Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 1 (6.1.1899)
- Date
- 1899-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 r^yagjgfffffisw»« .y^y^asa^ireKwi^^ Dr. Bloches Wochenschrift. ^ri vermöge seiner Mächtigkeit für immer in unserer jugendlichen Phantasie sich eingeprägt?" „Alle sind wir bei dieser Vibelgeschichte auferzogen worden wie bei einer Mutter; aber wie undankbare Kinder gehen wir ihr weit aus dem Wege, sobald wir einiges Wissen, etwas Fachkenntnisse erlangt, nähern uns ihr weder im weltlichen Thun, noch in Gotteserinnerung, werden für diese große Nährerin unserer Jugend gleichgiltig, uneingedenk der Pfade, die sie in unserem Geiste geebnet, wo sie uns hingeleitet und was sie uns zu jener Zeit eröffnet hat, als unsere geistige Zukunft noch schwankte" ... „Das alte Judenreich hat uns mehr zu erzählen als Rom und Griechenland; seine geistige Entwicklung kann uns eine mächtigere Geistesstütze sein, als die Geschichte sämmtlicher Nationen der Erde." Seite 222.... „Alle Völker des Orients schließen sich gegenseitig ab; keines jedoch hat sich so einheitlich bewahrt, keines hat so sehr der Berechnung der Jahrhunderte, der Wandlungen des Schicksals, der Unglücksfälle und der Bedrängniß gespottet, keines so viel erlebt und erduldet wie das jüdische. Das ist bloß die Oberfläche des Räthsels, unter welcher ein Schwierigeres innerlich sich birgt." Seite 227.... „Kein Glaube oes Allerthums besitzt auch nur annäherungsweise diese Voraussicht im Beginnen, im Ziele und in den Mitteln." Seite 228.. .. „Selbst der stolze ei vis Romanus hatte nicht jenes Selbstbewußtsein, welches der Hebräer gehabt hat, denn es fehlte ihm das Gefühl seiner geistigen hervorragenden Ausnahmsstellung unter den Nationen." eeitc 568. „9hm kommen wir zu jenem alleinstehenden Volke des Erdballs, welches trotz des Zerstreutseins auf der ganzen Welt, trotz der verschiedensten Existenzbedingungen überall seine scharf ausgeprägte Individualität beibehielt, und welches im Mangel eines wirklichen Vaterlandes eine Welt mit sich führte, die verschlossen und frei von fremden Einflüssen war. Mit dem Niederbruch des Reiches Israel und Juda wurden schon im weiten Alterthum ein großer Theil der Juden auf der Welt zerstreut, mit der Zerstörung Jerusalems zur Zeit des Titus und Vespasianus wurden sie auch von ihrem Hauptherde weggejagt. Und dennoch erhielten sich an ihrren trotz der Verbannung die Aspirationen vergangener Zeiten, die Hoffnung, die Heimat wiederzufinden, die Utopie emer Zukunftsmacht, die Erinnerung an eine schon vergangene, und der verachtete und verfolgte Jude hörte nicht aus, sich für ein Mitglied eines auserwählten Volkes zu betrachten." Seite 576 — — — — — — — — — — — — — _„Es schadet nicht, zu erinnern, daß die Judenfrage heute zu einer der allerwichtigsten Aufgaben der christlichen, insbesondere der polnischen Eivilisation geworden, und daß zu ihrer Erledigung nur ein Weg ethisch ist und zum Ziele führt — und das ist der Weg der Liebe." Goethe sagt in seinen „Maximen und Reflexionen": „Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, so lange die Welt steht. Niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im Ganzen und verstehe es im Einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: „JmGanzenistes ehrwürdig, und im Einzelnen anwendbar." In den „Sprüchen in Prosa" heißt es über die Bibel: „Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden der Bibelverbreitung. Mir ist klar, schaden wird sie wie bisher, dogmatisch und fantastisch gebraucht; nutzen wie bisher, didaktisch und gefühlvoll ausgenommen." Und an einer anderen Stelle heißt es: „Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man sie einsieht und anschaut, daß jedes Wort, das wir allgemein aufsassen und im Besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit und Ortsverhältnissen einen eigenen, besonderen, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat." Noch sei der Satz erwähnt, den Goethe in der „Farbenlehre" ausgesprochen und der uns zeigt, wie dieser Dichter urü» Denker über oen Werth der Bibel geurtheilt hat: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Theil als Fundament, zum Theil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen benützt werden." Der bekannte Bibelforscher, Professor Stade, dem man Philosemitismus nicht zum Vorwurfe machen kann, erklärt: „Es ist Israel ohne Zweifel aus dem Gebiete der Religion viel epoch e m a ch e n d e r, einzigartiger, gewaltiger aufgetreten als auf dem Gebiete des Staates die Römer, auf dem der Kunst und Philosophie die Griechen."*) Bei E. Renan liest man in einem Vortrage: „Das Judenthum vom Gesichtspunkte der Raee und der Religion", Basel 1883, Seite 21: „Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine der schön st e n, die existiren, und ich bedauere es wahrlich nicht, ihr die Arbeit meines Lebens gewidmet zu haben." „Unser heutiges Denken und Fühlen, unser Thun und Treiben ist beiweitem mehr beeinflußt von der Gedanken- und Gefühlswelle, welche Israel erzeugt, als von der Roms und Griechenlands. Unsere gesummte heutige Cultur ist tief durch sättigt mit Richtungen undTriebenisr aelitischerHerk uns t." Dr. Carl Heinrich Cornill, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Königsberg, sagt in seinem Buche : „Der israelitische Prophetismus", Straßburg 1894, Seite 176 : „Von seinen Anfängen bis zu seinen Ausgängen haben wir den israelitischen Prophetismus verfolgt, und cs sollte mich freuen, wenn es mir gelungen ist, den Eindruck hervorzurusen, daß es sich hier um eine organische Entwicklung einer der größten geistigen Mächte handelt, welche die Geschichte der Menschheit je gesehen hat. um das wichtigste und herrlichste Stück der vorchristlichen Rengionsgeschichte. Wenn Israel das Volk der Religion für die ganze Welt geworden ist, so verdankt es das dem Prophetismus, der zuerst den Begriff einer Weltreligon klar erkannt und ihn in allen seinen Grundlagen festgestellt hat." Die ifraeliti'che Prophetie ist die Maria, welche das Ehristenthum geboren hat, und die christliche Kirche selbst hat das Erdenwallen ihres Stifters nicht besser zu bezeichnen gewußt, als daß sie von ihm als von seinem Prophetenamte redet. So weit der Einfluß des Christenthums reicht, so weit reichen auch heute noch die Wirkungen der israelitischen Prophetie, und wenn schon der älteste der schriftstellernden Propheten, Amos, die Prophetie als -die herrlichste Gnadengabe bezeichnet, welche Gott Israel und nur Israel gegeben habe, so hat eine Geschichte von zweieinhalb Jahrtau enden dies Wort nur bestätigt. Die Geschichte der gesammten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe: Durch seinen Prophetismus ist Israel ver Prophet -er Menschheit geworden. Möchte das doch niemals übersehen und vergessen werden: Das Köstlichste und Edelste, was die Menschheit besitzt, sie verdankt es Israel und dem israelitischen Prophetismus. Ueber das Alte Testament und das moderne Leben hat sich der bekannte christlich-amerikanische Prediger Slopford Brooke in einer Serie von Kanzelreden verbreitet, die jetzt in englischer Sprache erschienen sind. In einer dieser Reden ist zu lesen: „Es ist für uns gleichgiltig, wo Abraham geboren wurde, wann er eine Frau nahm, in welcher Ordnung und Rechenfolge, und an welchen Orten er seine Opfer darbracht-; daraus kommt es nicht an, das können wir ruhig dem Kritiker überlassen. Aber der Geist, die Seele dieser großen Gestalt, die ist für uns von der größten, von nicht genug zu schätzender Bedeutung. Unsere Zeit hat das Reich des Individuums proelamirt; im Alten Testament können wir das Reich der Menschheit, das ist das wahre Himmetreich. wieder entdecken. Wir haben die Vorbilder für unser politisches und sociales Leben den Griechen und Römern abgeguckt und haben vergessen, daß das Alte Testament in allen Lehren und Einrichtungen nicht nur himmelweit alle Bücher irgend eines Volkes überragt, sondern daß der Geist der Freiheit und Gerechtigkeit, den alle Propheten athmen, einzig und unvergleichlich dasteht in der Welt, so duß der Psalmist mit Recht sagte: In Juda ist Gott bekannt, sein Name ist groß in Israel!" „Die sociale Weisheit des Alten Testamentes" betitelt sich ein Aufsatz in der „Allgem. confervativen Monatsschrift für das christliche Deutschland" von Pastor Albrecht Romann Er schließt mit den Worten: „Industrie und Kunstgewerbe stand höher als der Handel. Bezalel und Ahaliab, die Baumeister der Stiftshütte, galten als vom Geiste Gottes besonders eifüllt. Doch auch diese Thätigkeiten bilden nicht die eigentliche Grundlage des Staates. Tie blieb der Ackerbau. Nicht die Geldsondern die Fcldwirthschaft war das Fundament, auf dem das Gebäude ruhte. So sehen wir, die ganze Tendenz der mosaischen Gesetzgel mig geht nicht aus ungemesfene Vennchlung, sondern aus Erhaltung und Befestigung des Besitzes, >uchte dem sieberhüffeN Er- *) Stade, „Geschichte des Volkes Israel", 1- Bd., Berlin 188? (Oncken'sche Sammlung), Seite 3 s.