Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I [0ir. 1 Seite 3 Dr. Bloch's Wochenschrift. werbssinn die Thüren zuzuschließen, begünsttgte eins sttlles, befriedigtes, gesichertes und mäßiges Leben, suchte dem Versinken der Masse in Roth zu steuern. Die vielgepriesenen Gesetzgebungen eines Lykurg und Solon halten, was Weisheit noch was wahre Humanität betrifft, einen Vergleich mit der mosaischen Gesetzgebung auch nur von ferne aus. 'Auch heutzutage können Politiker nichts Besseres thun, als bei diesem Meisterwerke in die Schule zu gehen." „Man setze den Fall," sagt Friedrich Delbrück in seinen „Ansichten der Gemüthswelt" (S. 140 f.): „Es würde zur Preisaufgabe geinacht, ein Volksbuch zu schreiben, woraus, in wie viele Sprachen es auch übertragen würde, ein eigenthümlicher Geist spräche; ein Buch, woran die erhabensten Gedanken und die heiligsten Gefühle sich knüpfen ließen; ein Buch, tauglich, den öffentlichen und häuslichen Festen eine höhere Weihe zu geben, indem es Geburt und Tod, Eintritt in die menschliche und bürgerliche Gesellschaft und jede Art der Bundeshandlung durch Inschriften schmückte; reich dabei an Wahlsprüchen für jegliches Alter, welche die Freuden des Lebens zu erhöhen, desselben Leiden und Widerwärtigkeiten zu mildern sich eigneten; unerschöpflich an Stoff zu Gesängen, in welchen die von Andacht durchdrungene Seele, sei es in einsamer Kammer, sei es im Verein mit Gemüthsverwandten, himmelan stiege; ein Buch, welches auf eine Art in Umlauf kommen müßte, worin sichere Bürgschaft läge, daß es seine erhebende und tröstende Kraft an Millionen von Jahrhundert zu Jahrhundert zu bewahren nicht aushören würde. Würde nicht eine solche Aufforderung seltsam, ihr Genüge zu leisten ganz unmöglich sein? Aber ist sie denn nicht gelöst, diese 'Ausgabe, gelöst vor beinahe zwei Jahrtausenden? Von Geschlecht zu Geschlecht hat die Bibel wie eine vertraute Geisterstimme an den großen und kleinen Händeln der Welt Antheil gehabt, eingreifend mit Rath und Trost, voll Würde und Herrlichkeit, Fürsten und Bettler einweihend zum Leben und Sterben, jedem Gott ergebenen Gemüth das heiligste Gefäß der heiligsten Gedanken." Die Größe und Erhabenheit der Bibel zu erfassen und zu würdigen, dazu bedarf es vor Allem eines reinen Herzens und unverdorbenen Gemüthes. Der Antisemitismus bringt seine Bekenner um eine solche Begabung, er erniedrigt sie zu einer Roheit der Weltauffassung, in deren Bereich es nicht möglich ist. Edles und Erhabenes zu erfassen und zu begreifen. Die Juden und dir österreichische Statistik. (Eine Aufgabe für den neugegründeten Gemeindebund.) Von Dr. S. R. Landau. 1. Einleitung. Mit gemischten Empfindungen gehe ich daran, Ihrem Wunsche gemäß das obige Thema eingehend zu behandeln. Ist es doch ein Gegenstand, dessen Wichtigkeit in jüdischen Kreisen Oesterreichs noch immer viel zu wenig gewürdigt wird und für den nur ein äußerst geringes Verständniß besteht. Wie wäre es denn sonst möglich, daß im Gegensätze zu Deutschland, wo erst vor einigen Jahren das Berliner „Abwehrcomite" eine größere, äußerst instructive Arbeit über „Die Juden in der Criminalstatistik Deutschlands" herausgegeben hat, bei uns bisher weder von einer jüdischen Körperschaft noch von einem jüdischen Schriftsteller über diesen Gegenstand etwas publicirt wurde. Dazu kommt noch, daß in Deutschland vom statistischen Reichsamte auch bei der Berufsstatiftik die Consession berücksichtigt wird, was bei uns nicht der Fall ist. Trotzdem ist die Literatur über die Juden in der österreichischen Statistik äußerst gering und umfaßt kaum einige dünne Schriften von Schimmer, Rauchberg und Polek, von denen allerdings die des Letzteren, betitelt: „Statistik des Judenthums in der Bukowina" („Statistische Monatsschrift", Jahrgang 1889) die interessanteste ist, weil sie sich nicht damit begnügt, die Volkszählungsresultate bezüglich der Juden zu recapituliren, sondern uns in lebendiger Weise unter Zugrundelegung von Zahlen die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in der Bukowina, ihr wirtschaftliches und culturelles Leben schildert. Diese kleine Arbeit wäre wohl nicht ganz ein Muster, denn sie enthält noch manche Lücken, aber jedenfalls ein Fingerzeig, wie die Juden der ganzen Monarchie statistisch zu behandeln wären. 2. Criminalstatistik. Die Bedeutung der Statistik für die Judenschaft wird Jedem, selbst dem Indifferentesten, sofort klar, wenn er ihre Anwendung aus die Criminalität sieht. Tie von der k. k. statistischen Centralcommission alljährlich zur Veröffentlichung gelangenden „Ergebnisse der Strafrechtspflege" *) belehren uns unter der Rubrik „Persönliche Verhältnisse" auch über den Antheil der Juden an der allgemeinen Erinnnalilät. Reben der Anzahl der von Juden begangenen Verbrechen und Vergehen finden wir auch die Betheiligung der Juden an einzelnen Delicten, sowie das Percentverhältniß zu anderen Consessionen. Schon diese Feststellung genügt, um vielfache gegen die Juden erhobene Vorwürfe und Beschuldigungen;u entkräften. Allein sie ist zu oberflächlich und schablonenhast, als daß sie ein genaues Bild der jüdischen Criminalität darbieten könnte. Ich will und kann daraus der k. k. statistischen Centralcommission, deren musterhafte Leitung bekannt ist, absolut keinen Vorwurf machen. Denn ihre Ausgabe ist es, die allgemeine Criminalität in Oesterreich nach allen Richtungen, also in Bezug aus die Qualität der Delicte, die Höhe der Strafen, die Vertheilung nach Ländern, das 'Alter und Geschlecht, den Berus und die Consession der Verurtheilten durch ziffermäßige Belege zu beleuchten. Und alle diese Umstände zusammengenommen bieten auch thatsächlich eine genaue Schilderung des criminellen Oesterreich. Anders bei den Juden. Bei ihnen gibt die osficielle Criminalstatistik, ebenso wie bei den anderen Consessionen, lediglich die Zahl der Verbrechen und Vergehen, die sie überhaupt und bei einzelnen Delictsarten insoesondere begehen; dazu kommen die Percentsätze im Verhältnis zu den anderen Consessionen. Das ist Alles. Eine Clafsificirung der Angehörigen jeder einzelnen Consession nach Alter, Geschlecht und Berus findet gar nicht statt. Ja, selbst die oberwähnte confessionelle Criminalstatistik bewegt sich irr einem so engen Rahmen, daß sie bei solchen Delrcten, wie Landslreicherei, Bettel, Arbeitsscheu, die bekanntlich nach den Anschauungen der neuen criminalistischen Schule den Nährboden des Verbrechens bilden, und bei so eigenartigen Delinquenten, wie es die rückfälligen Verbrecher (Gewohnheitsverbrecher) sind, deren Wesen ja als Basis einer ganzen Umwälzung in der modernen Strafrechtswissenschaft gedient hat — daß in diesen Fällen eine Eintheilung nach Consessionen unterlassen wurde. Nach der neuen criminalistischen Lehre kommt es nicht auf die Zahl der Verbrechen, sondern auf deren Intensität, resp. aus die Gefährlichkeit der Verbrecher an. Damit ist nichts gesagt gegen die Criminalstatistik. Denn sie gibt uns ganz genau die Zahl der Gewohnheitsverbrecher an, wie viele z. B. der verurtheilten Einbrecher oder Betrüger oder Brandleger bereits vorbestraft waren und wie oft; aus Grund der wegen erschwerender Umstände verhängten höheren Strafsätze bilden wir uns ein Urtheil über die Gefährlichkeit selbst der zum erstenmal verurtheilten Verbrecher. Allein sobald es sich um eine Austheilung an die einzelnen Consessionen handelt, da läßt uns die osficielle Criminalstatistik im Stich und gibt uns gar keine Antwort. Damit ist auch ihr Werth für die Juden am besten gekennzeichnet. Herr Dr. Hugo H o e g l scheint allerdings anderer Ansicht zu sein. In einem größeren Artikel, den er unter dem Titel: „VergleichendeUeber sicht der öfterreichis ch e n Strafsälligkeitsstatiftik" im Septemberhest der „Statistischen Monatsschrift" veröffentlicht, beschäftigt er sich auch in Kürze mit der Criminalstaristik der Juoen. Den Anlaß zu seiner Arbeit bietet nach seiner eigenen Angabe der Umstand, daß bereits über einen zwanzigjährigen Zeitraum, seit Einführung der neuen Strasprocepordnung (1870), die Ergebnisse der Strafrechtspflege vorliegen; die seinem Artikel zugrunde liegenden Daten sind somit nicht neu, sondern seit mehreren Jahren bekannt. Was darin neu, allerdings sehr neu ist, das wären die „Betrachtungen" des Verfassers. Die officiellen Publicationen des statistischen Amtes begnügen sich stets damit, bloß Zahlentabellen zu geben; Herr Dr. Hoegl will aber auch „erklären". Mit diesen „Erkla migen", soweit *) Bergt. Band 39, 41, 43, 45 und 47.