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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Date
1898-12-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 948 Dr. Bloch's Wochenschrift. Är. öä wahrte sich das Volk durch die starke jüdische Beimischung, die es schon seit der Ptolemäerzeit erfahren hatte, einen großen Theil seiner alten Frische". Ausführlich spricht er dann an einer anderen Stelle von den Juden: „Nur einer ihrer (der Semiten) Stämme hat sich bis auf den heutigen Tag in ungebrochener Kraft erhalten und der Weltcultur Dienste geleistet, deren Größe außer allem Verhältniß zu seiner geringen Menschenzahl steht. Als das Alterthum sich dem Untergange zuneigte, hat er die christliche Religion als Vermächtniß für eine bessere Zeit aus sich hervorgehen lassen, dann durch die Schöpfung der neuplatonischen Philosophie auch das Heidenthum neu belebt. Im Mittelalter hat er fast den gesummten Geldverkehr zu monopolisiren ver» standen, in der Neuzeit Europa einen seiner größten Denker geschenkt; und seit in unserem Jahrhundert die gesetzlichen Schranken gefallen sind, die ihn bis dahin einengten, gibt es kein Gebiet der geistigen und wirtschaftlichen Thätigkeit, auf dem er nicht sogar der germanischen Nation zum ebenbürtigen und oft überlegenen Mitbewerber würde. Und dieser Stamm ist nicht etwa ein Liebling des Glückes gewesen, sondern im ganzen Verlauf der Geschichte hat kein anderes Volk so viele Schläge und Niederlagen erlitten, wie die Juden." Nach einem kurzen Ueberblick über die Leidensgeschichte der Juden und Schilderung ihrer heroischen Kämpfe unter den Makkabäern, denen gegen die Römer zur Zeit des Titus und im Aufstande gegen Hadrian, und der grausamen Verfolgungen durch die Römer, fährt Seeck fort: „So wurden die Juden wieder und wieder ausgetilgt; doch während bei den übrigen Nationen des (römischen) Reiches die Bevölkerungszahl zurückging, sind bei ihnen aus den spärlichen Ueberresten stets neue Millionen erwachsen. Und an geistiger Kraft haben sie niemals eingebüßt, sondern, wie auch um sie die Culturepochen wechselten, immer bis auf den heutigen Tag standen sie auf der vollen Höhe ihrer Zeit". Er sucht dies an dem Beispiele der Spanier, Engländer, Deutschen und Italiener damit zu erklären, daß „große Verheerungen in demselben Maße wie sie die Kopfzahl eines Volkes zeitweilig herabsetzen, sein geistiges Niveau auf die Dauer zu heben" geeignet sind. Er meint eben mit Darwin, daß nur die Tüchtigsten und Kräftigsten eine solche Verfolgung und Verheerung überstehen „uno nach dem Gesetze der Erblichkeit pflanzen sich diese Vorzüge der Ueberlebenden — Muth, Kraft, Energie und Klugheit — auch aus ihre Nachkommen fort und steigern sich wenigstens in Einzelnen von ihnen ... „Waren die Ueberlebenden der Schreckenszeit zumeist nur die Besten ihres Volkes, so werden unter denjenigen, welche ihre Söhne und Töchter erzeugen, die Besten ihres ganzen Zeitalters sein. Oft freilich hat der erste Nachwuchs noch nicht die Möglichkeit, den geistigen Bestrebungen, die doch fast alle zum schönen Luxus gehören, seine Kräfte zu widmen; vorher muß für die nöthigsten Lebensbedürfnisse gesorgt und die drückende Armuth, welche die Zeit der Zerstörung hinterlassen hat, überwunden werden. Aber ist der Wohlstand hergestellt, und der Menschenverlust ersetzt, so erhebt sich das gereinigte Volk zu seiner höchsten Höhe. Den Juden war dies Glück in der römischen Kaiserzeit und im Mittelalter nicht beschieden, weil die Schläge zu schnell folgten und auch in den Zwischenräumen der Druck, der auf ihnen lastete, zu hart blieb, um ihnen ein freies Regen des Geistes zu gestatten. Dafür sind sie wieder und immer wieder durch die grause Zuchtwahl des Völkermordes veredelt worden; mit welchem Erfolge, das zeigt die Neuzeit, in der sie von dem neuverliehenen Rechte, an der geistigen Arbeit der Nationen unbeschränkten Antheil zu nehmen, in so glänzender Weise Gebrauch machen. Wenn wir nun sehen, wie man jetzt, da doch eine materielle Zerstörung oder Unterjochung des Judenthums nicht gut ausführbar ist, versucht, sie vom geistigen Leben der Culturvölker auszuschließen oder wenigstens darin zu beschränken, wenn wir sehen, wie in Rußland dem größten Theil der Juden der Zutritt zu den Unterrichtsanstalten erschwert oder ganz unmöglich gemacht wird, wie in Wien und Berlin jüdische Lehrer zurückgesetzt oder ganz verdrängt werden, so sind wir. Dank der Elasticität und Widerstandskraft des jüdischen Geistes, doch der Zuversicht, daß er auch aus dieser Verfolgung nur um so gekräftigter hervorgehen wird. Wir können aber auch ein Beispiel aus der Geschichte des Christenthums dafür anführen. Als nach dem Tode des Kaiser Constantius (361 n. Chr.) der vom Christenthum wieder zum Heidenthum zurückgekehrte Julian, der deshalb Apostata genannt wurde, Alleinherrscher ward, trat, wie damals die Heiden sagten, „ein erfreulicher Aufschwung des religiösen Geistes" ein; Tempel wurden restaurirt oder neu erbaut, Götterbilder wieder aufgestellt und geschmückt, der Kaiser und die vom Hofe Abhängigen betheiligten sich eifrig an dem Göttercultus. Leute, die den Göttern nicht die gebührende Ehre erwiesen, wurden strenge bestraft. Es war, wie die Lobredner des Kaisers behaupteten, keine Christenverfolgung, man wollte nur den „ungebührlichen Einfluß der Christen beschränken" und sie auf gütlichem Wege „von ihrem Jrrthum bekehren". Unter anderen Maßregeln, die zu diesem Zwecke getroffen wurden, war auch das Verbot, christliche Lehrer der Grammatik, Beredsamkeit und Philosophie anzustellen. In der Motivirung des betreffenden Gesetzes heißt es: „Die Werke, in denen die Grundlagen der Wissenschaften enthalten sind, haben alle die Anbeter der Götter zu Verfassern, sie sind ganz von echtem Hellenismus durchtränkt; ein Christ, der darin unterrichtet, ist daher ein Lügner und Heuchler, da er das lehrt, woran er selbst nicht glaubt." Den Christen wurde „aus besonderer Gnade" noch der Besuch der öffentlichen Schulen gestattet und nicht einmal besondere Classen für sie eingeführt, sie durften auf denselben Bänken mit den Heidenkindexn sitzen. Doch berichten manche Autoren, daß die christlichen Schüler vom Unterricht später ganz ausgeschlossen wurden. Wie wenig diese Gesetze dem Christenthum geschadet haben, lehrt die Geschichte. Kaiser Julian hat nur drei Jahre regiert und nach seinem Tode war der unaufhaltsame Siegeszug des Christenthums gesichert. L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Bürgermeister von Algier. — Die Ehre Frankreichs. — Dnpuy über den Antisemitismus. — Paris und Wien. — Das Lueger-Mausoleum). Die französische Kammer befaßte sich in der vorigen Woche mit den Interpellationen, welche wegen der Sufpendirung des Bürgermeisters von Algier, Max R ö g i s, an die Regierung gerichtet wurden. Die Wiener Blätter brachten über diese Debatte kurze Telegramme, aus denen allein schon ersichtlich war, daß nicht bloß die speciellen Ausschreitungen des Demagogen, der in Algier die erlangte Gewalt mißbrauchte, sondern der Antisemitismus überhaupt in der Kammer die schärfste Verurtheilung fanden. Nunmehr liegt uns ein nach dem stenographischen Protokoll wiedergegebener ausführlicher Bericht über jene Sitzung im „Temps" vor, und aus diesem vollständigen Berichte erst gewinnt man den richtigen Eindruck davon, mit welcher Schärfe nicht bloß der Deputirte Rouanet, sondern auch der Ministerpräsident Dupuy den Antisemitismus , als solchen aufs Schärfste verdammten, mit welchem hohen sittlichen Ernste, ja mit welcher Begeisterung der Ministerpräsident für die Gewissensfreiheit und für dre Gleichberechtigung eintrat, und mit welchem stürmischen Beifall diese seine Ausführungen von der ganzen Kammer mit Ausnahme der paar Geschäftsantisemiten aufgenommen wurden. * * * Man sage, so führte Rouanet aus,' die Juden seien eine Raffe. Aber die Gelehrten sind selbst über diesen , Punkt nicht einig, und Sie, nämlich die Antisemiten, wollen eine praktische Politik auf eine wissenschaftliche Hypothese hin, die nicht erprobt ist, begründen. Seit 1851 haben die Christen in Frankreich, diejenigen, welche Sie die Repräsentanten des alten Frankreich nennen, mehr Judenmädchen geheiratet als französische Bürgers- oder Proletariertöchter. Vergißt man, daß das Judenthum der Stamm ist, von welchem das Christenthum einen Zweig darftellt? Was machen Sie mit den Nachkommen der Juden, welche freiwillig oder gezwungen unseren Glauben angenommen haben? Erinnern Sie sich an die wunderbare Stelle bei Michelet über die 160 Juden, welche in einen mit

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