Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 950 Nr. 52 Dr. Vloch's Wochenschrift. Manöver und der Exodus der fortschrittlichen Gemeinderäthe war eine den Antisemiten gleichgiltige Demonstration. Die nächsten Wahlen werden vielleicht doch der antisemitischen Lotterwirthschaft ein Ende machen. Robert Wolf. Iudenstatistik in Galizien. Statistik wird heute nicht von Juden gemacht, wohl aber — gegen die Juden. Zumal in Galizien. Da erscheint von Fall zu Fall eine statistische Arbeit, herausgegeben von Privaten oder vom statistischen Landesbureau, die unter der Maske trockener Zahlen ein bestimmtes Gebiet herausgreift und dasselbe vom sonstigen Wirthschaftsleben isolirt darstellt, um den tendenziösesten Entstellungen und antisemitischen Verleumdungen neuen Stoff zu bieten. Man erinnert sich noch einer Publication des galizischen Landesbureaus über die jüdischen Großgrundbesitzer, die diesen am allerwenigsten schadete, wohl aber in der polnischen Presse und öffentlichen Meinung so krankhafte Wahnvorstellungen hervorries, daß seitdem jeder Bodenankauf, auch des ehrlichsten Juden zum Zwecke der Selbstbewirthschaftung, als ein „Nationalverlust" betrachtet und beklagt wird. Im Grunde genommen wäre gegen die von Polen ausgehende Statistik auch von jüdischem Standpunkte nichts einzuwenden. Aber sie müßte alle Gebiete des öffentlichen und ökonomischen Lebens und des Antheils der Juden darin umfassen. Denn nran gewinnt dann ein einheitliches, harmonisches Bild, in dessen Rahmen sich einzelne bei Christen oder Juden besonders auffallende Merkmale verwischen. Daß selbst eine solche Statistik, die doch in erster Linie berufen ist, den allgemeinen Interessen zu dienen, uns allein nicht hinreichen kann, ist wohl selbstverständlich, macht uns aber zur Psiicht, im eigenen Wirkungskreise die ergänzenden Berechnungen aus dem vorhandenen Material anzustellen. Ein solches allgemeines Bild galizischer Statistik bietet das soeben unter der Redaction des Reichsrathsabgeordneten Dr. Rutowski vom statistischen Landesbureau herausgegebene „Statistisch e Jahrbuch für Galizien.*) Dasselbe umfaßt die Jahre 1894—1897, gibt somit die Möglichkeit, einzelne Ziffern nach Jahren zu vergleichen. Dieselben bieten vielfach Aufklärung über die Zahl und den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung, die Betheiligung am Schulbesuch und an der Crimina.lität; die Zahl der bei Licitationen betheiligten jüdischen Gläubiger wird genau berechnet; wir erfahren den Percentsatz der Juden an den geistigen Krankheiten, Ehescheidungen u. s. f. Bevor wir uns mit diesen einzelnen Ziffern, die hauptsächlich das culturelle und ethische Niveau der galizischen Juden beleuchten, näher beschäftigen, mag früher festgestellt werden, was wir aus diesem Jahrbuche nicht erfahren. Denn es sind gerade Dinge, die sowohl für den Kampf gegen antisemitische Verleumdungen, als insbesondere für die Frage der ökonomischen Hebung der jüdischen Volksmassen von höchster Wichtigkeit sind. Wir finden keine jüdische Berufs ft ati st ik. Auf die Frage, wovon lebt die Bevölkerung in Galizien, erhalten wir wohl eine detaillirte Antwort nach den verschiedensten Verufscategorien, aber nicht bezüglich der Juden. Da schwebt also in Galizien wie in ganz Oesterreich über der gesammten jüdischen Bevölkerung eine egyptische Finsterniß, und den verschiedensten tendenziös zugefärbten Muthmaßungen vermögen wir keine präcise Antwort entgegenzustellen. Es ist bekannt, daß in Galizien h u nd e r t e von Familien als Grundbesitzer oder Pächter Landwirthschast treiben, aber da die officielle Statistik nichts davon erzählt und von jüdischer Seite bisher nicht die mindeste Anstrengung gemacht wurde, die Zahl, Namen und Orte sestzustellen, so dürfen wir uns nicht wundern, daß diesen „philosemitischen" Behauptungen Niemand Glauben schenkt. Wir werden später erfahren, wieviel Juden die Mittelschulen besuchen, aber wir vermissen im Jahrbuch jede Andeutung, ob in die zahlreichen Ackerbau- (7), Forst- (2), Gartenbau- (3), Holzindustrie- (7), Weber- (6), Kordsiecht- (5), Spitzenklöppel- (4) Schulen u. dgl., die den Staat allein 82.000, dem Lande aber 50.000 Gulden kosten, unter den 1024 Schülern irgendlvelche Juden sind, und wenn nicht, warum? *) Roczuik statystvki GaHeyi. 1894—1897. Leinberg 1898. S. 368. Die Zahl der Analphabeten in Galizien beträgt über 70 Pereent. Wie hoch ist der Percentsatz bei den Juden? Darauf suchen wir vergeblich eine Antwort. Wieviel Juden mögen in einem so orthodoxen Lande wie Galizien unter den 669 Selbstmördern des Jahres 1894 gewesen sein? Auch da bleibt unsere Neugierde unbefriedigt. Aehnlich verhält es sich mit der Mortalität, der Anzahl der Krüppel, Ehen u. s. f. unter den Juden. Da wurde überall die Rubrik „Confession" weggelassen. Denn solche Berechnungen erheischen viel Arbeit und haben schließlich ein Interesse, allerdings ein sehr großes Interesse nur für — Juden. Die jüdische Bevölkerung in Gal'zien wohnt hauptsächlich in den Städten. Von den 768.845 Juden entfallen auf Städte 539.274, d. h. 37-7 Percent der städt. Bevölkerung „ Dörfer 229.571, „ „ 4-43 „ „ ländl. Da die politischen Bezirke, sowohl Städte als Landgemeinden umfassen, so ist der Percentsatz der Juden in den Bezirken ein anderer, und er variirt zwischen 20-06 Percent (Drohobycz) und 1-91 Percent (Mystenice). Trotzdem in der Stadt Krakau 28-07 Percent Juden wohnen, entfallen aus den politischen Bezirk Krakau (sammt Umgebung) kauni 2-79 Percent Juden. Der Percentsatz der Juden in den Städten bewegt sich zwischen 72-72 Percent (Brooy) und 13-43 Percent (Wadovice). Und davon hängt auch die Zahl der jüdischen Mittelschüler ab, die im Jahrbuch äußerst genau berechnet wird. Die 33 galizischen Mittelschulen (29 Gymnasien und 4 Realschulen) besuchten im Schuljahre 1895—1896 14.289 Christen und 2626 Juden. Das wäre 18*88 Percent. Die Juden bilden aber 37-7 Percent der städtischen Bevölkerung; sie sind somit im Nachtheil. Trotz des verschrieenen Bildungsdranges und des heißen Strebens des Juden nach einer aufsteigenden Classenbewegung, hat der Jude gegenüber dem städtischen Mitbürger christlichen Glaubens eine 50percentige geringere Möglichkeit, seinen Sohn studiren zu lassen. Das sagt genug für die Beurtheilung der ökonomischen Lage der Juden. Daß lediglich die ökomischen Verhältnisse dabei mitspielen, geht aus dem Vergleich zwischen einzelnen Städten nach der bekannten Armuth ihrer jüdischen Bevölkerung hervor. Städte. Zloczow Sanok Rzeczow hingegen: Drohobycz Jaroslau Lemberg Podgorze Jüdischer Percentsatz der Bevölkerung 50-29 45-62 45-95 48-60 26-68 28-24 32-61 Jüdischer Percentsatz der Schüler 10-90 6-41 9-52 30-27 20*92 21*— 24-67 Die Zahl der jüdischen Mittelschüler nimmt alljährlich zu, aber in äußerst geringem Maße. 1893- 94 .... 2319, d. h. 17-93 Percent 1894- 95 .... 2422, „ „ 18*04 1895- 96 .... 2626, „ „ 18-38 - Fassen wir noch ins Auge, daß der christlichen Jugend alle bereits genannten Landwirthschafts- und Industrieschulen offen stehen, so ersehen wir, wie gering für die Juden die Möglichkeit der Erlangung einer besseren Lebensstellung oder einer höheren Intelligenz ist. Und wenn gerade das jüdische Jntelligenzproletariat leicht auffällt, so ist das begreiflich, wenn man bedenkt, daß der jüdischen noch so minimalen Intelligenz die meisten Berufe und Amtsstellen entzogen sind. Ja, selbst als V o l k s s ch u l l e h r e r findet der Jude nur in den wenigen jüdischen Schulen, die erst durch die Baron Hirsch'sche Stiftung reichlich vermehrt wurden, Stellung. Darnach richtet sich auch der Besuch der zehn Lehrerseminare. Wir finden in denselben: Christliche Christliche Jüdische Jüdische Schüler Schülerinnen Schüler Schülerinnen 1893 1079 621 72 — 6-2 Perc. 43 6*5 Perc. 1894 1492 648 108 6-7 „ 38 5*5 , 1895 1803 665 110 5-7 „ 28 4*- „