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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Date
1898-12-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 Seite 955 Dr. Bloch's Wochenfchrifk. Es ist doch erstaunlich, daß Herr Herzberg-Fränkel, ohne irgendwie aus den Inhalt meiner Ausführungen des Näheren einzugehen von der Verpflichtung der Gemeinden spricht. Schulen zu gründen, als ob er nicht wüßte, wie das Land und die Gemeinden dieser Verpflichtung und noch dazu zu Gunsten der Juden Nachkommen. Wäre das Culturniveau in Galizien ein höheres, dann gäbe es weniger Elend bei den Juden und auch bei den Anderen, und es bedürfte nicht besonderer Rettungsactionen. Das von Herrn Herzberg-Fränkel angeführte Gleichniß von zwei Bettlern, von denen einer Brot und der andere ein Buch verlangt, hinkt; denn hier ist das Buch das Buch des Lebens, das Buch bedeutet Brot, und zwar nicht das harte Brot des Almosens, sondern es bedeutet eine dauernde Erwerbsfähigmachung. Das Buch ist in unserem Falle das Werkzeug des Handwerkers, es ist der Schlüssel zum Brotschrank. Leo Wolfram. Berlin. (Frau Lina M o r g c n st e r n.) Berliner Blätter berichten über das 25jährige Bestehen des Berliner Hausfrauenvereines und über die großartigen Ehrungen und Ovationen, welche man Frau Lina Morgenstern, der Begründerin und Mittelpunkt des Vereines darbrachte. Deputationen und Blumenspenden aller Frauenvereine, Bankett im Hotel Kaiserhof, Enthüllung ihres Bildes, Chorgesang und Theatervorstellung, schließlich die Ueberreichung einer Lina Morgenstern-Stiftung, aus dessen Fonds jene arbeitsunfähigen Dien st boten unterstützt werden sollen, welche vom Verein ausgezeichnet worden sind. Wir können mit Stolz auf unsere Glaubensgenossin blicken. Schon in ihrem 18.Jahre (1848) gründete sie als Mädchen in Breslau einen Verein, der heute noch blüht und den Zweck hat, arme Schulkinder mit Lehrmittel und Kleider zu versorgen. In New-Iork ist bereits seit 15 Jahren eine Lina Morgenstern-Loge,deren Zweck ist. Armen und Kranken wohl zu thun und Geselligkeit unter den Mitgliedern zu pflegen. Auch wir Wiener, so wie in vielen anderen Städten, haben nach dem Muster der von Frau Lina Morgenstern eingerichteten Volksküchen, Hausfrauenvereine, Kochschulen, Dienstbotenprämiirungen rc., solche hier errichtet und sind ihr zu Dank verpflichtet. Für die ersten Fröbel'schen Kindergärten wirkte Frau Morgenstern vereint mit Frau Baronin Marenholz im Sinne Fröbels als Vorsteherin und Präsidentin; sie schrieb damals das weitverbreitete pädagogische Buch „Paradies der Kindheit", von welchem schon die 12. Auflage erschien. Allgemein bekannt ist, daß sie sich der höchsten Gunst der in Gott ruhenden Kaiserin Augusta zu erfreuen hatte und so oft Frau Morgenstern die Kaiserin einlud, bei der Eröffnung einer neuen Küche zu sein, sie nie verfehlte, pünktlich zu erscheinen und das Essen zu kosten. Auf höchste Veranlassung errichtete Frau Morgenstern im Kriegsjahre 1870 in 24 Stunden in zwei ihr zur Verfügung gestellten Wagenschupfen auf dem Berliner Bahnhofe Küchen, in welchen sie vereint mit den Damen der Volksküchen täglich oft 10.000 Mann ab- und durchziehender Truppen Tag und Nacht speiste. Sie selbst hat über 2000 Verwundete (Deutsche und Franzosen), deren Wunden verbunden, oft mit eigener Lebensgefahr. Wir erwähnen noch, daß viele neue Vereine ihr ihre Begründung zu danken haben, daß sie seit 25 Jahren ihr Blatt, die „Deutsche H au s f r a u e n z e i t u n g", selbst redigirt, ein Blatt, welches eine Wochenschrift, die nationale und internationale Frauenbewegung und die gesummten Interessen der Frauenwelt vertritt, sowie auch als Unterhaltungsblatt für die Familie, nicht blos in Deutschland, sondern fast in allen Ländern gekannt und gelesen wird. Schriftstellerisch wirkte Frau Morgenstern nicht blos als Jugendschriftstellerin, sondern volkswirthschaftlich und belehrend fürs Haus und die Frauen. Wir glaubtet! auf das so thatenreiche, gemeinnützige, humane Leben einer der größten Frauen des Judenthums hillweisen zu müssen, um unsere Leser dieser seltenen Frau näber treten zu lassen, welche bei uns in Oesterreich und von den Glaubensgenossen noch viel zu wenig gekannt ist. Köln. Die „Kölnische Volks-Zeitung", welche in dem Dreyfus-Proceß von Anfang an eine sehr unparteiische Haltung bewahrt halte, schreibt über die gegenwärtige Stellungnahme der französischen Clericalen folgende bemerkenswerthe Worte: „Die französischen Katholiken unter sich. So weit ist es gekommen, selbst die Kirche und der Gottesdienst werden als Ort und Gelegenheit mißbraucht, um die Dreyfus-Frage und im weiteren Sinne den antisemitischen Rassenhaß zur Geltung zu bringen. Die Kirche wird zum Parteiloeal herabgewürdigt; es ertönt in den geweihten Räumen Hohngelächter über einen still anwesenden Priester (von dem die Meute der — Andächtigen kann man nicht sagen — Anwesenden weiß, daß er von jüdischen Eltern abstammt), als der Adventprediger auf der Kanzel die Judenschaft „zerzaust", wie die „Libre Parole", das Leibblatt leider so vieler Pariser Katholiken, sich ausdrücken. Der verdienstvolle, wohlthätige, harmlos-stille Priester muß angesichts des Altars moralisch Spießruthen laufen, man vergißt alle seine Verdienste, seine persönliche Würde — daß er von jüdischen Eltern abstammt, das ist ein Brandmal, das ihn in den Augen dieser Gesellschaft zum Auswürfling macht. Wahrlich, es ist weit gekommen!" Rom. Vor Kurzem wurde in Leyhorn ein Denkmal enthüllt zum Andenken an die Befreiung Italiens. Bei dieser Gelegenheit war ein großes Aufgebot von angesehenen Persönlichkeiten aus ganz Italien anwesend, darunter der Großmeister der italienischen Freimaurer Ernefto Nathan. Auch der Vertreter der Stadt Palermo Signor Primo Levi war ein Glaubensgenosse, sowie viele andere weniger bedeutende Anwesende. Zum Berichterstatter der Budgetcommission für das Etat des Auswärtigen Amtes wurde der SenatorArtom, der ehemalige Privatsecretär Cavours, ebenfalls ein Israelit, gewählt. Paris. Paul Meyer, der berühmte Director der E6ole des Chart es, hat kürzlich Gelegenheit genommen, einem Interviewer gegenüber seinen Anschauungen über _ den Antisemitismus Ausdruck zu geben. „Die Affaire Dreyfus" führte der berühmte Gelehrte aus, „ist nur ein Zwischenfall in dem Feldzug, der seit langem unterirdisch gegen die Juden geführt wird. Diese Affaire ist nur die Wirkung, eine Kraftprobe der antisemitischen Bewegung. Welches sind nun die unmittelbaren Resultate dieses Feldzuges? Die Juden, chicanirt, verfolgt, mißgünstig angesehen, scheiden mehr und mehr aus den liberalen Berufen aus. Seit 2 Jahren schon hat die Zahl der jüdischen Bewerber zur Aufnahme in die Kriegsschule von Saint Cyr und in die Polytechnik sich erheblich vermindert. Was werden sie schließlich thun, wenn man sie moralisch aus all diesen Laufbahnen verdrängt? Sie werden wieder werden, wozu man sie in vergangenen Jahrhunderten mit Gewalt^ gezwungen hat und was man ihnen noch heute immer vorwirft, sie werden sich wieder vorzugsweise dem ^Handel und Finanzgebiet widmen. Wen trifft dann die Schuld? Gerade begannen die Gebannten von ehemals sich den anderen Menschen zu asstmiliren, eine Verbindung entwickelte sich zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen, und siehe da, sofort wachen die alten Streitigkeiten wieder auf und werfen uns in jene Jrrthümer der Vergangenheit zurück. Dabei nehmen diese Streitigkeiten an manchen Stellen die gehässigsten Formen an und doch läßt man sie gewähren. Eine Regierung, so schwach, wie man sie sich kaum vorstellen kann, duldet Vorgänge, die ein ^Itteutat auf die Menschenrechte vorstellen. Man denke nur an die Vorgänge in Algier, wo die Juden geprügelt, ihre Läden geplündert werden, wo man Photographien aufnimmt von Personen, welche bei Juden kaufen und wo die Stadtbehörde die schlimmsten Ungerechtigkeiten begeht. Seitdem Mar Regis dort Bürgermeister ist, hätte die Regierung zehnmal das Recht und die Gelegenheit gehabt, ihn abzusetzen, ehe er so viel Böses thun konnte." Wie Recht der berühmte Gelehrte hatte, beweist am besten die, wenn auch verspätete Absetzung voN Max Regis. London. In der letzten Sitzung des Board of Deputier am 21. December theilte Mr. D. L. Alexander mit, daß er nach langen Verhandlungen mit denk Lordkanzler die Zusicherung erhalten habe, daß ein beeideter Dolmetscher des deutsch-jüdischen Jargons für den Gerichtshof in Whitechapel angestellt werden soll. Dieser Dolmetscher wird vom Board of Deputies präsentirt werden, sein Gehalt sott 3000 Mark betragen und wird vom Board gemeinsam mit dem russischjüdischen Comite getragen werden. Dagegen werden diesen Körperschaften die Sporteln zufließen, die 2 Sh. pro Fall betragen sollen. Man hofft, daß diese Neuerung den Juden

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