Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Date
- 1898-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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maamsmmürsshhü : Seite 946 Dr. Blockes Worlrenschrifk. Nr. 52 Frankreich und in Algier zeigt, daß der Judenhaß und die Intoleranz international sind, und erst in den letzten Tagen des Jahres zeigte sich in Frankreich ein Schimmer der Besserung, indem die Negierung den antisemitischen Bürger in eister von Algier suspendirte und der Ministerpräsident in der Kammer eine gegen den Antisemitismus gerichtete Erklärung abgab, zu deren Aufrichtigkeit und Unzweideutigkeit sich eine österreichische Regierung bisher niemals auszuschwingen vermochte. Tie „Oefterreichische Wochenschrift", welche mit dem 1. Jänner 1699 in das sechzehn te Jahr ihres Bestandes tritt, ist auch in dem abgelaufenen Jahre der großen Aufgabe, welche ihr Herausgeber Tr. Josef Bloch sich vom ersten Tage ihres Erscheinens an gestellt und mit Hingebung für die Sache des Judenthums zu erfüllen bestrebt war, treu geblieben. Das Blatt hat allen den Erejgn.ssen und Wandlungen, die wir bei diesem kurzen Rückblick nur flüchtig andeuten wollten, seine vollste Aufmerksamkeit zugewendet. Wir dürfen bei diesem Anlasse an die denkwürdigen Erfolge der „Oesterreichischen Wochenschrift" in dem Kampfe gegen jene Feinde des Judenthums erinnern, welche sie als Fälscher, als Verleumder und als Meineidige vor Gericht entlarvt hat. Unsere Enthüllungen über das Treiben eines Rohling, B r i m a n, Paulus M e y e r und D e ck e r t bilden ein hochwichtiges Eapitel in der Geschichte des modernen Judenthums. Die „Oefterreichische Wochenschrift", welche aus den Kreisen der Besten unserer Glaubensgenossen einen Stab von Mitarbeitern um sich versammelt hat, ist eine unerschöpfliche Rüstkammer für alle Jene im In- und Auslande, welche im Kampfe für das Judenthum und für die Ehre des jüdischen Namens den sich immer erneuernden verleumderischen Angriffen mit den Waffen der Wahrheit und der Tharsachen entgegentreten. Politiker und Parlamentarier, Publicisteu und Eultusvorstände wenden sich in wichtigen Momenten an die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift", um sich Rath zu holen. Wir dürfen in aller Bescheidenheit aussprechen, daß wir im Laufe einer mühseligen und entsagungsvollen Thätigkeit von anderthalb Jahrzehnten uns ein Anrecht auf die Dankbarkeit unserer Glaubensgenoffen erworben haben. Unsere unparteiische Haltung gegenüber allen neuen Erscheinungen innerhalb des Judenthums war uns die Richtschnur in unserem Verhalten zur zionistischen Bewegung. Alle Anfeindungen von rechts und links werden uns nicht irremachen an der Verpflichtung einer objectiven Publicistik, alle Zeitereignisse, mögen sie nun für die eine oder für die andere Partei günstig oder ungünstig sein, gewissenhaft zu registriren. AUL Wahrheit und Aufrichtigkeit allein wird den Interessen des Judenthnms gedient. Die „Oefterreichische Wochenschrift" wird auch in Zukunft jederzeit, wo immer gegen die bürgerliche, gesellschaftliche und wirthschaftliche Gleichberechtigung der Juden irgend etwas unternommen wird, begeistert und unerschrocken für die Rechte unserer Glaubensgenoffen eintreten. Der wirtschaftliche Boycott, welcher insbesondere in Wien unter den Augen der Behörden gegen die Juden straflos gepredigt werden darf, legt uns die Wicht auf, jede derartige Ausschreitung zu stigmatisiren und die Behörden, deren Pflicht die Aufrechthaltung der Gesetze ist, laut und weithin vernehmbar an die Erfüllung dieser Pflicht zu erinnern. Wo immer an unseren Mitbrüdern um ihres Glaubens willen ein Unrecht begangen wird, sollen sie in der „Oesterreichischen Wochenschrift" einen ebenso selbstlosen als eifrigen publiu'stischen Anwalt ihrer bedrohten Interessen ffnden. Andererseits werden wir nach wie vor bemüht sein, den Sinn für echt jüdische Sitte und Frömmigkeit, für die erhabenen Lehren unserer Religion, für die ehrwürdigen Gebräuche unseres Cultus, für die liebevolle und treue Pflege des Religionsunterrichtes thälig zu sein und dieses Blatt nach wie vor in den ausschließlichen Dienst einer Sache zu stellen, die wir Alle als eine heilige erkennen. Zur Erfüllung dieser edlen und schönen Aufgabe bedürfen wir aber de' unablässigen geistigen und materiellen Mitarbeiterschaft und Mitwirkung aller unserer G l a u b e u s g e n o s s e n. Wir bitten alle unsere geehrten Leser, Freunde und Gönner, die Sympathie und Theitnahme, welche sie dem Wirken der „Oesterreichischen Wochenschrift" nunmehr seit so vielen Jahren entgegenbrachten, uns auch im neuen Jahre zu erhalten. Dadurch, daß sie zur weitesten Verbreitung dieses Blattes eifrigst beitragen, heben sie sein Ansehen, seinen Einfluß in der öffentlichen Meinung auch im Interesse des uns Allen so sehr am Herzen liegenden Judenthums. Möge es unserem vereinten Bemühen und der Hilfe Gottes gelingen, den Geist der Verfolgung zu bannen, die Juden unter dem gemeinschaftlichen Symbol ihres Glaubens zu einen. Und so schließen wir denn diese Betrachtung und diesen Neujahrsgruß an unsere geehrten Freunde mit dem innigen Wunsche, daß, wenn künftig von der Neujahrsnacht eines Juden gesprochen wird, mau dabei nicht mehr denke an die Neujahrsnacht eines U n g l ü ck l i ch e n, sondern an die von Menschen, denen ein gleiches R e ch t zusteh t wie allen Anderen auf bürgerlichen Frieden, auf Gewissensfreiheit und Wohlfahrt auf dieser „stillen, reinen, weißen Erde" l Die Ewigkeit des Iudenthums. Eine der dunkelsten und vieldeutigsten Stellen des alten Testaments ist die Erzählung von dem nächtlichen Kampfe des Patriarchen Jacob ' mit dem Namenlosen (Genesis XXXII). Unentschieden wogt der Kampf im Finstern; aber Jacob, wenn er auch nicht unversehrt aus dem Kampfe herausgeht, wird doch nicht besiegt, und wie die Morgenröthe anbricht, muß der furchtbare Gegner entweichen. Das scheint wohl darauf hinzudeuten, daß dieser den Mächten der Finsterniß angehörte, die den Menschen nur im Dunkel der Nacht gefährlich werden können, aber beim Anbruch des Morgens ihre Macht verlieren und in ihr finsteres Reich zurückkehren müssen. Wir können in diesem Kampfe aber auch eine allegorische Darstellung der Schicksale des jüdischen Volkes sehen, dem die Gegner nur gefährlich werden können, wenn es ringsum finster ist. Da muß es schwer kämpfen; es wird verwundet, aber nicht besiegt, und wie es wieder licht wird, v.rschwindet der tückische Feind. Die Sonne geht auf, und bald erscheint auch der früher gefürchtete Esau, freundlich und zärtlich wie ein Bruder. Die „zwei Völker" (Genesis XXV, 23) umarmen einander und weinen vor Freude. In einer solchen vorübergehenden Finsterniß wandert jetzt das Volk der Juden in schwerem Kampfe mit den häßlichen und tückischen Mächten der Finsterniß. Wiederholt ertönt der Ruf: „Wächter, wie weit ists rn der Nacht?" Aber er verkündet noch immer nicht den Morgen. Da ist es wohl eins kleine Erquickung, wenn hie und da ein Mondstrahl das Dunkel erhellt oder noch ein schwacher Schimmer des vergangenen Tages erscheint. Der beste Schutz und Trost ist aber das Licht, das wir selbst mit uns tragen, die unverlöschliche Lampe, die uns vor Jahrtausenden am Sinai angezündet wurde. Die Lampe, die stets mit ihrem ruhigen, klaren Licht leuchtete, während anderswo in den Tempeln Molochs blutrothe Flammen brannten oder die Scheiterhaufen für die „Ungläubigen" flammten. Wie oft wurde nicht versucht,, die Lampe auszulöschen/ aber es ist niemals gelungen. Stets wurde ihr neue Nahrung zugeführt, und dies geschah merkwürdigerweise gar oft von den — Judenfeinden. Wo die Juden in der sogenannten Assimilation zu weit gegangen waren, wo sie sich nicht begnügten, sich das Wissen, die Cultur und überhaupt die guten Eigenschaften der Nachbarvölker anzueignen, sondern auch ihrs schlechten Eigenschaften annahmen, ihrer Religion entsagten