Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 935 d-r. oi Dr. Bloch's WochenschriN. der Kehle. Hier folgt eine Lücke in der Handschrift. Aber damit sind deutlich genug die vornehmen und reichen Sadducäer gezeichnet. Nach der Lückekommen die gelehrten Pharisäer daran, die er als Feiglinge bezeichnet. „Trügerische, die sich verstecken, uni nicht erkannt zu werden, voll Frevel und Ungerechtigkeit an allen Orten sprechend: Wir werden Mahler halten und Ueberfluß essend und trinkend und werden geachtet sein, als wären wir Fürsten. Ihre Hände und Seelen treiben Unreines, aber ihr Mund wird dabei Großes sprechen und dazu sagen: Rühre mich nicht an, daniit Du mich nicht verunreinigst an dem Orte, an dem ich weile." Mit scharfem und bitterem Sarkasmus beschließt Pseudomose diese Darstellung mit den Worten: „Und das wirkt aus das Volk, das ihnen dient." Wie ich anderweitig nachgewiesen habe, bezieht sich die letztere Zeichnung auf die gelehrten Männer zu Jabne, welche der Friedenspartei angehörten und die sich heimlich und durch List während der Belagerung ans Jerusalem hinausschlichen, um in Jabne ein Lehrhaus zu gründen. Das sind in seinen Allgen die Feiglinge, die sich verstecken, uni ill Rllhe lllld Behaglichkeit zu leben, die Ehren beanspruchen ulld groß reden, aber klein und schlecht handeln. Dann folgt ani Schluffe die Verheißung eines Mannes vom Stamme Levi, dessen Namen Taxo sein wird. Diesen Namen halte ich für eine Verstümmelung des Wortes ,"i!22N das ich nach einer bei den Alten üblichen Chiffre IJ, 28 ,nr halte, dessen Zahlenwerth schon nach den ^nceu auf w,*: hinweist. Ein zweiter Mose wird also das Volk am Ende zur Buße ermahnen und zu ihnen sagen: „Sehet, meine Söhne, es ist eine abermalige Rache gekommen über das Volk, eine grausalne ohne Erbarmen. Denn welches Volk der Gottlosen hat je so Großes erduldet, wie uns getroffen hat. Und es ivird erscheinen das Reich Gottes unter aller seiner Creatur. Dann wird der Satan eilt Ende haben und die Traurigkeit lvird mit ihm dahin sein. Denn erheben wird sich der Himmlische von dem Sitze seines Reiches. Und die Erde wird erzitterll, die Sonne lvird ihr Licht llicht geben und die Hörner des Mondes werden gebrochen werden. Denn es erscheint Gott, der Höchste, ulld straft die Völker. Dann wirst Du glücklich sein, Israel, und Gott lvird Dich erhöhen." Der Verfasser dieses Buches hat sich nicht direct die Theodicee zum Vorwurf gemacht; aber ihrem Inhalt nach ist die Schrift doch eine Rechtfertigung des göttlichen Strafgerichtes über Israel durch den Hiiuveis aus die Sünden der Könige, Fürstell lind Vorilehmen und auf die Feigheit ulld Niedrigkeit der großsprecheuden Weisen. Sein Ideal der Vergangenheit ist der fein Volk führende und mit ihm leidende Mose, obgleich oder besser, weil er nicht König gewesen, und sein Ideal der Zukunft ist nicht ein Sohn Davids und kein Nachkomme Ahrons, sondern ein zweiter Mose aus dem Stamme Levi. Er ist ein frommer und patriotischer Manu, der für Gott und das Volk, lvie er ausdrücklich sagt, zu sterben bereit ist; er ist aber zugleich ein eifriger Demokrat. Er haßt die Könige und Vornehmen und schont selbst die Makkabäer nicht, weil sie sich zu Königen emporgeschwungen. Er haßt aber auch die Schriftgelehrten, iveil sie in der kritischen Zeit sich nicht als Kämpfer für das Vaterland bewährt haben. Er ist ein Mann aus dem Volke, der aus den Wällen Jerusalems tapfer für sein Volk gekämpft hat. Seine Sprache ist oft ungelenkig. Er verstand vielleicht besser das Schwert als die Feder zu führen. Von denl Gegner der Schriftgelehrten wenden wir uns zu jenem als Schriftsteller glänzenden Antagonisten, der ein treuer Anhänger und vielleicht auch Schüler des Lehrhauses zu Jabne gewesen: Wir wenden uns zu Esra quartus. Seinen Standpunkt erkennen wir schon daraus, daß er seine Schrift dem Propheten Esra zuschreibt, an den die Schule in Jabne anknüpste, und wo man in R. Jochanan b. Sakkai einen zweiten Esra sah. Auch die fünf Schüler des Meisters sind nicht vergessen, da auch Esra seine Schrift auf Geheiß Gottes fünf Männern überliefert. Wie ich anderswo nachgewiesen, stimmen viele Lehren und Sentenzen unseres Buches merkwürdigerweise mit den überlieferten Lehren R. Eliesers überein, des gelehrtesten Schülers van Jochanan b. Sakkai. Auch darüber herrscht allgemeine Uebereinstimmnng, daß das Buch nach der Zerstörung des Tempels und gegen Ende des ersten christlichen Jahrhunderts versaßt wurde. Die Frage der Theodicee bildet hier das Fundament der sinnreich ausgeführten Offenbarungen. Pseudoesra befindet sich 30 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems zu Babylon (Rom), das ist also das Datum der Abfaffungszeit unseres Buches. Die Frage, die Esra schmerzlich bewegt, lautet: Thun die Besseres als wir, die da wohnen in Babylon (Rom)? Und weshalb soll Sion beherrscht werden? Wiege doch in der Wage unsere Missethaten und die von denen, die in. der Welt wohnen: und nicht wird Tein Name gesunden werden auf dem Punkte, wo sie sinkt. Weiches Volk hat so Deine Gebote beobachtet! Einzelne zwar, mit Namen zu nennen, findet man wohl, daß sie Deine Gebote erfüllen, Völker aber findet inan nicht so. Tie Antworten des von Gott gesandten Engels Urtel erinnern in dem prächtigen Dialog mehrfach an das Buch Hiob. Ich muß es mir mit Rücksicht aus die vorgerückte Zeit versagen. Sie in die feinen Gedankengänge dieses Dialogs einzuführen. Ich will nur bemerken, daß die Theodicee dieses Buches in dem Hinweis aus eine zukünftige Welt gipfelt, wo die göttliche Gerechtigkeit ihren Ausgleich findet^ Das Verhältniß der zukünftigen Welt zur jetzigen sei einer Stadt gleich) die erbant ist aus einer Ebene und aller Güter voll ist, während der Eingang zu ihr eng und an einen: Abhang ist, so daß zur Rechten Feuer und zur Linken eilt tiefes Wasser und dazivischen nur ein Weg ist, der nur die Fußspuren eines Mannes zu fassen vermag. Durch bett Sündenfall Adams seien die Eingänge dieser Welt eng, schmerzlich, mühevoll, arg und gefahrvoll geworden. Wer aber in die kommende Welt eingehen tnöchte, muß zuvor durch die Engen und Nöthen gehen. Der Gerechte, der so die zukünftige Welt in sein Herz ausgenommen, der wird sich über die Uebel der Gegetiwart wellig betrüben. Diese Welt schuf Gott um Vieler rvillen, die zukünftige aber für Wenige. Tort ist Leeres dem Leeren und Reiches dem Reichen. Denn wie der Acker so der Samen, wie die Blumen so die Farben und wie der Ackersmann so die Erntetenne. In einer großen Vision weist er in dem Bilde eines Adlers mit drei Köpfen, zrvölf Flügeln und acht Gegenschwingen für den Eingeweihten ziemlich deutlich aus die Reihe der römischen Kaiser und Gegentäiser hin, bei deren Ende er die Befreiung und Erhöhung Israels für nahe Zeit erwarte. So ist die Frage der Theodicee aus dem Boden schweren Leidens emporgeschoffen, aber durch die Strahlen jüdischen Geistes und durch die Wärme des srommglällbigen jüdischen Herzens schließlich zu einem mächtigen Baume der Hoffnung emporgewachsen, in dessen Schatten die Geschlechter Labung und Schutz gegen die versengende Gluth des Mißgeschickes failden und Stärkung, um das Schwere zu ertragen. Meine Damen und Herrelt! Ich habe den Versuch gentacht, Ihnen in allgemeinen Zügen nach Möglichkeit ent Bild des jüdischen Geisteslebens in der drangsalsvollen Zeit ltach dem großer: unglücklichen Krieg mit Ron: zu gebet: ttnd habe Ihnen wohl den Beweis geliefert, daß unser tiefgebeugtes Volk auch in dieser Zeit sich seine geistige Schwungkraft bewahrte. Das Bild ist nicht vollständig. Zn seiner Ergänzung gehört noch insbesondere ein tieferes Eingehen in das bewegte Leben des Lehrhauses zu Jablte und aus die Berührungen des Judenthums mit dem emporstrebendett jungen Christenthum. Dieses bilde unsere Aufgabe für eine andere Gelegenheit. Lorresponüenzen. Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemcinde vom 1K. Tecember l.KUb unter Vorsitz des Präsidenten kais. Rathes Klinger. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe werden die in jüngster Zeit gewidmeten Spenden für das Siechenhaus, welche regelmäßig in einem besonderen Verzeichnisse in den jüdischen Blättern veröffentlicht werden, bekanntgegeben: darunter von Herrn Carl A u s p i tz 2000 fl., von dem Hause Lieben & E o m p., E p h r u s s i & Com p., S. & M. Reitzes und von Frau Julie Mandl je 1000 fl. Der Präsident bemerkt hiebei, daß die Baukosten noch nicht gedeckt erscheinen, und daß auch weiterhin auf nachträglich entlaufende Beträge gerechnet werden