Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gerte 980 Dr. Blocht Wochenschrift. Nr. 51 christlich-socialen Partei ausgesprochen werden soll. Herr Rauscher ist einer der „strammsten" Gesinnungsgenossen, nur ist er auch ein wenig „habitueller Alkoholiker", aber dasist seine Privatangelegenheit. Er hat geradeso wie Purscht „ein Herz für die Partei", und wenn er auch zuweilen betrunken ist, so wird er doch die Kinder nicht „staats- und religionsfeindlich" erziehen. Besser Cognac und Rnm als unverläßliche Gesinnung, und Herr Rauscherist das typische Muster eines jener Lehrer, welche, wie die Christlich-Socialen sagen, „die Kinder so erziehen, wie es die Eltern wünschen". Er hätte eigentlich die Stelle des Obmannes in den neuen antisemitischen Lehrerverein verdient, der soeben gegründet wurde. In der constituirenden Versammlung dieses Vereines meinte, der Herr Bürgerschullehrer Andreas Mayer, der Lehrer müsse die Kinder im Sinne und Geiste unseres Volkes erziehen, und er mache da auf die letzten Reichsrathswahlen in der V. Curie aufmerksam. Mn möchten wir Herrn Mayer fragen, nach welchem Irenen.System er zu -unterrichten beabsichtigt, falls die nächsten Wahlen in die V. Curie nicht eine christlich-sociale, sondern irgend eine neue, z. B. socialdemokratische Majorität ergeben sollten? Ist dann der „Geist imseres Volkes" ein anderer geworden? Das ist ein ganz neuer Gesichtspunkt für den Schulnirterricht — der jeweilige Ausfall der Reichsrathswahlen, als ob der Wechsel der politischen Strömungen und politischen Anschauungen überhaupt in der Schule einen Widerhall finden dürfte. Nach dein Wunsche der Christlich-Socialen soll es:freilich anders sein; nach ihnen sollen schon die Kinder in der Volksschule zum Antisemitismus und Clericalismus erzogen werden. * * * Zum Schlüsse noch eine drollige Nachricht: Vergani hat ein warmpochendes Herz. Wir entnehmen diese Meldung dem Artikel, mit welchem das „Deutsche Volksblatt" die Weihnachtswoche begrüßte und in welchem es heißt: „Der Kops und der kühl abwägende Verstand müssen ihre Herrschaft über uns a n b a § warmpochende Herz abgebe n, an das Herz, in dem nicht nur Platz ist für sich s e l b st, sondern auch Raum für Alle sein soll, die mit uns leben auf dieser Erde." Halten wir uns nicht an die kleinen Wippchen, welche diesen Satz erheitern, sondern erquicken wir uns lieber an den rührenden Gefühlen, die er entwickelt. Der Verstand — der gilt für diePauschalien, die man in profaner Stimmung von den verschiedensten Unternehmungen bezieht, und sie müssen „kühl abgewogen" werden. In der unentgeltlichen allgemeinen Menschenliebe aber spricht nur das Herz Verganis, das warmpochende. Raum für Alle soll es hab'n, „die mit uns leben auf dieser Erde", und beklagenswerth sind diejenigen, denen er die Aufnahme in dieses Herz wegen Raummangels nicht gewähren kann. Eine edle Seele.' Robert Wolf. Ci» Urtheil über jüdische Pietät. Anläßlich eines Antrages, daß durch den Währinger israelitischen Friedhof eine Straße geführt werden soll, sprach sich Stadtrath T o m o l a im Gemeinderathe über die Pietät aus, welche die Juden gegenüber ihren Todtcn hegen. „Der Magistrat hat sich," sagte der Referent, „an die israelitische Cultusgemeinde gewendet und ich bemerke gleich, daß jene Stellen der Antwort, welche sich auf den Schutz der Gräber beziehen, in geradezu weihevoller Sprache abgefaßt sind." Werter sagte er, wie wir dem „Communalblatt der Stadt Wien" entnehmen: „Ich weise nochmals auf diese weihevoll und feierlich gehaltenen Worte jenes Absatzes hin, welcher davon spricht,, daß in den Augen des gläubigen. Juden, kein Besitzstand so unanfechtbar ist wie der des Todten auf sein Grab. Ich würde nur sehr wünschen, daß diese Anschauung, welche das jüdische Religionsgesetz vorschreibt und welche unter den.Juden auch Brauch ist, wenigstens zumTheile auch von den Angehörigen der christlichen Confessionen befolgt werde." Wie unsere Schulgesetze durchgeführt werden. Ueber dieses Tbema sprach in einer Jahresversammlung der Sektion II des Centralvereincs der Wiener Lehrerschaft Ortsschulrath & Strauß, wobei er auch die Affaire des christlich-socialen Gemeinderathes und Bürgerschuldirectors R a u f ch e r erörterte, welcher bekanntlich wegen eines im trunkenen Zustande begangenen Excesses verurtheilt wurde. Er besprach die schul- und bildungsfeindliche Haltung der christlich-socialen Majorität im Gemeinderathe; keine einzige der vielen Versprechungen, welche Dr. Lueger den Lehrern machte, habe er gehalten. Leider kümmere sich auch die Mehrzahl der Lehrer im Genreinderathe gar nicht um das Wohl der Schule und der gesummten Lehrerschaft; desto besser haben aber diese Herren für sich gesorgt. Ein Alkoholiker wie der Rauscher wurde zum Bürgerschuldirector ernannt, indem er die verdienstvollsten und tüchtigsten seiner Collegen präterirte. Jetzt sollen die Lehrer, wie bestimmt verlautet, vom zweiten in den dritten Wahlkörper versetzt werden; Dr. Lueger brauche den Lehrern nicht mehr zu schmeicheln und erkläre nun, sie gehören nicht in den Wahlkörper der Intelligenz. Der Referent besprach ferner in eingehender Weise die Ungesetzlichkeit des bekannten Bezirksschulraths- Erlasses und wies auf einen neuen Fall von Willkür dieser Körperschaft hin. In der Schule in der Czerningasfe, wo die Mehrzahl der Schüler israelitischen Bekenntnisses sei, wurde im Widerspruche zu den klaren Bestimmungen des Gesetzes beschlossen, daß sich für die erledigte Oberlehrerstelle alle Lehrer ohne Unterschied der Confession bewerben können. Redner schloß seine beifälligst aufgenommenen Ausführungen mit der Hoffnung, daß in absehbarer Zeit für die Schule wie auch für die sociale und materielle Lage der Lehrer wieder bessere Tage kommen werden. (Lebhafter Beifall.) Der Antisemitcnhäuptling Max Regis. Der antisemitische Bürgermeister von Algier, Max Regis, ist zwar vorläufig durch zeitweilige Amtsenthebung kaltgestellt, aber da die nächste Woge ihn wieder nach oben bringen kann, so ist ganz lesenswertst was der Abgeordnete Charles Bos über die Anschauungen, Thaten und Zukunftspläne dieses Max Regis schreibt. In dem vor der Amtsenthebung verfaßten Briefe heißt es: „Max Regis entwickelt im höchsten Ernste die Lehre, das Mischvolkdas aus der Krenztzüst-der lateinischen Raten in Algerien entsteht, sei französischer gesinnt als die Franzosen selbst. Man vergesse nicht, daß dieser Bürgermeister von Algier durch ein Jahr Militärdienst Franzose geworden ist, und daß sein Wahlkörper aus Naturalisirten besteht, die in Frankreich noch nicht einmal die Erlaubnis zur Niederlassung erhalten hätten, welche der Naturalisation vorangehen muß. Algier zählt 10.000 Juden. Man steht sie nicht mehr; sie verkriechen sich; sie leben unter einer Schreckensherrschaft. Max Regis stellt in seinem Blatte „Le Nouvel Anti-Juif" die Europäerinnen an den Pranger, welche in die jüdischen Läden gehen. Sie werden photographirt und, wenn sie sich nicht bessern, öffentlich mit Ruthen gestrichen. D i e I u d e n d ü r f e n ihreWaaren nicht mehr ausst e l l e n. Sie dürfen nicht mehr hausiren. Sie dürfen ihre gewöhnlichen Berufsarten nicht mehr ausüben. So will es Max Regis. Der Generalgouverneur vermag nichts dagegen, weil die Polizei sich nach französischem Brauch in den Händen des Bürgermeisters befindet, der seine Gewalt mißbraucht. Max Regis läßt, was noch schlimmer, die Araber durch das spanische und italienische Gesindel, das mit ihnen lebt, aufhetzen, so daß man jetzt jeden Abend mit Lederriemen bewaffnete Einheimische an den Straßenecken lauern sehen kann. Kommt ein Jude oder eine Jüdin vorbei, so kommen sie aus ihrem Hinterhalte hervor. So weit ist es schon, daß die Araber bitten, es möchten ihnen Raubzüge in die jüdischen Viertel bewilligt werden." Der Antisemitismus als force majeure. Das große Absinthgeschäft Pernot in MontbEard hatte im März l. I. seinem bisherigen Vertreter in Algier, Leon Tabet, einem Israeliten, den Vertrag gekündigt, weil es seine Interessen in Algerien nicht länger in jüdischen Händen lassen könne. Tabet klagte auf Schadenersatz von 50.000 Francs, wurde aber von dem Handelsgericht in Montböliard abgewiesen, weil das Haus Pernot sich in eineni Nothfalle befunden hätte, als es mit dem Kläger brach. Das Urtheil spricht Bände. Obligatorischer Religionsunterricht in Lodz. Das russische Ministerium für Volksaufklärung hat verfügt, daß in fämmtlichen mittleren Lehranstalten den Mischen Schülern