Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. I Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 7 Die Stellung der Juden in Oesterreich in den letzten 50 Jahren. Die Oesterreichisch - israelitische Union eröffnete am 20. December den Cyklus ihrer Vortragsabende in einer zahlreich besuchten Versammlung, welche im Saale des „Hotel Central" abgehalten wurde. Unter den Anwesenden waren Freiherr v. L e i t e n b e r g e r, die Cultusvorsteher Architekt Fleischer und Director Simon. Den Vorsitz führte der Vicepräsident der Union, Herr Sigmund Mayer, welcher die zahlreiche, distinguirte Versammlung, insbesondere Herrn Baron Leite über ge r, begrüßte und bekanntgab, daß der Präsident der Union, Herr kais. Rath 4t n n i n g e r zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit sich nach dem Süden begeben habe und erst in einigen Monaten zurückkommen werde. Ans Capri ist von dem kais. Rath A n n i n g e r folgendes Telegramm eingelangt : „Mit großem Interesse alle Vorgänge im Vereine verfolgend, übersende ich Ihnen und allen Teilnehmern an der heutigen Versammlung die herzlichsten Grüße." Herr Dr. Zins beantragte, daß Herrn kais. Rath Anninger telegraphisch der Dank ausgesprochen werde für das Interesse, welches er an den Vorgängen des Vereines nimmt. Herr Sigmund Mayer berichtete ferner über einige Actionen des Vorstandes, unter Anderem über das Einschreiten beim Unterrichtsminister wegen eines Lehrbuches, welches die Landesschulbehörde in Tirol zwar nicht eingeführt, auch Glicht empfohlen, aber dessen Gebrauch sie gestattet hat. Es ist das ein Lesebuch, in welchem die alte Blutlüge den Kindern wieder sehr schön erzählt wird. Ueber den Erfolg des Einschreitens wird seinerzeit berichtet werden. In wenigen Wochen wird der Vorstand auch in der Lage sein, das Resultat der galizischen Enquete zu veröffentlichen. Der Vorsitzende constatirt ferner hinsichtlich des Ergebnisses der Cultuswahlen, daß von den neugewählten vier Vorständen drei Herren, und zwar Director Simon, Julius Reitlinger und Emil Horner Candidaten der Oesterreichisch-israelitischen Union gewesen sind. Der vierte Candidat ist vom politischen Volksver.'in ausgestellt und von der Union acceptirt worden. Der Vorsitzende ertheilte sodann dem Herrn Doctor Friedri ch D u s ch enes, Geschästsleiter des Centralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag, das Wort zu seinem Vortrag: „Die Stellung de r Juden i n O e st e r r e i ch in den letzte n 5 0 Ja h r e n." Meine Herren! Bevor ich Ihnen ein Bild über unsere Lage in den letzten 50 Jahren entrolle, sei es mir gestattet, einige allgemeine Bemerkungen meiner heutigen Darstellung vorauszuschicken, welche ich zu näherer Beleuchtung unseres Themas für nothwendig erachte. Ein jüdischer Historiker bemerkte einst in seiner Einleitung, daß Derjenige, dem die "Aufgabe zufällt, dem Leser die Geschichte der Juden vorzuführen, zugleich auch die Aufgabe hat, die ganze Leidensgeschichte dieses vielgeprüften Volkes vorzuführen. So oft wir die Stellung der Juden in dem einen oder anderen Lande oder Zeitalter überblicken, nehmen wir immer dieselbe Erscheinung wahr, daß Ereignisse, die auf das große Staatsganze einwirkten,' stets nachhaltigen Einfluß aus die Stellung der Juden altsübten. So oft Krisen und wieder Krisen über Oesterreich hereinbrachen, schwebte schweres unheilvolles Gewölke über den Häuptern der Juden. Die Geschichte der Juden in den letzten 50 Jahren bietet darum ein buntes Bild von Wechselfällen. Historische Ereignisse aus vaterländischem Boden wirkten auf die Stellung der Juden in einer Weise ein, daß jede geschichtliche Periode Oesterreichs zugleich eine Epoche in der Geschichte der Juden war, rmd wenn wir die Stellung der Juden in diesem Reiche näher ins Auge fassen wollen, so müssen wir noch etwas weiter in der Geschichte zurückgeheu. Es ist nämlich in Gottes Rath bestimmt, daß Oesterreich zwischen den anstürmenden Völkern des Ostens und den sie weit an Cultur überragenden Völkern des Westens vermittelnd eintrete, daß es im friedlichen Wege groß und mächtig werde. Durch diese Friedensmission sollte Oesterreich sich die Herzen aller Völker ohne Unterschied gewinnen, allen Völkern, die sich in seinen gesegneten Gallen niederließen, eine friedliche Stätte, ein glückliches Heim bieten. Wir wollen es unerörtert lassen, ob Oesterreich, das alte llild das verjüngte, diese Mission erfüllt^hat oder erfüllen konnte. Wenn wir aber einen Blick aus die Stellung der Juden im Allgemeinen werfen, so kommen wir zu dem Resultat, daß wir Juden nahezu zu derselben Mission von der Vorsehung überhallpt berufen wurden. Die Geschichte ist Zeugniß davon, daß die Juden stets den Frieden liebten, nie den Kampf suchten. Sie waren aber genöthigt, wie jene alte Ostmark, sich vor räuberischen Ueberfällen ihrer Nachbarn zu schützen und oft härter Bollwerken Schutz zu suchen. Diese Bollwerke der Juden waren aber ganz anderer Art wie in jener alten Ostmark. Diese Schutzwehr war ihr von ihren Vätern ererbtes, selserlfestes Gottvertrauen, die natürlichen Menschenrechte, Gesetz und Recht, die staatliche Ordnung, auf die sich jeder Staatsbürger mit vollenr Rechte berufen kann, und wir sehen, daß die Juden immer stets nur bestrebt waren, mit den Waffen des Geistes, durch intensive Arbeit auf allen Gebieten des geistigen und Humanitären Lebens Vorurtheile und Unbilden zu besiegen. Sie suchen nichts anderes denn als Menschen unter Menschen zu leben und gemeinnützig zu wirken. In dieser Stellung sehen wir sie Jahrhunderte lang und finden wir uns am Ende des 19. Jahrhunderts, und es wäre verlockend, einen Blick über den ganzen Zeitraum dieses Jahrhunderts zll werfen. Unwillkürlich erinnere ich mich in dieser Stunde an die Worte eines hervorragenden Philantropen, des französischen Senators Gregoire, der in seiner preisgekrönten Schrift über die „Moral und Politik der Juden" der Mitwelt Folgendes znrief: „O, Nationen! Seit 18 Jahrhunderten werden die Israeliten von Euch verfolgt und niedergedrückt. Die Wuth Eurer Väter hat diese trostlose Herde zu ihrem Opfer gewählt. Soll denn dieser Haß gegen die Juden auf Eure Nachkommen fortgepflanzt werden? Ein neues Jahrhundert beginnt. O, daß der Anfang sich mit der Palme der Humanität schmücken möge. Auch sie sind Mitglieder der Völker Gottes. Oeffnet ihnen ein Asyl, wo sie ruhig ihr Haupt niederlegen können! Nehmet sie auf als Brüder in Eure Mitte und dieses neue Jahrhundert wie die späteren Geschlechter werden Euch segnen Dieses l9. Jahrhundert nürd uns als die Zeit des unermeßlichen Fortschrittes, die Zeit der Toleranz und der "Aufklärung bezeichnet. Für uns Juden entrollt aber auch dieses Jahrhundert eine Geschichte des Leidens. Wohl dämmerte es taghell, doch waren die Lichtblicke immer nur von kurzer Tauer. Zeigte sich auch am Firmament ein leuchtender Stern, so wurde er doch bald verscheucht von dunklem Gewölk. Wir gelangen so zu jenem denkwürdigen Tage, den die Völker Oesterreichs vor wenigen Tagen gefeiert haben, dem Regierungsantritte Sr. Majestät unseres Kaisers. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" ertönte es in jenem sturmbewegten Jahre durch ganz Oesterreich, und dieser Ruf pflanzte sich fort bis in die entlegensten Hüttein Unter den Vorkämpfern für die bürgerliche Freiheit, für die Menschenrechte, für Glaubens- und Gewissensfreiheit finden wir begeisterte jüdische Männer, und unter jenen Märzgefallenen, die ihr Leben für ihr Volk aushauchten, eine ganze Reihe von Juden, und da muß ich darauf hillweisen, wie ein Christ, ein Mitglied der Wiener Nationalgarde, Kaufmann war sein Name, an dein Grabe der Märzgefallenen folgenden Nachruf hielt: „Seht her, in der Mitte unserer Brüder ruht Einer, auf den wir Christen sollst im Leben mit Verachtung herabgeblickt haben. Lasset aber, meine Brüder, jeden Haß und jedes Vorurtheil fahren! Seht, auch er ist den schönen Tod für seine Mitbürger gestorben, auch er hat mit Wort und That unsere gute Sache vertheidigt. Er ist ein Jude, aber wie ruhig schläft er in unserer Brüder MitteUnd Mannheimer, der unvergeßliche Gelehrte, schloß sich diesem Nachruf an. „Ihr habt gervollt, daß die todten Juden mit Euch und in Eurer Erde ruhen. Sie haben gekämpft für Euch, sie haben geblutet für Erich, sie ruhen nun in Eurer Mitte. Vergönnt aber auch denen, die gleich ihnen gekämpft, daß sie mit Euch leben frei und geachtet. Nehmt lrns alrf als freie Männer und der Segen Gottes sei über E'.rch und mit Euch!" Die Forderung des Volkes, an der Gesetzgebung theilzunehmen, war so mächtig, daß die Regierung eine neue Constitution erließ, natürlich mit einen Verfassnngsentwurf, der inr Wiener Reichstag berathen und besckflossen werden sollte.. Da aber die Negierung befürchtete, daß infolge der aufrührerischen