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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 Dr« Bloch's Wochenschrift. Seite 9 verfassungsmäßigen Zustände wieder hergestellt. Sie wmen, daß wir Juden einen lebhaften 2lntheil am Verfaffungsckixn genommen haben. Die Juden hat man in der Regel aus oer Seite der liberalen Partei gefunden. Die Decemberverfassung von 1867 anerkennt die volle Gleichberechtigung der Nationen und Confessionen, die Freizügigkeit, die Aemterfähigkeit aller Staatsbürger und die Gleichheit Aller vor dem Gesetze. Wir können nicht umhin, heute jener großen, erleuchteten Männer zn gedenken, auf die wir damals stolz waren. Giskra, Brestel, Plener son., Knranda, Lichtenfels, Anastasius Grün, Sturm re. Mit welcher Begeisterung istMühlfeld für Glaubensnnd Gewissensfreiheit eingetreten. Diese Großen schwanden und machten anderen Männern Platz im Parlament, ob zur Ehre Oesterreichs und zur Ehre des Parlaments, lassen wir einst die Geschichte selbst entscheiden. Nach den beiden Ministerien Auersperg - damals traten Glaser und Unger an die Bildfläche — kam das Ministerium Taaffe. Wir haben von diesem Ministerium nichts Gntes zu verzeichnen. Im Parlament erstarkte die antisemitische Bewegung. Es hatte den Anschein, daß Taaffe diese Bewegung eher begünstigte, als daß er sie im Keime unterdrückt hätte. Einen einzigen Lichtblick haben wir dem Ministerium Taaffe zuzuschreiben: es ist die neue Cultusgemeindenverfassung, durch welche endlich nach hundert Jahren das jüdische Gemeindewesen seine Regelung erfahren hat, und zwar kam in dieser Verfassung der schon von Mannheimer begeistert vertretene Gedanke zum Ausdruck, daß zroischen den Juden keine Spaltung bestehe, daß die alten Frommen auf friedlichem Wege für die neuen Formen gewonnen werden sollen. Alle Juden, die in der Gemeinde wohnen, sind ihre Mitglieder, ohne Rücksicht auf ihre religiöse Richtung. Diese Verfassung hat Zustände geregelt, die mitunter chaotisch waren. Unsere derzeitige Lage ist wie ein offenes Buch vor uns. Wir sind von feindlichen Parteien umgeben, und zwar von drei großen feindlichen Parteien. Eine, die hier in der Residenz unter dem Namen „christlich-sociale" auftritt und uns offen den Krieg erklärt. Die uns aus der Gemeinschaft mit unseren Mitbürgern ganz ausschließen will, uns in unserem Erwerbe schädigt und den Aufenthalt in unserem Vaterlande verleidet. Die zrveite Partei arbeitet unter dem Schlagworte: „Reinigung der nationalen Raee". Ich habe da nicht blos die deutschvolkliche Partei vor Augen. Wahrscheinlich dürfte Ihnen bekannt sein, daß die slavisch-antisemitische Bewegung, die dasselbe Schlagwort unter der Menge verbreitet, noch weit bedenklicher ist, denn hier wird das Nationalgefühl angefacht und mißbraucht für die abscheulichsten Zwecke. Die Juden in Böhmen haben alle möglichen Concessionen gemacht um des lieben Friedens willen. In rein czechifchen Gegenden haben sie ihre alten, guten Schalen aufgehoben, beim Gottesdienst bcbienten sie sich der czechifchen Sprache, in gemischtsprachigen Gegenständen beider Sprachen. Alle diese Concessionen haben keinen Erfolg gehabt. Die leidenschaftliche Verfolgung der Juden auf dem flachen Lande ist auf der Tagesordnung. Die dritte Partei, welche nicht mit offenem Visir, nicht als antisemitische Partei auftritt, unter deren Herrschaft nur die tranigsten Erfahrungen gemacht haben, welche ihre reactionären Absichten unter dem Deckmantel der Religion verbirgt und die Juden aus Schule und Amt vertreiben will, ist die gefährlichste. Wenn wir aber auch sehen, wie der prächtige Bau, der mit der Decemberverfassung aufgerichtet wurde, wankt und Risse in seinen Grundfesten und Sprünge in seinen Fundamenten zeigt, wie Unholde der Tiefe entsteigen, die Unken- und Eulenriffe der Reactivn laut werden, und wenn wir sehen, wie unsere Feinde diesen prächtigen Bau dem Einsturze entgegenzuführen sich bemühen — wir verzagen nicht. Wir blicken getrost empor zum erhabenen Monarchen, dem Beschließer der Verfassung, der schon wiederholt feierlich verkündigte : „Ich will Friede unter meinen Völkern, ich dulde keine Judenhetze." Deshalb werden wir auch siegreich aus dieser Bewegung hervorgehen, die Dämonen toller Leidenschaft werden vor den unerschütterlichen Grundfesten des Rechtes und Gesetzes in Nacht und Nebel zurücksinken, woher sie gekommen sind. Wir werden siegreich hervorgehen, wenn wir durch selbstloses und gemeinnütziges Wirken uns unseren Mitmenschen als nützlich erweisen, wenn wir aber auch das treue Vermächtniß, das unsere Väter uns hinterlassen haben: unsere Confession schützen und schirmen, wenn wir begeistert für unseren Glau'.m eintreten. In diesen stürmischen Zeiten mögen uns vie Worte des Schweizers vorschweben und uns einigen: „Wir bauen auf den höchsten Gott! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Noth uns trennen und Gefahr!" (Lebhafter anhaltender Beifall.) Der Vorsitzende schloß die Versammlung, indem er sagte, er glaube im Sinne der ganzen Versammlung zu sprechen, wenn er dem Herrn Vortragenden für seine bchtvolle Darstellung den Dank ausspreche. Er bemerkt überdies, daß der Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag zu den werthvollsten Verbindungen gehört, über welche das Abwehrcomitö der Union 31t verfügen hat. und daß dieser Centralverein, sowie Herr Dr. Duschenes uns zum größten Danke verpflichtet hat. (Bravo!) Vom Jahrmarkt des Lebens. Tie Affaire Pnrfcht vor Gericht. Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Josefstadt Dr. W e i n l i ch fand die Verhandlung über die Klage des bekannten antisemitischen Gemeinde- und ehemaligen Stadtrathes Alexander P u r s ch t statt, die dieser gegen Dr. Otto F r i s ch a n e r erhoben hatte. Ihren Gegenstand bildete die von Dr. Frischaner in einem Plaidoper öffentlich gemachte Aenßerung: „Purscht ist Besitzer eines verrufenen Hauses." Herrn Purscht verschaffte diese mündliche Beleidigung die, wie es scheint, sehnlichst erwartete Gelegenheit, die für ihn so unheilvolle Sache doch gerichtlich auszutragen, ohne dabei mit den Geschworenen in Berührung zu kommen. Tie Verhandlung endete mit einem Urtheil, das nicht geeignet ist, Herrn Purscht wieder officiell stadtrathsfähig zu machen, und das ihn auch durchaus nicht befriedigte. Der Angeklagte wurde zu einer geringfügigen Geldstrafe vernrtheilt, wobei der Richter geltend machte, daß in diesem Falle der volle Wahrheitsbeweis zu erbringen gewesen wäre, daß aber nach den vorgebrachten Umständen dieincriminirte Behauptung unanfechtbar gewesen wäre, wenn der Angeklagte sie in minder präciser Form kundgegeben hätte. Es ist somit die große Wahrscheinlichkeit, daß Herr Purscht zum Hause Nr. 9 der Spittelberggasse in sehr nahen Beziehungen" stand, gerichtlich anerkannt, tlnd diese Anerkennung kann kaum zur „Ehrenrettung des Herrn Purscht" proclamirt werden. Bon der Budapester Orphcum-Geseüfchaft. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr R e d a c t e u r! Gestatten Sie nun auch einer Frau ihre Ansicht über die sogenannte Budapester „Orpheum-Gesellschaft" zu äußern. Ich gehe seit Jahren besonders nach dem Theater zu Volkssängern, aber in diese Gesellschaft bringt mich mein Mann nicht mehr! Ein Komiker dieser Gesellschaft singt ein Lied über die Ehe: die Frau bittet den Mann, er möge sie nur recht sehr belasten! Ein Jude (bei den Budapestern mauschelt nämlich Alles), also ein Jude spuckt dem anderen ins Gesicht; derselbe Jude reißt Witze über seine Thätigkeit im Closet und so fort mit Grazie ins Unendliche. Tie Herren Gregorig, Purscht, Schneider e tutti quanti mögen ihre Freude haben an solchen Witzen, jeder anständige Mensch hat dafür nur ein kräftiges Pfui! — Mein Mann war übrigens vor einigen Monaten in derselben Gesellschaft, da parodirten einige Sänger die jüdischen Kirchengesänge, da opponirte ein Theil des Publicums in einer Weise, daß die Vorstellung polizeilich sistirt werden mußte! Wenn der Director dieser Gesellschaft als „Christ" entrüstet die Zeitungen von sich weist, die das Judenthum verunglimpfen, so ist das recht schön von ihm! Er möge sich aber einen Theil der Entrüstung für seine eigenen Vorstellungen zurückbehalten! Wer denkt nicht noch heute an die gemüthlichen jüdischen Lieder des „schönen Dowidl" Herrn Erös! Wer unterhielt sich nicht bei den komischen, dabei aber doch decenten Possen des braven Volkssängers Hirsch! Für Budapest, wo es keinen Antisemitismus gibt, mögen die Budapester eine Attraction sein, wir in der Leopolostadt verlangen uns keine Pflanzstätte für den — Judenhaß! Hochachtend Amalie Kraftner, Kaiser Josefstraße Nr. 21.

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