Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 949 brennenden Zweigen gefüllten Graben gestürzt wurden wegen ihrer Weigerung, den Drohungen des Priesters und des Mönches zu weichen, welche da waren und denjenigen Aufnahme und Schutz anboten, welche die Taufe annehmen. Und die Judenfrauen warfen ihre Kinder in den Backofen, damit man sie ihnen nicht raube, um sie zu taufen. Zu behaupten, daß die Juden ein Fremdkörper im französischen Volke sind, der nicht assimilationsfähig ist, das ist die Negation des gesunden Menschenverstandes und der Geschichte. Im Mittelalter war die Devise: „Außerhalb der Kirche kein Vaterland"; da konnten sich die Juden freilich nicht in die Bevölkerung hineinfinden. Jede Arbeit war ihnen verwehrt und so mußten sie sich einem Handel zuwenden, welcher ihnen am ehesten ermöglichte, ihr Hab und Gut der Raubgier der Verfolger zu entziehen. Sie haben den Wucher betrieben zum Nutzen des Adels und sie wurden gehaßt als das Werkzeug fiskalischer Unterdrückung. Wenn solche Infamien, wie. sie in Algier geschehen sind, in Frankreich begangen würden, und wenn sich Menschen bei uns fanden, die sie billigen,' so hätte ich nicht genug des Zornes und der Entrüstung, um sie zurückzuweisen; aber das ist niemals geschehen. Redner schildert die Plünderungen, die auch an Christen, die man für Juden hielt, begangen wurden und fragt: „Glauben Sie, daß diese Abscheulichkeiten sich lange wiederholen können? Die Ehre Frankreichs ist interessirt daran, daß sie aufhören. Die Ehre Frankreichs blutet unter diesen Feigheiten. Witt man eine St. Bartholomäusnacht veranstalten? Wir wollen die Gleichheit aller Staatsbürger! Die Juden sind ein Theil der französischen Gesellschaft gerade so gut wie die Anderen". -i- * * Das sind nur einige wenige Stellen aus der schwungvollen Rede Rouanets. Und nun erhob sich Dupuy mit der Erklärung, erwerdeüber den Antisemitismus offen seine Meinung sagen. Es sei eine wahrhaft schwere, mindestens sehr ernste Krankh eit, welche sich d es sch önen, reizenden und fruchtb aren Algier bemächtigt habe — er meine den Antisemitismus. (Zwischenruf : Es ist eine Geisteskrankheit!) Man sei mit der These, für welche man in der Hauptstadt nur die Religion und die Rasse verwerthen konnte, übers mittelländische Meer gegangen, weil man dort den wirthschaftlichen Gesichtspunkt hinzufügen konnte. Dort waren die Juden die natürlichen Vermittler zwischen den Eroberer und den Eingeborenen, deren Beider Sprachen sie verstanden, und sie haben dabei Profit gemacht. War es deshalb erlaubt, alle Juden in einer Art von Subscription zusammenzufassen? Wenn es wirtschaftliche Uebelstände gibt, muß man nach gesetzlichen Maßregeln suchen, um sie zu bewältigen, nicht aber die Austreibung der Juden predigen, sie ins Meer werfen wollen, nachdem man sie geplündert hat. Wie kann man einen solchen Haß hegen und unterhalten wollen in unserem zu Ende gehenden XIX. Jahrhundert, hundert Jahre nach der französischen Revolution, welche die Freiheit des Gewissens, die bürgerliche und politische Freiheit geschaffen hat? Die Antisemiten wünschen die Proscription des jüdischen Capitals und die Prüfung der jüdischen Vermögen. Was das Capital betrifft, es ist bei Juden wie bei den anderen Menschen und auch bei Christen. Es gibt aber unter ihnen gar viele Unglückliche, welche mehr Mitleid als Zorn verdienen. Es gibt auch Juden, die ein Bischen eitel sind, vielleicht auch ein Bischen zu anmaßend. Gibt es aber in dieser Beziehung nicht Christen, welche Juden sind? (Heiterkeit.) Sind es Capitalisten, sind es Millionäre, diese unglücklichen Hausirer, welche in den Straßen Algiers nicht verkehren dürfen, welchen man den Verkauf verbietet, der ihnen das tägliche Brod verspricht, aber es ihnen nicht immer gibt? Waren das Leute, deren Ueppigkeit für die sociale Ordnung gefährlich ist? Die Herren Antisemiten lachen — ich kann Ihnen nur mein Bedauern aussprechen. „Frankreich für die Franzosen!" rufen Sie aus, das heißt. Sie wollen keine Juden in Frankreich. In Algier sind vier Millionen Eingeborene und nur 400.000 Europäer. Wolle man da auch sagen: „Frankreich für die Franzosen!"? Dupuy erklärt, die Regierung werde eine solche Agitation durchaus nicht dulden, der Antisemitismus erwecke in der irregeleiteten Bevölkerung Hoffnungen, die sich niemals verwirklichen können. Die Erfüllung der Pläne der Antisemiten wäre eine Zerstörung derCivilisation und der Menschlichkeit. Die große Revolution habe ihre Grundsätze mit blutiger Schrift in die Herzen der Franzosen eingeschrieben und diese Grundsätze seien die Freiheit des Gewissens, die Gerechtigkeit, die bürgerliche und dre politische Gleichheit! Wenn wir in der Bevölkerung die Gefühle der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Freiheit wachrufen, wenn wir ihr sagen, daß man Zusammenleben, daß man sich vertragen und Dasjenige sehen muß, was vereinigt und nicht das, was trennt, so bin ich sicher, daß unser Appell nicht vergeblich sein wird, und daß unsere Brüder in Algier uns verstehen werden. * * * Die Rede des Ministerpräsidenten wurde von der Kammer mit Enthusiasmus ausgenommen; von allen Seiten eilten die Deputirten herbei, um ihn zu beglückwünschen. Die von der Kammer angenommene Tagesordnung sprach die Erwartung aus, daß die Regierung der Gewissensfreiheit Achtung verschaffen und die Sicherheit des Eigenthums in Algerien gewährleisten werde. Zugleich wurde die Affichiruna dieser Rede in Algerien beschlossen. Und nun vergleiche man mit diesem entschiedenen Eintreten für das Recht und die Menschlichkeit die nothgedrungene Erklärung unseres Ministerpräsidenten Grafen Thun, der sich zu dem Zugeständnisse herbeiließ, daß auch das Leben und das Eigenthum der Juden Anspruch auf gesetzlichem Schutz habe, und wer das nicht anerkenne, der stehe auf einer niedigeren Culturstufe. Die Verdrießlichkeiten, welche sich Graf Thun deshalb seitens der Antisemiten zuzog, hätte er sich füglich ersparen können. Die sozusagen polizeiliche oder strafrechtliche Gleichberechtigung irgendwelcher Menschen im Staate anzuerkennen, dazu gehört gerade kein hohes Culturniveau. Auch das Thier, das einem Änderen gehört, darf man nicht erschießen, und die Beschützung vor Mord und Raub ist lange nicht hinreichend, um den Gedanken der Gleichberechtigung und der Gewissensfreiheit adäquat auszufüllen. Und wenn wir die Rouanets in unserem Parlament suchen wollen, so können wir die Species auch in der fortschrittlichen Partei kaum entdecken. Dem Antisemitismus gegenüber betreten sie Alle mit Scheuklappen die parlamentarische Laufbahn, und das Cokettiren mit dem Salon-Antisemitismus betrachtet auch so Mancher als nützliches Requisit zur Förderung seines Streberthums. * * Das Unterschlagen ist eine dem Herrn Ernst Vergani so lieb gewordene Gewohnheit, daß er auch bei der Wiedergabe der Gemeinderathsberichte nicht davon lassen kann. So finden wir denn im „Deutschen Volksblatt" von der Rede, welche Gemeinderath Dr. Alfred S t e r n in der Budgetdebatte hielt, außer der Erwähnung, daß er überhaupt gesprochen hat, nicht ein Wort. Das hindert nun freilich nicht, daß diese ausgezeichnete Rede das Tagesgespräch in ganz Wien bildet, in welchem sich die Nichtleser des Äntisemitenblattes schließlich doch noch in der Majorität befinden. Dr. Alfred Stern spricht allerdings nicht für Mindergebildete, z. B. für die antisemitischen Gemeinderäthe, von denen die Meisten vielleicht keine Ahnung davon hatten, wie gründlich der Nimbus der Gemeindeverwaltung durch diese klaren und einwandfreien Auseinandersetzungen in den Augen jedes urtheilsfähigen Menschen zerstört wird. Wem es bisher noch nicht überzeugend klar geworden ist, daß das Regime Dr. Lueger sich als gänzlich unfähig erwiesen, daß es die Finanzen dieser Stadt zerrüttet und um unzählige Millionen geschädigt hat, der lese diese Rede des Herrn Dr. Alfred Stern nach, welcher bei diesem Anlasse mit Herrn Dr. Lueger gründliche Abrechnung hielt und ihm in lapidaren Worten sagte, daß er das Glück und den Frieden, den Wohlstand, die Ehre und die Reputation seiner Vaterstadt Wien zerschmettert hat. Ein treffendes Wort hat auch Gemeinderath Wurm für die Gasblamage gesunden, indem er die Gaswerke auf der Schmelz als das Mausoleum bezeichnete, das Dr. Lueger sich geschaffen hat. Wie es mit dem Erträgnisse der Gaswerke bestellt sein wird, das zeigte wieder Gemeinderath Ziffer er an der Hand von Zahlen und Thatsachen. Wir werden froh sein müssen, aus den Gaswerken überhaupt Gas zu bekommen. Solche Dinge druckt ein „ehrliches" Antisemitenblatt freilich nicht ab. Die Drosselung der Debatte über das Budget war ein selbstverständliches