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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Date
1898-12-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Rr. 52 Seite 959 Br. Oloch's Wochenschrift. „Einst war ich unterwegs und dg begegnete mir ein Mensch. Er bot mir den Friedensgruß und ich erwiderte ihn. Da sprach er zu mir: „Rabbi, aus welchem Orte bist du „Aus einer großen Stadt von Weisen und Schri,tgelehrten." „Rabbi, würdest du dich entschließen, bei uns zu wohnen? Ich biete dir viele Tausende und Edelsteine und Perlen!" Da sprach ich zu ihm: „Wenn du mir gäbest alles Gold und alle Perlen der Welt, so bleibe ich nur an einem Ort, wo die Thora zu Hau e ist. In der Scheidestunde geleiten den Menschen nicht Gold und Edelsteine, sondern nur Thora und edle Werke zur ewigen Ruhe. (Fortsetzung folgt.) Das jüdische Theaterlrbrn in Amerika?) Von John Corbin. Die Atmosphäre der jüdischen Theater sticht von der der anderen Theater merkwürdig ab. Fortlvährend ein Geräusch und ein Lärm wie in einem Bienenstock. Besonders lassen sich die Kinder, die man zll Hause nicht zurücklassen kann, vernehmen. Sie weinen, schreien und die Zwischenrufe der Galerie ,8—-s—s—ch!“ ititö des Balcons „Hinaus" vermögen sie nicht zu beruhigell. Endlich verläßt die Mutter das Theater, tlm im Foyer den ausgearteten Sprößling zur Ruhe zu mahnen. Entfernst Du Dich zwischen den Acten von Deinem Sitz, so ist er für Dich verloren. Trotz des Zuredens der Bitteteure räumt der Ersatzmann nicht den usurpirten Platz. Er sagt höchstens: „Habe ich denn nicht 50 Eents bezahlt?" Und das Publicum gibt Dir noch Unrecht und ermahnt Dich zur Ruhe: „Niedersetzen", „Hinaus mit ihm!" Die Enthüllung der jüdischen Eharakterzüge geschieht hier mit künstlerisch vollendetem Freimnth, das wichtigste Thema ist der Kampf gegen den Tanz der Einheimischen um das goldene Kalb. Zn zwei besonders populären Opern, die ich gesehen habe, „Rabbi Schabses Tochter" und „Zirel, des Rabbis Tochter oder die Beaute von K r a k a u" wird ein jüdisches Mädchen ihrem Volke entsrenrdet und dem Christenthum mit alten Verlockungen seiner Machtmittel überliefert; schließlich kehrt sie doch zu ihrem Glauben zurück. „A Jid bleibt ewig a Jid" ruft Rabbi Schabses Tochter zum Schlüsse aus und erntete dadurch tosenden Beifall. Delln die große Tragödie dieser historischen Rasse liegt eben darin, daß die ganze Angel ihres Lebens die Religion ist, die schon alt war, als die Geschichte erst begann und die noch jetzt eine der rein st en und edelsten Religionen ist, reich an Mysterien des Orients. Wie Zangwills Kind des Ghettos von Venedig, das geboren und erzogen in der weihevollen Einfachheit der Synagoge, so erwachen auch sie und sinden sich selbst wieder inmitten der Fröhlichkeit der Piazza und des Glanzes der Cathedrale von Venedig. Dann treffen wir Theaterstücke und Opern, die die biblischen Zeiten behandeln oder die Leiden des jüdischen Volkes jenseits der See schildern. Wir sehen auch Kämpfe zwischen Capital und Arbeit, mit Strikes und Excessen, Nihilisten, Dynamitarden u. s. w. Am ersten Tage, da ich diesem Theater meine Aufmerksamkeit schenkte, wurde gegeben „Bar Ko chba", am anderen Tag sah ich wieder am Repertoire „Anna, die Aussert i g e r i n". Es behandelte „ein Mädchen in New-Iork, das ausfertigt". Diese Mädchen arbeiten gewöhnlich in den „Schwitz"-Werkstätten für 4—5 Dollars wöchentlich. Anna erfreute sich nun der Aufmerksamkeit des jungen Chefs. In diesem Stück wird sehr viel gesprochen von reichen und von armen Juden, von Liebe und Plutokratie. Die jungen Leute heiraten sich auch zum Schlüsse. Das Stück ist sehr populär. Ich hoffte, alle besten jüdischen Stücke sehen zu können Und bat auch den Cassier mir mitzutheilen, wann Mr. Adler, der Leiter des Windsor-Theaters, austreten würde, da ich die jüdischen Placate gar nicht lesen konnte. Er hat es mcht gethan, und als ich ihm darüber Vorwürfe machte, entschuldrgte er sich, feine Stücke hätten ihn *) Aus der soeben eingelangten Weihnachtsnummer des „H a rp e r s Magazine" in New-Uork. Wir benützen diese Gelegenheit, um eine bisher von jüdischer Seite noch sehr wenig gewürdigte Culwr» Institution unseres Volkslebens unseren Lesern näher zu bringen. Der Uebersetzer. so beschäftigt, daß er an mich ganz vergessen habe. Aber die besten Dramen Adlers kenne ich. „K a b a l e und L i e b e", „Der schwarze Jid" rmd „Tie R ä u b e r" sind alle der classischen Literatur entnommen. „Der O d e s s a- Bettler" ist eine Bearbeitung des „L u m p e n s a m m l e r s von Paris". „Der russische Jude in Amerika" erklärt sich selbst. Es that mir leid, das Stück nicht gesehen zu haben, da es eine gelungene locale Färbung besitzt. Sehrinteressant ist die jüdische Bearbeitung des „König Lea r", von dem nicht nur die Sprache, sondern auch die Charaktere und Scenen ins Jüdische übertragen sind. „König Lear" ist Adlers beste Rolle. „Wenn ich sie spiele" — sagte er uns selbst — „weint und schluchzt Alles. Sie ist besser als bei Shakespeare." „Uriel Acosta" beruht auf den Widerstreit zwischen den rituellen Pflichten und dem philosophischen Streben nach Gedankenfreiheit, ganz wie in Zangwills „Oreamers ok the Ghetto". Adler spielt diese Rolle herrlich, voll Feuer und Würde. Das Stück wurde im Winter nochmals wiederholt und fand stets begeisterte Aufnahme. Es ist mir sonst kein amerikanisches Theater bekannt, in dem ein so geistvolles Thema so ungetheilte Anerkennung gesunden hätte. „Der w i l d e M a n n" hat eine besondere Anziehungskraft. Er beruht auf dem „Hamlet-Problem". Ter Hamlet ist in diesem Stücke ein Idiot, der über den Verrath seiner Stiefmutter an seinem Vater empört, diesen rächen will, aber wohl nur den Willen, nicht aber die Thatkraft besitzt. Auch diese Rolle spielt Mr. A vier ergreifend. Er erzählte mir, daß er diese Rollen in Irrenanstalten studirte, rmd daß sich bei seinem ersten Auftreten in derselben die bedeutendsten jüdischen Aerzte einfanden, um ihn zu sehen. Mr. Adler ist der Typus aller jüdischen Sänger und Schauspieler. Zuerst trat er in Odessa auf. Das Theater wurde aber bald von den Behörden geschlossen. Er machte nun daraus ein deutsches Theater. Doch die Behörden kamen darauf und verboten es. Für kurze Zeit half sich Adler mit einem russischen Firmenträger aus, aber die Staatscasse nahm von dem Reinerträge so viel für sich in Anspruch, daß die Truppe auf und davonging. Adler wandte sich nach London, wo er eine Zeit lang gastirte. Vor sechs Jahren kam er nach Amerika, bereiste alle Städte bis Chicago und St. Francisco, unt schließlich ein kleines Theater zu begründen. Bald errichtete er das Windsor-Theater, das er leitet. Nebstdem unternimmt er während des Sommers auch Reisetournees nach dem Westen und so hat er bereits ein nationales Renommee erhalten. Der Leiter des Thalia-Theaters, das mit dem Windsor- Theater rivalisirt, hat ungefähr 14 Theaterstücke und Opern geschrieben. Er hat die wichtigsten Tragödien von Shakespeare übersetzt und bringt sie zur Darstellung. Die neuesten Stücke schreiben Lateiner, der Verfasser des „Wilden Mannes", Goodin und H o r v i tz. Das Gebäude selbst war das erste Theater aus dieser Seite. Es wurde im Jahre 1826 errichtet und seine Eröffnung war ein wichtiges Ereigniß. Bald räumten jedoch die Engländer den Deutschen dm Platz; diesen folgte das jüdische Theater. Wieviel Hunderttausenden, die nach der Last-Liäe (Ost-Seite) kommen, sind nicht die vier Säulen aufgefallen, über denen mit goldenen Lettern die Worte „Thalia-Theater" prangen! Es trägt jährlich - 18.000 Dollars. Die jetzigen Vorstellungen stehen nicht auf der Höhe der Deutschem Aber allen, die sich für den Einfluß Amerikas auf die Einwanderer interessiren, kann ich kein besseres Gebiet zum Studium empfehlen, das auch ihre festgewurzelten Vorurtheile gegen die Existenzen der „Schroitz-Werkftätten" beseitigen könnte. „Das Leben selbst", sagt Mr. Jacob A. Riis in seinem epochemachenden Buche, „wie die andere Seite lebt" ist hier „nur von geringem Werthe gegenüber den geringsten Bankrechnungen.... Wie oft sah ich diese polnischen und russischen Juden bis zur Erschöpfung arbeiten von Früh bis elf Uhr Nachts, um nur einen bescheidenen Sparpfennig zu erringen.... In keinem anderen Orte bietet das Leben einen so brutal materialistischen Anblick". Und Nacht für Nackt sah ich wieder itt beiden Theatern Männer, Frauen und Kinder gerade aus jenen Werkstättem Ich erzählte dies meinem Freunde, dem Cassier. „Sehen Sie, wie man uns mißversteht" — antlvortete er. „Sie finden viele arme jüdische Familien,

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