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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-01-06 · 1 (6.1.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
1 (6.1.1899)
Date
1899-01-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 rtWBhi'» - •■-»•»wir- ■t,.ar-v, i Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. i Bewegung die Sitzungen gestört werden könnten, wurden bekanntlich die Berathungen nach Kremsier verlegt. Das kaiserliche Manifest, welches den Reichstag nach Kremsier einberies, bezeichnete als den Zweck, daß er sich imgestört und ununterbrochen seiner großen Aufgabe, der Ausarbeitung einer den Interessen unseres Staates entsprechenden Verfassung widmen könne. In Kremsier wurde nun der Reichstag;m fürsterzbischöflichen Palais unter hohem Festgepränge eröffnet und unter den Reichstagsmitgliedcrn finden wir auch Inden: Dr. Adolf F i s ch h o s, Dr. Josef Goldmark, Jsak Noe Wert heim er, Tr. Me i s e l s und Jacob H a l p e r n. Diese fünf jüdischen Abgeordneten unterschieden sich von einander infolge ihrer Lebensrichtung, aber in einem Punkte waren sie solidarisch, für ihren Glauben waren sie begeistert, und ihr ehrliches und energisches Auftreten für ihren Glauben hat ihnen auch die Sympathien der übrigen Deputirten erworben. Da wird auch erzählt, daß Rabbi Meisels aus Krakau, als er im Reichstage erschien, vom Präsidenten Smolka in sehr herzlicher Weise in polnischer Sprache begrüßt und eingeladen wurde, auf der Rechten unter seinen Landsleuten platzzunehmen. „Ich kann unter Euch nicht platznehmen," antwortete Rabbi Meisels, „denn wir Juden haben keine Rechte." Es wird ferner erzählt, daß der protestantische Abgeordnete Kantschillen bei der Berathung des 8 des Verfass ungsentwurfes, betreffend die Ernennung der Beamten durch den Kaiser, bemerkte: „Alle anderen Religionen seien staatsgefährlich, weil sie alle im 'Auslände ihr Oberhaupt haben und vom Auslande Hilfe erwarten, nur die protestantische Kirche nicht." Darauf sagte Goldmark: „Was die jüdische Religion anbelangt, so ist der Redner im Jrrthum. Schon der eine Umstand, daß sie lein Vermögen besitzt, schließt ans, daß sie dem Staate gefährlich werden kann, und wenn es auch wahr ist, daß wir wirklich auf einen Messias gewartet haben, also auf Hilfe von Außen, dann haben wir ja das Jahr 1848, wo wir das höchste Gut, die bürgerliche Freiheit errungen. Sind wir einmal frei und nicht gedrückt, dann brauchen wir auch keinen Messias." Fischhof und Goldmark wurden in die hervorragendste Commission gewählt, nämlich in die Commission zur Ausarbeitung der Grundrechte. Fischhof wurde bekanntlich „der jüdische Cavalier" genannt. Als nun die Frage der Judenemancipation auf die Tagesordnung des Kremsierer Reichstages gelangte, luden Fischhof und Goldmark die jüdischen Capacitäten aus ganz Oesterreich nach Kremsier zu einer Berathung ein, um darüber einig zu werden, wie man der Judenemancipation auf dem Reichstage zum Durchbruch verhelfe, und uw Fühlung zu bekommen mit den Führern der liberalen Partei. Da wird unter Anderein erzählt, daß auch die Czechen und deren Führer sich zu den Liberalen hinneigten, und das; die jüdischen Vertrauensmänner auch bei dem czechischen Parteiführer vorsprachen. Da erhielten sie aber eine gewisse orakelhafte Antwort. Fischhof und Goldmark luden sämmtliche Führer der liberalen Partei zu einem Souper ein, und an diesem Abende gab es auch einer; Trinkspruch auf die Gleichberechtigung der Juden und die Judenemancipation. Aber der Trinkspruch wurde selbst in diesem Kreise liberaler Männer kalt und mit einer gewissen Reserve ausgenommen. Als die jüdischen Deputirten diese Stimmung sahen, legten sie eine Denkschrift vor mit dem Motto: „Weise dieses Blatt nicht zurück, es wird Dir gereicht vom jüdischen Bruderherzen." Die Schrift gab ein Bild des namenlosen Jammers, welchen die Vergangenheit auf die jüdischen Söhne unseres Vaterlandes gehäuft hat, und sagt unter Anderem: „Die Hoffnung der Juden, in der neuen Verfassung ihre Glaubensberechtigung ausgesprochen zu sehen, scheine sich nicht verwirklichen zu wollen. Deswegen müsse das Schweigen, das bisher von den Vertretern der jüdischen Gemeinde beobachtet wurde, gebrochen werden, um zu zeigen, daß gewisse bedauerliche Erscheinungen des jüdischen Volkslebens in den vom Staate selbst heraufbeschworenen Zuständen ihre Ursache finden. Alle diese Bemühungen hatten leider keinen Erfolg. Von judenfeindlicher Seite wurde unter der Landbevölkerung das lügenhafte Gerücht verbreitet, man wolle den Juden nach dem Kremsierer Verfassnngsentwurfe mehr Rechte gewähren als den Christen, und es entstand, so erzählt Helsert in seiner „Geschichte Oesterreichs", unter den Hannaken, als eines Morgens, in der; ersten Tagen des Marz 1849, vier Bataillone Infanterie in Kremsier einrückten, das Gerücht, das Militär sei gerufen worden, um den Reichstag zu schützen, die Hannaken wollen das Palais in die Luft sprengen. Aber mit dem kaiserlichen Patent vom 4. März wurde der Reichstag als aufgelöst erklärt, u. zw. mit der Motivirung, daß der Reichstag uneingedenk der kaiserlichen Aufforderung, das Verfassnngswerk seinem Ende zuzuführen, sich blos in theoretischen Erörterungen erging, aus denen die Umsturzparteien neuen Muth zu revolutionärer Thätigkeit schöpfen. Die liberalen Abgeordneten flüchteten und es wurde ihnen naheglegt, daß ihre Verhaftung bevorstehe. Auch Fischhof wurde aufgefordert, die Flucht zu ergreifen. Selbst Pittersdorf sagte ihm im Vertrauen, die Verhaftung stehe ihm bevor. Fischhof erklärte, er bleibe, er wolle lieber vom Gericht als vom Volke verurtheilt werden. In der Nacht wurde er unter Waffengeklirr verhaftet und nach Hullein escortirt. Nach mehrmonatlicher Haft wurde er freigesprochen. Er zog sich aus dem. politischen Leben zurück und stellte sich dann ganz in den Dienst der Humanität. Zugleich mit dem Auflösungspatente hat der Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit den Völkern eine nene Constitution gewährt, ebenfalls auf liberalen Grundlagen, von den Juden aufs Freudigste begrüßt und gefeiert. Aber leider sollte diese Verfassung nur von kurzer Dauer sein, denn mit dem kaiserlichen Patente wurde die Märzverfassung vom Jahre 1849 wieder außer Kraft gesetzt, weil nach den Ergebnissen der gepflogenen Berathungen, diese Verfassung weder in ihrer Grundlage den Verhältnissen des österreichischen Kaiserstaates angemessen noch als ausführbar erscheine. Mit diesem Patent wurde freilich eine wichtige Sache, die Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze, ausdrücklich bestätigt, aber dieser Grundsatz kam nie zur Durchführung. Von nun an ginger; die Juden den trübsten Zeiten entgegen. Es wurde ihnen die Besitzfähigkeit liegender Güter entzogen, es wurden gegen sie Maßregeln erlassen, die weder durch Nnwürdigkeit, noch durch Unfähigkeit sich rechtfertigen ließen. Ja, die Regierung ging noch weiter, sie griff sogar in jenes Gebiet ein, auf welchem die Juden zur Zeit der ärgsten Verfolgrlng unbehelligt geblieben waren, in ihr internes religiöses Leben. Es wurde bekanntgegeben, daß man als wahre Vertreter nur die orthodoxe Partei betrachte. Dadurch wollte man jeder Reform auf religiösem Gebiete entgegentreten. Beschwerden an die Regierung nützten nichts, sie wurden alle abgewiesen. In dieser traurigen Lagefindenwirdie Juden in den Fünfzigers ähren. Die Reactionfeierteihre Triumphe, unter Bach wurde am 18. August 18.",.', das Concordat mit dem päpstlichen Stuhle abgeschlossen, den;geinäß das ganze österreichische Schulwesen unter die Aufsicht der katholischen .Kirche gestellt wurde. Selbst die jüdischen Religionslehrer bedurften zu ihrer A;;stellung der Genehmigung der bischöfliche;; Consistorien, und auch die Religionsbücher mußten diese Genehmigung erlangen. Die Inden durften nur mit äiutlicher Bewilligung Ehen schließen, und sogar in; Civilproeeß war ein Jude gegenüber einem Christen ein bedenklicher Zeuge, ja in einigen Ländern durften die Juden nicht christliche Dienstboten halten. Solcher Beschränkungen gab es eine Menge; die Zeit reicht nicht, sie alle aufzuzählen. Nun kommt das Kriegsjahr 18.19. Die Juden legten bereitwilligst ihr Scherflein auf den Altar des Vaterlandes und jüdische Soldaten eilten begeistert zu den Fahnen. Es kau; die Schlacht bei Solferino, und dann wurde Frieden geschlossen. In dem Friedensmanifest vom 11. Juli 1819 wurden zeitgemäße Verbesserungen in der Gesetzgebung und Verwaltung in Aussicht gestellt. Von da eröffneten sich den Juden günstigere Hoffnungen. Die Schranken sielen nach und nach. Das Erste war, daß den Juden die Besitzfähigkeit eingeräumt wurde. Am 20. October 1860 erschien das sogenannte Octoberdiplom, welches noch heute nach gewissen Richtungen als Staatsgrundgesetz gilt. Es wurde die Gleichberechtigung aller Confessionen und die Aemterfähigkeit aller Staatsangehörigen anerkannt. Die weitere Entwicklung ist erinnerlich. Durch das Februarpatent sollte das Octoberdiplom weiter ausgebildet werden. Unter Belcredi wurde der Versuch gemacht, die Verfassung zu sistiren, dann kam 1866, und dann wurden die

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