Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Dx. Vlock's Wvchrttschrifk. Nr. 1 erkenntniß über alle Länder der Erde" fortzuwirken! Seitdem haben wohl die Juden in der Zerstreuung nicht aufgehört die „verheißene messianische Erlösung" zu erhoffen, aber nie einen wie immer gearteten Versuch sozusagen nationalvolitischer Natur zur Wiedererrichtung eines Judenstaates in Palästina gemacht! Diesem Umstande haben sie es auch zu verdanken, daß sie dem traurigen Schicksale so vieler zugrunde gegangener mächtiger Nationen des Alterthums entgingen, und — wie Jost in der Geschichte des Judenthums und feiner Secten ffch geistvoll ausdrückt — „nach dem Abfterben des Leibes die Auferstehung des Geistes feiern konnten, der, frei von den Hüllen des Staates, seinen Anhängern neues Leben einhauchte!" Auch in der Literatur gleichen-die Juden und Polen einander darin, daß die Poesie dieser zwei Nationen — die bemerkenswertherweise ihre Dichter „Propheten", „Seher" (polnisch „Wieszcz"1 nennen — vornehmlich einen religiösvatriotischen Charakter bat und deshalb zumeist dem Gemüthe, dem subjectiven Gefühlsleben entströmte. Dadurch haben Juden und Polen wohl in der Lyrik und dem Epos unvergleichlich schwungvolle und erhabene Dichtungen geschaffen, dagegen — offenbar aus Mangel an nüchterner, objectiver Gestaltungskraft — selbst in der höchsten Blüthe ihrer Poesie keinen hervorragenden „dramatischen" Dichter hervorgebracht. Dieser sogenannte psychologische Umstand erklärt auch die sonderbare Erscheinung, daß das größte poetische Genie Polens, Adam Mickiewicz, außerdem zurückgebliebenen dramatischen Fragment: „Die Conföderation von Bar", sonst kein Drama gedichtet hat. Merkwürdig ist es auch, daß auch anläßlich des „politischen Zionismus" und seiner phantasiereichen politischen Pläne sich die Analogie in den geschichtlichen Erlebnissen der zwei Nationen, der Juden und Polen, in einer wahrhaft staunenswertben Weise manifestirt! Wie nämlich einst der russische Kaiser Alexander II. den Polen, bezüglich ihrer Hoffnung aufWiedererlangung ihrer politischen Unabhängigkeit, warnend zugerufen: „Point des reveries!“ (Keine Illusionen!), hat nun auch der deutsche Kaiser in seiner bekannten Antwort auf die huldigende Begrüßung seitens der jüdischen Deputation in Jerusalem diesem nur zu deutlich zu verstehen gegeben, daß der Plan der Gründung eines Judenstaates in Palästina eine unrealisirbare Illusion sei! Erfahrungsgemäß sind politische Illusionisten einer Belehrung nur sehr schwer zugänglich. Wir bedauern, daß durch die separatistischen Agitationen und vornehmlich durch die von Juden ausgegebenen Schlagworte, daß wir in Europa „Fremde" sind und es für immer bleiben werden, die ohnehin große Nochlage der armen jüdischen Volksschichten in Galizien bedeutend verschlimmert wird und daß den Bestrebungen zur Gründung jüdischer Colonien in Palästina — als einziges Mittel zur Linderung der materiellen Judennoth — durch das bei der türkischen Regierung erweckte Mißtrauen schwere Hindernisse bereitet worden. Soll eine Action zur Abhilfe der täglich zunehmenden Misere der Juden einen Erfolg haben, muß sie mit vereinten Kräften ins Werk gesetzt werden. Innere Spaltungen machen denselben von vornherein unmöglich. Arthur E i b e n s ch ü tz. Pariser Brief. Vor einigen Tagen wanderte ich durch die Straßen von Nancy. Es ist das die kleine Schwesterstadt von Paris. Nancy bat seine Boulevards, seine Paläste, seine Sehenswürdigkeiten und Monumente, sein reges und fröhliches Leben. Auf dem Place de Stanislaus, der schönsten Stelle Nancys, vor dem „Hotel de Ville", dem Haufe der Stadtväter, ist ein gigantisches Monument errichtet. In eine polnische Königstoga gehüllt, steht er stolz aufgerichtet da, Stanislav Leszczynski. — Stanislas le bienlaiiant. roi de ]a Poiogne. Duc de Lorraine et de Bar 1737—('4, so lautet die Aufschrift. Ich blieb lange vor dem Denkmal stehen und konnte es nicht genug betrachten. Auf mich, der auf polnischem Boden geboren, unter Polen erzogen, machte das Denkmal einen großen Eindruck. Ich dachte an das polnische Volk, an dessen Könige, an dessen Geschichte und an dessen trauriges Schicksal. Ein Schwarm von Reflexionen und Betrachtungen. Ich dachte an die polnischen Juden im Vergleiche zu ihren französischen Glaubensgenossen, an die Lage der Juden unter Leszczynski im vorigen Jahrhundert und heute, und schließlich an die Thatsache, daß die Behauptung: „die Menschheit nimmt mit dem Fortschritte der Zeit immer mehr Cultur an, wird immer edler geartet", Lug und Trug ist. Es gab im Mittelalter Bestien in Menschengestalt, es gibt heute Menschen, die brutale Bestien sind. Es that mir unendlich leid, daß ich nicht den „ehrwürdigen" Pater Stojalowski neben mir hatte — diesen polnischen „Patrioten", der seinem Volke als Seelsorger und Staatsmann die „göttliche" und „staatliche" Erlaubniß ertheilte, Juden zu plündern, zu berauben und zu vernichten. Im vorigen Jahrhundert sind in Polen keine solchen Greuelthaten verübt worden wie in diesem Jahre in dem „civilisirten" Galizien. Ich würde Pater Stojalowski sagen: es wäre besser gewesen, wenn er im vorigen Jahrhundert geboren oder gar nicht auf die Welt gekommen wäre. In Nancy leben vierhundert jüdische Familien, darunter fünfzig Familien eingewanderter russischer und polnischer Juden. Ihre materielle Lage läßt nichts zu wünschen übrig, ihre politische und gesellschaftliche Stellung ist eine günstige zu nennen. Sie arbeiten fleißig und sind mit ihrer Lage zufrieden. Die antisemitische Pest hat hier keine festen Wurzel gefaßt, weil die Bevölkerung Nancys auf einem höheren Niveau von Intelligenz steht und ein Jeder weiß, daß die Bewegung nicht gegen das Judenthum, sondern gegen die Staatsform — gegen die Republik gerichtet ist. Anders ist es natürlich in Paris. Diese Welthauptstadt birgt in sich neben den größten Geistern der Gegenwart auch den blödesten Mob des neunzehnten Jahrhunderts. Max Regis, der suspendirte antisemitische Bürgermeister von Algier, kommt nach Paris, um zu agitiren. Die Ankunft ist für 11 Nhr festgesetzt. Um diese Stunde sind aber die Schlächtergehilfen auf dem Markte La Nillette beschäftigt, und es ist schwer, eine Bande von 150—200 Mann auszutreiben. Darum wartet Regis mit seiner Ankunft, bis die wackeren „Bürger" von La Billette frei sind, um ihn demonstrativ zu empfangen. Eine malcontente Cocotte, die nicht mehr reussirt, sucht Zuflucht zur antisemitischen Bürgerpartei. Sie überreicht Max Regis bei dessen Ankunft ein Bouquet, und die „Libre Parole" hat etwas über die Begeisterung „französischer Frauen" zu schreiben. Für die Witwe des Fälschers Henry sind bis jetzt mehr als 125.000 Francs gesammelt worden. Nicht uninteressant ist es, die Sammelbögen zu lesen. Da zeichnet irgend ein Herzog — ob falsch oder echt, ist schwer zu ermitteln, unter dem französischen Adel gibt es 75 Percent falsche Blaublütige — 100 Francs mit der Devise: „Nieder mit der Republik, es lebe das Kaiserthum", ein anderer „Patriot" zeichnet 10 Francs mit dem Bemerken: „Ein gewesener Officier, der geneigt wäre, gratis Unterricht im Boxen zu ertheilen, um Juden und Protestanten hauen zu können." Cs scheint übrigens, daß unter den französischen Antisemiten die allgemeine internationale antisemitische Krankheit herrscht, eine böse Krankheit — nämlich die Fälschermanie. Die Fälschungen beschränken sich nicht nur auf Actenstücke, Briefe rc., sondern auch die Liste der Spender für Madame Henry ist gefälscht. Man kann Nachweisen, daß in dieser Liste Namen stguriren, die gar nicht existiren, oder es werden Leute als Spender bezeichnet, die dann mit allem Nachdruck gegen diese Fälschungen protestiren, die diese Bewegung verpönen und verdammen. Zu den Männern, die für Recht und Wahrheit einstehen, zu jener Elite der gebildeten Welt, gesellte sich in den letzten Tagen noch eine geistige Größe Frankreichs. M. Laviffe, Professor für Literatur und Geschichte an der Kriegsakademie von Saint-Cyr, verzichtete auf seine Stellung, um sich an die Seite der Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit zu stellen. Man hat von einem ultra-geheimen Actenstück gesprochen. Dieses Actenstück soll nach den Behauptungen der „Patrioten" den Bestand Frankreichs ausmachen. Dieses Actenstück wurde dem Caffationshof ausgeliefert und der Ministerpräsident Dupuy, in der Kammer darüber interpellirt, nahm keinen Anstand, zu erklären, daß dieses sehr geheime Dossier weder mit der Sicherheit des Staates, noch mit Dreyfus etwas zu thun hat. Am schlechtesten geht es schon dem Marquis de Rochefort. Dieser Publicist ist aus einmal eine lächerliche Figur geworden. Man sieht, sein Geist geht zu Ende. Seine Artikel finden keine Beachtung mehr; schade auch um einen Sous. Paris, Ende December. A. G w a n d a m a r.