten" (Nr. 48 vom 1. December) betitelt „Judenthum und Revolution", wie folgt: „Heinrich v. Treitschke will die Antipathie zwischen Weißen und Negern auf rein natürliche Ursachen zurückführen, indem er (Politik S. 275) schreibt: „Zwischen der weißen und der schwarzen Race besteht ein körperlicher Ekel; der Weiße kann es nicht zwischen Negern in einem geschlossenen Raum aushalten. Die Staaten Amerikas müssen auf den Eisenbahnen sogenannte Negerwaggons halten, weil die Weißen die scharfe Ausdünstung des Negers auf die Dauer nicht ertragen." Das Beispiel beweist gar nichts für die These einer in der Naturwissenschaft der Racen begründeten Antipathie. Nichts ist veränderlicher, von äußeren Einflüssen und von Gewohnheiten abhängiger als die Beschaffenheit des Geruchsinns. Daß der Iankee von heute den Neger nicht riechen mag, ist gewiß; aber es ist nicht einmal mit Sicherheit nachzuweisen, ob beim ersten Seefahrer angelsächsischen Stammes, der in Afrika landete, schon dasselbe der Fall war. Die Differenzirung zwischen Schwarzen und Weißen liegt aber jedenfalls um eine erkleckliche Anzahl von Jahrtausenden zurück. Was können wir von den Hautausdünstungen und Geruchsaffectionen jener weit entlegenen Zeiten wissen? Der als patriotisch gesinnter Publicist und als glänzender Darsteller der staatlichen Geschichte Preußens und Deutschlands so hoch stehende Gelehrte hat überhaupt an Oberflächlichkeit in der Behandlung der Racentheorie und der Judensrage insbesondere geradezu Erstaunliches geleistet und viel dazu beigetragen, namentlich die Köpfe der studirenden Jugend in dieser für Staat und Gesellschaft so bedeutungsvollen Frage zu verwirren. Man höre, was Treitschke auf Seite 274 seiner nach Collegienheften zusammengestellten „Politik" orakelt: „Den farbigen Racen gegenüber steht die weiße Race, die in zwei Classen zerfällt, die arischen Völker und die Semiten. Das sind ungeheuer scharfe und tiefe Gegensätze. Denn geht man auch aus von der Abstammung der Menschen von einem Paar, und ist man auch noch so sehr überzeugt von der Gleichheit aller Menschen vor Gott, so liegt doch die Differenzirung der Arten eine unendliche Zeit hinter uns. Wenn aber die Natur die Differenzirung einmal vollzogen hat, so will sie bekanntlich nicht, daß eine Rückbildung erfolgt. Sie rächt sich, indeni sie die Vermischung verschiedener Arten damit bestraft, daß die höhere herabgedrückt wird durch die niedere. Wie aus der Vermischung von Pferd und Esel ein Geschöpf hervorgeht, das die Eigenschaften der niederen Art an sich trägt, so bei den Menschen." Wer sich also heute als Deutscher eine Frau nimmt aus dem Stamm, dem die heilige Jungfrau, die Gottesgebärerin, angehörte, der weiß, dank dem Prof. Treitschke, was er vor: seinen Kindern, die durch unausweichliche Naturbestimmung Geschöpfe niederer Art sein müssen, zu erwarten hat. Ein Nachruf für Frau Brandes. In Kopenhagen starb dieser Tage im Alter von 81 Jahren, die Mutter der beiden, in der literarischen Welt hochangesehenen Brüder Georg und Eduard Brandes. Allen Berichten zufolge muß die Verblichene eine Dame von lebhaftem Geiste, von hohen Eigenschaften des Charakters und Gemüthes gewesen sein und, in ihrer Heimstatt allverehrt, die junge Dichterwelt Dänemarks an sich zu fesseln gewußt haben. Der Dichter Peter Nansen gibt in einem ihr gewidmeten liebevollen Nachruf, ein anziehendes, in gar manchen Zügen an die traute „Frau Rath" gemahnendes Bild von ihr. Er schreibt unter Anderem: Selten wohl hat der Tod zäheren Widerstand gefunden, als bei dieser Achtzigerin. Nicht als ob sie ihn gefürchtet hätte. Allein in ihr concentrirte sich die ganze Abneigung, die Hände in den Schoß zu legen, all das eifrige Verlangen, den nächsten Tag zu sehen, was das Leben selbst ist. Viel Enttäuschungen, viele Kümmernisse trafen ihr großes Herz. Sie verzagte nie. Viele Krankheiten rüttelten mit dem nahenden Alter an ihrem Körper. Ihre Seele blieb gleich jung, gleich muthig. Wofür die dänische Jugend im letzten Menschenalter sich nur begeisterte, wofür das dänische Geistesleben in den letzten Decennien nur immer stritt. Alles erfüllte ihre stille, altväterische Wohnstube, wo sie saß, die verständige kleine Matrone, eifrig nach Allem fragend, eine kluge Beratherin, der man gerne sein Herz öffnete, traut und treu wie keine zweite. Sie hielt keinen Salon. Sie war eine schlichte Kopenhagener Frau mit einfachen bürgerlichen Sitten. Allein an ihrem Sonntagstische, um den ihre Söhne sich bis zuletzt versammelten, war Jeder willkommen, dem diese das Wort redeten. Diese sich stets gleichbleibende alte Dame, auf die man so fest bauen konnte, war gar vielen von uns Jüngeren ein stolzes Vorbild, und gar Mancher schuldet ihr Dank Fürsorge für geistig zurückgebliebene Kinder. Mit einem gewissen Wohlbehagen wurde in Nr. 51 Ihrer geschätzten Zeitschrift von Herrn Dr. Warenheim in Nordhausen die Behauptung aufgestellt, daß Erziehungsanstalten für geistig zurückgebliebene Kinder n u r in Deutschland existiren. In Nr. 52 Ihres geschätzten Blattes wurde bereits in aller Kürze richtiggestellt, daß diese exclusive Behauptung nicht zutrifft. Den selbstbewußten und weitläufigen Ausführungen des Herrn Dr. Warenheim gegenüber erscheint es mir aber nicht überflüssig, zu constatiren, daß wir in Oesterreich eine „Erziehungsanstalt für geistig abnorme und nervöse Kinder" besitzen, welche von den Fachautoritäten übereinstimmeud als eine Musteranstalt bezeichnet wird, wiederholt von ausländischen Tirectoren ähnlicher Anstalten besucht und belobt wurde und das besondere Interesse des russischen Staatsrathes Excellenz Dr. Boch' erregt hat. Es ist das die unter dem erwähnten Titel in Wien, XIX. Langackergaffe 12, etablirte Anstalt. Da das Interesse der Leser für diesen Gegenstand einmal geweckt ist, dürsten vielleicht einige auf eigene Anschauung begründete Mittheilungen über diese Anstalt nicht unwillkommen sein. Die Anstalt verdankte, wenn wir recht unterrichtet sind, ihre Entstehung der Initiative des Directors S. Heller vom israelitischen Blindeninstitute in Wien, der sich als Blindenlehrer und Heilpädagoge seit Langem eines Weltrufes erfreut. Director Heller betheiligt sich auch an der pädagogischen Leitung der Anstalt; eigentlicher Leiter ist Dr. pliil. Theodor Heller, der als langjähriges Mitglied des Instituts für physiologische Psychologie der Universität Leipzig und Schüler des berühmten Psychologen Wundt eine gediegene Ausbildung für seinen Berus genossen und theoretisch wie praktisch bereits manchen trefflichen Beweis seines Könnens erbracht hat. Die Anstalt, inmitten von Gärten und Weinbergen am Fuße des Kahlenberges gelegen, umgeben von herrlichen, unübersehbaren Parkanlagen, ist nach dem modernen Pavillonsystem angelegt, welches die Trennung der Zöglinge in Gruppen von psychischer Gleichartigkeit ermöglicht. Mit großem Geschick sind hinsichtlich der Einrichtung alle Vorschriften der Wissenschaft mit der Bequemlichkeit und den individuellen Bedürfnissen der Zöglinge in Einklang gebracht. Man merkt es denn auch den Zöglingen sofort an, daß sie sich in diesen Räumen wohl und behaglich fühlen. Dazu trägt freilich die große Liebe sehr viel bei, mit welcher die Zöglinge an dem Leiter der Anstalt hängen. Es war geradezu rührend, zu sehen, wie einzelne dieser bedauernswerthen Kinder beim Eintritt des Anstaltsleiters vor Freude lachten und weinten und ihn stürmisch umarmten. Wenn Liebe und Geduld die unerläßlichen Vorbedingungen für jeden Erziehungserfolg und insbesondere für die erfolgreiche Erziehung geistig abnormer Kinder sind, so sind diese Voraussetzungen in der Heller'schen Anstalt in vollem Umfange gegeben. Nur dadurch konnte erreicht werden, daß ein Theil der Zöglinge für den Eintritt in öffentliche Schulen reis befunden wurde, andere sich auf Grund der Vorbereitung in der Anstalt mit Erfolg einer praktischen Berussthätigkeit zuwenden konnten. Von den Zöglingen, welche sich aus Oesterreich, Deutschland, Rußland, Rumänien, Griechenland recrutiren — ein Zögling ist sogar aus Tiflis — ist die Hälfte jüdischen Glaubens; diese erhalten regelmäßigen Religionsunterricht und betheiligen sich nach Möglichkeit an den gottesdienstlichen Uebungen in dem nahegelegenen israelitischen Blindeninstitut. Wie dringend und unerläßlich das Bedürfniß war, welchem mit Gründung dieser Anstalt abgeholfen wurde, beweist am besten die starke Frequenz derselben; auch die Ausführungen des Herrn Dr. Warenheim sind ein Beweis dafür, und es darf uns wohl mit Genugthuung erfüllen, daß es hervorragende Glaubensgenossen gewesen sind, welche Oesterreich den schweren Vorwurf erspart haben, auch in diesem Punkte, wie leider in so vielen Dingen der Humanität und des Fortschritts, gegen andere Staaten zurück zu Mn. Wag stad t, 31. Dec. 1898. Dr. Schornsteins

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