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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Är. 5i Seite Ö45 Or. Blvch's Wochenschrift. Feuchtigkeit längst verwischt und Nllr der abstoßend dumpfe Geruch verräth, daß die glänzende grüne Farbe Schimmel ist. An der Wand, zwischen beiden Fenstern, steht ein Tischchen. In den guten Tagen hatte es vier Füße; jetzt sind ihm nur zwei geblieben. Die Stelle der anderen vertreten zwei Stücke Holz... Aber wenn es in der Stube kalt wird, so sind sie die ersten Opfer. Berl meint dann, der Tisch werde trotzdem, gestützt an die Wand, „mit Gottes Hilfe" stehen... Und er steht. Drei weiße Lehnstühle stehen auch im Zimmer . .. Sie haben längst keine Lehne mehr. An einem strengen Winterabend machte Berl die Entdeckung, daß man vie Stühle auch ohne Lehnen benützen könne. Sre waren übrigens morsch und nur mit einigen Nägeln an den Stühlen befestigt. Berl hatte für sie eine bessere Verwendung; auch sie wanderten in den Ofen... Wie es schon bei frommen Juden vorkommt, hatte Berl zwei Belten. Mehrere Tuch- und Leinwandfetzen liegen aus denselben herum: das sind die „Polster" und „Decken". Einen Kasten würde man in dieser Räumlichkeit vergeblich suchen. Die Hemden und wichtigsten Kleidungsftticke liegen in den geflickten Cartons, für die unter ben Betten eine Zufluchtsstätte gefunden wurde. Auf einem langen Nagel in einem Winkel hängt das „Strermel" *) und das Paradeklerd für Samstag, ein Erbstück nach dem Schwiegervater Berts, das sich grünlich glitzernd der Farbe der Wände anpaßt. Trotz Allem ist Berl ein lustiger Geselle. „Was brauch' ich denn mehr?" meint er oft. „Wenn man nur lebt." Uno eine wahre Freude hat er an seinen vier Kindern. Sobald nur der Abend anbricht, eilt er nach Hause, spielt und spaßt mit ihnen, wie wenn er selbst in ihrem Alter stünde. Nltr seine Frau macht ihm Kummer. Warum sorgt und seufzt sie denn stets? Hat sie etwa mit Gott einen Contract gemacht? Ist er denn verpflichtet, ihr Alles zu geben? Es kann doch nicht Jedermann ein Rothschrld sein! Und jedesmal, wenn ihr die Sorge die Brust zusammenpreßt und rhre Augen feucht werden, stellt sich ihr Berl entgegen, das Gesicht verzerrend, die Hände zusammenschlagend, wie wenn er selbst wernte... „Du möchtest nur lachen" — klagt Rache. „Ich weine ja" — erwidert er mit schluchzender Geberde. „Bald soll man dich beklagen, göttttcher Bater." Rache wird aufgeregt und wendet sich ab. Berl fühlt sich keineswegs beleidigt. Das hört er so seit Jahr und Tag. Rache fühlt sich erleichtert, wenn sie ryn ausgescholten hat. Zuweilen aber schrlt sie auch sich und wünscht such den Tod. Das kann Berl nicht mehr hören, es ergreift ihn bei der „siebenten Rippe" und er beginnt zu schimpfen: „Rache, warum weinst Du? ... Was hast Du denn davon?..." Er selbst weinte mit am Versöhnungstage . . . wegen der Sünden... Einmal ereignete sich Folgendes: Berl trieb mit den Kindern ein allzu lustiges und ausgelassenes Spiel. Er balgte sich mit ihnen herum und geberdete sich selbst wie ein Kmd. Da strauchelte er auf dem schlüpfrigen Boden ohne Dielen und fiel aufs Bett. Ein sehr delicates Möbelstück, hielt es den Anprall nicht aus und ging in Trümmer. Berl verlor nicht seine Fassung. Er bückte sich wie ein hungriger Maggid und verkündet lachend den Kindern, er werde ein „Hegbed"^) sprechen. Aber Rache kann Nlcht mehr schweigen. „Das erttage ich nicht! Ich muß mir was anthun," ruft sie fast rasend und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Verrückt bist Du," erwidert ihr Berl. „Wir haben noch zwei Betten gehabt. Das also auch liicht mehr . . . Gott, barmherziger! Rimm mich schon zu Dir! . . ." wehklagt Rache. Berl bleibt gleichmuthig. „Und was ist dabei? Das Bett ist zerbrochen! Entsetzlich! ..." Rache wird noch mehr gereizt. *) Eine Pelzmütze, die nur. an Sonnabenden und Feiertagen getragen 7wird. f) Leichenrede. „Was ist denn los?" setzt Berl fort. „Ist denn die Welt schon zugrunde gegangen? Vielleicht hätte uns etwas passiven sollen, so ist's besser, daß es das Bett traf. Du Kind!" Dieser Gedanke beruhigt sie. Lieber das Bett, ehe Jemanden aus der Familie. Sie faßt sich. Die Kinder werden wohl auf ihre Schuhe verzichten müssen. Für's erste Geld muß man ein nenes Bett kaufen oder, wenn es noch geht, das alle repariren . . . Inzwischen wird fie mit zwei Kindern auf dem Fußboden schlafen. Anders kann es ja auch nicht sein . . . Aber Berl lacht noch fort. „Probir' Du" — sagt Rache ärgerlich -- „und mälze Dich durch mehrere Nächte auf der nassen Erde herum ..." „Ha, ha, ha! Eine Kleinigkeit! Berl Träger wird schlafen auf der Erde! Kennt Ihr nicht den großen Herrn?" so erwidert Berl und lacht noch lmgestümer. „Kinder" — ruft er — „her mit dem Strohsack! ..." Rache kann sich nicht mehr fassen. „Nicht erleben wirst Du es, aus der Erde zu schlafen," schreit sie wüthend und wirft sich nieder auf den Strohsack. Berl blickt sie verwundert an. „Bist Du Deiner Sinne nicht mehr mächtig oder wahnsinnig? . . ." „Rach Deinem Tode wird man Dich auf den Fußboden legen, aber nicht jetzt" — antwortete Rache. Berl wird zornig: „Störe mich doch nicht, ich will schlafen gehen." Sie zeigt auf ihr Bett: „Dort sollst Du liegen." „Ich schlafe in keinem Frauenbett," macht fich Berl lustig, „laß' mich schlafen!" Und er ergreift den Strohsack. Rache gibt nicht nach. Sie hält den Strohsack fest und risst: „Ich habe schon einmal gesagt: Rein! Und dabei bleibt es..." „Dann werde ich schlafen ohne den Strohsack." Berl zieht lachend seinen Pelz aus und will ihn über den Fußboden ausbreiten. „Das sollst Du mir wagen! Es könnte Dir dabei Hören und Sehen vergehen," schreit Rache und springt auf ihn zu. Ihre Wangen werden dabei hochroth und ihre Augen flammen. Berl blickt sie ruhig und verwurdert an; so schön ist sie heute in ihrem Zorn wie vor zehn Jahren, als sie noch ein Mädchen war. Er will sie umarmen, fie stößt ihn zurück, weil sie glaubt, daß er fie verhöhnt. Diesen Augenblick benützt Berl und reißt den Strohsack an sich. Rache bittet, sieht ihn: „Schlaf' doch lieber im Bett..." Er macht sich darüber lustig: „Morgen!..." Da verliert sie chre Fassung. In wilder Wuth stürzt sie sich aus das andere Bett, zertritt es mit den Füßen und zertrümmert es mit den Händen... Berl springt entsetzt auf, er will sie zurückhalten, beruhigen, sie aber setzt ihr Vernichtungswerk fort... Kein Brett darf ganz bleiben. Bis sie vor Erschöpfung zusammenfinkt. Dann verfällt fie in einen Weinkrampf. Berl blickt sein Weib schweigend an. „Rache," sagt er zu ihr so weich und rührend, ,Mache, weine nicht..." Seine Stimme zittert. „Rache," fleht er sie, und dabei wird es ihm ums Herz so warm, es schnütt ihm die Kehle zusammen und brennend heiße Zähren fühlt er auf den Wangen. Und Berl weinte... Ein Besuch bei S. Kohn. Die zahlreichen Leser dieses Blattes, welche mit Interesse die gemüthvollen Erzählungen Sackomon Kohns verfolgen, dürfte es besonders interessiren, einige nähere Details über die Persönlichkeit des beliebten Erzählers zu erfahren. Der Verfasser des „Gabriel" ist ein geborener Prager und verbrachte sein ganzes thatenreiches Leben daselbst; er erfreut sich einer vortrefflichen Gesundheit und einer gerftigen Frische, welche die Freunde seiner Muse noch viele schöne Gaben aus seiner Feder erhoffen läßt. Trotzdem S. Kohn Besuche aus aller Herren Länder erhält, die natürlich seine kostbare Zeit stark in Anspruch nehmen, ist er doch nie über eine derarttge Störung ungchalten und empfängt jeden Besucher ttebenswüttng und hemlich. Kohn, der im 73. Lebensjahre steht, ist eine unposante Erscheinung mit weißem Haupt- und Barthaar. Die Stirne

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