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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Date
1898-12-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 958 Br. Block's Wochenschrift. 52 physischen und geistigen Elends vor sich, die ihnen bisher verschlossen mar,' wiewohl sie sich in ihrer Mitte abspielt. Mit einer seltenen dramatischen Kraft und realistischen Wahrheit hat Frau von Zapotska das Judenproblem des Ghettos dargestellt; wir finden da keine überflüssigen Raisonnements, wohl aber echte Typen aus dem wirklichen Leben, die sich alle um die Hauptgestalt, Malta, plastisch gruppiren, und tragische Situationen, die auf die Zuschauer erschütternd wirken. Dieses Stück erscheint in unserem Blatte zuerst im Drucke. Feuilleton. Erstehung und Unterricht. Von Jda Oppenheim. Die Zerstreuung Israels, das ununterbrochene Martyrium des Judenthums, steht einzig in der Weltgechichte da. Der jüdische Stamm, trotz seiner staatlichen Einrichtung, trotz Scheiterhaufen, Hohn und Zurüch'etzung, die er erleiden mußte, besteht dennoch, und das ist ein Beispiel wie die Geschichte kein zweites anfzuweijen hat. Woher diese Erscheinung? Aus den Trümmern Jerusalems stieg ein Geist empor, welcher, stei von den Hüllen des Staates, seinen Anhängern neues Leben einflößte. Es ist das Studium der jüdischen Lehre! Während der Belagerung Jerusalems durch Titus ließ sich der berühmteste jüdische. Rabbi seiner Zeit, Rabbi Jochanan ben Sakkai, als Leiche aus der Stadt tragen, und dann erschien ec vor Titus, um für sein Volk zu bitten. Da forderte ihn Titus auf, sich eine Gnade zu erflehen. „Laß' mich, o Fürst, in Judea eine Schule gründen!" Lächelnd gewährte ihm Titus diese Bitte, nicht ahnend, daß dadurch das Wiedererwachen des Judenthums begründet ward. In der Schule wurzelt das eigentliche Leben Israels; in ihr liegt die Macht, die weltgeschichtliche Bedeutung. Die Culturvölker in Arabien, die Egypter, die Assyrier, Babylonier, Griechen, Römer, Germanen haben daran theilgenommcn. Während das eherne Rom unterging, besteht das besiegte Israel heute noch. Dieser Geist, der den Mischen Stamm noch heute erhält, hat seinen Grund in der Geschichte des Erziehungs- und Unterrichtswesens. Die Schule! Die Geschichte der jüdischen Schule reicht bis ikls graue Alterthum. Vater und Mutter waren die ersten Lehrer des Kindes — ja damals die einzigen in Israel. — Das Haus oder die Hütte, wo sie wohnten, war das Eltern- und Schulhaus. Vorschriften, die aus dem Munde des Vaters, Lehren, die aus dem Herzen der frommen Mutter kamen, wurden von den Kindern treulich geübt und befolgt. „Die Hütte Abrahams, Isaaks und Jacobs war zugleich Haus, Schule, Staat und Kirche," sagt Zeller in seinen Lehren der Erfahrung. Nicht der Gebrauch der Waffen, sondern der Gottesglaube war das Ziel der Erziehung. Die Eltern führen noch heute in den Gebeten den ehrenden Titel: Mein Vater, mein Erzieher! Meine Mutter, meine Erzieherin! weshalb auch bei den israelitischen Kindern das Ansehen der Eltern so hoch steht. Zur Zeit Salomons galt Reichthum nichts — nur Wahrheit und Erkenntniß. Die Nation hatte kein Lehrsystem, keine Schulen, keine Schulbücher. Das Ceremonialgesetz, mit so vielen heiligen, weisen Lehren verwebt, war ein hinlängliches Institut, war ihr Codex, ihre Pädagogik und ihr Studium. Die Beobachtung religiöser Gebräuche beschäftigte sie ohne Unterlaß. Der Auf- und Untergang der Sonne, Donner, Blitz, Regenbogen und jede Erscheinung, die die Seele erhebt und erquickt, der Genuß von Speisen und Getränken, auch Gerüche werden mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit gegen Gott entgegengenommen. Wenige junge Leute, besonders die Leviten, später die Propheten, widmeten sich ganz dem Studium. Wenn die Knaben heranwuchsen, halfen sie dem Vater bei den landwitthschaftlichen Arbeiten, die damals die Hauptbeschäftigung der Israeliten waren. Sobald das Kind zu lallen begann, lehrten es die Eltern das Schma Jisroel (Höre Israel). Als nach Jahrhunderten unter Philadelphus die jüdische Bevölkerung von Alexandrien immer mehr anschwoll, bewirkte ihr Wohnen in einer griechischen Stadt ihre Neigung zu Handel und Gewerbe ihre zunehmende Wohchabenheit. Ihr gutes Einvernehmen mit den Macedomern und die Gunst des Königs hatte zur Folge, daß die Juden sich schnell an ihre griechischen Mtbürger anschlossen. Ihr Sinn ward jedoch von der ererbten Gewohnheit abgewendet; ihnen gefiel das muntere Leben der Griechen; ihre Aufmerksamkeit wurde auf die Kunstwerke, von denen man in der jüdischen Welt keine Ahnung hatte, gelenkt. Den Höhepunkt jüdisch-alexandrinischer Gelehrsamkeit bildete der aus einer sehr angesehenen Famiüe stammende, für das Judenthum begeisterte große Philosoph Philo. Zu Zeiten der Makkabäer waren Kämpfe und Streitigkeiten zu sehr vorherrschend, als daß viel für Unterricht und Erziehung hätte geschehen können. Einen wesentlichen Einfluß auf das Schulwesen übte erst Simon ben Schebach. Erst der Hohenpriester Josua ben Gamala 63 n. Ehr. richtete Kinderschulen für Knaben von 5—6 Jahren in jeder Stadt ein und sein Name wird zum Segen genannt, während ben Schebach damals nur Schulen für Erwachsene von ±3—16 Jahren einrichtete. Nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Ehr., dem namenlosen Unglück, welches über die Juden hereingebrochen war, gab es zum Glück Männer, die nicht verzweifelten, z. B. Jochanan ben Sakkai! Auf den Gelehrten Jochanan folgte ein Enkel des großen Hillel. Trotz der Verbote haben die Weisen gelehrt; sie achteten nicht der Todesgefahr, nicht des Gefängnisses und erlitten den Märtyrertod um der heiligen Sache willen. Rabbi Akiba scheute keine Gefahr und fuhr fort zu unterrichten. Einst sprach Papus zum Rabbi: „Weißt du nicht, Rabbi, daß die Römer bei Todessttafe verboten haben, in der Thora zu forschend Fürchtest du nicht ergriffen und zum Tode geführt zu werden?" „Papus," sprach Akiba, „ich will dir ein Gleichniß erzählen: Einst ging der Fuchs am Ufer eines Sttomes entlang, und sah die Fische gegen das Uferden Strom dahin schwimmend „Fische! warum flieht ihr?" frug der Fuchs. „Wir fliehen," sagten die Fische, „vor den Menschen, die uns nachstellen und uns in ihren Netzen fangen wollen." „So kommt doch," rief der Fuchs, „zu mir aufs Land und versteckt euch in den Wäldern vor der Nachstellung der Menschen." „Bist du der Fuchs?" fragten die Fische ganz erstaunt, „den man als klug und listig preist? Ist doch das Wasser das Element unseres Lebens und in ihm sind wir nicht sicher, wie sollten wir auf dem ttockenen Lande, wo wir gleich sterben müssen, Ruhe und Sicherheit finden?" „Siche, Papus, die Thora ist das Element unseres Lebens, wie es heißt: denn sie ist dein Leben und die Länge deiner Tage! Wir können ohne das Studium nicht sein." Darauf fiel Akiba in die Hände der Römer und erlitt den martervollen Tod. Erst nach dem Tode Hadrians wurden die grausamen Verbote aufgehoben. Der Sitz der höchsten Schule war in Liberias. Es galt als Kennzeichen einer großen Stadt, eine Schule zu besitzen. Der Lehrerberuf galt den Weisen als der höchste. Was thut Gott in der vierten Stunde: „Er sitzt und unterrichtet die kleinen Schulkinder," sagte ein Rabbi. Nur Unwissende können wahrhaft arm sein. Wer ist unwissend? Der Kinder hat und läßt sie nicht unterrichten. „Geht hin," sprachen zwei heidnische Denker zu ihren Zeitgenossen, „geht hin in die jüdischen Schulen, wo die Kinder zur Beobachtung und Befolgung des Sittengesetzes herangebildet werden! Dort ist die Quelle seiner Stärke, dort das Geheimniß seiner Unverwüstlichkeit. Wollt ihr sie besiegen, so müßt ihr jene Stätten angreisen." Einst kam ein drolliger Perser zu dem gelehrten Rabbi und wollte das hebräische Gesetz und die hebräische Sprache lernen. Der Meister setzte sich ans Werk und begann: „Der erste Buchstabe heißt A l e p h." — „Wie beweist ihr mir, daß er A l e p h heißt?" „Siehe, der zweite Buchstabe' heißt B e t h." „B e t h?" fragt der Perser ironisch, „beweist mir doch, warum dieser Aleph und dieser Beth heißt/' Da griff der Rabbi an das Ohr des Persers und er schrie: „Mein Ohr!" „Dein Ohr?" fragte der Rabbi. „Beweise mir, das dieses „O h r" heißt." „Welch sonderbare Frage! Alle nennen es so — „Und Alle nennen den Buchstaben so — Der Perser wurde gelehrig und setzte das Studium fort. Bei den elastischen Völkern des europäischen Alterthums tritt der Jugendlehrer als Leibeigener, Selavensohn, uns entgegen. Der Stand der Jugendbildner bei Römern und Griechen war gedrückt und verachtet, ohne Wohlstand, ohne Anerkennung, ein Pariastand in der Gesellschaft. Die Lehrer, zumeist Selaven, waren nicht selten übelberüchtigte Individuen, über deren Sittenlosigkeit und Unfähigkeit Plutarch schmerzlich klagte. Die Lehrer wurden schlecht bezahlt und unter die Lohndiener und Schiffsarbeiter gestellt. Wie ganz anders war die Stellung und Achtung des Lehrers bei den Israeliten nach talmudischen Grundsätzen. Die Lehrer und Rabbiner wurden geehrt und sie liebten ihre Schüler, und das galt als die beste Disciplin und diese wurde erleichtert durch das Interesse, das die Eitern dem Unterricht entgegenbrachten. Das ftomme Familienleben ist der lebendige Religionsunterricht, den Eltern und Lehrer durch ihre Handlungen geben. Jede einzelne jüdische Gemeinde, jede einzelne Familie war eine Heimat jüdischer Theologie. Jüdisches Leben, jüdischer Geist ging bei den Kindern durch das Beispiel der Eltern in Fleisch und Blut über. Diese Begeisterung gab den Israeliten die bewunderungswürdige Kraft und Ausdauer zu leiden und zu kämpfen. Rabbi Jose ben Kisma erzählt:

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